"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Wolfsmorde" von
Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005
"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt" and contained characters ©
2004-2005 by Christoph Günther.
Verwendung, Änderung und Vertrieb nur mit meinem persönlichem
Einverständnis.
Es würde mich freuen, wenn der Eine oder Andere von Euch, der diese Geschichte
gelesen hat, mir ein Feedback gibt. Ich freue mich über Lob und konstruktive
Kritik gleichermaßen, denn ich bin bestrebt, mich immer weiter zu verbessern.
Also: Wenn Euch etwas gefällt, schreibt es mir und am Besten auch, warum es so
ist. Wenn Euch etwas nicht gefällt: dito.
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nur als Bild zum abtippen, sorry
Vorbemerkung:
Das New York, das ich beschreiben werde ist kaum mehr als das Bühnenbild meiner
Geschichte. Man möge es mir verzeihen, wenn ich mit der Lage oder gar der
Existenz von Schauplätzen ein wenig freizügig umgehe. Es ist halt eine
Fantasy-Geschichte.
Und an die Furries unter uns: Es ist
eine Furry-Geschichte, glaubt mir.
Einst war eine Welt, die noch eine
Welt war. Alle Rassen lebten gemeinsam, wenn auch nicht immer friedlich, auf ihr
zusammen. Es war eine Welt, in der das Wissen um die Natur der Dinge, das
Rationale, genauso viel Gewicht hatte wie das Wissen um die verborgenen Energien
die in allem schlummerten, die Magie.
Diese Welt wurde
von den Mächten beherrscht, Wesen den alten Göttern gleich, die gemeinsam mit
großer Einigkeit über die Geschicke der Rassen wachten.
Doch die Mächte
verfielen in einen Streit. Warum ist seit Äonen vergessen. Es ging nicht um Gut
oder Böse, es ging nicht um die Vorherrschaft oder ähnlich niedere Dinge.
Dieser Streit erwuchs zu einem Krieg, der am Ende die Welt entzwei riss. Die
Welt, die eine war, gab es nicht mehr und sie zerfiel in zwei Seiten.
Eine, in der das
Rationale die Überhand gewann und das magische Wissen bald zu einem schwachen
Schatten schwand. Das gleiche Schicksal ereilte auch die meisten magischen
Rassen, auch wenn einer von ihnen das Überleben gelang. Die Menschen erlangten
schon bald die Macht.
Die andere Welt
war eine Sphäre der Magie, in der die Gesetze der Natur gerade noch reichten,
die Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten. Wahre Macht hatte das Rationale
nicht mehr und die magischen Rassen triumphierten ungehemmt. Die Menschen jedoch
schwanden schon bald ins Nichts.
Diejenigen Mächte,
die ihren eigenen Krieg überlebt hatten grämten sich ihrer Taten, der Toten
und der Spaltung der Welt. Sie zogen sich von den Sterblichen zurück und
schworen sich, nie wieder auf ihr Schicksal Einfluss zu nehmen.
Heute ist all das
längst vergessen. Erst schwand das Wissen um den Grund des Krieges, dann das
Wissen um die Mächte. Bald geriet auch die jeweils andere Welt in Vergessenheit,
denn sie war stets unsichtbar, unberührbar, unerreichbar.
Bis heute.
Tod
in der Shermstreet
Als sie die Augen aufschlug, umfing sie das nur all zu bekannte Gefühl von
Orientierungslosigkeit. Sie starrte geduldig die anonyme Decke irgend eines
beliebigen Hotelzimmers im Nirgendwo an und wartete darauf, dass die Fetzen
eines wirren Traumes der Erinnerung Platz machten.
Bilder von Drachen
und endlosen Sandwüsten zogen noch kurz durch ihren Kopf und verblassten dann.
Was würde sie für eine Nacht ohne diesen romantischen Kram geben und für ein
Erwachen in ihren eigenen vier Wänden!
Weder das Eine
noch das Andere konnte sie haben. Ihr Job brachte es mit sich, unterwegs zu sein.
Unterwegs zu Orten und Menschen, die nicht weniger freakig waren als ihre Träume.
Heute war es...
„New York.“,
erzählte sie der Decke. Natürlich. Jene riesige, enge, hektische, hässliche
Stadt, die es nur deshalb zu Weltrum gebracht hatte, da sich hier das Geld in
stupiden Monumenten aus Stahl und Glas gegen den Himmel türmte.
Sie schlug die
Bettdecke beiseite, schwang die Beine über die Bettkante und schlurfte mit
antrainierter Gleichgültigkeit gegenüber der frühen Stunde ins Bad. Die
Dusche vertrieb dann die restliche Müdigkeit. Während das kalte Wasser über
ihre Haut rann, rief sie sich den Rest ins Gedächtnis. Jeden Tag war es, als würde
sie aus einer anderen Welt auftauchen. Hinein in eine absurde Realität.
Die Wolfsmorde
hatte die Presse – diese ewig hungrigen Geier – sie genannt. Das Bissmahl
eines Wolfes oder Hundes „zierte“ die Kehle eines jeden Opfers, inzwischen
14 an der Zahl, ganz abzusehen von den anderen wild aussehenden Wunden die beim
Kampf entstanden waren.
Eigentlich eher
ein Fall für das FBI oder so was, aber ihr Boss hatte deutlich durchblicken
lassen, dass jemand mit Einfluss nervös geworden war. Deswegen war sie hier.
Sie schlüpfte in
ihre Arbeitskluft – schwarze Hose, weiße Bluse unter einem schwarzen Blazer. Fehlt nur noch 'ne coole Sonnenbrille, dachte sie ironisch. Sie
struwwelte noch hastig ihr langes, kupferrotes Haar zurecht und betrachtete das
Ergebnis im Spiegel. Nicht gerade umwerfend aber okay. Ihre hellgrünen Augen
blickten ihr gelassen entgegen. Zusammen mit ihren
offenen Gesichtszügen und ihrem Namen hatten sie das äußerst hartnäckige
Gerücht entstehen lassen, dass sie eine urstämmige Irin sei. Soweit sie wusste,
hatte aber keiner ihrer Vorfahren auch nur irischen Boden betreten.
Mit äußerst
ernster Mine zückte sie ihren Dienstausweis und zeigte ihn ihrem Spiegelbild.
„Diane O’Donnell von der Agency ihres Vertrauens. Sind Sie vielleicht der
Wolfsmörder? Nein? Schade.“
Wenn’s
doch nur so einfach wäre.
Diane
schnappte sich ihr Notebook und ihr Handy und ließ das anonyme Hotelzimmer
hinter sich.
„FBI, wie?“ Der drahtige Polizist hinter dem Schreibtisch wirkte mit seinem
kurzgeschorenen Schädel und seinem leicht dümmlichen Gesicht genau wie jene
Art von Mensch, die man in einem Polizeirevier erwartete: wichtigtuerisch, ohne
Lebensfreude und von Vorschriftentreue zerfressen. „Special Agent, wie?“ Er musterte sie derart eingehend, als könne er
einem Menschen den Special Agent an der Nase ansehen. „Und aus Washington, ja?“
Sein prüfender Blick fiel auf ihren Dienstausweis zurück.
Diane konnte jetzt
schon todsicher sein, dass Mister Ich-bin-der-Sheriff-an-diesem-Schreibtisch
niemals merken würde, dass er gefälscht war. „Order von Oben.“, erwiderte
sie knapp wahrheitsgemäß.
„Sie wollen den
Wolfsmörder fangen, wie?“ Und nach kurzem Zögern: „Wo haben Sie denn
Mulder gelassen, Special Agent? Ha. Ha.“
Sein abgehacktes
Lachen prallte an ihrem sarkastischen Lächeln ab. „Sie sind ja ein zweiter
Jim Carrey.“
Mister
Ich-bin-der-Sheriff wurde schlagartig nüchtern und fragte ernst weiter seine
stupiden Fragen. „Das ist kein Fall für das FBI aus Washington, was wollen
Sie also hier? Der Wolfsmörder tötet nur hier in New York und in New Jersey in
den dünnbesiedelten Gebieten. Selbst das hiesige FBI hält sich da raus.“
„Wie gesagt,
Order von Oben.“, blieb sie weiterhin bei der Wahrheit. Vertrauensvoll fügte
sie noch hinzu: „Der Boss ist sehr schweigsam. Sie wissen doch, wie das bei
wichtigen Fällen ist.“
Entweder war der
Polizist zu dumm oder zu ignorant, ihr Kompliment zu schlucken. „Üblicherweise
werden wir vorher informiert, wenn sich das FBI in einen Fall einmischt.“, gab
er zu bedenken. „Vielleicht sollte ich das mal überprüfen...“
Diane neigte sich
ein wenig über den Schreibtisch und reichte Mister Sheriff den Hörer seines
Telefons. „Eine gute Idee, Lieutenant…“ Ihr Blick huschte zu dem Schild
auf seinem Schreibtisch. „…Dunby. Director McKinzey wird sehr erfreut sein,
dass die New Yorker Polizei so gewissenhaft neben der Echtheit des Ausweises
auch noch die Aussagen seiner Agenten überprüft.“
Nun sah Sheriff-meine-Stadt-ist-mir-zuviel-geworden
endlich ein, dass er den Kürzeren zog. „Ihr Dienstausweis erfüllt alle
Sicherheitsmerkmale. Er scheint echt zu sein, das wird dem Captain reichen.“
Mit mürrischer Mine gab er ihren Ausweis zurück und sie ließ ihn mit einer
eleganten Bewegung in ihrer Innentasche verschwinden.
„Da das endlich
geklärt ist…“ Diane legte den Hörer zurück auf die Gabel und trat einen
Schritt zurück. „… würde ich gerne Captain Bofield sprechen, einen eigenen
Schreibtisch bekommen und die Akten der vierzehn Morde darauf wiederfinden.“
Dunby zuckte mit
den Achseln, als ob ihn das alles nichts mehr anging. „Machen Sie fünfzehn
draus, Special Agent O’Donnell. Der Captain untersucht gerade die neue Leiche.“
Diane wurde
hellwach. „Wo?“
„Eine
Seitengasse bei Shermstreet 37, Special
Agent.“ Dunby genoss es sichtlich, dass er etwas wusste, das sie brauchte.
„Die East Side ist eine nicht ganz so feine Ecke, wenn sie wissen...“ Diane
war schon zur Tür hinaus, bevor Sheriff-Wichtigtuer seinen Satz beenden konnte.
Captain Stanley Bofield erwies sich als ein angenehmes Gegenstück zu diesem
Dunby. Sein von Sorgenfalten zerfurchtes Gesicht und seine grauen, von
Intelligenz geschärften Augen hellten sich für einen kurzen Moment auf, als
sich Diane vorgestellt hatte. „Wurde ja auch Zeit, dass sich das FBI darum kümmert.
Ich hatte schon das Gefühl, es würde sich mit Absicht heraushalten, um eine
Blamage zu vermeiden. Willkommen im Team, Miss O’Donnel.“
Diane ergriff die
dargebotene Hand und sah ihm fest in die Augen. Er war ein Polizist der alten
Schule. Jemand der den Job machte, weil er an etwas glaubte. „Ich habe nicht
vor, mich zu blamieren.“
„Das ist gut.“
Er nickte mit dem Kopf in Richtung der Leiche, einem heruntergekommen
Obdachlosen, wie es schien. „Dieser Fall ist eine verdammte Sauerei, so wie
die anderen vierzehn Morde davor auch. Viele Wunden, viel Blut, viele Spuren die
keinen Sinn ergeben. Jedes Opfer scheint willkürlich ausgewählt zu werden.
Zwar trifft es meist Menschen, die auf der sozialen Leiter weit unten sind, aber
es hat auch schon wohlhabende Opfer gegeben. Zwei unter offenem Himmel, eines
sogar in seiner videoüberwachten Villa. Jeder trägt diese Bissmale am Hals und
viele sind am restlichen Körper schwer verwundet. Wir tappen vollkommen im
Dunkeln. Wir können nicht einmal sagen, ob es Hunde- oder Wolfsbisse sind.“
„Am ehesten
Wolfsbisse, Captain.“, mischte sich ein hagerer Mann in das Gespräch ein.
„Die Genanalyse des gefundenen Speichels, die ich angefordert habe, zeigt eine
hohe Übereinstimmung mit einem Wolf, auch wenn das Muster schon zu zersetzt
war, um Genaues zu sagen.“
„Agent
O’Donnel, das ist Jack Miller, Spurensuche. Vermutlich Ihr bester Freund, wenn
es um diesen Fall geht. Seine Beweise sind immer noch das Beste, was wir haben,
auch wenn sie keinen Sinn ergeben.“
Abgesehen von
einem abwesenden Nicken gab Miller nicht zu verstehen, dass er Diane wirklich
zur Kenntnis nam. „Captain, meine Leute sind hier fertig. Wir packen die
Sachen.“
„Bleiben Sie
noch einen Moment, Jack. Miss O’Donnell braucht Sie vielleicht noch.“ Und zu
Diane gewandt: „Sie wollen sich doch umsehen, oder?“
„Darum bin ich
hier.“ Vom Captain begleitet ging sie zu der Leiche und sah sie sich näher
an. Das Opfer war übel zugerichtet. „Wissen Sie, wer er ist?“
Bofield vermied es,
den Toten anzusehen. „Nein. Und wir werden es vielleicht auch nie herausfinden.
Kein Ausweis, vermutlich schon eine Weile obdachlos.“
„Aber noch nicht
all zu lange. Er wirkt sehr muskulös und noch nicht sehr abgezehrt.“ Bofield
nickte stumm, seine Augen fest auf die Zigarette in seiner Hand fixiert. Diane
kniete neben der Leiche nieder und betrachtete die einzelnen Wunden. „Das und
das sieht mir nach Kratzspuren aus.“ Sie deutete auf rissförmige Wunden auf
Brustkorb und am rechten Oberschenkel. „Das ist verwunderlich, oder? Wölfe
verwenden ihre Krallen nicht als Waffe, soweit ich weiß.“
„Normale Wölfe
hinterlassen auch keine solch großen Bissspuren.“, mischte sich Jack ein.
„Was auch immer das für ein Vieh war, ein normaler Wolf ist es jedenfalls
nicht.“
„Vielleicht
genetisch hochgezüchtet?“, grübelte Diane laut und erntete amüsierte Blicke
des Spurensuchers.
„Und in den Kanälen
leben Alligatoren.“, erwiderte spöttelnd. „Sie gucken zuviel Akte X,
Special Agent.“
Diane ignorierte
diese Bemerkung und machte sich eine geistige Notiz. Wenn man für die Agency
arbeitete, hielt man so schnell nichts für unmöglich und schloss selbst
absurde Ideen nicht ohne Überprüfung aus. „Was auch immer ihn angegriffen
hat, muss sehr stark gewesen sein, um einen Mann seiner Statur derart
zuzurichten.“
Sie erhob sich und
schickte ihr geschultes Auge auf die Jagd nach Hinweisen, nach kleinen Details,
die etwas verraten mochten, das anderen entging. Alte Zeitungen lagen überall
herum, aber keine frischen Fußabdrücke darauf. Die Mülltonnen wiesen viele
Kratzer und Schrammen auf, doch keine der frischen erwies sich als interessant.
Die Wände der Gasse waren so zerfressen von Schmutz und bröckelndem Putz, dass
ihr der kleine Blutfleck unweit der Leiche beinahe entgangen wäre. „Haben sie
eine Probe davon genommen?“, fragte sie abwesend.
„Haben wir.“
Diane entging der erstaunte Blick nicht, den Miller dem Captain zuwarf, während
ihre Augen bereits weitersuchten und an einem der vielen Graffitis hängen blieb.
„Fürchtet, Sterbliche und Unsterbliche zugleich, fürchtet das Erwachen der Götter!“
Die Erinnerung an einen ihrer Träume blitze unerwartet heftig auf: Eine in
Roben gehüllte Gestalt trieb mit einem Meißel eben jenen Satz in dem Fels
einer Höhle. Doch seine Hände hielten nicht inne und fügten hinzu: „...
denn es wird die Welten erschüttern.“
„Was sagten sie,
Agent?“
Diane sah den
jungen Mann von der Spurensuche verwundert an, bevor sie begriff, dass sie laut
gesprochen hatte. Mit hundertfacher Übung schob sie die Bilder beiseite. „Ich
sagte, schießen Sie ein Foto davon. Es sieht frisch aus.“
Er schnupperte an
der Farbe und nickte. „Sehr frisch.“ Mit diesen Worten griff er zu Dianes
Erleichterung ohne weitere Fragen zur Kamera.
„Und lassen Sie
die Farbe analysieren. Ich will wissen, was es ist, wo es hergestellt und wie es
aufgetragen wurde. Es scheint keine Sprayfarbe zu sein.“
„Geht klar,
Agent O’Donnel.“
Sie betrachtete
die Warnung erneut und schüttelte verwundert den Kopf. Noch nie hatte einer
ihrer befremdlichen Träume auch nur ansatzweise etwas mit der Realität zu tun
gehabt. Es konnte jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass sie genau jenen Satz
in einem ihrer Träume gelesen hatte. Sie machte sich eine weitere geistige
Notiz und betrachtete die Angelegenheit vorerst als erledigt.
„Gibt es noch
etwas, das ich wissen sollte?“, fragte sie routinemäßig, während sie den
Tatort hinter sich ließ.
Bofield schien
froh, dass er sich nicht mehr in der Nähe der Leiche aufhalten musste. „Nein,
Ma’am. Wie immer gab es keine Zeugen. Wie immer hoffen wir auf neue Hinweise
durch die Spurensuche und werden vermutlich mit der gewohnten Zuverlässigkeit
nichts Neues erfahren.“
„Dann sehen wir
uns auf dem Revier, Captain.“, verabschiedete sich Diane.
„Es ist gut, Sie
im Team zu haben, Miss O’Donnell.“ Er hob mit einer hilflosen Geste die
Schultern. „Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so alleingelassen mit dieser
Sauerei.“
Sie nickte
zustimmend und ging zu ihrem Wagen. Sie konnte Bofield gut verstehen. So wie die
Leiche aussah, gab es keinen Grund, diesen Fall nicht zu verabscheuen. Der Täter
musste eine Bestie sein.
Ihre Hand legte
sich gerade auf den Griff der Autotüre, als das schrille Piepen ihres Handys
sie zusammenzucken lies.
„O’Donnell?“
„Steigen Sie ein,
oder ich werde auflegen.“, raunte eine nervöse Stimme aus dem Handy.
Ihre Blicke
huschten über die Umgebung.
„Steigen Sie
schon ein! Sie erregen sonst zuviel Aufmerksamkeit!“
Diane tat, wie ihr
geheißen und nahm hinter dem Steuer Platz. „Was ist das für ein Spiel?“
„Sie wollen
einen Zeugen? Ich bin ein Zeuge.“
Diane legte ruhig
den Sicherheitsgurt an und ließ sich ihre Aufregung nicht anmerken. „Wo sind
Sie?“
„Shermstreet
36.“ Diane griff nach dem Verschluss des Gurtes. „Nein. Fahren Sie um den
Block. Suchen Sie sich den Hintereingang. Und lassen Sie um Gottes Willen ihr
Handy im Wagen.“ Dann klickte es und die Verbindung wich dem gewohntem Tuten.
Diane ließ
achselzuckend den Motor anspringen. Ein paranoider Zeuge war immer noch besser
als gar kein Zeuge.
Wie paranoid er war, erkannte sie in dem Moment, als sie durch seine Wohnungstür
schritt. Sie war stahlverstärkt. Kleine Flachbildschirme neben der Tür zeigten
diverse Einstellungen des Treppenhauses. Offenbar versteckte Kameras. Am
interessantesten fand sie die Kamera, welche einen Einblick in die Gasse des
Mordes bot. Ein weit entfernter, winziger Miller packte gerade seine Sachen und
auch der Rest zog sich zurück.
Sie sah ihren
Gastgeber erstaunt an. „Haben Sie etwa eine Aufnahme des Mordes?“
„Wenn das so
einfach wäre, hätte ich der Polizei das Video längst zugespielt, Miss
O’Donnell.“ Ihr Gegenüber lächelte schwach so etwas wie entschuldigend, während
seine blauen, wachen Augen sie aufmerksam musterten. Er schien in den mittleren
Jahren zu sein, wenn er auch älter aussehen mochte, als er war. Er wirkte
seltsam... verbraucht, beinahe wie ein entflohener Häftling, der schon zu lange
auf der Flucht war. Drahtig aber nicht dürr, Dreitagebart aber nicht ungepflegt,
rasch in seinen Bewegungen, doch nicht hektisch sondern wachsam.
„Woher wissen
Sie meinen Namen?“
Ein berechnendes Lächeln
erschien auf seien Lippen. „Sie haben ihn mir gesagt.“
„Am Handy. Woher
haben Sie die Nummer?“
Sein Lächeln
wurde noch breiter. „Sie habe ihre Geheimnisse und ich habe die meinen.
Belassen wir es dabei, Miss O’Donnel.“
Ein wenig kühler
als vorher erwiderte sie: „Was für Geheimnisse sollte ich denn ihrer Meinung
nach haben?“ Und ersparen sie mir jetzt
bitte allgemeingültiges Gebrabbel von den Geheimnissen, die jeder hat., fügte
sie in Gedanken hinzu.
Die Augen des
Mannes stimmten nicht in sein Lächeln ein, während sie unablässig versuchten,
ihre äußere Fassade zu durchdringen. „Sie sind kein Agent vom FBI.“,
stellte Mister Paranoid nüchtern fest. „Ich kenne diese Jungs genug um sagen
zu können, dass Sie nicht einer von ihnen sind.“
Diane wurde ein
wenig unbehaglich. Ihr Zeuge versuchte an ihrer Tarnung zu kratzen und seit sie
die Wohnung betrete hatte, standen sie an der gleichen Stelle im Flur, einen
halben Meter voneinander entfernt. Nach außen ließ sie sich nichts anmerken.
„Aber Sie sind
dennoch von der Regierung.“ Mister Paranoid wich endlich beiseite und deutete
mit einer Hand auf eine Tür, stutzte, als sie sich nicht in Bewegung setze und
ging dann selber vor. Diane folgte ihm in sicherem Abstand.
Das Wohnzimmer war
kaum besser als der Flur. Elektrische Geräte, offen und scheinbar selbstgebaut,
lagen überall herum. Auf dem großen Plasmafernseher liefen im Splitscreen alle
Kameras, die sie schon vom Flur her kannte. Es war eine verrauchte, düstere Höhle,
in der nur gedämpftes Licht jeden kleinsten Schatten vertrieb und Jalousien die
Fenster verdeckten.
„Aber ich kann
Sie nicht so recht einordnen. CIA? Militärischer Geheimdienst? NSA?“
Diane verzog keine
Miene und sagte weder ja noch nein. „Sie wollen Ihre Geheimnisse behalten und
ich meine. Belassen wir es dabei.“, wiederholte sie seine Worte und er nickte
beruhigt.
„Ich sehe, wir können
uns verstehen.“, sagte Mr. Paranoid sichtlich zufrieden und setzte sich
endlich auf eine mit elektrischen Bauteilen übersäte Couch. Diane beschloss
stehen zu bleiben.
„Warum will
jemand, der offenbar solch eine Paranoia besitzt mit jemandem vom Geheimdienst
reden?“, fragte Diane geradeheraus. „Warum wollen Sie mit jenen sprechen,
welche die Freiheit der USA untergraben wollen?“
Mister Paranoid
lachte trocken. „Ich bin paranoid, keine frage, Miss. Aber ich bin es zu Recht.
Dennoch glaube ich, dass ich Ihnen helfen sollte. Sie jagen den Wolfsmörder und
ich habe ihn gesehen und bin nun in Gefahr. Ich will dass Sie mich vor ihm beschützen,
indem Sie diese Bestie zur Strecke bringen, bevor sie mich zur Strecke bringt.“
Er beugte sich nach vorn und sprach nur noch mit leiser Stimme. „Ich weiß,
dass Menschen wie Sie eher bereit sind, Unglaubliches in Betracht zu ziehen. Das
FBI und erst recht die Polizei brauche ich erst gar nicht zu belästigen.“
„Das alleine
wird wohl kaum Grund genug für Sie gewesen sein, mir zu vertrauen.“
Mister Paranoid
schüttelte sofort den Kopf. „Ich habe Sie in der Gasse beobachtet.“ Er
deutete auf das Bild rechts unten auf dem Schirm. Außer der weißen Linie des
Opfers war von der Polizei keine Spur mehr zu sehen. „Ihnen ist sofort
aufgefallen, was er an die Wand geschrieben hat. Sie sind etwas Besonderes. Ihr
Verstand ist wach und Sie vertrauen ihrem Instinkt.“ Er klopfte mit dem Finger
auf den rechten Nasenflügel, als sollte das irgendetwas demonstrieren.
Diane ließ sich
davon nicht beeindrucken. „Wen haben
Sie gesehen?“
Ein kurzes Zögern
Mr. Paranoids verriet ihr, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde. „Ich
will es vorsichtig formulieren, Miss. Nicht alles ist das, was es zu sein
scheint, erst recht nicht, wenn es sich um so etwas handelt.“
Offenbar erwartete
er irgendeine Reaktion von ihr, also nickte sie zustimmend. Diane, altes Mädchen, warum hast Du immer nur mit solchen schrägen
Typen zu tun., dachte sie ironisch, Ein
lieber netter Kerl zum Verlieben könnte doch auch mal dabei sein, oder? „Erzählen
Sie mir einfach, was Sie wann gesehen haben.“
Der Mann lächelte
nervös, leckte seine Oberlippe und begann: „Es war gestern ziemlich spät,
als ich nach Hause kam. Es gibt Schießplätze, die nur nachts öffnen, wenn Sie
verstehen.“ Diane nickte. Es erregte einfach zuviel aufsehen, mit einer M16
oder ähnlichem am hellerlichten Tag rumzuballern, während nebenan ein braver
Familienvater seinem zwölfjährigen Sohn gerade mal eine 45er Magnum in die
Hand gab. „Ich gehe immer erst ein, zwei Runden um den Block, bevor ich meine
Wohnung betrete.“ Er lächelte noch nervöser. „Verfolgungswahn zu haben ist
anstrengend. Als ich die Gasse passierte – ich halte mich möglichst immer im
Schatten auf – hörte ich Kampfgeräusche. Laute Schmerzensschreie mischten
sich mit gutturalen Lauten. Seltsames Knurren, könnte man sagen.
Paranoid oder
nicht, ich bin kein Schwein und lasse Menschen nicht im Stich. Sonst wäre ich
nicht besser als die.“ Wer auch immer die sind., dacht
Diane nüchtern. „Ich zog meine Waffe und schlich im Schatten weiter. Ein großer,
stämmiger Penner kämpfte berserkergleich mit...“ Er schluckte, sah Diane
hilfesuchend an, fand keine Hilfe und sprach stockend weiter. „Sein Gegner
war... Es gibt nicht viele Möglichkeiten, was er war... Ein Mann in Wolfskostüm
vielleicht, so ein Psycho mit Halloween-Dauerschaden. Vielleicht hat der Mörder
auch ein Gerät verwandt, um die Gehirnwellen umstehender Menschen zu
beeinflussen. Oder ein krankes Genexperiment der Regierung um Supersoldaten zu züchten
aus Wölfen und Menschen. Oder...“
Er sah auf seine Hände
und schwieg. Was sollte jetzt noch kommen, was schräger war als das mit dem
Genexperiment? Doch plötzlich verstand Diane. Bisher hatte er nur Dinge
vorgebracht, die in sein verschrobenes, von Verschwörungstheorien verdunkeltes
Weltbild passten. Dinge, an die er glaubte. Was er jetzt sagen wollte, war
jedoch etwas anderes. Und sie ahnte schon, was es sein könnte. „Oder ein
Werwolf?“, fragte sie nach außen hin ernst. Innerlich hatte sie das bereits
abgehakt. Sie war nicht bei der Agency, um an so was zu glauben.
Dankbar sah er auf
nickte stumm. „Ich glaube nicht, dass es das war. Aber ich hatte, in diesem
Moment in der Gasse das ekelhafte Gefühl, dass es das sein könnte. Jedenfalls
verließ mich jeglicher Mut und ich zog mich zurück. Plötzlich endeten die
Schreie und als ich einen letzten, vorsichtigen Blick in die Gasse warf, lag der
Penner am Boden und das, was auch immer es war, schnupperte die Luft und wandte
seinen Kopf langsam in meine Richtung. Ich rannte wie der Teufel.“
Es fiel ihr nicht
schwer, ernst zu bleiben, denn sie nahm seine Worte sehr ernst. In jedem noch so
verworrenen Satz mochte ein Samen der Wahrheit stecken. Und schließlich hatte
er ja auch noch seine Kameras... „Haben Sie nun Aufzeichnungen oder nicht?“
Sie vermutete, dass wohl genau in jener Stunde ein Stromausfall oder sonst
irgend eine Katastrophe ‚zufälligerweise’ dafür gesorgt hatte, dass es
keine Bilder gab, die seine Worte belegten.
Mr. Paranoid seufzte. “Sie werden es nicht glauben.” Wahrscheinlich nicht., schoss es ihr durch den Kopf. „Ich habe
Aufzeichnungen. Ich nehme alles auf, was um meine Wohnung herum geschieht. Zehn
Bilder pro Sekunde werden rund um die Uhr direkt auf einem Streamer gespeichert.“
Digitale
Bilder auf einem Magnetband. „Das klingt nach keinem sehr sicherem
Beweismittel.“, sprach Diane ihre Zweifel aus. „Sie nehmen das alles doch
auf, um Beweise gegen ihre potentiellen Attentäter zu haben, oder?“
Mr. Paranoid
nickte, wirkte aber verärgert, sogar beleidigt. „Jedes Bild wird mit einem
Einweg-Schlüssel kodiert. Man kann kein einzelnes Bild um auch nur einen Pixel
verändern, ohne dass der Schlüssel verändert und so die Fälschung
offensichtlich wird.“
Diane hob
beschwichtigend ihre Hände. „Ich dachte mir schon, dass Sie ein Profi sind.“
Wenn sie eines bei der Agency gelernt hatte, dann die Tatsache, dass es keine
manipulationssicheren digitalen Daten gab. „Darf ich das Band sehen?“
„Mehr noch, Sie
werden es mitnehmen.“ Seine finsteren Blicke wurden allmählich wieder sanfter.
„Sie glauben den Bildern doch sowieso erst, wenn Sie ihre Echtheit überprüft
haben.“ Er stand auf, verschwand im Nebenzimmer und kam nach einer Weile mit
einer Kassette wieder, auf der deutlich der Überwachungszeitraum zu lesen war.
„Nachdem ich zu
Hause angekommen war, sah ich gerade noch, wie es
das letzte Wort an die Wand schrieb und dann im Schatten verschwand.“ Er
reichte ihr das Band. „Erwarten Sie nicht zu viel, Miss. Das Band gibt nicht
viel her, der Mörder erscheint stets seltsam unscharf.“ Damit deutete er auf
den Flur und bat sie so zu gehen.
„Darf ich es mir
nicht hier ansehen?“, fragte sie ein wenig irritiert.
„Sie werden es
sowieso erst glauben, wenn es als echt bestätigt ist. Gehen Sie.“
Diane zuckte mit
den Schultern und machte sich auf den Weg. Im Treppenhaus wandte sie sich noch
einmal der Wohnungstür zu. „Ihre Aussage wird mir bestimmt von Nutzen sein,
danke, Mister...“
„Danken Sie mir,
indem Sie ihn zur Strecke bringen.“ Die Tür schlug zu.
Zweifelnd sah sie
auf das Band in ihrer Hand hinab und zuckte dann mit den Achseln. Das eben war
mit Abstand die verrückteste, seltsamste und unglaubwürdigste Zeugenaussage
gewesen, die sie je gehört hatte. Sollte das Labor erst mal die Kassette
untersuchen, dann würde sie sich beim Ansehen des Bandes noch einmal Gedanken
machen, ob sie ihm glauben konnte oder nicht.
Spuren und solche, die keine sind
Diane saß nun schon die neunte Stunde des Tages über den Akten der Wolfsmorde.
Die neunte Stunde des fünften Tages. Sie las sich jedes Detail immer und immer
wieder durch, versuchte, Neues zu entdecken, doch so allmählich erkannte sie,
dass die Akten eine recht unsolide Basis für eine solch verschrobene
Untersuchung darstellten.
Zunächst hatte
sie sich jeden einzelnen Mordfall durchgelesen. Die Berichte wurden mit jedem
Fall länger, da die Ermittler immer mehr die Umgebung unter die Lupe nahmen,
kleinste Fakten notierten, so unwahrscheinlich sie auch mit dem Fall zu tun
haben mochten. Nachdem sie mit allem fertig war, brummte ihr der Kopf. Die
schiere Fülle von Informationen machte es unmöglich, sie in sinnvoller Weise
zu notieren und zu ordnen. Es bestand ein Zusammenhang zwischen allen Morden.
Welcher es neben dem Bissmahl in der Kehle eines jeden Opfers war, galt es
herauszufinden.
Darum versuchte
sie Schritt für Schritt, Ordnung in das Chaos zu bringen. Fakt eins: Alle Opfer
waren nachts gestorben. Keiner vor Zwei und keiner nach Fünf. Fakt zwei: alle
Opfer waren männlich und älter als fünfundzwanzig. Fakt drei: Der Täter war
sehr vorsichtig bei jedem Mord gewesen. Fünfzehn Morde ohne brauchbare Hinweise
waren kein Zufall mehr.
Keine deutlich
lesbaren Spuren. Die Farbe des Satzes erwies sich als Massenprodukt und das
Pinselhaar, mit dem sie aufgetragen wurde, konnte aus jedem Drugstore stammen.
Die Genanalyse wies deutliche Mängel auf. Miller hatte gesagt, dass die
Gensequenz zu keiner konkreten Wolfspezies zugeordnet werden konnte. Keine
deutlichen Fußspuren, der Täter hatte stets auf festen Grund zugeschlagen. Die
Kratzer und Beißspuren an den Opfern ergaben keinen Sinn.
Es gab keine
brauchbaren Zeugen. Mister Paranoid blieb selbst für Dianes Mittel
unidentifizierbar und seine Aussage erschien mehr als unglaubwürdig. Sein Band
war noch zur Analyse bei der Agency. Sonst gab
es keine Zeugen! Fünfzehn Morde und kein Zeuge! Der Verbrecher musste sehr
sorgsam die Orte seiner Überfälle ausgewählt haben. Und dennoch... Es schien
geradezu, als müsste er wissen, wann niemand in der Nähe war. Selbst unter den
abgelegensten Brücken und erst recht in der fensterlosen Gasse bei der
Shermstreet mitten in der East Side konnte jederzeit ein unerwarteter Zeuge
auftauchen...
Das war es dann
auch schon mit den Fakten. Viele Tote waren Obdachlose, aber nicht alle. Die
meisten Opfer waren muskulös und hatten ihren erbitterten Widerstand mit vielen
Wunden bezahlt, aber nicht alle. Ein Journalist, Leiche Nummer sieben, hatte
beim nächtlichen Joggen den Tod gefunden. Nur ein Kratzer von Klauen am Arm,
sonst nur das Bissmahl. Das zehnte Opfer war ein reicher Bankier in einer
Wohlstandsgegend New Jerseys, der mit einem einzigen Biss und sonst ohne Wunde
in seiner Villa tot aufgefunden wurde. Der dreizehnte Tote war offenbar auf dem
Weg von seinem Auto zur nur zwanzig Meter entfernten Haustür ermordet worden.
Er war stellvertretender Chairman einer großen Importfirma gewesen.
Welches Muster
verfolgte der Mörder? Es musste ein Muster geben, von extrem seltenen Fällen
abgesehen hatte jeder Serientäter eines, nach dem er seine Opfer auswählte.
Also hatte sie die obligatorische Karte New Yorks und New Jerseys an eine Wand
ihres Büros gehangen und bunte Nadeln an den Orten der Morde platziert. Selbst
eine Computeranalyse hatte kein glaubhaftes Muster entdecken können. Die Parks,
Brücken, Gassen und Straßen waren willkürlich auf der Karte verteilt.
Zumindest nach
geometrischen Gesichtspunkten. Eines hatte jeder Tatort gemein: Er lag entweder
im Dunkeln oder war von außen nicht einzusehen. Die Villa des Bankiers war zwar
videoüberwacht gewesen, nicht aber das Salon-Zimmer in dem das Opfer gefunden
wurde. Das Haus des Vizevorstands lag in einer wohlbehüteten Gegend New Jerseys
an einer hell beleuchteten Straße, doch hatte der Täter offenbar die Laternen
im Umkreis durchbrennen lassen oder sie waren einer Stromschwankung zum Opfer
gefallen.
Diane schnellte
aus dem trägen Fluss ihrer Gedanken hoch. Die Laternen! Der Täter hatte den
Tatort manipuliert! Das bedeutete einen absolut geplanten Mord! Wenn
es keine Stromschwankung war., dämpfte der rationale Teil in ihr sofort
ihre Begeisterung. Sie machte eine weitere Notiz auf einem übervollen Blatt,
auf dem sich schon ähnliche Gedanken dicht drängten.
Sie sah von ihrem
Schreibtisch auf und durch die Glastür hindurch direkt in Dunbys Augen. In
seine hämisch lächelnden Augen. Mister Sheriff-an-Tisch-und-Telefon nickte ihr
aufmunternd zu, oder zumindest hätte sie es so auffassen können, wenn er kein
Arsch gewesen wäre. Dieser verkorkste Mensch lag ihr jeden Tag quer im Hals und
schien sich zunehmend mehr daran zu freuen, dass die Special Agent auch nur mit
Wasser kochte und nur Wassersuppe dabei herauskam.
Sie zwang ihren
Blick zurück auf ihr Blatt mit den wirren Einfällen, einige von ihnen waren
bereits wieder durchgestrichen. Ein Zusammenhang bei den Namen konnte sie beim
besten Willen nicht finden. Namen aller Klangfarben, Nationalitäten und Länge
waren enthalten. Im Telefonbuch nach einem Muster zu suchen war müßig,
Obdachlose hatten kein Telefon und die wohlhabenden Geschäftsleute hielten sich
von einem Eintrag in diesen Seiten fern. Nur der Journalist hatte einen öffentlich
bekannten Anschluss gehabt.
Es gab keinen
Zusammenhang bei den Geburtsdaten, sofern das überhaupt zu ermitteln war,
keinen bei der Hautfarbe, Augenfarbe, Größe... Viele der Obdachlosen waren groß
gewesen, jeder von ihnen war kein leichtes Opfer gewesen sondern hatte wild gekämpft,
aber die Opfer der drei anderen Morde waren weder kräftig, sondern eher schmächtig
oder ziemlich korpulent.
Und so ging es
weiter. Sie hatte Captain Bofield gebeten, eine Ermittlung nach allen Personen
und Einrichtungen in die Wege zu leiten, die Wölfe hielten oder züchteten, und
die Tiere dort zu untersuchen. Gebissabdrücke nehmen und so was. Das Ergebnis
blieb abzuwarten.
Innerlich
frustriert, aber nach außen entspannt schob sie alles auf ihrem Schreibtisch
beiseite und lächelte Dunby falschfreundlich an, schnappte sich die Akte des
Bankiers und verließ ihr Büro.
Diane beschloss, die Villa des Bankiers Garmont nicht sofort zu betreten,
sondern sich vorher ein wenig umzusehen. Also verzichtete sie darauf zu klingeln,
sondern umlief das ganze Anwesen einmal und hielt sich dabei aus der Sicht der
omnipräsenten Kameras heraus. Nach einem neidisch stimmend langen Spaziergang
hatte sie jeden Meter der den Besitz umschließenden Mauer inspiziert und
diverse Schwachstellen im Kameranetz ausgemacht. An jeder solchen Stelle hatte
sie Halt gemacht und den Boden und das Mauerwerk genauestens untersucht. Trotz
der Wochen, die ins Land gegangen waren, wollte sie sicher sein, keinen möglichen
Hinweis übersehen zu haben. Gefunden hatte sie jedoch nichts.
Unweit des Tores
erkletterte sie geschickt einen nahe stehenden Baum, hangelte sich an einem Ast
über die Mauer und ließ sich in das Gebüsch auf der Innenseite fallen. Es ist mehr als einfach, dieses Grundstück ungesehen zu betreten,
notierte sie sich im Geiste.
Ohne weiter im
Verborgenen bleiben zu wollen, trat sie aus dem Gebüsch und schlenderte
aufmerksam alles in Augenschein nehmend zum Torweg. Inmitten der Nacht wäre es
leicht, ungesehen das Anwesen zu durchqueren. Kameras gab es im innern keine und
ihr geschultes Auge vermochte auch keine anderen Sicherheitsmaßnamen wie
Thermalsensoren oder Lichtschranken zu entdecken. Bäume und Büsche boten zudem
überall ausreichend Deckung.
Kaum hatte sie ein
paar Meter auf dem Weg zum Haus zurückgelegt, schrie hinter ihr eine harte
Stimme: „Hände über den Kopf und keine Faxen, Lady!“ Diane folgte der
Anweisung brav. „Wer sind Sie?!“
„Special Agent
O’Donnel, FBI. Ich untersuche die Wolfsmorde.“, erwiderte sie ruhig und
wachsam.
„Langsam
umdrehen!“
Sie tat wie ihr
geheißen und sah sich einem bulligen, kurzrasierten Mann und seinem
Schnellfeuergewehr im Anschlag gegenüber. Er wirkte, ganz in Schwarz mit
kugelsicherer Weste, Funkgerät an der Schulter und einer mächtig großen
Pistole im Halfter eher wie ein Mitglied einer paramilitärischen Truppe, als
wie der Sicherheitsmann, der er war.
Behutsam öffnete
Diane ihren Blazer, zeigte die Innenseite und fischte ganz langsam ihren
Dienstausweis hervor. Der Blick des Mannes huschte zu ihrer Pistole im
Brusthalfter und zurück zu ihrem Ausweis. „Ablegen, beides!“
Diane folgte gutmütig
seiner Anweisung und trat einige Schritte zurück. Immer noch sichtlich nervös
überprüfte Mister bei-der-Security-sein-bedeutet-im-Krieg-sein ihren Ausweis,
runzelte die Stirn und senkte endlich die Waffe.
„Sie sind
widerrechtlich hier eingedrungen, Agent O’Donnel.“
So sympathisch wie
nur möglich lächelte sie ihn an und senkte langsam ihre Hände zu einer
entschuldigenden Geste. „Ich wollte sehen, wie gut die Sicherheit greift, wenn
sich vorher niemand zu einem Test anmeldet. Sind die Maßnamen schon immer so
drastisch gewesen?“ Sie nickte in Richtung des Gewehrs.
„Allerdings,
Miss.“, erwiderte der Mann in einem stolzen Tonfall, so als existiere die
enorme Feuerkraft in seiner Hand gar nicht. „Mr. Garmont hatte viele Feinde.“
„Das Videosystem
ist nicht optimal.“, brach sie nüchtern seinen Stolz und nahm ihren Ausweis
entgegen. „Bringen Sie mich bitte zum Haus.“
Die Überwachung an der Villa war hochmodern und lückenlos. Sie konnte erst gar
nicht glauben, dass diese Anlage vom selben Mann in Auftrag gegeben wurde wie
das stümperhafte Ding an der Außenmauer. Doch jeder Winkel, in dem sich ein
Mann verbergen könnte war beobachtet. Thermal und optisch. Das machte die ganze
Angelegenheit mächtig schwierig. Wie war der Täter ins Haus gelangt, ohne
gesehen zu werden? Bofield hatte von seinen Leuten die Aufnahmen der
zweiundsiebzig Stunden vor dem Mord durchsehen lassen und jeden einzelnen
Menschen auf dem Band identifizieren lassen. Garmont hatte nicht viel Besuch
empfangen, Geschäfte hier offenbar ganz gemieden und so hatte sich der verdächtige
Personenkreis rasch auf Null reduziert. Jeder der kam, war auch wieder gegangen
oder ein vertrauter Gast der Familie gewesen.
Diane untersuchte
den Salon, in dem man die Leiche fand. Hier wurde die Sache noch seltsamer. Ein
Blick in ihre Akten verrieten ihr, dass der Mann auf dem Rücken liegend
aufgefunden wurde, ein zerbrochener Beistelltisch aus Glas unter ihm, seine Füße
zeigten in Richtung einer der Ecken des Raums. Alles sah danach aus, als hätte
der Täter Garmont aus der Ecke heraus angesprungen, ihn umgestoßen und auf dem
Boden liegend war ihm dann die Kehle durchgebissen worden. Blutspritzer auf dem
Teppich belegten das.
Doch in der Ecke
gab es nichts. Kein Vorhang, kein Schrank, kein Garnichts, um sich zu verstecken.
Hatte Garmont den Täter gekannt und deshalb seine Anwesenheit hingenommen? Das
passte nicht zu den restlichen vierzehn Morden, aber es war die einzige Erklärung.
Diane tippte eine Notiz in ihr Notebook und widmete sich dann wieder dem Zimmer.
Einen seltsamen
Augenblick lang schien es ihr, als könne sie durch die Wände Wald
hindurchschimmern sehen. Sie schüttelte ihren Kopf und sah erneut hin.
Fehlanzeige. Vermutlich Schlafmangel, altes Mädchen.
Es gab nur
zwei Zugänge. Die Fenster und eine einzige Tür. Sowohl der Flur vor dem Zimmer
wie auch die Beete vor den Fenstern waren mit Kameras versehen. Da stimmte etwas
nicht. Laut der Videoaufzeichnungen hatte niemand das Zimmer vor Garmont
betreten, der nicht wieder herausgekommen wäre... Das ließ nur einen Schluss
zu. Die Bänder waren manipuliert. Ein Blick in die Akten bestätigte, dass ihre
Echtheit nicht überprüft worden war. Sie fügte eine weitere Notiz hinzu.
Doch das alles war
nur Hirnakrobatik. Freilich kam nur jemand in Frage, der die Nacht in der Villa
verbracht hatte und Zugriff auf die Bänder haben konnte... oder
die Kameras manipuliert hat! „Verdammt sei die antrainierte Paranoia der
Agency.“, brummte Diane und grübelte weiter. Selbst wenn sich das alles als
wahr erweisen sollte... Wo bestand der Zusammenhang zu den Wolfsmorden?
Vielleicht gab es
keinen. Der einzige Mord in einem geschlossenen Raum. Nach neun Morden mochte es
verlockend sein, eine Mordserie nachzuahmen um die eigene Tat zu verschleiern...
Notiz im Computer. Die Mordwaffe musste aber reichlich seltsam ausgesehen habe...
Ein Gebiss an einer Zange oder so was... und das ganze ohne Gegenwehr des Opfers?
Vielleicht hatte der Täter aber auch schon Übung und war der Wolfsmörder, der einen unliebsamen Menschen aus dem Weg
schaffte? Diane schüttelte den Kopf; das war keine Akrobatik mehr, das war
Krampf.
Mit Hilfe eines
Wachmannes nahm sie jede einzelne Kamera unter die Lupe, suchte Spuren von
Manipulationen, kramte dazu in ihrem bei der Agency erworbenen Wissen, fand aber
nichts Brauchbares. Ein Profi sollte sich
das mal ansehen..., dachte sie lächelnd. Sie war ein Profi. Wenn sie sich
auf etwas verstand, dann darauf, ungesehen in Gebäude einzudringen.
Nach fruchtlosen
Stunden brach sie ihre Suche im Hause der Garmonts frustriert ab.
Schließlich
befragte sie noch jeden Bediensteten, jeden Verwandten, der gerade da war, doch
es lief meist darauf hinaus, dass sie entweder ein Alibi für die Tatzeit besaßen
oder keine Ahnung von Elektronik hatten oder beides zusammen.
Mit einer kleinen
Liste von Personen, die es noch zu befragen galt, verließ sie das Haus. Dieser
Mord hier war verzwickter als alle anderen, soviel stand fest. Doch bei so
vielen Ecken musste sich doch etwas machen lassen. Je komplizierter ein Fall
war, desto wahrscheinlicher die Aufdeckung eines Fehlers.
Zumindest wollte
sie sich das gerne einreden.
Sackgasse: keiner der Angestellten und keiner der Angehörigen kamen in Frage.
Die Wenigen, die über die Fähigkeit verfügten, die Überwachungsanlage zu
manipulieren hatten nicht die Statur, um den Mord begangen haben zu können und
waren zudem durch ein unwiderlegbares Alibi geschützt: elektronische
Stechkarten zeigten ihre Wachtroute in der ganzen Willa minutengenau auf.
Sackgasse: Die
Videoaufzeichnungen der Villa waren echt. Keine Manipulation an ihnen, keine
vertauschten Kassetten. Mr. Garmont hatte viel Geld und Know How in seine
Sicherheit investiert. Genutzt hatte ihm das nicht.
Unendliche
Sackgasse: Eine Überprüfung der privaten und der geschäftlichen Kontakte des
Bankiers hatten eine nicht enden wollende Liste mit Personen ergeben. Viele von
ihnen hatten Gründe ihn nicht zu mögen, zu hassen oder aus rein
wirtschaftlichen Interessen aus dem Weg haben zu wollen. Sie wusste nicht, wo
sie anfangen sollte. In stupider Dauerarbeit hackte sie alle Namen mit Notizen
versehen in ihr Notebook und spielte Geschäftsdaten von CDs ein. Ich
sollte diesen Dunby als meine Sekretärin anheuern., dachte sie sich und
verwarf diesen Gedanken gleich wieder. Sie traute dem Sheriff nicht einmal zu,
zuverlässig Kaffee zu holen. Ohne reinzuspucken.
Kein Treffer. Ihre
sonst so zuverlässige Software, die Zusammenhänge analysierte und Namensübereinstimmungen
entdecken konnte, blieb stumm.
Sie hatte zwei von
Bofields Männern losgeschickt, um die Kontakte des Stellvertretenden Chairman
zu überprüfen, der vor seinem Haus ermordet wurde, Mr. Dwenmoore. Die Liste,
welche die Polizisten angeschleppt hatten, war nicht weniger lang als die von
Garmont. Eine Kopie seines elektronischen Terminkalenders lag ebenso bei wie ein
Verzeichnis aller Kunden auf CD.
Einen sehnsüchtigen
und drohenden Blick in Richtung Dunby werfend, machte sie sich an die Arbeit.
Ewigkeiten später hatte sie es geschafft und wurde mit einer Reihe Übereinstimmungen
belohnt. Garmonts Bank war ein großer Kreditgeber von Dwenmoores Firma. Der
reichste Mann der Stadt, Jonathan Saphrosis, unterhielt Geschäftsbeziehungen zu
Garmonts Bank und zu Dwenmoores Firma. Beide toten Geschäftsmänner waren
Mitglieder einer Reihe von gehobenen Clubs, setzten sich beide für die
Weltaidshilfe ein und so weiter und so fort.
Es war ein Anfang,
wenn auch ein mächtig umfangreicher.
Es klopfte an
ihrer Bürotür und Captain Bofield trat ein. „In den neun Tagen, die Sie hier
sind hat es keinen Wolfsmord mehr gegeben, Miss O’Donnel. Sie scheinen eine
Art Talisman zu sein.“ Mitleidig sah er sie an. „Sie brauchen dringend mal
Schlaf. Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen schrecklich aus.“
Diane raufte sich
die Haare und warf ihrem Computer finstere Blicke zu. „Ich habe nicht das Gefühl,
vorwärts zu kommen. Es türmen sich immer mehr Fakten auf meinem Tisch und in
meinem Computer, aber nichts scheint Sinn zu ergeben. Der Mord an Garmont müsste
eigentlich unmöglich sein.“
Bofield schloss
die Tür hinter sich und machte es sich mit seinem Kaffeebecher auf einem Stuhl
gemütlich. Er selbst schien das mit dem Schlaf auch nicht ganz so ernst zu
nehmen. „So fühlen wir uns seit zwei Monaten. Stellen Sie sich das mal vor. Fünfzehn
Morde in 60 Tagen und wir sind keinen Schritt weiter. Sein sie froh, dass für
Sie die Zeit im Moment still steht.“
Diane nickte müde.
„Was machen die Ermittlungen wegen der Wolfshalter?“
Bofield trank
einen gemütlichen Schluck und erwiderte dann väterlich: „Gehen Sie schlafen,
Special Agent O’Donnell. Morgen werden Sie den Bericht auf ihrem Tisch finden.“
„Ist er schon
fertig?“, fragte sie überrascht.
„Soll ich Sie
aus dem Büro werfen lassen?“ Bofield hob fragend die Augenbrauen und nahm
einen tiefen Schluck.
Nun konnte Diane
gar nicht anders als schmunzeln, klappte ihr Notebook zu und ließ die Arbeit
hinter sich.
Sie hatte einen seltsamen Traum. Sie sah einen Wolf im Mondschein auf der Jagd.
Er huschte von Schatten zu Schatten, von Baum zu Baum. Unwölfisch. Sein Ziel
war fern und doch nah, sie konnte es bereits spüren. Während er rannte, ging er seinen wölfischen
Gedanken nach. Witterung, Beute, Blut, Essen. Jagd. Er war auf der Jagd.
Das Tier zögerte
mit einem Male in seinem Schritt und schnüffelte, wandte seinen Kopf hierhin
und dorthin, suchte. Er suchte sie. Sein Blick wandte sich ihr zu und sie wusste,
dass sie sein Ziel, seine Beute war. Er knurrte, sie wollte fort, er fletschte
die Zähne, doch sie konnte nicht fort. Er duckte sich zum Sprung aber sie
konnte sich nicht retten, sie war gefangen in seine gelben, starren Augen.
Er sprang, sprang
geschmeidig und tödlich, kam näher, näher, näher... bis nur noch... seine
Augen... seine gelben, kalten Augen... ihre Welt erfüllten. Die Augen...
Ihr
Wecker schrillte und sie erblickte eine graue Zimmerdecke, die sie nicht
einsortieren konnte. Natürlich nicht. Wann hatte sie das je gekonnt? Diese
gelben Augen wollten ihr nicht aus dem Sinn gehen, verschwanden nicht,
verblassten nicht, wie es sonst ihre Träume taten.
Ein ungutes Gefühl
trieb sie rascher als sonst aus dem Bett und unter die Dusche. Erst als das
kalte Wasser über ihre Schultern rann, kamen ihr nach und nach New York und die
Wolfsmorde in Erinnerung. Der Bericht von Bofields Männern wartete auf ihrem
Schreibtisch auf sie...
Sie zog sich
hastig an, griff nach ihrem Handy und stutze. Hatte es nicht gestern anders
herum gelegen? Schulterzuckernd schob sie es an ihren Gürtel, schnappte ihr
Notebook, stürmte aus der Tür und prallte fast mit einem Hotelpagen zusammen.
„Was machst Du
hier?“, fragte sie harscher als gewollt und sah den Burschen, der vielleicht
keine 16 war, bohrend an. Der wagte es gar nicht so recht aufzuschauen und
blickte verlegen zu Boden.
„Verzeihen Sie,
Miss, ich wollte nur die Zeitung, die Sie bestellt haben, vor die Tür legen.“
Eigentlich wollte
sich Diane gerade entschuldigen, dass sie so rüde gewesen war, doch etwas hielt
sie ab. Der Page schien... unscharf. Sie schüttelte ihren Kopf, kniff die Augen
zusammen, aber es blieb dabei. Ihn anzusehen machte ihre Augen müde.
Sie riss ihm die
Zeitung aus der Hand.
Der Page schaute
zu ihr auf. „Alles in Ordnung, Miss? Sie wirken erzürnt.“ Doch sie hörte
seine Worte kaum. Gelbe Raubtieraugen sahen sie an. „Ist das nicht die Zeitung,
die Sie wollten?“
Diane warf einen
Blick auf Namen und Datum. „Doch, doch, ich...“ Sie sah auf und blicke in
dunkle, verstörte Augen. „... ich...“ Seltsames Unbehagen erfüllte sie,
als sie den Jungen ansah. Ihr schien, als blickte sie etwas Fremdes,
Unfreundliches an und keinen Pubertierenden in roter Uniform, der nur seinen Job
machte. Beschämt blickte sie zu Boden. „Ich habe nur schlecht geträumt, tut
mir Leid.“
Ohne ihn ein
weiteres mal anzusehen wandte sie sich zum Gehen.
Ihre Schritte
lenkten sie zum Restaurant des Hotels, wo sie wie jeden Morgen ein eiliges Frühstück
zu sich nehmen wollte. Eilig, weil sie diese unpersönliche Mahlzeit auf der
Schwelle zum Tag nicht leiden konnte. Es erinnerte sie zu sehr daran, was sie
nicht hatte...
Sie rollte die
Zeitung auf und blieb entsetzt stehen. „Neues Opfer des Wolfsmörders gefunden!“,
schrie ihr die Titelzeile entgegen. Hastig begann sie den Artikel zu lesen. „Heute
Nacht um 2 Uhr 47 erreichte ein Notruf die Polizei, dass ein übel zugerichteter
Mann im Central Park gefunden wurde. Der keine fünf Minuten später
eintreffende Notarztwagen konnte nur noch den Tod des Opfers feststellen. Der
Einsatzleiter der Polizei bestätigte, dass das Opfer vermutlich an der schweren
Bisswunde an der Kehle gestorben war...“
„Warum erfahre
ich das durch die Zeitung?!“ Diane griff zu ihrem Handy. Leer?
Sie schüttelte das Ding, doch es half nichts. „Ich hab’s doch gestern erst
aufgeladen...“ Alarmglocken schlugen in ihrem Kopf an. Das Handy hatte heute
morgen anders dagelegen, als sie es am Abend hingelegt hatte!
Sie drehte auf der
Stelle um, hastete zu ihrem Zimmer und sah sich eingehend um. Alles schien, wie
sie es gelassen hatte... Dennoch schnappte sie sich alle Unterlagen, die sie aus
dem Revier mitgenommen hatte, stopfte sie in einen Schrank, schloss ihn ab und
klemmte dabei ein Haar des Teppichs an einer Stelle ein, die sie sich genau
merkte. Wenn man bei der Agency war, dann half einem Paranoia zu überleben.
Als sie das Zimmer
verließ, präparierte sie noch die Tür und eilte dann zum Central Park.
Captain Bofield wartete auf sie. Die übrige Polizei war bereits vor Stunden
abgezogen und er war auch nur deswegen vor Ort, weil sie ihn angerufen hatte.
„Ich fürchte,
Ihr Glück hat sich aufgebraucht, Miss O’Donnel.“, begrüßte sie der
Captain und nippte an seinem Pappbecher. „Sie haben den Mord nicht nur nicht
verhindern können, sondern haben ihn auch noch verschlafen.“ Sein Lächeln
deutete an, dass er es nicht böse meinte, doch ihr wurde übel im Magen.
Jetzt verstand sie,
was Bofield damit gemeint hatte, die Zeit wäre für sie stehen geblieben. Doch
der neue Mord machte ihr deutlich, dass jeder Misserfolg Leben kosten würde.
Jede Stunde war kostbar.
Jemand
hat mein Handy manipuliert., wollte sie sagen doch heraus kam nur ein: „Ich
habe wohl vergessen, mein Handy einzustellen.“ Ausbildung blieb Ausbildung. Es
zählten Fakten, keine Vermutungen.
Der Polizist
nickte verständnisvoll. „Sie haben auch nicht viel verpasst, Agent. Ich habe
den Tatort abgesperrt gelassen, damit Sie ihn selbst untersuchen können. Aber
Jack hat seine Arbeit diesmal dreifach so gründlich gemacht. Ich schätze, Sie
haben ihn das letzte Mal beeindruckt.“
Er führte sie zu
einem verwaisten Cafe, das wohl durch den Mord zu trauriger Berühmtheit
gelangen würde. Die weißen Stühle und Tische standen bei weitem nicht mehr
alle in Reih und Glied: Einige waren umgeworfen, andere gesplittert.
„Hier hat es
wohl einen wüsten Kampf gegeben.“, stellte sie fest.
„Davon können
wir ausgehen. Das Opfer war dritter Dan im Take Won Do und Trainer eines
nahegelegenen Dojos. Er muss erbitterten Widerstand geleistet haben, denn er ist
so übel verwundet worden, wie keines der Opfer zuvor.“ Bofield zerknüllte
seinen leeren Kaffeebecher. „Ich wünschte, er hätte das Schwein besiegt.
Dann könnten wir jetzt ruhig schlafen.“
So allmählich
wurde Diane bewusst, dass der Killer eine wahre Kampfmaschine sein musste... Nur
warum tötete er diese Menschen und das durch den Biss eines Wolfes? „Hat
Miller etwas gefunden, das erwähnenswert wäre?“
Bofield nickte in
Richtung des Café-Häuschens. Dort waren die bekannten weißen Linien zu sehen
und neben ihnen... „Wir vermuten, dass die Farbe das Blut des Opfers ist.“
Diane las ein
einziges rotbraunes Wort: „Würdig.“
„Würdig?“ Würdig für was? Oder hieß das, dass der Mörder sein Opfer für würdig
hielt?
Ihre Augen
huschten über die Umrisse des Körpers. „Er war recht klein und schlank, wie
es scheint.“, folgerte sie.
Der Captain nickte
erneut, wollte einen Schluck Kaffee trinken und warf dann den zerknüllten
Becher ärgerlich beiseite. „Das passt nicht so recht zu den anderen Morden,
bei denen es einen Kampf gab.“
„Aber er war
Kampfsportler...“ Diane musste plötzlich an ihren Traum mit dem jagenden Wolf
denken und die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. „Der Mörder wählt seine
Opfer danach aus, ob sie einen Kampf wert sind!“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Es geht ihm um den Kampf, nicht um das Töten.“ Es
geht ihm um die Jagd.
Bofield
brummte nachdenklich und wiegte seinen Kopf. „Das wäre endlich mal eine
plausible Erklärung für die Morde... Ein Psychopath, der ultimative Kämpfe
sucht... Nur was ist mit den drei Opfern, die nicht ins Schema passen?“
„Nachahmungstäter?“
„Nein, nein.“,
widersprach er ihr und rieb sich das Kinn. „Jack hat mir versichert, dass
jeder Biss auf halbwegs die gleiche Größe von Gebiss schließen lässt. Auch
die Stelle der Wunde und ihre Tiefe ist bei allen Morden ähnlich. Das sind
alles Details, die nicht an die Presse gegeben wurden.“
„Dann sind diese
drei vielleicht dem Täter in irgendeiner Weise in die Quere gekommen und
mussten deshalb sterben?“
„Das wäre
denkbar... Heute ist der Bericht von unserem Technikexperten fertig geworden,
was die Laternen vor dem Haus Dwenmoores ausgeknipst hat. Eine vom
Zentralcomputer der Stadtwerke ausgelöste Stromspitze hat genau diesen Straßenzug
lahm gelegt.“
„Hacker?“
„Wir vermuten es.“
Bofield klopfte seine Taschen nach Zigaretten ab, fand aber keine. „Das war
gewollt und der Mord scheint damit sehr geplant. Der Tod von Garmont erscheint
mir auch zu lückenlos perfekt, als dass ich an einen normalen Mord der Reihe
glaube. Jemand muss die Kameras ausgetrickst haben. Der Täter in diesen beiden
Fällen muss entweder ein Computerfreak und Elektronikexperte sein oder von
einem solchen Hilfe erhalten haben.“
Diane sah noch
einmal auf die Umrisse der Leiche hinab und erschrak. Der mit Steinplatten
belegte Boden war weichen Sand gewichen und ganz deutlich konnte sie Spuren
eines großen Wolfes darin sehen. Ihre antrainierte Übung schob das Bild
beiseite und sie blickte dem Polizisten in die Augen, als ob nichts gewesen wäre.
„Ich suche bereits nach Zusammenhängen, Captain. Zwischen dem Bankier und dem
Vizevorstand gibt es mehrere gemeinsame Nenner, die es zu überprüfen gilt.“
„Sieht es gut
aus?“
Diane schüttelte
den Kopf. „Aber vielleicht kann ich mehr sagen, wenn ich mir den Bericht über
die Wolfshalter angesehen habe.“
Der Orden des Gleichgewichts
Es war weit nach Zehn, als die
schweren Eichentüren des Polizeireviers hinter ihr zufielen. Diane seufze erschöpft,
rieb sich ihren verspannten Nacken und nahm einen tiefen Zug frische Luft. Na
ja, so frisch wie die Luft in New York halt sein kann. Ihr Hotel war nicht
weit weg und so beschloss sie, sich einen Spaziergang zu gönnen. Sie hatte
genug gesessen an diesem Tag.
Doch
wie zu erwarten war, vertrieb das Laufen nicht die Gedanken aus ihrem Kopf. Ein
Tag Analyse lag hinter ihr. Es gab erstaunlich viele Menschen in New York und
New Jersey, die etwas mit Wölfen zu schaffen hatten. Und einige dieser Menschen
wiesen auch eine Verbindung mit Garmont und Dwenmoore auf.
Angefangen
mit dem Zoo. Natürlich hielt der Wölfe und Garmont hatte persönlich einen
niedrig verzinsten Kredit für die Anschaffung eines Tigers bewilligt. Dwenmoore
galt als Fan der Pinguine, ein seltsamer Zug für den sonst so kühlen Geschäftsmann,
und hatte dementsprechend großzügige Spenden gegeben. Kein Grund einen der
beiden umzubringen, dennoch eine Verbindung.
Dann
waren da die Labore einer Firma, in denen an wilden Tieren Genforschung
betrieben wurde. Ihr Eigentümer war, welch eine Überraschung, Jonathan
Saphrosis. Das brachte ihn in ziemlich engen Zusammenhang mit Dwenmoore und
Garmont. Geschäftskontakte zu beiden und genetische Forschung an Wölfen... Das
Dumme war nur, dass diese Aussage auch auf zwei Dutzend Angestellte dieser Firma
zutraf. Doch Saphrosis war verantwortlich... Er würde bei Gelegenheit Besuch
von ihr bekommen.
Der
seltsamste Eintrag in dem Bericht war eine Sekte. Sie nannte sich Orden des
Gleichgewichts, ihre Mitglieder wurden Wächter des Aequilibriums genannt. Mit
Sitz auf einem Anwesen in New Jersey schotteten sie sich von der Außenwelt
ziemlich gründlich ab und hielten sich Wölfe als Wachhunde. Einige von der
Polizei aufgegriffene Einbrecher mit Bisswunden belegten, dass es ein effektiver
Schutz war. Zwar standen sie nicht in Zusammenhang mit dem Bankier oder
Dwenmoore, doch schien Diane religiöser Wahn ein einleuchtender Grund für
Serienmorde der obskuren Art zu sein. Auch sie würden einen Besuch erhalten.
Blieben
noch drei Dutzend andere Spinner, die Wölfe als Haustiere oder in ihrem
Privatzoo hielten. Sie würden ebenfalls überprüft werden, doch konnte sie das
vielleicht ihren Kollegen von der Polizei...
„Darf
ich Sie vielleicht ein Stück ihres Weges begleiten?“, riss eine samtene
Stimme sie aus ihren Gedanken.
Überrascht
sah sie den schlanken, hochgewachsenen Mann an, der ziemlich unerwartet neben
ihr aufgetaucht war und nun neben ihr lief. Er war gut gekleidet, sehr teuer wie
es schien, und hatte markante, schöne Züge. „Offenbar tun Sie es ja bereits.“,
erwiderte sie lächelnd. „Ich lehne doch nicht das Geleit eines Gentlemans ab.“
Das
Lächeln und die elegante Verbeugung, die sie zur Antwort erhielt, zog sie in
ihren Bann. Wer war er? Wie sich wohl seine Haut anfühlte, seine Haare rochen?
„My Lady.“, scherzte er und lächelte noch breiter. Diane schmunzelte und fühlte
sich wunderbar sorglos. Auf rätselhafte Weise schien der Fremde ihre finsteren
Gedanken zu vertreiben.
Eine
Weile gingen sie stumm nebeneinander her und sahen sich gegenseitig an.
„Nun?“, fragte sie schließlich.
„Ich
fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Diane. Ich bin leider nicht zu meinem Vergnügen
hier.“ Seine unergründlich tiefen, traurig schönen Augen hielten sie so in
ihrem Bann, dass es eine Weile brauchte, bis sie begriff, dass er ihren Namen
kannte.
Als
ob er ihre Frage ahnen könnte, stellte er sich vor. „Nennen Sie mich Linus.“
Linus? „Das ist mein echter Vorname, falls Sie Zweifel haben
sollten.“ Er schmunzelte über ihre erstaunte Mine und fügte hinzu: „Natürlich
haben Sie Zweifel. Ich bin auch nicht gekommen, um zuviel über mich zu sprechen.
Das würde meinen ersten Eindruck als Gentleman ruinieren.“
Er
griff in die Innentasche seines Mantels, holte ein kleines Kärtchen hervor und
betrachtete es nachdenklich. „Es ist unangenehm, wenn das Gegenüber offenbar
viel weiß und man selbst nur wenig. Ich bedauere das, aber es wird Ihnen genügen
müssen, dass ich Ihnen helfen will. Ich handle im Sinne vieler meiner...
Freunde... wenn ich Ihnen das hier gebe.“
Er
reichte ihr das Kärtchen und sie nahm es nach einigem Zögern. Dabei berührten
sich ihre Finger aus Versehen und eine unangenehme Kälte blieb auf ihrer Haut
zurück. Sie betrachtete es und erkannte, dass es eine sehr exklusiv wirkende
Visitenkarte war. „Lord Daleingtons Antiquariat.“, war darauf in Gold geprägten
Lettern zu lesen. Das Papier war schwer und zweifellos teuer. Auf der Rückseite
entdeckte sie eine Adresse am Rande New Yorks. Einer
sehr noblen Ecke am Rande New Yorks., dachte sie nicht unbeeindruckt.
„Mit
dieser Karte werden Sie Zugang zu der wohl erstaunlichsten privaten Sammlung
erlangen, die auf diesem Kontinent zu finden ist.“, erklärte ihr Begleiter.
Seine Augen sahen sie unentwegt an und ließen jegliche Besorgnis aus ihrem
Herzen verschwinden. „Sie ist nur sehr ausgewählten Kreisen vorbehalten und
eine solche Karte ist ein seltenes Geschenk.“
Diane
ließ geehrt die Karte sorgsam in ihrer Brieftasche verschwinden, während sie
fragte: „Was werde ich dort finden?“
„Suchen
Sie ein Buch mit dem Titel ‚Das Wesen der Bestie’. Sie werden es im Moment
vielleicht noch nicht so recht nützlich finden, da ihnen der Glaube fehlt. Wählen
sie einen Zeitpunkt, an dem ihr Schulwissen versagt.“
Bevor
sie fragen konnte, was das nun schon wieder heißen sollte, fuhr Linus fort.
Seine Stimme war wie ein stetiger Fluss aus warmem Samt, der sich um sie
schmiegte. „Das ist der erste Teil meiner Hilfe. Der zweite Teil ist... wie
soll ich es sagen..."
Er
lächelte und guckte so reumütig, dass sie laut lachen musste. "Nur raus
damit."
"Nun
ja, es ist nicht ganz uneigennützig, wollte ich sagen. Es ist gewissermaßen
Hilfe und Bitte zugleich. Es gibt einflussreiche... Bürger der Stadt, die sehr
beunruhigt sind wegen der Wolfsmorde. Manche von uns stellen sogar eigene
Ermittlungen an, um diese Gefahr schneller zu bannen. Doch gibt es da einen...
blinden Fleck, der sich unserem Einfluss entzieht."
Linus
sah nun ernst und sehr besorgt aus, seine Sorge wurde ein Teil ihrer Sorge.
"Es gehen merkwürdige Dinge vor auf dem Boden des Ordens des
Gleichgewichts. Sie sind religiöse Fanatiker, die einen seltsamen Hang zu
Tieren haben. Sekten wie diese erweisen sich als sehr resistent gegen unsere
Form der Nachforschung. Vielleicht sollten Sie dem Orden einen Besuch abstatten."
Es
kostete sie einige Mühe, sich dem Bann dieses Mannes zu entziehen, aber nach
einem zähen inneren Kampf gelang es ihr endlich. „Moment
mal. Moment. Mal.“ Sie blieb stehen
und musterte ihr Gegenüber. „Warum sollte ich auch nur daran denken, Ihre
Hilfe für seriös zu halten?“
Mit
einem Mal erkannte sie, dass Linus’ Lächeln nicht mehr gewinnend, sondern
kalt und abschätzend war. „Weil Sie sich bei jedem neuen Opfer fragen würden,
ob meine Hilfe es nicht verhindert hätte.“, antwortete er geradeheraus.
Nichts war mehr von seiner Freundlichkeit übrig. „Sie wären ein Narr, wenn
Sie meine Hilfe ausschlügen.“
Mit
diesen Worten wandte er sich um stieg in einen Wagen, der neben ihnen anhielt
und verschwand hinter schwarz getönten Scheiben.
Diane
kratzte sich am Kopf. „Was war das eben?“ Linus
- was ist das eigentlich für ein Name? Sie versuchte sich irgendwelche
Details in Erinnerung zu rufen, die ihr verraten könnten, wer der Mann war,
doch zu ihrer Verwunderung hatte sie nur ein unklares Bild im Gedächtnis, das
auf zehn Prozent der Bevölkerung zutreffen mochte. Selbst das Nummernschild war
ihr entgangen.
Wieso
tauchte jemand aus dem Nichts auf, führte Mafiosigespräche bei Nach und Nebel
und verschwand dann wieder? „Ist diese Stadt denn voller Freaks?“, fragte
sie sich zornig und erntete einen befremdlichen Blick eines älteren Pärchens,
das ihr entgegen kam.
Wütend
ballte sie ihre Hände zu Faust und ging zügigen Schrittes weiter in Richtung
Hotel. Na, was hast Du denn erwartet? Ein Freak rennt durch die Stadt und
schlachtet Menschen ab. Das ruft doch unweigerlich andere seltsame Existenzen
auf den Plan.
"Der Orden des Gleichgewichts, wie?" So einfach ließ sie sich
nicht um den Finger wickeln. Sie würde dem Orden einen Besuch abstatten, wie
sie es sowieso vorgehabt hatte, nur vielleicht ein wenig wachsamer. Und
herausfinden wer dieser Linus war. Mister Unbekannt stand jetzt ebenso auf der
Liste ihrer Verdächtigen wie diese Sektenspinner.
Sie mochte wütend sein, aber sie war dennoch ein Profi. In dem Moment, in dem
sie die Tür öffnen wollte, wurden ihr zwei Dinge bewusst: Jemand hatte sich an
der Tür zu Schaffen gemacht und er hatte versucht seine Spuren zu verwischen.
Der durchsichtige Klebestreifen, den sie zwischen Tür und Türrahmen angebracht
hatte, war immer noch an Ort und Stelle, doch es war nicht wirklich ihrer. Die
Schnitte an den Enden waren anders, also hatte jemand beim Öffnen der Tür das
Klebeband zerrissen, seinen Fehler bemerkt und versucht zu kaschieren.
Vorsichtshalber
zog sie ihre Waffe, tastete durch den Spalt nach dem Lichtschalter und trat erst
dann rasch in den Raum. Niemand da zum
erschießen?, dachte sie sarkastisch und durchsuchte noch rasch das Bad. Der
Eindringling war längst fort.
Und
hatte sich am Schrank zu schaffen gemacht. Die sorgsam eingeklemmte Teppichfaser
war fort, auch wenn der Schrank wieder abgeschlossen und jedes Zettelchen in ihm
genau an Ort und Stelle lag. Wer auch immer das gewesen war, hatte sich alle
denkbare Mühe gemacht, seine Suche zu verbergen.
Sie
machte sich eine geistige Notiz. Es ging um mehr als nur um einen "normalen"
Serienmörder. Die Manipulation ihres Handys, die Durchsuchung ihres
Hotelzimmers, dieser Linus... All das roch zu sehr nach einem größeren Rahmen.
Allmählich begriff sie, warum McKinzey sie hierher geschickt hatte.
Eine kurze Befragung des Personals am nächsten Morgen bestätigte ihren
Verdacht. Der für die Zeitungen zuständige Page war ein blonder, hagerer Mann
mit strahlend blauen Augen, der nach einigem Zureden gestand, dass er gegen eine
kleine Bestechung einem anderen Pagen die Zeitung für Miss O’Donnell gegeben
hatte. Angeblich wollte dieser sie persönlich überreichen, weil er sich in sie
verguckt hätte. Nur war dieser Page nicht auffindbar und sowieso konnte sich
niemand erinnern, dass jemand seiner Beschreibung zum Personal gehörte.
Die Internetrecherche und auch die Befragung der Polizeidatenbank blieben
fruchtlos. Der Vorname Linus führte zu nichts. Es mochte ja sein wahrer Name
sein, doch hieß das nicht, dass er unter ihm zu finden war...
Wenigstens
hatte die Suche bewirkt, ihr das Warten auf den Durchsuchungsbefehl für die
Sekte zu verkürzen. Mit ihm in der Tasche machte sie sich zusammen mit Jack
Miller auf den Weg.
Das Anwesen der Gilde lag weit abgelegen von wichtigen und großen Straßen, gut
verborgen vor den neugierigen Augen der Welt und schmiegte sich in den Wald, als
wolle es sich in ihm verstecken.
Wie
es ihre Gewohnheit war, trat sie erst einmal eine Wanderung um das Grundstück
herum an, was ihr verwunderte Blicke Millers einbrachte. "Ich will nur
wissen, auf welchen Wegen der Fuchs aus dem Bau davonschleichen kann, bevor ich
ihn besuche.", sagte sie, als ob das irgendetwas erklären würde.
"Erwarten
Sie Schwierigkeiten?", fragte der junge Mann ein wenig nervös und sah über
die Schulter.
"Ich
erwarte immer Schwierigkeiten.", antwortete sie nur und widmete ihre
Aufmerksamkeit wieder ihren Beobachtungen. Statt einer Mauer wuchs eine uralte,
dornige Hecke um das Anwesen herum. Dornige, gnarzige alte Sträucher bildeten
ein dichtes, finsteres Flechtwerk.
"Haben
Sie schon jemals solch eine Hecke gesehen?", fragte Miller erstaunt. "Sie
wirkt geradezu unnatürlich."
Diane
nickte. Unnatürlich war eine ziemlich treffende Beschreibung. Die Büsche
schienen sich gegenseitig zu erwürgen und das wenige Licht, das ihnen blieb,
ihrem Nachbarn zu neiden.
Sie
waren noch nicht weit gekommen, als hinter ihnen Hufgetrappel lauter wurde.
Jemand schien im Galopp näher zu kommen. Das war seltsam, entlang der Hecke gab
es keinen Weg. Diane wandte sich dem Ankömmling zu und wartete.
Ein
prächtiges braunes Pferd tauchte zwischen den Bäumen auf und sein Reiter war
in eine graue Robe aus grobem, schlichtem Stoff gehüllt. Langes, schwarzes Haar
floss über seine Schultern und umrahmte ein schmales, strenges Gesicht.
Unfreundliche Augen musterten sie beide. "Was wollen Sie auf unserem Grund
und Boden?! Gehen Sie!"
Betont
erstaunt sah Diane die Hecke und dann ihre Füße an. "Ich wusste nicht,
dass wir Ihr Anwesen bereits betreten haben."
"Unser
ist das Land in zwei Meilen Umkreis. Gehen Sie!" Der Reiter sprach mit
harscher, befehlsgewohnter Stimme.
Sie
wollte nicht sofort damit herausrücken, dass sie einen Durchsuchungsbefehl
hatte. Er mochte zwar die Türen des Ordens öffnen, aber viele Münder
verschließen. Also zückte sie nur ihren Ausweis. "Ich bin Diane O'Donnel,
vom FBI." Die Augenbrauen des Mannes zogen sich noch weiter zusammen bis
sie der finsteren Hecke glichen.
Jack
zeigte seine Marke. "Jack Miller, NYPD." Das Gesicht des Reiters glich
nun Gewittergrollen.
Rasch
versuchte Diane die Wogen ein wenig zu glätten. "Es geht um einen
Routinevorgang, Sir. Ihr Orden ist als Wolfshalter registriert und wir müssen
Abdrücke von ihren Tieren nehmen, um zu belegen, dass ihr Orden nicht im
Zusammenhang mit den Wolfsmorden steht.", formulierte sie ihr Vorhaben so
vorsichtig wie möglich.
"Haben
Sie einen Durch..." Dann stutzte der Reiter, grübelte einen Augenblick und
ein unerwartetes Lächeln huschte über seine Lippen. "Sie sind sehr höflich,
Miss O’Donnell vom FBI. 'dass ihr Orden nicht im Zusammenhang mit den
Wolfsmorden steht.' Wirklich, sehr höflich. Es ist doch eher so, dass sie
hoffen, dass sich das Gegenteil erweist, oder?" Sein Pferd schnaubte
unruhig und trat einige Schritte zurück. "Aber sie werden enttäuscht
werden." Er deutete in Richtung des Tors. "Sie dürfen unsere Wölfe
gerne sehen und können sich auch in unserer Ordenshalle vergewissern, dass wir
auch keinen Wolf vor ihnen verbergen. Folgen sie mir." Er wandte sein Pferd
und ließ es langsam loslaufen.
Diane
und Jack tauschten erstaunte Blicke, zuckten synchron mit dem Schultern und
folgten dem Mann. Während sie so durch den Wald gingen, musterte Diane die
berittene Wache unverhohlen. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Sie konnte es
nicht konkret benennen, aber der Ort, wo die Hufen den Boden berührten und der
Ort wo der Kopf des Reiters saß schienen... nicht zusammenzupassen. "Fällt
ihnen an dem Kerl und seinem Pferd was auf?", fragte sie Jack deshalb.
Er
warf dem Reiter einen prüfenden Blick zu und schüttelte dann den Kopf. "Wenn
sie nicht meinen, dass er angezogen ist wie ein Spinner auf einem
Mittelalterfestival und einen seltsamen Akzent hat... Nein."
Doch
so sehr sie sich auch konzentrierte, es gelang ihr nicht, den seltsamen Eindruck
beiseite zu schieben. Etwas stimmte nicht mit diesem Mann.
Am
Tor angekommen wandte er sich noch einmal zu ihnen um. "Ich bitte um
Verzeihung, Miss O'Donnel, Mister Miller, aber Sie werden sich einen kleinen
Moment gedulden müssen. Der Orden ist es nicht gewöhnt, Menschen der Außenwelt
zu sehen und wir haben einen Sprecher für die seltenen Gäste. Er wird sofort
zu Ihnen kommen, während ich die Wölfe zusammentreiben lasse." Damit
verfiel sein Pferd ohne sichtbare Anweisung in den Galopp und war verschwunden.
Zwei
finster dreinblickende Wächter, ebenfalls in graue Roben gekleidet traten vor
das geöffnete Tor und versperrten so den Weg. Etwas raubtierhaftes lag in ihren
Bewegungen und ihren Blicken. Endgültig befremdlich waren die Schwerter an
ihren Hüften.
"Ich
wette, er will nur Beweise beiseite schaffen.", brummte Miller verdrießlich
und winkte nervös zu den Wachen herüber. Die verzogen keine Miene.
"Das
glaube ich nicht.", sagte Diane. "Sekten haben meist einen PR-Profi,
welcher die Öffentlichkeit mit lauwarmen Worten einlullen soll. Dieser Sprecher
wird dafür sorgen, dass uns der Orden wie ein Hort des Friedens und der tiefen
Vernunft erscheinen wird."
Quälend lange fünfzehn Minuten später kam ein ernst und sorgenvoll
dreinblickender Mann die Straße zum Tor herunter, der so gar nicht in das Bild
eines PR-Mannes passen wollte. Ein kantiges, wettergegerbtes Gesicht umrandet
von langem, verzotteltem Haar, ließ den Mann eher wie einen Survivalfreak
aussehen. Seine Robe war nicht grau, sondern in einem satten, angenehmen Grünton
gefärbt.
Er
verbeugte sich ehrerbietig vor ihnen. "Sein Sie willkommen, Miss
Diane.", begrüßte er sie mit rauer Stimme, die ihr einen Schauer über
den Rücken jagte. Er blickte ihr eine ganze Weile prüfend in die Augen, warf
aber Jack nur einen flüchtigen Blick zu, bevor er sie mit einladender Geste
bat, ihm zu folgen.
"Geben
sie den Wachen bitte ihre Schusswaffen und elektronischen Geräte. Der Orden
verabscheut die moderne Technik."
Sie
taten, wie ihnen geheißen war und machten sich dann endlich auf den Weg. "Mein
Name ist Shej Riim, Bruder des Ordens des Gleichgewichts und rechte Hand des
hohen Rates. Sie dürfen mich ruhig Shej nennen, das macht es einfacher."
Als
er sie anlächelte, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Einen Augenblick lang
war ihr, als hätte sie in rote Katzenaugen geblickt. Mühsam brachte sie einen
gelassenen Tonfall zustande: "Shej... ein ungewöhnlicher Name."
Shej
neigte offenbar geschmeichelt seinen Kopf und das schaurige Gefühl verschwand.
"Ich danke Ihnen. Sie werden feststellen, dass dies ganz und gar kein gewöhnlicher
Ort ist."
Diesmal
war sie in der Lage, sein Lächeln zu erwidern. "Möchten Sie uns ein wenig
von ihm erzählen? Ich muss eingestehen, dass ich nichts über ihren Orden weiß."
"Ist
das ein Verhör oder einfache Neugier?", schmunzelte Shej. Eigentlich
wirkte er unerwartet sympathisch.
"Reine
Neugier. Solange Sie mir nicht erzählen wollen, dass Sie Menschen jagen...",
ging sie auf seinen Scherz ein.
"Oh.
Dann eben nicht." Er zuckte seltsam mit den Ohren, ließ ihr Lachen
ausklingen und begann dann: "Der Orden des Gleichgewichts wird heutzutage
gerne als Sekte angesehen und es ist uns auch reichlich egal, wie man uns nennt.
In der Tat ist er aber schon Jahrhunderte alt. Er ging aus den druidischen
Kulten älterer europäischer Kulturen hervor und hält einige ihrer Glaubenssätze
bis heute am Leben."
Seine
raue Stimme fesselte sie rasch und sie wusste nun genau, warum der Orden Shej
ausgewählt hatte, sie zu empfangen. Er machte seine Sache gut.
"Wir
fühlen uns als die Wächter über das Gleichgewicht der Natur. Die Menschen von
heute stören dieses Gleichgewicht durch ihre Technik und ihre verdorbenen Auren."
"Klingt
für mich nach Hippies.", flüsterte Jack kaum hörbar, doch Shej warf ihm
einen tadelnden Blick zu.
"Sie
begreifen die Tiefe dessen nicht, was wir hier tun, Mister Jack.", sagte
Shej dennoch freundlich. "Es genügt nicht, die Natur in Frieden zu lassen,
während der Rest der Welt sie vernichtet. Wir leben für die Natur, geben ihr
unsere Kraft und stärken sie durch mächtige Rituale. Wir heilen, was zerstört
wird."
Er
hob sein Haupt in Stolz, als er fortfuhr: "Um dazu in der Lage zu sein, müssen
wir lernen, die Sprache des Landes und der Tiere zu verstehen, um ihre Sorgen
und ihr Leid zu begreifen. Diese Gabe erfordert ein Leben des hingebungsvollen
Lernens und der Meditation."
Diane,
die die ganze Zeit über die Umgebung im Auge behielt und nach etwas verdächtigem
Ausschau hielt, blickte ihren Gastgeber nun wieder an und erwiderte: "Das
klingt nach einer sehr friedlichen Existenz und einer bemerkenswerten Anschauung
dem Leben gegenüber. Doch warum schotten Sie sich dann derart von der Außenwelt
ab? Wozu die Schwerter tragende Wachen?"
Shej
warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Immer
im Dienst., sagte der. "Dieses Land hier ist unser Schrein. Es beschützt
uns und wir beschützen es. Wir lassen nicht zu, dass Außenstehende das Land
entweihen."
In
diesem Augenblick brach plötzlich ein Wolf aus dem Gebüsch links der Straße,
schnupperte die Luft und rannte dann die Straße hinauf.
"Wie...",
brachte Jack nur heraus.
Shej
hob abwehrend die Hände. "Sie werden es erst glauben, wenn sie es sehen,
Mister Jack."
Eine
Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Diane ihrer Neugier nachgab.
"Ich habe gehört, dass ihr Orden ein altes Schloss bewohnt... Das ist
ungewöhnlich für diese Gegend."
"Wir
haben es selbst erbaut." Als er ihren erstaunten Gesichtsausdruck bemerkte,
fügte er schmunzelnd hinzu. "Der Aequilibriumsorden hat es erbaut, nicht
wir. Auch wenn wir vielleicht gesünder leben, leben wir doch nicht so viel länger.
In
der Zeit der Besiedlung Amerikas kam der Orden ebenfalls über das Meer und
erbaute hier seine erste Ordenshalle. Es waren noch rauere Zeiten damals,
deswegen erinnert ihr Äußeres eher an eine Festung als an einen Hort der Natur."
Die
Straße bog sich nach rechts und wurde dann schnurgerade. Weit entfernt konnte
Diane einen ersten Blick auf graue, hohe Mauern aus behauenem Felsstein werfen.
Ein mächtiges Tor stand weit offen und wirkte dennoch sicher und uneinnehmbar.
Shej
erzählte noch ein wenig über die Geschichte des Ordens, doch Diane konnte
seinen Worten irgendwann nicht mehr so recht folgen. Zwei Wölfe trotteten an
ihnen vorbei und gesellten sich zu einem Rudel, das vor dem Tor der Ordenshalle
unruhig wartete.
Ein
weiterer in grün gehüllter Bruder des Ordens und eine grün gekleidete Frau
redeten ruhig auf die Wölfe ein und schienen sie so im Zaum zu halten. "Wie
machen die das?", unterbrach sie ihren Führer mitten im Satz.
"Gedulden
Sie sich noch einen Moment, Miss Diane." Shej schmunzelte nach wie vor auf
eine sehr sympathische Art und Weise. "Die Wolfsdruidin wird es Ihnen
besser erklären können als ich."
Es
war nicht mehr weit bis zum Platz vor der Ordenshalle, die sich mehr und mehr
vor ihnen wie eine Festung auftürmte. Graue, harte Wälle, Fenster erst weit über
dem Erdboden, wehrhafte Wachtürme und ein schützender Graben. Graue Wachen mit
Armbrüsten patrouillierten auf und vor den Mauern. Sie
scheinen für einen Krieg gewappnet zu sein, Bruder Shej., dachte sie bei
sich. Sie verstand einiges von Gebäudesicherheit und die geschärften Blicke
der Männer und Frauen, sowie ihre geschmeidige Art sich zu bewegen wiesen sie
als wachsam und gut ausgebildet aus. Shej Riim konnte ihr erzählen was er
wollte, da steckte mehr dahinter als nur das Fernhalten von Außenstehenden. Toll,
dann bleibt ja nur Sektenparanoia, Mafiaverwicklung, Verbergung paramilitärischer
Aktivitäten, illegaler Pizzaservice...
Je näher sie dem Wölfen kamen, desto unlieber setzte sie einen Fuß vor den
anderen. Zu genau erinnerte sie sich an ihren Wolfstraum. Die Wölfe musterten
sie und Jack misstrauisch und witterten immer wieder die Luft nach dem neuen
Geruch, den sie beide mitbrachten. Den wölfischsten Blick von allen warf ihr
aber die Frau zu, die zu den Wölfen sprach. Ihr Lächeln erinnerte Diane an die
gefletschten Zähne ihrer Schützlinge. Auf einmal fühlte Diane sich ohne ihre
Waffe nackt.
„Das
ist unglaublich.“ Jack Miller staunte wie ein Kind zur Bescherung. „Wie
haben sie die Wölfe dressieren können?“, fragte er die Wolfsbändigerin.
Die
warf ihm einen bösen Blick zu. „Wir dressieren die Tiere nicht. Wir lernen
ihre Sprache.“
Diane
sah erstaunt zu Bruder Shej. Sie hatte nicht geahnt, dass er es wörtlich
gemeint hatte. „Ich bin Diane O’Donnell.“, stellte sie sich vor und
reichte der Druidin die Hand.
„Ich
weiß, wer sie sind, Miss O’Donnell.“, erwiderte die Druidin kühl und
ignorierte ihre Hand. „Ich habe die Wölfe bereits gefragt. Sie können Ihre
Abdrücke nehmen.“
Mit
hochgezogenen Augenbrauen wechselten Diane und ihr Begleiter erstaunte Blicke
und Miller setze seine Beweismitteltasche ab und fummelte sichtlich nervös
wegen der Wölfe an ihr herum. Er brachte ein Päckchen mit der Bissmasse heraus
und sah es zweifelnd an. Er wusste wohl nicht so recht, was er nun tun sollte.
Ursprünglich hatte er eher daran gedacht, von betäubten Wölfen die Abdrücke
zu nehmen.
Unwirsch
nahm ihm die Druidin das Päckchen aus der Hand, schnupperte daran und verzog
das Gesicht. Dann hielt sie es dem schnuppernden Wolf hin, der Jack daraufhin
anknurrte und schließlich hineinbiss.
Die
Druidin flüsterte ihm etwas ins Ohr und der Wolf sprang davon. „Er findet es
abscheulich.“ Angewidert gab sie Jack den Gebissabdruck zurück, der es
sprachlos staunend entgegennahm.
Diane
ging es nicht anders. Das war einfach unglaublich. Das Seltsame war, dass sie
nicht so recht wusste, ob ihr die Abdrücke als Beweis genügen würden. Wer
derart mit Wölfen umzugehen vermochte, konnte sie doch auch zum Töten
einsetzen, oder? „Kommen Sie klar, Jack? Ich würde mich gerne noch ein wenig
umsehen.“
Jack
kritzelte etwas auf seiner Checkliste herum und nickte geistesabwesend. Dabei
behielt er die Tiere argwöhnisch im Blick.
„Ich
sagte Ihnen doch, dass dies ein ungewöhnlicher Ort ist.“, sagte Shej. Sein
sympathisches Schmunzeln galt wohl dem kaum verborgenen Ausdruck grenzenlosen
Staunens, der sich Dianes bemächtig hatte. „Was wollen Sie sich ansehen?“
„Noch
mehr Außergewöhnliches.“, antwortete sie begeistert und war ein wenig
traurig, dass das nicht die ganze Wahrheit war. So sehr sie all das hier
faszinierte, blieb der Orden verdächtig. Erst recht, da sie bei beinahe jedem,
der hier herumlief ein seltsames, bedrohliches Gefühl hatte. Ignorieren
Sie niemals ihren Instinkt., hatte man ihr während der Ausbildung immer
wieder gesagt. Und ihre Instinkte dienten ihr seitdem gut.
„Dann
folgen Sie mir. Im Gegensatz zu den meisten Brüdern und Schwestern unsers
Ordens bin ich der Auffassung, dass ein wenig Öffnung nach Außen nicht schaden
kann.“
Sie
ließen Jack mit der Druidin und den Wölfen allein und gingen zu dem Tor der...
Festung. Dianes Augen waren ständig auf der Suche nach Sicherheitsvorkehrungen
und sie war erstaunt, keine außer den Wachen zu finden. Ihre Aversion gegen die
Technik hielt sie offenbar auch davon ab, Alarmanlagen oder ähnliches zu
installieren.
Ein
seltsames Symbol auf der Schwelle erregte ihre Aufmerksamkeit.
„Sie
werden hier überall solcherlei Runen finden, Miss Diane.“, erklärte ihr Shej
bereitwillig. „Das, was sie am ehesten als Mystik bezeichnen würden, prägt
unseren Glauben und unser Leben.“
Trotz
seiner Worte trat sie ungern über das Zeichen hinweg. Ein seltsamer Schauer überkam
sie und verging ebenso rasch.
Eine
unglaublich schöne Frau kam ihnen energischen Schritts entgegen. „Shejrriim.
Wir müssen reden!“, forderte sie harsch. Zu Dianes Verwunderung trug sie
keine einfarbige Robe, sondern eine elegant geschnittene Bluse und Hose
unterschiedlicher Farben.
„Das
ist nicht der geeignete Zeitpunkt, Schwester Thuvindal. Wir haben einen Gast vom
FBI.“
Mit
zusammengekniffenen Augen musterte sie Diane eindringlich, sagte: „Sieh Dich
vor, sie ist mehr, als sie uns glauben lässt.“ und stürmte zum Tor hinaus.
Diane
sah ihr entgeistert und misstrauisch hinterher. Diese Person hatte nur einen
kurzen Blick gebraucht, damit sich Diane bis aufs Mark durchleuchtet fühlte.
Und ihre offene Aggressivität passte gar nicht zu dem Orden.
„Entschuldigen
Sie bitte ihr Verhalten, Miss Diane.“, der ihren Blick offenbar missverstand.
„Wer
ist sie? Eine vom Rat?“
Shej
lachte herzlich über ihre Worte auf, bemühte sich aber rasch, es wieder
runterzuschlucken. „Nein, nein. Sie ist erst seit kurzem bei uns.“ Mit einer
Geste in Richtung der Halle lud er sie zum weitergehen ein. „Sie hat ihr
Temperament noch nicht so recht unter Kontrolle.“
Diane
bat ihren Führer, ihr einfach kurz alle Räume zu zeigen, damit sie sicher
gehen konnte, dass der Orden nicht noch irgendwo andere wilde Tiere versteckte
und er willigte ohne Zögern ein.
Während
er sie nach und nach durch Schreibstuben, Essensäle, Quartiere,
Versammlungszimmer und Räume anderer Art führte, unterhielten sie sich
angeregt und Dianes Staunen wurde immer größer. Sowohl seine Erzählungen wie
auch jede Ecke dieser Festung sprachen eine eindeutige Sprache. Diese Menschen
liebten das Leben in all seinen Formen über alles.
Bruder
Shej redete verträumt von den Hainen seiner Heimat, schwärmte von der Schönheit
und Vollkommenheit eines Baumes, dem Klang des Regens auf Seerosenblättern und
ihr wurde nicht langweilig dabei. Er sprach wie ein Verliebter.
Überall,
sei es auf den langen Gängen, in den größten Sälen oder in den kleinsten
Kammern... überall gediehen Pflanzen, Blumen, Bäumchen, Büsche unter
geschickt durch Schächte in der Decke geleitetem Sonnenlicht. „Dass wir die
modern Technik verabscheuen bedeutet nicht, dass wir auf dem Stand des
Mittelalters leben.“, sagte Shej nicht ohne Stolz, nachdem er ihre neugierigen
Blicke bemerkt hatte. „Wir fangen das Licht mit Spiegeln und Linsen auf dem
Dach ein und leiten es in die Zimmer.“
Dennoch
fühlte sich Diane in das Mittelalter zurückversetzt – eine nicht ganz so
finstere Version des Mittelalters. Es gab da einen marmorierten Saal, der
prunkvoll eingerichtet und Ehrfurcht gebietend groß war – Shej sagte, dass
sich hier der Rat versammelte. Eine eindrucksvolle Bibliothek hielt Bände und
Schriftrollen, die so aussahen, als wären sie schon zu Luthers Zeiten alt
gewesen. Fackeln steckten an den Wänden und warteten auf die Nacht. Überall
schritten in Roben gehüllt Gestalten einher, die sie unfreundlich musterten.
Die Zeit weilte hier einfach noch im Gestern, so schien es.
Doch
trotz ihrer Faszination tat Diane ihren Job. Ihr Kopf zeichnete den Grundriss
jedes Raumes mit, suchte nach Lücken, verborgenen Kammern. Ihr fiel auf, dass
zwar viele magisch anmutende Symbole auf dem Boden, an Säulen und Türpfosten
zu sehen waren, aber dass keines von ihnen Anlehnung an keltische Symbolik fand.
Dabei hatte Shej doch während seiner Erzählungen erwähnt, dass die keltischen
Druiden eine der Wurzeln ihres Glaubens waren.
Jeder,
aber auch wirklich jeder hier machte auf sie einen kampfbereiten Eindruck. Diane
hatte genug mit trainierten Elitekämpfern zu tun gehabt, um die kleinen
Anzeichen zu erkennen, die solche Menschen verrieten: stets wachsame Blicke,
diese bestimmte, vorsichtige, bereite
Art sich zu bewegen, Anspannung in allem, was sie taten. Zwar glaubte sie nicht,
dass jeder hier ein verkappter Profisöldner war, aber es waren... Krieger die
jederzeit auf einen Angriff gefasst waren.
Und
je mehr sie auf ihren Instinkt lauschte, um so mehr schien etwas nicht zu
stimmen mit diesem Orden. Doch allein auf ihren Instinkt verließ sie sich nie.
Ihr Verstand bescheinigte ihr, dass Shej offenbar keinen Raum vor ihr verbarg,
dass es keinen Beweis für einen Zusammenhang mit den Wolfsmorden gab, dass es
keinen rationalen Grund gab, überhaupt nur einen Zusammenhang zu sehen.
War es nicht sogar so, dass der Mörder Garmonts und Dwenmoores Computer- und
Technikspezialist gewesen sein musste? In diesem Gebäude gab es nicht einmal
einen Taschenrechner.
Nachdem die seltsamste Führung ihres Lebens zu Ende gegangen war, traf sie vor
der Festung wieder auf Jack Miller, der sich begeistert mit der Druidin
unterhielt. Sehr zu ihrem Leidwesen, wie es schien, denn sie versuchte nicht
einmal ihre Erleichterung zu verbergen, als sie Diane kommen sah.
„Haben
Sie alles, was sie brauchen, Mister Jack?“, fragte Shej freundlich.
„Alle
siebenundvierzig registrierten Wölfe haben mir bewiesen, dass ich noch eine
Menge zu lernen habe.“, antwortete er mit lebhafter Begeisterung. „Wenn ich
das meiner kleinen Tochter erzähle, glaubt sie mir das nie.“
Ohne
sich zu verabschieden ging die Druidin fort und Shej brachte sie zurück zum Tor
des Anwesens. „Leben Sie wohl, Miss Diane.
Es war mir ein Vergnügen, einen solch aufmerksamen Zuhörer zu haben.“,
sagte er zum Abschied und reichte ihr die Hand.
„Es
war mir eine Freude, Bruder Shej.“ Sie schüttelte seine Hand und
musste sich bemühen, die Miene nicht zu verziehen, bis sie sich abgewandt hatte.
Einen kurzen Augenblick war ihr gewesen, als hätte sie Fell berührt.
Enthüllungen
und Rätsel
„Meine Antwort auf Ihre
Frage wird Ihnen nicht gefallen.“, sagte Jack Miller gut gelaunt, als er am nächsten
Tag ihr Büro betrat.
Verwundert sah sie
ihn an. Sie war ein wenig zerstreut, weil er sie aus einer Internetrecherche
wegen des Ordens herausgerissen hatte. „Ich habe Sie doch noch gar nichts
gefragt.“
„Dann tun
Sie’s!“ Der junge Mann versteckte etwas hinter seinem Rücken und wirkte wie
ein Lausbube, der Süßigkeiten gestohlen hatte.
„Was haben Sie
anhand der Gebissabdrücke herausgefunden?“
„Die Tiere sind
alle prächtig gesund. Und sie können nichts mit den Wolfsmorden zu tun haben.
Ihre Gebisse sind alle zu klein.“
„Verdammt.“
Sie hatte so etwas schon vermutet. Warum sonst diese Zusammenarbeit?
„Ich sagte doch,
dass es Ihnen nicht gefallen wird.“ Mit einem entschuldigenden Achselzucken
legte er seinen Bericht auf ihren Schreibtisch.
„Ich hätte es
von dem Moment an wissen müssen, als uns die Sekte ohne Durchsuchungsbefehl auf
ihr Anwesen gelassen hat. Sie haben uns nur geduldet, weil sie ihre Unschuld
beweisen konnten.“
„Also zurück zu
den anderen Spuren?“
Diane fühlte sich
ein wenig niedergeschlagen. Ewig nur im Dunkel zu tappen, lag ihr nicht
sonderlich. Ihre andern Jobs für die Agency waren stets konkrete Ziele gewesen...
„Sieht so aus.“
Jack warf ihr
einen mitfühlenden Blick zu, für den sie ihn am liebsten umarmt hätte. „Die
Pathologie hat die Leiche von dem Koreaner fertig. Wollen Sie sich die auch mal
ansehen?“
„Der
Kampfsportler?“
Jack nickte und
sie ging mit ihnen zusammen in Richtung Keller.
„Das klingt
jetzt vielleicht nicht gerade professionell...“, begann Jack und hielt dann zögerlich
inne.
Diane musterte ihn
lächelnd. Sie mochte Jack. Er wirkte trotz seiner dreißig Jahre noch
erfrischend lebendig und jungenhaft. „Nur heraus damit.“
„Glauben Sie,
dass sie nichts mit den Morden zu tun haben?“
„Der Orden?“
Diane lachte trocken. „Ich sollte es glauben, aber etwas an ihnen schmeckt mir
nicht. Die Sache ist nicht rund und ich habe ein seltsames Gefühl bei diesen
Kuttenträgern. Nichts, was sich konkret in Worte fassen ließe.“ Sie klopfte
sich auf den Bauch. „Das sitzt mehr hier.“
Jack wirkte
erleichtert, dass sie so offen zu ihm war. „Bei dieser Wolfslady ist es mir
auch schummrig geworden. Sie hat mich ziemlich feindselig angesehen, weil ich
ihre Wölfe mit dieser ekligen Abdruckmasse belästigt habe. Sie hätten das
sehen müssen!“ Er schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. „Einer nach
dem anderen kommt artig angetrottet, knurrt mich beleidigt an und beißt dann
– angewidert möchte ich meinen – in das Zeug.“
Sie stießen die
schwere Tür zu Pathologie auf und tauchten in das kalte, sterile Reich der
Gerichtsmedizin ein. Jack rümpfte die Nase und Diane meinte sarkastisch: „Ah!
Ich liebe den Geruch von Desinfektionsmitteln am Morgen.“
Jack warf ihr
einen halb säuerlichen, halb belustigten Blick zu. „Sie klingen schon wie die.“, er nickte in Richtung eines Gerichtsmediziners, der gerade
eine Leiche untersuchte.
„Reiner Überlebensinstinkt.
Fragen Sie...“, sie stockte als sie im Vorrübergehen einen Blick auf das
Gesicht der Leiche warf. „...Freud.“ Diane blieb fassungslos stehen. „Verdammte
Scheiße.“ Der Tote auf dem Obduktionstisch war Mister Paranoid.
„Er war was?“ Der Captain sah sie entgeistert über den Rand seines
Kaffeebechers an.
„Ein Zeuge im
Mordfall in der Shermstreet. Und jetzt liegt er von einem Auto überrollt im
Leichenkeller.“, wiederholt Diane gelassen. Nach einem kurzen inneren Ringen,
hatte sie beschlossen, Bofield zu vertrauen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass er
einer der wenigen wirklich cleanen Cops war.
Bofield trank
seinen Kaffee in einem großen Schluck aus, warf den Becher in den Müll und
begann in seiner Schublade herumzuwühlen. „Wieso zum Henker weiß ich davon
nichts!“, brummte er verärgert. „Ich bin immer noch der Chef hier.“
„Er hat sich
direkt an mich gewandt und bestand darauf, dass niemand von ihm erfährt.“ Sie
senkte ein wenig ihre Stimme, als sie fortfuhr: „Seiner Aussage habe ich bis
zum heutigen Tag auch nicht viel Glauben geschenkt. Doch sein Tod passt zu sehr
zu meinen anderen Erlebnissen.“
Der Captain sah
kurz von seiner Suchaktion auf, mit einem Blick der soviel sagte, wie was zum Teufel kommt jetzt noch, bevor er sich wieder seiner
Schublade widmete.
„Es ist mehr an
dem Fall dran, als es zunächst scheint, Captain. Je mehr ich darüber nachdenke,
desto sicher bin ich mir, dass die Morde an Dwenmoore und Garmont entweder an
einen anderen Täter oder an ein anderes Motiv gebunden sind, als die restlichen
Morde.“
„Wo sind meine
verdammten Zigaretten?“, seufzte Bofield resigniert, ließ sich in seinen
Stuhl zurückfallen und widmete seine Aufmerksamkeit ganz ihr. „Ist seit
unserem Gespräch im Park noch mehr dazu gekommen, was sie zu diesem Schluss
bringt?“
Diane verstummte
kurz. Eine witzige Frage. Es war seit dem soviel geschehen, dass sie aufpassen
musste, nichts auszulassen. „In mein Hotelzimmer ist eingebrochen worden...“
„Was?“
„... ich wurde
des Nachts von einem gutbetuchten Mafiosiverschnitt auf den Fall angesprochen,
eine Typ schnüffelte als Page verkleidet hinter mir her und nun liegt mein
einziger Zeuge tot im Kühlschrank.“ Außerdem
habe ich regelmäßig seltsame Halluzinationen, ich fühle mich auf Schritt und
Tritt verfolgt und der Orden des Gleichgewichts jagt mir einen Schauer über den
Rücken., fügte sie noch in Gedanken hinzu. Und wenn wir schon dabei sind: Jemand von der Regierung wollte, dass
sich die Agency um den Fall kümmert. Habe ich noch nicht erwähnt, dass ich gar
nicht vom FBI bin?
Captain
Bofield hatte offenbar so schon genug damit zu tun, die Sache zu verdauen, ohne
noch ihre Gedanken zu hören. „Wo bin ich da nur reingeraten?“, seufzte er
und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Da ist wirklich was mächtig faul,
oder ich bin nicht zu Recht Captain.“
„So wie der Hase
läuft, geht es da um einflussreiche Leute. Vielleicht waren die Morde an
Garmont und Dwenmoore Auftragstötungen.“ Diane grübelte einen Moment lang.
„Entweder jemand imitiert die Wolfsmorde, wozu er aber eine Quelle in der
Polizei bräuchte, die ihm Details verrät. Oder jemand bringt den Wolfsmörder
dazu, gelegentlich gezielt zuzuschlagen. Vielleicht wird er mit Beweisen
erpresst oder lässt sich einfach bezahlen...“
Bofield sah aus,
als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Mir schmecken beide Vorstellungen
nicht. Entweder ein Polizeispitzel oder ein erpressbarer Serienmörder. Was hat
ihr Zeuge denn eigentlich über den Mord in der Shermstreet gesagt?“
„Er sagte...“
Diane räusperte sich und verstand auf ein Mal sehr gut, wie sich Mr. Paranoid
damals gefühlt hatte. „Der Täter wäre entweder in einem Wolfskostüm
verkleidet, das Produkt eines Genexperiments der Regierung oder ein Werwolf.“
Die Kinnlade
Bofields kämpfte mit der Schwerkraft und gewann ziemlich schnell. „Das ist
der denkbar größte Bullshit den ich je gehört habe.“
Wem
sagen sie das? „Ich weiß. Doch jetzt ist er tot und hat vielleicht mehr
Wahrheit in seinen Worten gehabt, als wir glauben wollen. Oder er hat noch mehr
gewusst, als er mir gesagt hat. Aber ich glaube nicht, dass es ein zufälliger
Autounfall war, dem er zum Opfer fiel. Mit Fahrerflucht.“
Der Captain wirkte
reichlich hilflos, als er durch die Scheibe zu den Schreibtischen der Polizisten
sah, dann auf seine Hände hinab und schließlich in Dianes Augen. „Es ist
eine Schande, dass wir nicht wissen wo er gewohnt hat. Er hatte keinerlei
Papiere bei sich und in der Kartei sind keine Fingerabdrücke von ihm zu finden.“
„Ich war bei ihm
zu Hause.“
Bofield seufzte
laut und sackte ein wenig zusammen. „Sie bringen mich noch um den Verstand,
Miss O’Donnell. Leider kann ich Sie nicht dazu verdonnern, mir täglich einen
Bericht zu schreiben, aber bitte...“, er sah sie geradezu flehentlich an, „bitte halten Sie mich ab jetzt halbwegs auf dem Laufenden, ohne
dass ich fragen muss.“
Sie wollten gerade das Revier verlassen, als ein Kurier von UPS auftauchte und für
Miss O’Donnell ein Päckchen abzugeben hatte. Captain Bofield begann auf den
Absender zu schielen, also unterschrieb Diane hastig und riss das Päckchen an
sich.
„Miss
O’Donnell? Wieso habe ich das Gefühl dass Sie schon wieder ein Geheimnis vor
mir haben?“ Bofield schmunzelte diesmal amüsiert. „Warum schickt ihnen eine
Modelagentur für Schwule ein Päckchen?“
Diane verfluchte
den Scherzkeks von Kollegen, der einer Frau einen solchen Falschabsender
herausgesucht hatte. „Nur der Scherz eines Kollegen, vermute ich. Ich habe das
Video, das ich von Mister Paranoid bekommen habe, auf Echtheit prüfen lassen.“
„Mister
Paranoid?“
„Der Tote im
Keller.“
„Aha.“ Bofield
schüttelte den Kopf und kramte in seinen Taschen nach dem Autoschlüssel. „Wieso
haben sie das nicht von unseren Leuten machen lassen?“ Er fand sie und sie
stiegen ins Auto ein.
„Ich wollte nur
sicher...“ gehen. Aus dem Strom von
Menschen, die in das Polizeirevier strömten und aus ihm herauskamen, stach eine
Polizistin drastisch hervor. Sie hatte einen Wolfskopf. Diane drückte fest die
Augen zu, dass es ihr beinahe wehtat und sah erneut hin. Das Trugbild war
verschwunden, doch nun viel ihr auf, dass die Blicke der Polizistin ständig über
Diane hinwegglitten, ohne sie jedoch konkret anzusehen.
„Wer ist
das?“, fragte sie Bofield. „Die blonde Polizistin dort?“
Bofield neigte
sich zu Dianes Seitenfenster und sah hinaus. „Die kenne ich nicht. Sie ist
nicht von unserer Truppe. Warum?“
„Sie beobachtet
uns. Seit sie aus dem Revier kam, tut sie so, als würde sie telefonieren.“
Der Captain
runzelte die Stirn, brummte etwas Unverständliches und stieg aus. In diesem
Moment begann die Polizistin aufmerksam zu werden und sich vom Strom der
Menschen mittragen zu lassen.
„Officer!“,
rief Bofield angespannt. Offenbar kam es ihm nun auch seltsam vor. Doch die Frau
reagierte nicht. „Officer! Bleiben Sie kurz stehen! Captain Bofield, einen
Moment bitte.“
Nun hatte es für
die Blonde keinen Sinn mehr, so zu tun als ob sie das alles nichts anginge.
Einen Augenblick zögerte sie, starrte Bofield finster an und rannte urplötzlich
davon. Diane sprang aus dem Auto, Bofield setzte ebenfalls zur Verfolgung an und
so begann für Flüchtige und Verfolger ein zäher Kampf durch die
Menschenmassen.
Einen Block später
hatten sie sie im Gedränge verloren.
Captain Bofield
schnaufte ein wenig, hatte aber noch genug Puste für den ein oder anderen Fluch.
„Wie haben Sie die entdeck? Es waren vierzig Menschen vor dem Eingang, zehn
davon Polizisten...“
Das war eine gute
Frage. Diane sah finster in die Richtung, in der die falsche Polizistin
entkommen war. Wie hatte sie sie erkannt? Der Wolfkopf musste irgendwie Ausdruck
ihres Unterbewusstseins gewesen sein. „Instinkt?“
Die Wohnung des toten Paranoikers schien nicht angerührt worden zu sein. Die Tür
war mit mehreren Schlössern abgeschlossen, von denen keines verdächtige Spuren
aufwies. Mit dem Schlüsselbund, das man beim Toten gefunden hatte, bekamen sie
schließlich alle auf.
Eigentlich sah
noch alles so aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Nur der überdimensonierte
Fernseher war aus und das Gerät, das die Überwachungsvideos aufzeichnete,
blinkte und verlangte nach einer neuen Kassette.
„Sieht alles
ziemlich unpersönlich aus.“, meinte Bofield, nachdem er einen Blick in jedes
Zimmer geworfen hatte. „Wenn man ein Leben auf der Flucht führt, hat es
vermutlich keinen Sinn, sich Gemütlichkeit zu schaffen.“
Diane hatte
indessen die Kassette aus dem Rekorder herausgeholt, den Mr. Paranoid in einem
Panzerglasschrank installiert hatte. „Wir haben Glück. Der Zeitraum auf
diesem Band endet erst vor fünf Stunden. Wenn sich jemand an dieser Wohnung zu
schaffen gemacht hat, ist er hier zu finden.“
Bofield schüttelte
den Kopf. „Die Wohnung sieht nicht so aus, als hätte sie jemand durchsucht.
Alles scheint mehr oder weniger geordnet und ein Einbrecher hätte, wenn er
schon den Schrank nicht aufbekommen hätte, doch versucht ihn aufzubrechen, um
das Band zu vernichten. Es sind keine Spuren an dem Schrank.“
Diane holte die
Kassette hervor, die sie der Agency geschickt hatte, und schob sie in den
Rekorder. Kurze Zeit später hatte sie den Zeitindex gefunden, ab dem laut
Gerichtsmedizin der Mord geschehen sein könnte.
„Das Bild
scheint in Ordnung zu sein.“, wunderte sich Diane. „Er sagte, die Bilder
seien unscharf.“ Eine Weile geschah nichts und sie las das kurze Schreiben
durch, das bei der Kassette gelegen hatte. „Kassette eindeutig original und
ohne aufspürbare Manipulation. Codierung mit 2 Kilobit Verschlüsselungstiefe,
nur mit viel Zeit und extremen technischen Mitteln decodierbar. Keine privaten
Quellen entsprechender Technik bekannt. Störungen auf Band sind unbekannter Art
und müssen bei der Optik gesucht werden.“
Bofield versuchte
erst gar nicht, ihr beim Lesen über die Schulter zu schauen. Vermutlich hielt
er es für besser, sie einfach machen zu lassen. Ahnte er etwas?
„Sehen Sie!“
Der Obdachlose kam ins Bild und begann systematisch und mit stoischer
Gelassenheit die Mülltonnen der Gasse zu durchsuchen. Nach und nach nährte er
sich der Stelle seines Leichenfunds und die Anspannung in Diane wuchs enorm.
Plötzlich tauchte
eine Bildunschärfe wie aus dem Nichts in einem der Schatten der Gasse auf. Der
Obdachlose hob verwundert den Kopf, lauschte. Der unscharfe Fleck glitt durch
die Schatten auf ihn zu, da schnellte der Obdachlose herum und erstarrte. Er
sagte irgendetwas, sah sich hektisch nach einem Fluchtweg um und wollte
wegrennen. Die Unschärfe machte einen gewaltigen Satz und schleuderte ihn mit
enormer Wucht gegen die Mauer.
„Das ist die
Stelle, wo der Blutfleck zu finden war.“, raunte Bofield. „Es war sein Blut.“
Die Unschärfe
wich zurück, der Obdachlose lauschte, Panik im Gesicht tragend, vielleicht
sprach der Täter zu ihm. Zögernd löste er sich mit dem Rücken von der Wand,
hob die Fäuste wie zum Boxkampf. Die Unschärfe sprang heran, verdeckte kurz
den Obdachlosen und wich erneut zurück. Blutige Kratzer waren nun auf der Wange
des Opfers zu sehen.
Der Obdachlose
begann zu brüllen, pumpte Zorn und Mut in sich hinein und stürzte sich auf
seinen Angreifer. Offenbar entbrannte ein heftiger Kampf, der von der Unschärfe
aber meist verschleiert wurde. Ab und zu wurde der Obdachlose aus ihr
herausgestoßen, mit immer schwereren Wunden übersäht, bis er zu Boden
geworfen wurde. Die Unschärfe sprang auf ihn, schien sich zu ducken. Als sie
nach einiger Zeit von dem Opfer wich, rann Blut aus der klaffenden Halswunde des
Mannes.
Dann glitt der Mörder
zur Wand. Wörter kamen unter dem blinden Fleck hervor. Dieser Satz. Das hatte ich schon beinahe vergessen! Dann wich die
Unschärfe in einen tiefen Schatten zurück und löste sich auf.
Die
Wölfe vom Orden kann ich vergessen., war das erste, was ihr nach diesem
grausig obskuren Schauspiel durch den Kopf ging. Das war kein Wolf. Jemand hat gekämpft, vielleicht mit metallenen
Krallen bewaffnet... Aber die Genspuren, die Miller gefunden hat, waren von
einem Wolf... Da passt was nicht.
„Das ist
eine verdammte Sauerei!“, fluchte Bofield leise und tastete die Taschen seines
Mantels ab, fischte eine Schachtel Marlboro hervor und fluchte noch mal.
„Leer.“ Er blickte Diane durchdringend an. „Was war das für eine
verfluchte Störung auf dem Bild?“
Sie zuckte mit den
Schultern. „Der Täter muss irgendeine Störvorrichtung benutzt haben. Meine
Kollegen meinten, die Störung kommt auf jeden Fall von der Quelle, nicht vom
Band.“
„Eine Störvorrichtung...“
Er zerknüllte die Zigarettenschachtel und rammte sie in seine Hosentasche. „Einmal
mehr ein Beweis dafür, dass unser Mörder ein Technikass sein muss. Wenn ich
mich hier so umgucke, war vielleicht Ihr Mister Paranoid sein Lieferant und
hatte ausgedient.“
Sie stellten die
ganze Wohnung auf den Kopf, fanden aber nicht viel Brauchbares. Der Mann, der
hier gelebt hatte, schien außer seiner Paranoia nicht viele Hobbys zu haben und
abgesehen von einer Reihe zweifelhafter Zeitungsausschnitte, in denen es um
Verschwörungen und Geheimplänen der Regierung ging, schien er keine
nennenswerten Beweise seiner verworrenen Gedanken zu haben. Es war gut möglich,
dass er sie irgendwo in einem anonymen Schließfach aufbewahrte, doch weder an
seinem Schlüsselbund noch in seiner Wohnung fanden sie einen Schlüssel dazu.
Die Technik, die
hier überall herumlag, war nur Spielzeug. Der Mann verstand sein Handwerk und
hatte einige interessante Abhörvorrichtungen, Überwachungskameras und ähnliches
gebastelt, aber nichts von dem, was hier herumlag, war technisch hoch genug
entwickelt, um daraus Hightech wie einen Störsender zu bauen.
„Ich werde die
Jungs von der Spurensuche die Wohnung genau untersuchen lassen.“, sagte
Bofield schließlich. „Und jemanden mit dem Vermieter reden lassen. Es würde
mich schon interessieren, wer er war. Doch ich fürchte, Sie müssen in Betracht
ziehen...“
„...das es
wirklich nur ein Unfall war.“, beendete Diane seinen Satz, während sie eine
Schachtel mit Visitenkarten durchwühlte. „Das halte ich nach wie vor für möglich,
aber nach allem was geschehen ist, scheint mir das ein zu großer Zufall zu sein.“
Sie zog eine Karte heraus. „Was ist denn das? Robert Spencer? Dieser Name
kommt mir bekannt vor.“
Captain Bofield
wurde hellhörig. „Der tote Journalist aus dem Park.“
Diane steckte die
Visitenkarte in ihre Innentasche. „Glauben Sie immer noch an einen Unfall?“
Er schüttelte
langsam den Kopf. „Ich denke nicht. Seine Wohnung wurde inzwischen freigegeben
und bestimmt schon geräumt. Aber ich habe die Adresse von seinen Eltern.“
Miss Spencer wirkte trotz der Wochen, die seit dem Tod ihres Sohnes vergangen
waren, noch ziemlich aufgelöst. Offenbar kannte sie den Captain bereits, denn
sie begann sofort wieder an zu weinen, als sie ihn erblickte.
„Haben Sie ihn?“,
war das Erste, was sie herausbrachte. Dann ließ sie kraftlos den Kopf hängen,
und verbesserte sich. „Natürlich nicht. Es wäre in den Nachrichten gekommen.“
Eine Zeit lang stand sie nur da, sah den Boden an und schien sie beide vergessen
zu haben.
„Miss
Spencer?“, fragte Diane behutsam. Wie aus einem traurigen Traum erwacht, sah
sie auf. Die arme Frau. Ich wünschte, wir
müssten das hier nicht tun.
„Warum sind
Sie hier?“, wandte sie sich an Bofield. Ihre Stimme war müde und kraftlos.
„Nun, Ma’am,
wir haben uns gefragt, ob Sie vielleicht die Sachen von ihrem Sohn aufgehoben
haben.“
Ein paar Sekunden
vergingen, bis sie antworteten. „Was hat das zu bedeuten? Ich dachte, es war
ein irrer Crackjunkey, der meinen Jungen umgebracht hat.“
„Es sieht allmählich
nicht mehr danach aus.“, erwiderte Diane mitfühlend. „Wir hoffen, in seinen
Unterlagen vielleicht einen Hinweis auf den Mörder zu finden.“
Miss Spencer schüttelte
ungläubig den Kopf und trat beiseite. „Ich habe ihm immer gesagt, dass er
sich nicht zuviel zutrauen soll.“ Sie traten ein und folgten der gramgebeugten
Frau in ein kleines Zimmer, in dem etliche Kartons ordentlich gestapelt auf dem
Boden standen. „Das war sein altes Zimmer. Ich habe es immer so gelassen, wie
es war, damit er jeder Zeit...“ Tränen flossen ihre Wangen hinab. „Ich habe
ihm immer gesagt, dass es gefährlich ist, sich mit diesem Milliardär anzulegen!
‚Er ist eine Nummer zu groß für Dich.’, habe ich ihm gesagt. Er hat nur
geantwortet, dass er vorsichtig sein würde...“
Diane berührte
die Frau sanft an der Schulter und diese sah vollkommen überrascht auf. „Von
welchem Milliardär sprechen Sie?“
„Die Blätter
sind voll mit seiner Erfolgsgeschichte! Jonathan Saphrosis! Robert sagte, er wäre
an etwas Großem dran gewesen. Er hatte den Kopf voll von Träumereien über
einen Enthüllungsbericht, der ihm die Tür zu den großen, renommierten
Zeitschriften öffnen würde. Mein armer Junge.“ Sie zeigte mit einer
zitternden Hand auf einen Stapel, der ein wenig abseits stand.
Jonathan
Saphrosis, sieh an, sieh an. Diane ging zu den Kartons und sah hinein. Eine
Unmenge von handbeschriebenen Zetteln, zusammengehalten durch Büroklammern, lag
in dem obersten Karton. Filmdosen wild verstreut unter dem Papier begraben. Das
wird eine Ewigkeit dauern, die durchzusehen., dachte Diane. Sie nahm einen
Packen Zettel in die Hand, überfolg die mit einer engen, präzisen Schrift gefüllten
Blätter. Einige bekannte Namen tauchten auf, darunter „JSC Micro Biotics“,
eben jenes Genforschungsunternehmen, das ihr schon zuvor aufgefallen war.
Saphrosis’ Unternehmen.
„Ma’am? Dürfen
wir das mitnehmen?“, fragte Bofield mit erstaunlich sanfter Stimme und die
Frau nickte stumm. „Wenn das dazu führt, dass sie das Schwein fassen, das
meinen Sohn...“
Diane bekam die
letzten Worte der Frau nicht mehr richtig mit. Als sie zufällig aus dem Fenster
geblickt hatte, entdeckte sie unten auf der Straße den seltsamsten Touristen,
den sie je gesehen hatte. Er hielt eine Karte der Stadt in den Händen, deren
Krallen doch recht befremdlich wirkten. Auch wenn sie dank ihrer gutbewährten
Übung dieses Bild beiseite zu schieben vermochte, fiel ihr auf, dass sich der
Tourist ziemlich dumm mit seiner Karte anstellte und wohl nicht fand, was er
suchte. Außerdem huschten seine Blicke ständig zu der Haustür, in der Diane
mit Bofield verschwunden war. Jetzt reicht
es mir.
„Captain,
halten sie diesen Typen mit der Karte im Auge. Ich gehe runter.“
Sie hastete zur Tür
hinaus und brachte die Treppen der zwei Etagen in Rekordtempo hinter sich.
Vollkommen gelassen wirkend verließ sie das Haus und ging zu Bofields Wagen.
Der Tourist schien gerade einen Geistesblitz zu haben und wandte sich vom Haus
ab, studierte das Straßenschild und schickte sich an zu gehen.
„Kann ich Ihnen
helfen?“, fragte Diane in sonnigem Tonfall.
Ein freundliches Lächeln
unter überrascht guckenden Augen war die Antwort.
„Suchen Sie
etwas Bestimmtes?“ Diane zückte Ihren FBI-Ausweis und hielt ihn dem falschen
Touristen unter die Nase. Sie hatte ein ungutes Gefühl bei dem Kerl. „Zum
Beispiel mich?“
Ihr Gegenüber
neigte den Kopf schief, sah Diane prüfend an und dann sagte er mit freundlicher
Stimme. „Bei Gelegenheit müssen Sie mir verraten, wie Sie das machen, Miss
O’Donnell. So dumm stellen wir uns
nun auch wieder nicht an.“ Damit nickte er zum Abschied und wandte sich zum
gehen. Das Klicken des Sicherungsbolzens von Dianes Pistole ließ ihn die ganze
Sache noch mal überdenken und er drehte sich mit einer Andeutung von erhobenen
Händen zu ihr um.
„Miss
O’Donnell. Ob sie nun von der NSA sind oder nicht, sie werden ihrem Boss erklären
müssen, warum sie auf helllichter Straße einen unbewaffneten Passanten
erschossen haben. Wäre es nicht ein zu großes Risiko, dass die Öffentlichkeit
erfährt, dass die NSA im Inland operiert, was sie nicht dürfte?“
Jetzt
habe ich die Faxen endgültig dick! Bin ich hier im falschen Film?! Wer zum
Teufel war ihr Gegenspieler, was für eine gewaltige Sauerei hing mit den
Wolfsmorden zusammen, dass sie es mit Leuten zu tun bekam, die über ihre wahre
Identität bescheit wussten? „Mach’ eine falsche Bewegung, Freundchen, und
ich zeige Dir, wie schlecht es sich mit kaputten Knien läuft. Erzählen Sie
Bofield ruhig diese NSA-Geschichte. Das wird ihre Glaubwürdigkeit ungemein
steigern.“
„Captain Bofield
ist ein guter Mann. Er würde mir allein schon deshalb nicht Gehör schenken,
weil er glaubt, Sie könnten die Wolfsmorde klären.“ Er machte so seltsame
Bewegungen mit seinen Fingerspitzen, während er sprach. „Aber wenn der Mörder
erst einmal erfährt, dass die Regierung angefangen hat, sich einzumischen, dann
sind Sie in großer Gefahr. Sie müssen vorsichtiger sein, Miss O’Donnell.
Leben Sie wohl.“
Er drehte sich um
und rannte. Hinter Diane wurde die Haustür aufgestoßen und Schritte erklangen.
Bofield kam angerannt. Es war ihr egal. Das löste sie auf ihre Weise. Sie
zielte auf die Knie des Fliehenden und drückte ab.
Der Schlagbolzen
klickte und sonst geschah nichts. Das ist
nicht Dein Tag, altes Mädchen. Diane begann zu rennen, Bofield auf den
Fersen. Der falsche Tourist bog um die Ecke, wenige Augenblicke später tat sie
es ihm gleich...
... und blickte in
eine menschenleere Gasse. Verbeulte Müllcontainer glotzten sie stumm an. Sie
rannte zu dem ersten, schaute hinter ihn, warf einen Blick hinein, Fehlanzeige.
Nächster, übernächster, letzter. Nur Müll, sonst nichts.
„Mein Gott, war
das nötig?“, fragte sie Bofield verdrießlich. „Miss Spencer weiß jetzt
gar nicht mehr, wie ihr geschieht.“
„Ich werde
beschattet.“, antwortete Diane kurz angebunden und steckte die Waffe ins
Halfter.
Sie gingen zum
Ausgang der Gasse und Diane blinzelte in die Sonne, um die Wärme auf ihrem
Gesicht zu spüren. Jetzt zwei Wochen
Urlaub in Kanada., dachte sie verträumt und kehrte in die Realität zurück.
„Teilen Sie mir Männer zu, die mir helfen, die Blätter von Robert Spencer zu
sichten. Ich brenne auf einen Besuch bei Mr. Saphrosis.“
Bofield sah sie
auf eine Art an, als ob sie jetzt den Verstand verlieren würde. „Sie wollen
zu dem wohlhabendsten und vermutlich einflussreichsten Mann der Stadt spazieren
und ihn zu den Wolfsmorden befragen?“
Diane antwortete
nicht und ging zum Wagen.
Der Fahrstuhl kam mit einem dekadent harmonischen Klangensemble aus dem
Lautsprecher zum Stehen, die edelholzverzierte Tür schwang beiseite und gab den
Blick auf die Eingangshalle zu Saphrosis’ Reich frei.
Wenig beeindruckt
sah sich Diane aufmerksam in dem großen Raum, der schon eher eine Halle war,
um, auch wenn alles hier darauf angelegt war, genau das zu erreichen: Zu
beeindrucken. Offenbar diente alles hier, eingeschlossen des wie ein kantiger
Fels wirkenden Marmortisches der Sekretärin, nur dem Zweck, den Besucher
einzuschüchtern. Harte Linien, massive Materialien, steril scheinendes
Xenonlicht und bestechend teure wie kalte Gemälde an den Wänden. Zweifellos
alles Originale.
Unterschätze niemals diesen Mann., ging es Diane durch den Kopf und
sie beschloss, sich daran zu halten.
Die zweifelsohne
ebenfalls teuer gekleidete Sekretärin sah zu Diane auf und lächelte
professionell. „Sein sie willkommen, Miss O’Donnell. Bitte nehmen Sie einen
Augenblick Platz, Mister Saphrosis wird Sie sicherlich gleich empfangen.“
Natürlich ließ
er sie warten. Das machten Männer wie Saphrosis immer, um ihre eigene
Wichtigkeit und die Entbehrlichkeit ihres Besuchs zu demonstrieren. Diane setzte
sich auf einen Designerstuhl und wartete. Der Zorn in ihrem Bauch nach dem
Entkommen ihres Beobachters war ein wenig verraucht. Miller von der Spurensuche
hatte sie angerufen und mitgeteilt, dass alle mit Saphrosis in Zusammenhang
stehenden Wölfe nicht wegen der Morde in Frage kamen. Das überraschte sie nach
dem Video des Shermstreetmordes natürlich nicht, doch nahm es ihr einigen Wind
aus den Segeln, da sie nun weniger Gründe hatte, Saphrosis zu befragen.
Sie erhoffte sich
auch nicht viel von diesem Besuch. Der Milliardär war ein, ohne Zweifel
skrupelloser, Profi, der sich nicht so schnell durch irgendetwas verraten würde.
Dennoch war es ihr wichtig, ihn zu sehen. Sie wollte sich ein Bild von ihm
machen, wollte dem Mann in die Augen sehen, der vielleicht ihr Gegner war.
„Janice?“,
drang leise eine Stimme aus einem Lautsprecher auf dem Tisch der Sekretärin.
„Rufen Sie doch bitte bei diesen Barkley-Leuten an und sagen sie meinen Termin
für morgen Mittag ab. Und bitten Sie meinen reizenden Gast vom FBI herein.“
Diane warf der Überwachungskamera
über Saphrosis’ Tür einen neugierigen Blick zu. Scheint, als würde hier nicht nur die Security zuschauen.
Sekretärin
Ich-bin-ein-Profi-auf-Gedeih-und-Verderb stand mit einer tausendfach geübten
anmutigen Bewegung auf und schwebte um den Tisch herum. „Wenn Sie mir bitte
folgen würden...“, bat sie mit perfekter Aussprache.
Diane folgte ihr
zu der massiven Doppeltür und bedankte sich mit einem Nicken für das Öffnen
dieser. Vor ihr tat sich ein noch viel größeres Büro auf, das schon beinahe
nicht mehr als solches zu erkennen war. Verschwenderisch viel Platz blieb
ungenutzt, solange man von der Wirkung absah, mit der er den Schreibtisch des
Milliardärs einrahmte. Der saß vor dem einrucksvollen Hinterrund des Central
Parks, der von verschiedenen Hochhäusern umrahm wurde.
„Ah! Miss O’Donnell!“ Sein Ton war professionell freundlich und auch so
etwas wie lebhafte Neugier schwang mit. „Es tut mir Leid, dass ich Sie warten
lassen musste.“ Sie alter Lügner.
„Es gab da eine Sache, die unbedingt noch erledigt werden musste.“ Schon verstanden. Ich bin nicht so wichtig.
Während sie
die Strecke zum Schreibtisch hinter sich brachte, erhob sich Mr. Saphrosis und
wartete höflich. Er war noch erstaunlich jung. Mediterrane Züge, dunkle
lebhafte Augen und schwarze Haare auf Haupt und Bart ließen vermuten, dass sein
Name zu recht griechisch klang. „Ich bin froh, dass sie überhaupt Zeit für
mich haben, Mister Saphrosis.“, erwiderte sie der Höflichkeit halber. „Ich
kann verstehen, dass Sie kostbar für Sie ist.“
Er kam um den
Schreibtisch herum, ein sehr edel anmutendes Kunstwerk aus Ebenholz, und reichte
ihr die Hand. „Ich muss gestehen, ich bin neugierig. Die Zeitungen haben Wind
davon bekommen, dass das FBI nun an den Fällen der Wolfsmorde beteiligt ist.
Aber bitte, setzen
Sie sich doch.“ Er schob ihr einen schweren Ledersessel zurecht und sie nahm
Platz. Sie musterte ihn eingehend, während er zu seinem Platz ging und sich
setzte. Er wirkte sportlich, gut im Training, denn seine Bewegungen waren
elastisch und voller Energie. Entschlossenheit ging von ihm aus und Diane war
sich sehr wohl bewusst, dass, auch wenn seine Freundlichkeit nicht nur reine
Fassade war und ehrliche Wurzeln haben mochte, er sie dennoch nutze, um sie zu
blenden.
Er fragte sie noch,
was sie zu trinken wollte und bestellte dann bei Janice zwei Glas Wasser. „Sie
sind also diejenige, die den Wolfsmörder fassen will.“, sagte er dann mit
angemessenem Ernst. „Wie wollen Sie zum Erfolg kommen?“
„Genau wie Sie.“,
schmeichelte sie ihm dezent. „Mit Genauigkeit und Ausdauer.“
Er schmunzelte über
ihre Bemerkung und hakte nach. „Und wie im Detail? Reine Neugier, ich hoffe
Sie entschuldigen das. Es gibt kaum jemanden in der Stadt, den die Wolfsmorde
nicht beunruhigen.“ Ihre gesunde Portion Menschenkenntnis verriet ihr, dass
Mister Saphrosis durch nichts sonderlich stark beunruhigt werden konnte.
„Es gibt gewisse
Spuren, die ein Ergebnis bringen könnten. Nicht jeder Mord scheint Zufall zu
sein. Der Bankier Garmont zum Beispiel kam unter sehr rätselhaften Umständen
zu Tode.“
„Es ist
befremdend, wenn Geschäftspartner umgebracht werden. Sind Sie deswegen hier?“
Saphrosis schien nicht sonderlich überrascht zu sein und scherzte sogar: „Bin
ich ein Verdächtiger?“ Dabei beugte er sich vertrauensvoll vor und lächelte
gewinnend.
Diane musste
aufpassen, dass sie seinem Charme nicht zu sehr erlag. Er wirkte erstaunlich
sympathisch und... anziehend auf sie. „In der Tat. Ich brauche nur noch ihr
Geständnis.“, antwortete sie mit einem kühlen Lächeln.
Mister Saphrosis
lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und lachte leise. „Wollen Sie mit
mir Essen gehen?“, fragte er geradeheraus und Diane musste lachen. Das war ein
äußerst charmantes Kompliment, zumal er sicher sein konnte, dass sie ablehnen
musste.
„Sie sind mir
schon ein Gauner. Es wäre mir lieber, wenn ich Ihnen hier ein paar Fragen
stellen könnte. Zwei der Opfer hatten mit Ihnen geschäftliche Kontakte und ich
versuche einfach mehr Informationen über sie zu beschaffen. Ihr Umfeld kennen
zu lernen und solche Sachen.“
„Fragen Sie
soviel sie wollen, Miss O’Donnell. Meine Kontakte mit den Verstorbenen ging über
geschäftliches um einiges hinaus und ich will helfen, wo ich kann.“
Seine Augen waren
nun konzentriert auf sie gerichtet und sie konnte sich seiner Aufmerksamkeit
gewiss sein. Sie berichtete ein wenig von dem, was sie wusste und Saphrosis ergänzte
bereitwillig ihre Wissenslücken über die geschäftlichen Beziehungen, die er
mit der Bank Garmonts und der Firma Dwenmoores unterhielt. „Der Tod Dwenmoores
ist für mein Unternehmen auch finanziell ein nicht unbeträchtlicher Verlust.
Es ist gut, einen guten Bekannten bei einem wichtigen Handelspartner zu haben
und schlecht, ihn zu verlieren.“ Zu Dianes großer Überraschung bot er ihr
sogar an, seine Geschäfte mit den beiden Toten auf CD zur Verfügung zu
stellen. Natürlich würde sie die Daten bei der Agency deren Echtheit prüfen
lassen, bevor sie ihnen Glauben schenken würde.
Unauffällig
lenkte Diane dabei das Thema auf die Genforschungsfirma Saphrosis, lauschte ein
wenig herum, was sie mit Wölfen zu tun hatte und erhielt eher unbefriedigende
Antworten. Es ginge um die Gewinnung von Gensegmenten, welche den Wilden Tieren
eine erhöhte Resistenz gegen gewisse Gifte und Krankheiten verschaffte. Sie
hinterfragte den Anteil, den Dwenmoore bei der Angelegenheit hatte und erfuhr,
dass einige Technik von seiner Firma eingekauft wurde. Nein, sonst nichts.
Als sie glaubte,
ihr Gespräch würde sich schon dem Ende neigen, begann Mister Saphrosis
seinerseits ziemlich geschickt, es in eine bestimmte Richtung zu lenken. Er erzählte,
dass Dwenmoore bei einem Treffen in einem Club sich einmal ziemlich aufgeregt hätte,
über irgendwelche religiösen Fanatiker, die Ihn und seine Firma bedroht hätten.
Es ging um ein Werk unweit der Stadt, das nicht gerade als umweltfreundlich zu
bezeichnen war. Sie hatten die Schließung des Werks oder seine Ausrüstung mit
Schadstofffiltern gefordert, sonst hätte er mit Konsequenzen zu rechnen, die
„ein Zeichen setzen“ würden für die Konzerne. Garmont, der bei diesem
Abend im Club ebenfalls dabei gewesen war, sei hellhörig geworden, als er das hörte
und hätte nachgefragt, ob das seltsame Gestalten in grauen Roben gewesen wären.
Dwenmoore bejahte und Garmont wäre daraufhin ein wenig nervös und zugeknüpft
geworden.
Das waren genug
Informationen, um wieder einmal ihre Gedanken auf den Orden des Gleichgewichts
zu lenken. Allmählich sprach so viel gegen den Orden, einschließlich ihres
unguten Gefühls gegen die „Wächter des Aequilibriums“, dass Diane endlich
einen klaren Weg in ihren Ermittlungen sah.
Sie verabschiedete
sich von Mister Saphrosis und fand sich bald auf der Straße wieder. Viel ging
ihr durch den Kopf. Der Orden, dass sie beobachtet wurde, das seltsame Video,
Linus...
Doch
eins soll sich dieser Saphrosis bloß nicht denken., dachte sie, während
sie sich hinter das Steuer ihres Wagens setze. Dass
er aus dem Schneider ist. Er verbirgt etwas, darauf verwette ich mein linkes
Ohrläppchen!
Das
Wesen der Bestie
Am nächsten Tag stattete sie
jener noblen Wohngegend New Jerseys einen Besuch ab, die auf Linus’ merkwürdiger
Visitenkarte angegeben war. Zwar wähnte sie sich noch nicht am Ende ihres
Schulwissens, aber unheimlich war ihr der Orden dennoch genug. Irgendetwas an
ihnen war unnatürlich. Sie stand vor der Tür eines großen, alten Landhauses
und zögerte, den nächsten Schritt zu tun.
Die verstörenden
Aufzeichnungen vom Mord in der Shermstreet waren auch nicht vollkommen zu erklären.
Gut – der Täter mochte im Schatten gelauert haben, doch warum setzte die Störung
erst kurz vor dem Angriff ein? Dianes erster Eindruck war gewesen, dass der
Angreifer einfach aus dem Nichts erschienen war und ebenso wieder verschwand.
Ihr Instinkt sagte, dass es so war, auch wenn es dem Verstand widersprach.
Und seit sie an
diesem Fall arbeitete, hatte sie ständig diese... Anfälle von Sehen. Dinge zu
sehen, die nicht da waren, verstörte sie ungemein. Sie fühlte sich ständig
verfolgt. Seit der Flucht des Touristen hatte sie die Augen offen gehalten und
immer wieder kleine, seltsame Details an Passanten bemerkt. Tierische Details.
Die letzte Nacht hatte sie mit ihrer Waffe unter dem Kopfkissen geschlafen.
Ehe sie es sich
anders überlegen konnte, zog sie an dem Seil, das neben der Tür hing, was
einen volltönenden Glockenklang zur Folge hatte. Was sie wohl erwarten mochte? Das
Weiße Kaninchen als Teepartner wäre doch nett.
Der Butler,
welcher ihr die Tür öffnete war allerdings das absolute Gegenteil vom Weißen
Kaninchen. Mit stoischer Gelassenheit und einer gehörigen Spur Arroganz
musterte er sie von Kopf bis Fuß und sagt dann in unterkühltem, hochnäsigen
Tonfall: „Sie müssen sich in der Türe geirrt haben, Miss.“
„Das denke ich
nicht.“, erwiderte Diane beleidigt und hielt ihm die Visitenkarte von Linus
unter die Nase. Er nahm sie, prüfte sie eingehend, schnupperte sogar das
Papier, warf Diane zweifelnde Blicke zu und trat dann beiseite. „Treten Sie
ein.“ Sein leicht angewidert wirkender Gesichtsausdruck fügte noch hinzu: Und benehmen Sie sich wenigstens so, als würden Sie hier her gehören.
Diane setzte
ihren Fuß in das Haus und auf sündhaft teuren Teppich. Alles hier drin war
alt, teuer und gediegen. Sieht aus wie ein
Herrenclub. Na toll. „Bekomme ich meine Karte wieder?“, fragte sie den
Butler, der keine entsprechenden Anstalten machte.
„Solche Karten
sind Geschenke. Einmalige Geschenke. Sie können bleiben, solange es Ihnen
beliebt, doch wenn sich diese Tür erneut hinter ihnen schließt, werden Sie
dieses Haus nie wieder betreten.“ Zweifelsohne war das eine Aussicht, die den
Butler sehr erfreute. „Und nun folgen Sie mir bitte.“
Sie tat, wie ihr
geheißen und ging mit ihm eine breite Treppe hinauf, durch einen
holzverkleideten Korridor und wurde in einen beeindruckend großen Raum
entlassen, dessen Wände vollkommen mit Bücherregalen bedeckt waren, die nicht
einmal Platz für Fenster ließen. Eine Treppe führte zu einer zweiten Ebene,
die den Raum wie eine Empore umrahmte. Überall standen in kleinen Gruppen
gepolsterte, lederne Lehnensessel. Auf einigen saßen vornehm gekleidete Männer
und zu Dianes Überraschung auch Frauen. Schwere kristallene Lüster tauchten
alles in ein sanftes Licht, während stilvolle alte Lampen den Lesenden mehr
Helligkeit spendeten.
Einige der
Edelleute sahen Diane erstaunt an und sie lächelte zaghaft. Nun verstand sie
den Butler. Sie selbst fühlte sich nicht mehr wohl in ihrer einfachen Kleidung,
die viel zu sehr nach FBI oder Begräbnis aussah.
Ein rundlicher
Mittfünfziger mit dünnem Haar, gemütlichem Gesicht und einer Brille auf der
Nase trat auf sie zu und verneigte sich leicht. „Willkommen, Miss...“
„Parker.“,
antwortete sie aalglatt. Die Leute, die hier waren, erinnerten sie zu sehr an
Linus. Sie wollte ein wenig vorsichtiger sein.
„Willkommen,
Miss Parker. Ich bin Lord Daleington und der Hüter dieses unermesslichen
Schatzes. Ich hoffe, mein Butler hat Sie nicht zu sehr verschreckt, ich freue
mich sehr über Gäste, zumal ich sicher sein kann, dass es einen guten Grund
gibt, warum für Sie eine Empfehlung ausgesprochen wurde.“
Er deutete mit
einer ausschweifenden Geste und strahlenden Augen auf diesen Hort des Wissens.
„Alles hier sind Originale, viele von ihnen die letzten erhalten Schriften
ihrer Art. Behandeln Sie sie bitte mit allerhöchster Vorsicht und ich darf mich
auf Ihre Diskretion verlassen, über meine Bücher kein Wort gegenüber Außenstehenden
zu verlieren.“
Er wandte sich ihr
wieder zu. „Darf ich Sie fragen, wer sie empfohlen hat?“
„Linus...“ Sie
zögerte und tat so, als wäre ihr aus irgendeinem Grunde der Nachname
entfallen.
Lord Daleington
hob erstaunt die Augenbraun und ging nicht auf ihr Spielchen ein. „Linus? Das
ist außergewöhnlich, sehr außergewöhnlich. Da Sie von Linus hergeschickt
wurden, muss es etwas ungeheuer Wichtiges und... Mystisches sein, das sie
suchen. Was ist es?“
„Das Wesen der
Bestie.“
„Hmmm... Das
Wesen der Bestie...“, er ging zu einem Regal, suchte kurz und fand es
erstaunlich rasch. Er musste sich unglaublich gut in seinem Reich auskennen. Oder
jemand hat erst neulich danach gefragt.
Der Lord kam
mit einem uralt aussehenden, schweren Buch wieder und reichte es ihr behutsam.
„Es stammt aus dem Privatbesitz Königin Elisabeth der Ersten, keiner vermag
zu sagen, wie alt es wirklich ist. Das Englisch ist sehr gewöhnungsbedürftig,
um es vorsichtig auszudrücken.“
„Hat es jemand
in letzter Zeit gelesen?“
Ohne zu zögern
antwortete er: „Linus hatte es ausführlich studiert, als die Wolfsmorde
begannen. Es ist ein Buch über Werwölfe, wissen Sie.“ Mit diesen Worten ließ
er sie stehen und widmete sich einem Lord, der geduldig auf Daleington gewartet
hatte.
Werwölfe?,
dachte sie ungläubig und trug das Buch zu einer Gruppe von Sesseln auf der
oberen Ebene, die noch frei war. Sie legte das Buch behutsam auf den Tisch,
drehte das Licht der Lampe heller und schlug es auf.
Die Fratze eines Zähne
fletschenden Wolfes prangte auf der ersten Seite. Es war nur eine Zeichnung, die
wohl mit Feder und Tinte geschaffen worden war, doch war der Blick des Wolfes so
durchbohrend und voll gefährlicher Intelligenz, dass Diane ein Schauer über
den Rücken lief.
Sie überblätterte
die Seite mit dem Titel und begann mit dem eigentlichen Text. Ein kunstvoll
gestaltetes „W“ fing ihr Auge ein. In seine geschwungenen Formen waren dämonenhafte
Wesen eingeflochten, die mit fellbedeckten Leibern und Wolfsschnauzen an dem
Buchstaben krallten. Das Geschriebene selbst schien eine seltsame Mischung aus
einem alten englischen Dialekt und Latein zu sein. Diane hatte einige Mühe es
zu entziffern, kam aber stetig, wenn auch langsam voran.
Wisset,
der Ihr das lest, dass alles hier Geschriebene verbotenes Wissen hält. Doch
obwohl seine Heiligkeit der Papst diese Schrift als blasphemisch vernichten
lassen mag, schwöre ich doch bei der Dreieinigkeit des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes, dass alles hier Geschriebene wahr ist und von einem treuen
Diener Gottes aufgezeichnet wurde.
Das Wissen der
alten Kulte ist wahr. Es gibt Geschöpfe, welche den Körper eines Menschen
besitzen, aber von Fell, Klauen und Kopf eines Wolfes entstellt sind. Doch das
alte Wissen ist auch schwach und fehlerhaft. Es sind keine vom Teufel besessene
Menschen, die nur im Schatten der Nacht und bei Vollmond jagen. Es sind Geschöpfe
des Teufels selbst. Ich sah am hellerlichten Tag, wie sich eine Pforte zur
Verdammnis auftat und diese Wesen heraustraten. Es sind blutrünstige Bestien,
die alle Brüder meines Ordens, welche wie ich auf Pilgerschaft waren, blutig
niederstreckten. Ich bete zum Herren, dass ihre Seelen unbeschädigt blieben.
Der Grund, warum
der Aberglaube des Volkes von besessen Menschen berichtet, liegt in der Macht
der Bestien, das Gaukelbild eines Menschen zu erschaffen, um sich so des Blickes
der Kinder Gottes entziehen. Sie taten ebendies nach ihrer Gräueltat und
verschwanden als wohlhabende Kaufleute in den Wäldern.
Ich sah es als die
mir von Gott auferlegte Pflicht sie zu verfolgen und zur Strecke zu bringen,
warum sonst ließ mich der Herr als einziger am Leben? Von meiner Suche nach
jenen Bestien und über ihre wahre Natur will ich in diesem Buch berichten,
damit jene, die nach mir kommen, die Waffe des Wissens in den Händen halten mögen,
wenn sie dem Feind Gottes gegenübertreten. Denn es sind derer zu viele, als
dass ich sie allein von dem Antlitz der Erde zu tilgen vermag.
Kopfschüttelnd
blätterte sie eine Seite weiter. Wisset,
dass der Feind des Herren einen Orden gegründet hat, um seiner Herrlichkeit zu
lästern. Sie dienen den alten keltischen Kulten und kleiden sich in Gewänder
der Druiden und widersprechen der Lehre Gottes.
Ein Schatten
fiel auf das Buch und Diane sah erstaunt auf. Shej Riim stand vor ihr, in
vornehmen Frack gekleidet, und sah traurig auf sie hinab. „Sie hätten das
nicht lesen dürfen, Miss Diane.“, sagte er mit gramvoller Stimme und setzte
sich ihr gegenüber. Sein Dreitagebart war fort und seine zotteligen Haare zu
einem ordentlich gekämmten Pferdeschwanz gebunden. „Ich hätte nicht gedacht,
dass eine Abschrift dieses Buches die Jahrhunderte überdauert hat.“
Diane klappt das
Buch zu und zog es näher zu sich heran. Was
tut er hier? Immer wieder lese oder höre ich vom Orden! „Was zum Teufel
ist hier los?“, fragte sie gefährlich leise und ließ die Hand langsam zu
ihrer Waffe wandern.
Shej Riim sah sie
nur weiterhin traurig an und schüttelte den Kopf. „Lassen Sie Ihre Pistole
stecken, Diane. Sie würde nur wieder versagen.“
Frustriert ließ
Diane von ihrem Vorhaben ab. „Und wenn ich die Antworten mit meinen Händen
aus Ihnen herausprügeln muss, ich lasse Sie nicht ohne welche gehen.“
„Diane,
bitte...“
Jetzt
REICHTS! Diane ließ ihre Hand vorschnellen und packte Shej Riim an der
Krawatte. Er wehrte ihre Hand ab, es gab ein kurzes Gerangel, Dianes Griff glitt
ab und sie fiel in ihren Sessel zurück. Entsetzt sah sie auf ihre Hand hinab.
Rote Punkte waren zurückgeblieben, wo sich unsichtbare Krallen Shejs in ihre
Haut gegraben hatten.
Sie hob ihren
Blick und sah einen Ausdruck grenzenlosen Bedauerns in seinen Augen.
Traurigkeit, schwer und alt wie ein Berg schien auf ihm zu liegen. Ohne Mitgefühl
bohrte sie ihren Blick in sein Gesicht, rief ihre Gabe des Sehens, bettelte zum
ersten Mal in ihrem Leben darum, dass sie käme.
Und die Maske
fiel. Dort, wo eben noch ein Mensch gesessen hatte, war nun eine Bestie mit dem
Kopf eines Pumas. Jene rote Augen, die sie schon einmal kurz gesehen hatte,
blickten sie traurig an. Mit sandfarbenem Fell bedeckte Hände und deformierte
Beine wie die Hinterläufe eines wilden Tiers ragten aus dem Anzug hervor.
Nur mühsam hielt
sie einen Schrei zurück, griff panisch zu ihrer Waffe, zog sie und drückte ab.
Der Schlagbolzen blockierte. „Stecken Sie die Waffe weg, Diane.“, bat sie
der Puma im Anzug.
„Sie... Sie...
sind kein Mensch.“, brachte sie kraftlos hervor und ließ ihre Waffe sinken.
Er nickte. „Ich
verstehe nicht, wieso Sie das erkennen können. Aber es ist so, und das bringt
Sie in große Gefahr. Wie Sie sehen, bin ich kein Wolf und ich würde Ihnen
gerne einen Abdruck meiner Zähne gewähren und meine Unschuld beweisen, wenn
das nicht ein Beweis meiner Existenz wäre.“
Diane ließ ihre
Waffe verschwinden und sah ihr Gegenüber entsetzt und fasziniert zugleich an.
„Wollen Sie damit sagen, dass Sie nicht der Mörder sind?“ DAS
IST WAHNSINN!, schrie ihr Verstand und versuchte das Trugbild wieder
beiseite zu schieben. Nur dass sie es schon beiseite geschoben hatte. Vor ihr saß
ein... Werpuma.
„Ich bin nicht
der Mörder, Diane. Ich bin auf der Suche nach ihm...“ Er sah kurz zu Boden,
dachte nach, fuhr fort: „Nach ihnen.“
„Es sind mehrere
Bestien?“, fragte Diane fassungslos. „Wesen wie Sie?“
Sein unendlich
trauriger Blick heftete sich wieder auf sie. „Fragen Sie nicht mehr, Diane. Es
muss ihnen genügen, dass der Orden die Renegaten jagt. Wir haben einige von
ihnen bereits getötet. Aber bitte, bitte,“,
seine Traurigkeit berührte ihr Herz und einiges ihrer Angst verschwand.
„lassen Sie ab von dem Fall. Sie wissen bereits zuviel. Nun sind Sie nicht nur
in Gefahr durch die Mörder, auch der Orden ist auf Sie aufmerksam geworden. Die
Einmischung durch die NSA ist höchst überraschend und der Rat sieht eine
Bedrohung in Ihnen.“
Dianes Gedanken
rasten. Renegaten? Der Orden jagte sie? Wieso glaubte sie ihm überhaupt? „Nun
mal langsam, Freundchen! Sie sind vom Orden, warum erzählen Sie mir das
dann?“
Der Puma schüttelte
den Kopf und ließ die Ohren hängen. „Ich diene dem Rat, doch ich billige
nicht alles was er tut. Diane!“ Sein Tonfall wurde geradezu flehentlich.
“Sie begreifen die Tiefe dessen nicht, was wir tun! Lassen sie ab von dem
Fall!“
Purer Zorn brannte
nun in ihr und sie dachte über eine Möglichkeit nach, Shej Riim in ihre Gewalt
zu bekommen. Sie hatte die Nase voll von Lügen, Vertröstungen und erst recht
hatte sie die Nase voll von dem übernatürlichen Scheiß. „Solange dort draußen
Menschen sterben, werde ich den Mörder suchen. Und Sie sind mein primärer Verdächtiger.“
Riim sprach ein
paar seltsam klingende Worte und schlagartig wich alle Kraft aus ihren Muskeln.
Sie konnte nur stumm mit ansehen, wie der Puma das Buch nahm und aufstand.
„Leben Sie wohl, Diane. Ich habe alles versucht.“
Sie wollt etwas
sagen, doch selbst ihren Mund zu öffnen und die Zunge zu bewegen kostete sie
zuviel Anstrengung.
Shej Riim zögerte
noch kurz. „Sie werden nicht aufgeben. Ich sehe es in Ihren Augen. Wenn Sie
mir schon alles andere nicht glauben wollen, dann bitte wenigstens dies: Der Mörder
hat stets zu ebener Erde zugeschlagen, ist Ihnen das aufgefallen? Meiden Sie es,
zu ebener Erde allein zu sein.“ Dann drehte er sich um, ging zur Treppe und
verschwand aus ihrem Sichtfeld.
Eine Ewigkeit später,
wie es ihr schien, kehrte die Kraft in ihre Muskeln zurück. Sie kämpfte sich
von ihrem Stuhl hoch, machte ein paar unbeholfene Schritte in Richtung der
Treppe, bis sie wieder vernünftig gehen konnte. Was
war das eben? Was war das eben? Ihr Verstand raste ebenso wie ihr Herz. Sie
glaubte nicht an Magie! SIE GLAUBTE NICHT AN WESEN AUS HORRORFILMEN!
Sie lief die
Treppe hinab, entdeckte Lord Daleington und sprach ihn aufgeregt an. „Dieser
Shej Riim hat das Buch gestohlen!“
Der Lord sah sie
nicht einmal an sondern nickte nur traurig. „Was für ein Verlust. Ich
schuldete ihm noch einen Gefallen. Einen großen.“ Er schüttelt traurig den
Kopf und sah zu der Lücke im Regal, die das Buch hinterlassen hatte. „Er hat
ihn unbarmherzig eingefordert. Was für ein Verlust.“
Aufgebracht und mächtig verwirrt war sie einfach nur eine geraume Weile ziellos
herumgeirrt, hatte sie ihr Auto einfach nur machen lassen. Es verwunderte sie
nicht sonderlich, dass sie sich schließlich vor dem Polizeirevier wiederfand. Was
will ich eigentlich hier? Bofield wird mir das nie glauben. Nicht einmal
McKinzey würde mir das glauben.
Dennoch stieg
sie aus und trottete gedankenverloren zu ihrem Büro. Klar,
ich muss weitermachen. Das Leben von Menschen hängt daran, aber was, wenn ich
die Wolfsmörder finde? Eine nüchterne Stimme meldete sich: Erschießen.
Dann hast Du Deinen Beweis.
Doch bis dahin
war sie auf sich allein gestellt. Das war an sich nichts Neues für sie, jedoch
hatte sie sich noch nie so einsam gefühlt wie jetzt. Werpumas gingen eindeutig
über das hinaus, was man bei der Ausbildung der Agency lernte.
Sie schubste die Tür
zu ihrem Büro auf und ihr Blick fiel sofort auf einen kleinen weißen Umschlag,
der auf ihrem Schreibtisch lag. Er war unbeschriftet. Skeptisch nahm sie ihn in
die Hand, tastete ihn ab und roch an ihm. Scheint
in Ordnung zu sein.
Vorsichtshalber
riss sie ihn an der Unterkante auf und fischte einen Zettel heraus, auf dem nur
drei Sätze mit Schreibmaschine geschrieben standen. Sie
wollen den Orden des Aequilibriums zur Strecke bringen, ich will sehen wir er
zerbricht. Sie haben die Mittel die ich nicht habe, ich die Informationen die
Sie nicht haben. Suchen Sie das Büro der verlassenen Lagerhalle 47 am Hudson
River noch heute Nacht.
„Das ist
eine Falle, Diane, und Du weißt das.“, flüsterte sie zu sich selbst.
Mit dem Brief in
der Hand stürmte sie aus ihrem Büro und knallte ihn Dunby auf den Tisch. Er
war derjenige, der zu ihrem Leidwesen direkt gegenüber ihrer Tür saß. „Wer
hat den in mein Büro gelegt?“, herrschte sie ihn an. Sie hatte keine Lust auf
Höflichkeiten.
Doch
Sheriff-an-Tisch-und-Telefon sah sie nur gelassen an. „Niemand hat Ihr Büro
betreten, seit ich meine Schicht angetreten habe.“
„Und wann war
das?“
Er lächelte ein
scheißfreundliches Lächeln, weil er genau wusste, dass seine Antwort sie mit
Wut erfüllen würde. „Vor einer halben Stunde, Special Agent O’Donnell.“
Sie zerknüllt den
Brief halb, als sie ihn vom Tisch dieses Idioten riss und zu Captain Bofield
marschierte. Der las sich den Brief zweimal durch, nickte dann nachdenklich und
sagte nur: „Ich kenne dieses Lagerhaus. Es war lange Zeit ein beliebter Ort,
um gestohlene Autos umzufrisieren, bis wir es ausgehoben haben. Ich werde
Scharfschützen anfordern und einige meiner Männer in der Halle verstecken. Sie
ist zu riesig, als dass das auffallen würde.“
Diane nickte
dankbar. „Ich werde um 11 dort sein. Reicht Ihnen die Zeit?“
Bofield fischte
eine Zigarette aus seiner Westentasche und steckte sie sich in den Mund. „Das
reicht. Aber was soll das mit dem Orden? Ich dachte, der wäre aus dem Spiel?“
„Ist er
auch.“, log Diane ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl es ihr Leid tat.
„Nur weiß er das nicht.“ Sie wusste genau, was es zu tun galt, um dem Orden
auf die Spur zu kommen. Und Captain Bofield würde dem auf keinen Fall
zustimmen.
Bofield tastete
seine Taschen erneut ab und sah Diane hoffnungsvoll an. „Haben Sie Feuer?“
Diane schüttelte
den Kopf und Bofield ließ schulterzuckend die Zigarette im Papierkorb
verschwinden. „Ich werde den Brief von Jack untersuchen lassen, es passt mir
gar nicht, dass jemand einfach so in mein Revier spazieren kann. Passen Sie auf
sich auf, Diane.“
Die Nacht lag schwer und bedrohlich über dem alten Hafengelände am Hudson.
Fernab konnte man den Lärm der Stadt herüberwehen hören, doch wirkte er dumpf
und unwirklich, wie aus einer anderen Welt. Sie wusste um die Heckenschützen
auf den Dächern und auch um Bofields Männer, die seit Stunden auf Lauer lagen,
doch das beruhigte sie nicht. Etwas stimmte nicht mit diesem Ort. Heute Nacht
trug sie mehr als nur eine Pistole zu ihrer Verteidigung. Eine kugelsichre
Kevlarweste war unter ihrem Mantel verborgen und ein langes Kampfmesser steckte
in einer Scheide auf ihrem Rücken. Ihre Pistole hatte sie zu oft im Stich
gelassen.
Sie knackte das
Schloss einer kleinen Stahltür mit Leichtigkeit und trat in die Dunkelheit der
Halle. Sie klappte das Nachtsichtgerät vor ihre Augen und die Welt erschien in
grünem Schimmer. Zufrieden stellte sie fest, dass die Polizisten selbst so
nicht zu sehen waren.
Wachsam schritt
sie durch die Halle, die Pistole ruhte schwer und tödlich in ihrer Hand, den
Lauf zum Boden gerichtet. Von den Grundrissen her wusste sie, wo das Büro zu
finden war und hielt geradewegs darauf zu, alle Sinne angespannt auf Wacht.
Das seltsame Gefühl,
beobachtet zu werden, beschlich sie und sie sah sich genauestens um, die Waffe
mit beiden Händen leicht erhoben. Nichts war zu sehen, doch das Gefühl wurde
stärker. Misstrauisch ging sie weiter und erreichte endlich das kleine Häuschen,
das an eine Wand der Halle angeschmiegt dunkel dalag. Seine Front war einst
komplett verglast gewesen, doch von ein paar Scherben abgesehen, die noch
traurig in den Holzstreben steckten, war nichts mehr davon übrig. Der Vorraum
war leer.
Dennoch behutsam
trat sie ein, hielt Ausschau nach Drähten oder elektrischen Sensoren, die eine
Falle auslösen mochten. Zerbrochene Flaschen und ein Pornoheftchen waren alles,
was sie fand. Vorsichtshalber schon sie auch das mit dem Fuß beiseite und fand
nur nackten Beton darunter.
Vorsichtig,
Mädchen. Die Sache stinkt. Mit der linken Hand schob sie behutsam die Tür
zum Büro auf, immer darauf gefasst mit der rechten Hand zu feuern oder einen
geringen Widerstand zu spüren, der auf eine Falle hindeutete.
In diesem
Augenblick wurde die Halle plötzlich von Licht durchflutet, als die gesamte
Deckenbeleuchtung ansprang. Jetzt war sie eine klare Zielscheibe! Mit einem
Sprung war sie im Raum und hinter der Wand in Deckung gegangen. Einen Augeblick
lang war sie absolut blind gewesen. Für solche Helligkeiten war das
Nachtsichtgerät nicht gebaut.
Sie streifte es
hastig vom Kopf und ließ es auf den Boden fallen. Das Licht von draußen drang
in einem breiten Streifen in das Büro und zeigte ihr vergammelte Regale,
zerbrochene Tische und allerlei Müll. Wer
hat dieses verdammte Licht angemacht? Die Polizei war es wohl kaum und ihr
„Informant“ wäre ein Idiot, wenn er im Hellen durch die Halle spazieren würde,
um Zielscheibe für hundert mögliche Scharfschützen zu spielen. Etwas stank.
Und zwar gewaltig.
Ein Kribbeln an
ihrer Hüfte riss an ihrer Konzentration. Das verdammte Handy vibrierte. Sie zog
es von ihrem Gürtel, drückt die richtige Taste und hielt es ans Ohr.
„Stellen Sie
keine Fragen und tun Sie, was ich Ihnen sage!“, bestürmte eine befehlende
Stimme ihr Ohr. „Zielen sie auf die dunkelste Ecke dieses Raumes und drücken
Sie ab, sobald sich etwas bewegt!“
„Was zum
Henker...“ Diane riss dennoch ihre Waffe nach oben und richtete sie auf jene
Ecke, die von der aufstehenden Tür beschattet wurde. Fünf Sekunden vergingen
quälend langsam. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Nichts geschah.
„Hör mal, Du
Scherzkeks...“, fauchte Sie ins Handy. In dieser Sekunde geschahen mehrere
Dinge gleichzeitig. Eine unerklärliche Angst befiel sie urplötzlich, das Wort
„SCHIESS!“ brüllte ihr ins Ohr, ein Schatten löste sich aus der Ecke und
sprang sie an.
Die Zeit schwand,
der Sprung der Bestie, die durch den Streifen Licht glitt schien Stunden zu
dauern, während Dianes Gehirn von schrecklich deutlichen Details bombardiert
wurde. Sie sah ein klaffendes Maul, gewaltige Fangzähne und die Speichelfäden
zwischen ihnen. Sie sah das dunkelgraue Fell, ein Lendentuch der gleichen Farbe
und den sonst nackten, brutal muskulösen, angespannten Körper. Sie sah die
Krallen der Bestie, an Händen und den entstellten Füßen, sah einen Riss in
einer Kralle der linken Hand, sah den buschigen Schwanz des Tierwesens, das
immer näher kam. Auf seiner Brust schimmerte ein silbernes Amulett, Runenmuster
waren darauf eingraviert und glitzerten im Schein des Lichts.
„SCHIESS
VERDAMMT!“, durchbrach die Stimme an ihrem Ohr die Starre ihrer Muskeln und
der Zeit. Ihr Finger krümmte sich, die Waffe donnerte, krümmte sich erneut,
donnerte. Die Bestie prallte gegen sie, Überraschung und Schmerz in den gelben
Wolfsaugen, heißer Atem schlug ihr ins Gesicht. Sie feuerte noch einmal und der
Wolfsmensch wurde von der Wucht des Projektils zurückgeschleudert, stolperte über
das Wrack eines Tisches und stürzte zu Boden.
Das Handy glitt zu
Boden und Diane nahm die linke Hand zur Hilfe, um das Zittern ihrer Rechten zu
unterdrücken. Eilige Schritte nährten sich über den harten Boden der Halle.
„Da hast Du Deinen Beweis, Mädchen.“, sagte sie laut und erschrak vor ihrer
eigenen Stimme.
Das Wesen lebte
noch. Sein Atem ging schwer und ein widerwärtiges, gurgelndes Geräusch
verriet, dass sich seine Lunge mit Blut füllte. Mit letzter Kraft hob es eine
Hand, schloss sie um das Amulett und sah Diane hasserfüllt an. Gutturale Worte
kamen aus seiner Schnauze, Blut spritzte und dann...
...geschah das
Unfassbare. Es schien, als würde er in den Boden sinken, obwohl es das nicht
ganz traf. Er wich von ihr fort, bis er ganz verschwunden war und nur den zugemüllten
Boden und eine Lache Blut zurückließ.
Ein Polizist mit
Panzerweste und Sturmgewehr stürmte in den Raum und fand sie so, immer noch
ungläubig starrend. „Sind Sie in Ordnung, Miss?“ Was
soll ich jetzt Bofield sagen? Dass mich ein Werwolf angesprungen und vor meinen
Augen wieder in Luft aufgelöst hat? „Miss O’Donnell?“ Dieses Muster auf dem Amulett habe ich schon einmal gesehen. In der
Ordenshalle. „Special Agent O’Donnel!“, der Mann packte sie an der
Schulter und drehte sie zu sich um.
Sie wandte ihm
ihren Blick zu und nickte schwach. „Ja, ich bin in Ordnung. Die Spurensuche
soll hier im Eiltempo antanzen und eine Probe von dem Blut dort nehmen.“
„Wo ist er
hin?“, fragte der Polizist, doch Diane ignorierte ihn. Jetzt
sind sie zu weit gegangen. Sie wollen einen Krieg, sie bekommen einen Krieg!
Sie hob ihr Handy und ihr Nachtsichtgerät auf. Die werde ich noch brauchen. Ohne aufzusehen schob sie sich an einem
weiteren Polizisten vorbei, der gerade zu Tür hereinkam.
Sie trat in die
Halle und sah noch mehr bewaffnete Männer herbeieilen. Sie fischte eine Nummer
aus ihrem Gedächtnis und wählte sie.
„Ja?“
„Diane
O’Donnel, Autorisation Betha schwarz Wanderfalke. Ich brauche Aufnahmen von
folgenden Koordinaten.“ Sie gab ein paar Zahlen durch und legte auf, ohne eine
Antwort abzuwarten.
Jemand versuchte die Bürotür zu öffnen, versuchte es erneut und klopfte
schließlich. Diane sah verärgert von den Luftaufnahmen auf rief: „Wer da?“
„Bofield ist
mein Name, Ma’am. Ich bin der Chef von diesem Laden.“
Ihr Ärger verfolg
und sie warf lächelnd ein paar Akten über die Fotos. „Einen Moment bitte.“
Sie prüfte noch rasch, ob alles gut versteckt war und schloss dann die Tür
auf. Der Captain wartete mit seinem vermutlich sechsten Becher Kaffee dieses
Tages in der Hand.
„Was haben Sie
vor, Diane?“, fragte er leise und trat ein. „Sie igeln sich in ihrem Büro
ein, weigern sich zu erzählen, was in der Nacht geschah und gucken jeden an,
als würden sie ihn fressen wollen.“
„Es ist besser,
wenn Sie es nicht wissen, Sir.“, sagte sie nur knapp und setzte sich wieder an
ihren Tisch.
„Ich bin schon
zu lange Polizist, um auf so was reinzufallen.“, brummte er und nahm eine der
Akten vom Tisch. „Das nächste Mal öffnen sie ein paar von ihnen, damit es
nach Arbeit aussieht. Luftaufnahmen?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm er
einen Schluck Kaffee und schwieg dann, Diane eingehend musternd.
„Ich weiß, dass
Sie ein guter Mensch sind, Diane.“, sagte er schließlich. „Und ein verdammt
fähiger Ermittler. Sie haben den Fall soweit vorangetrieben, dass der Mörder
sie töten wollte und Sie haben ihn überlebt.“ Mit einem weiteren Schluck
verschaffte er sich ein wenig Zeit zum Nachdenken. „Es ist mir egal, wer sie
hergeschickt hat, und wenn es das Weiße Haus selbst war. Es ist mir sogar egal,
wer Sie wirklich sind, weil ich daran glaube, dass Sie diese Plage aus New York
vertreiben können.“ Ein weiterer Schluck. Diane schwieg nur und sah den Mann
beeindruckt an. Er hatte sie schon länger durchschaut, soviel stand fest. Sie
hatte sich nicht in ihm getäuscht. Bofield war nicht nur ein Mann der Gesetze,
er war ein Mann mit einem gerechten Herzen.
„Aber etwas ist
mir verdammt noch mal nicht egal und das sind Sie. Stellen Sie keinen Unsinn an,
Diane.“ Sein Blick fiel auf das freigelegte Stückchen der Luftbilder. „Ich
will gar nicht wissen, was sie vorhaben, sonst bringt mich dass nur in eine
Zwickmühle. Doch wenn Sie schon etwas Illegales machen müssen, und danach
riecht es einfach nun mal, dann stellen Sie’s so an, dass ich Sie am Ende
nicht verhaften muss.“ Er seufze erneut, warf die Akte zurück auf den Tisch
und ging zur Tür.
„Danke Captain.
Ich werde Ihr Vertrauen nicht enttäuschen.“
Bofield blieb
stehen, drehte sich aber nicht um. „Ich habe die Presse aus der Sache gestern
raushalten können. Es wäre schön, wenn Sie das heute Nacht auch schaffen.“
Mit diesen Worten
schloss er die Tür und ließ sie mit ihren Gedanken allein.
Die Nacht war ihr Freund, ihr Deckmantel, ihr einziger Verbündeter. Endlich tat
Sie das, was sie am besten konnte. Unorthodox handeln, in gesichertes Gebiet
eindringen und Informationen beschaffen, so seltsam sie diesmal auch aussehen
mochten.
Ihr Nachtsichtgerät
zeigte ihr klar und deutlich, dass die Wachen am Tor verdoppelt worden waren.
Das Tor war der einzige sichtbare Eingang, diese merkwürdige Hecke führte lückenlos
um das gewaltige Anwesen des Ordens herum. Zu ihrem Glück stand der Wind günstig
– er blies ihr sanft ins Gesicht, anstatt ihren Geruch und ihre Geräusche zu
den Wachen zu tragen.
Sie lud eine
Gasgranate in den unteren Lauf ihres kompakten Sturmgewehrs, zielte lange und
behutsam, wartete den geeigneten Moment ab und feuerte. Gas strömte aus, Husten
aus vier Kehlen wurde zu einem heiseren Bellen und verstummte rasch. Zum Glück haben die keine Funkgeräte., schoss ihr durch den Kopf,
während sie im Laufen ihr Gewehr schulterte.
Sie zerrte die
Wachen an ihren Kutten in den dunklen Schatten der Hecke und schlich weiter. Was
ihr wirklich Sorgen bereitete, waren die Wölfe. Zwar hatte sie für diese ein
neues Spielzeug parat, aber sie hatte es noch nie eingesetzt und traute ihm
deshalb nicht. Ihre Hand ruhte auf dem elektrischen Teaser an ihrer Hüfte.
Einem Schatten
gleich huschte sie von Baumstamm zu Baumstamm, immer wachsam Blicke in alle
Richtungen schickend, kam sie ein ganzes Stückchen ohne Ärger voran.
Dafür brach er
dann umso heftiger über ihr herein. Wolfsgeheul drang an ihr Ohr, begleitet von
Stimmen, die sich rasch näherten. Hufgeklapper kam die Straße herunter, die
sie rechts liegen gelassen hatte. Ungefähr auf ihrer Höhe blieb das Pferd dann
stehen, verweilte kurz und galoppierte dann weiter zum Tor.
Rasch schlug sich
Diane weiter ins Dickicht des Waldes, fort von der Straße, als schon die ersten
Wölfe als blasse Farbmuster in ihrem Nachtsichtgerät auftauchten. Dank der
integrierten Thermalfunktion konnte sie ihre Schatten bereits durch das
Unterholz sehen und versuchte ihnen auszuweichen, doch selbstverständlich
witterten die Wölfe sie schon und verfolgten sie gnadenlos.
Diane sprang hoch,
ergriff einen niedrig hängenden Zweig und schwang sich hinauf. Die Tiere
brachen durch das Buschwerk, erblickten sie und stimmten ein markerschütterndes
Geheul an. So sehr es sie auch Überwindung kostete, wartete sie, bis auch der
letzte Wolf angekommen war und löste dann das Ultraschallgerät an ihrer Weste
aus. Das Geheul der Wölfe wurde zu einem schmerzvollen Winseln und sie stoben
in alle Richtungen mit eingezogenen Schwänzen davon.
Ich
bin beeindruckt., dachte sie erleichtert, zuckte mit den Schultern und ließ
sich auf den Boden fallen. Die
Technikfreaks sind halt doch auf Zack. Hastig ortete sie die näher
kommenden Stimmen und lief diagonal von ihnen fort, immer das Ziel der
Ordenshalle im Hinterkopf behaltend.
Das Schmettern
eines Horns zerriss die nächtliche Stille. Wütend klang es und warnend. Das war’s dann wohl mit der Heimlichkeit. Verdammter Mist! Wie haben
die so schnell mitbekommen, dass ich hier bin?
Plötzlich
wurde sie gewahr, dass auch aus anderen Richtungen Stimmen zu ihr drangen. Die scheinen zu wissen, wo ich bin! Das Stampfen von Hufen auf
weichem Waldboden erklang hinter ihr, hielt genau auf sie zu. Sie wappnete sich
mit ihrem Sturmgewehr, ging hinter einem Baum in Deckung und lauerte dem
Berittenen auf.
Mit lautem Krachen
brach er durch einen Busch und Diane drückte ab. Die Gummiprojektile sausten
einfach durch den Mann hindurch! Die Illusion verflog und sie erkannte verblüfft,
warum sie nicht getroffen hatte: Der Körper des Mannes ruhte nicht auf dem Rücken
des Pferdes, sondern kam aus dessen Schultern heraus! Freak
oder nicht... Eine weitere Salve traf den Oberkörper des Wesens und ließ
ihn schmerzvoll zusammensacken. ...ich weiß...
Sie zog den Teaser und jagte ihm einige tausend Volt durch den Körper. ...wie
ich Dich kriege.
Ohne sich die
Zeit zu nehmen, noch einmal nach dem zusammenbrechenden Wesen zu schauen,
klinkte sie die Stromdrähte aus und rannte wie der Teufel. Okay,
Planänderung, Mädchen., schoss ihr durch den Kopf. Gebrauch Deinen Kopf und Du wirst überleben.
Sie änderte
die Richtung und hielt jetzt wieder auf das Tor zu. Es würde wieder bewacht
sein. Sie lud ihr Gewehr im Lauf erneut mit einer Gasgranate, schlug einen
leicht bogenförmigen Weg um ihre Häscher herum ein, um Ihnen zu entgehen und
gelangte schließlich zum Tor.
Ein paar
Augenblicke später leisteten die Wachen ihren betäubten Freunden Gesellschaft.
Sie schnappte sich das Horn eines Wächters und blies mit aller Kraft und
imitierte das Signal, das sie zuvor gehört hatte. Dann drückte sie das Horn
der Wache von der es stammte in die Hand und verschwand wieder im Wald, diesmal
hielt sie sich auf der anderen Seite der Straße.
Ob ihr Plan, den
Verfolgern ihre Flucht vorzugaukeln, aufging, würde sich bald zeigen. In der
Zeit wollte sie nicht müßig sein. Sie hielt nun auf die Ruinen eines alten
Hauses zu, welches laut den Satellitenbildern östlich der Ordenshalle liegen
musste. Dort konnte sie sich verstecken, bis sich der Sturm gelegt hatte, und
wenn es einen Tag dauern sollte.
Doch soweit kam es
nicht. Als sie über eine kleine Lichtung huschte, schlug etwas vor ihr krachend
ein und explodierte. Eine Wolfsfrau, ihrem Angreifer der letzten Nacht wie aus
dem Gesicht geschnitten, trat hinter einem Baum hervor. Diane riss ihre Waffe
hoch, drückte ab und traf den Wolf mit solcher Wucht am Kopf, dass es ihn gegen
den nächsten Baum warf und bewusstlos zusammenbrechen ließ.
Scheiße,
Scheiße, Scheiße! Sie wussten immer, wo sie war! Es gab keine Alternative
mehr. Sie musste fliehen. Die machten keinen Spaß und schossen mit Brandsätzen!
Sie klinkte das Magazin aus ihrer Waffe und stieß eines mit scharfer Munition
hinein.
Sie wirbelte herum
und wollte zum Tor, doch zwei Tiermenschen und eine menschliche Frau versperrten
ihr den Weg. Diane schoss, doch zu ihrem Entsetzen prallten ihre Kugeln an einer
gleißenden Barriere ab. Eine schimmernde Energiekugel entstand in den Händen
eines Werlöwen, schoss auf sie zu und schleuderte ihr die Waffe aus der Hand.
Diane dachte nicht
mehr nach, sondern ließ sich nur noch von Instinkten leiten. Sie aktivierte das
Ultraschallgerät und der Löwe und sein Werwolfskrieger hielten sich schreiend
die Ohren zu. Doch die Menschenfrau war wenig beeindruckt. Sie begann obskure
Bewegungen mit ihren Händen zu machen, doch Diane dachte nicht daran, sie damit
durchkommen zu lassen, zog ein Wurfmesser und warf. Eine Barriere knisterte,
doch das Messer kam durch und traf die Frau an der Schulter.
Ein Blick zu den
Bestien verriet ihr, dass sie kampfunfähig waren. Sie hob ihr Gewehr vom Boden
auf und rannte los, schaffte es ein paar Meter in den Wald, bis sie etwas mit
ungeheurer Wucht an der Brust traf und von den Füßen riss. Das Ultraschallgerät
knisterte verdächtig und ein halbe Sekunde später drang der Schmerz in ihr
Bewusstsein. Ein verdammter Armbrustbolzen steckte in ihrer Brust. Aber nicht so tief, beruhige dich! Du trägst eine Kevlarweste, kannst
noch atmen und Deinen Puls spürst Du deutlich in den Schläfen. Steh auf, Mädchen,
steh auf!
Dann hörte
sie ein metallisches Schleifen und der kalte Stahl eines Schwertes berührte
ihren Hals. Shej Riims Gesicht schob sich in ihr Sichtfeld. Seine roten
Raubtieraugen waren nun nicht traurig, sondern voller Zorn. „Das
ist Shargul, Miss Diane. Wenn sie den Biss dieser Klinge nicht spüren
wollen, ergeben Sie sich.”
Diane lag ganz
still. An Gegenwehr war in ihrer jetzigen Verfassung sowieso nicht zu denken. So
angeschlagen hatte sie der... der... Magie dieser Bestien sowieso nichts
entgegenzusetzen. „Ich ergebe mich.“, keuchte sie und musste husten. Ihre
linke Lunge tat höllisch weh.
„Gut.“ Shej
Riim nahm das Schwert von ihrem Hals und schob es in die Scheide. „Sie können
von Glück reden, dass ich derjenige bin, der Sie gestellt hat. Jeder andere hätte
Sie getötet. Stehen Sie auf!“
Einen
schrecklichen Augenblick lang glaubte sie, es nicht zu schaffen. Doch dann taten
die Muskeln ihre Arbeit und irgendwie stand sie bald aufrecht, sah sich wieder
diesem... Werpuma gegenüber, der sie nachdenklich ansah.
Und dann erst
kapierte sie, was seine Worte eben zu bedeuten hatten. Er wollte sie am Leben
lassen. Dass hieß... „Der Orden steckt wirklich nicht hinter den Morden,
oder?“
Sein verärgertes,
kehliges Knurren flößte ihr schreckliche Angst ein. Sie sprach mit einem
Tiermenschen! Tief durchatmend straffte sie ihren Rücken und wappnete sich
gegen seinen Zorn. „Ich habe Dir doch bereits gesagt, dass es Renegaten sind,
welche mordend die Stadt heimsuchen. Und denkst Du, ich hätte Dich gestern
Nacht angerufen, wenn der Orden die Morde verantworten würde?“
„Aber...“
„Ruhe jetzt!“,
herrschte er sie an. „Lass mich nachdenken! Du bist sind in großer Gefahr,
Diane. Dir ist gelungen, was keinem Menschen gelingen sollte. Du hast unsere
wahre Natur erfahren. Denkst Du, der Rat wird davon begeistert sein?“
„Ich muss
sterben.“, hauchte Diane fassungslos.
Stimmen wurden auf
der Lichtung laut. Der Werpuma sah sie mit verzweifelter Wut an. „Es ist
lebenswichtig für Dich, dass Du mir folgende Frage beantwortest: Wie schaffst
Du es, hinter unsere Masken zu schauen? Antworte rasch und wahr!“
Diane war zum
Heulen zumute. Ihr Leben hing von dieser Frage ab, deren Antwort selbst sie
nicht kannte! „Ich weiß es nicht, verdammt!“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Es geschieht einfach! Manchmal sehe ich Orte, die nicht da sind, Wälder
statt die Wände eines Hauses oder Sandebenen, wo eigentlich Steinplatten sein
sollten! Und manchmal sehe ich Wolfsköpfe wo eigentlich ein Menschengesicht
sein sollte.“
Die Stimmen wurden
lauter, kamen näher. „Mehr!“, fauchte Shej Riim.
„Jeder Ihres
Ordens wirkt seltsam, wenn ich ihn ansehe. Mal unscharf, mal sehe ich Tieraugen,
mal Fell an den Händen. Verstehen Sie nicht?!? Es geschieht einfach!“
„Warum lebt
diese Person noch?“, ertönte die eiskalte Stimme jener Frau, die sie mit
ihrem Wurfmesser verwundet hatte. Jetzt erst erkannte Diane sie, es war die Frau
mit dem seltsamen Namen, die ihr zornentbrannt auf der Schwelle der Ordenshalle
begegnet war. Thuvinirgendwas.
Shej Riim nickte
Diane noch kurz entschlossen zu und wandte sich dann der Frau zu. Warum konnte
Diane ihre wahre Gestalt nicht erkennen?
„Sie wird nicht
sterben.“ Werde ich nicht?
„Das ist
nicht Dein Ernst, Kri!“ Ihr kalter Blick fiel von Diane ab und blieb an Shej
Riim heften. Wo ist ihre Wunde? Ich habe
ihr eine Klinge in die Schulter gerammt!
„Mäßige
Deine Zunge, Thuvindal!“, rief Shej Riim mit einer herrschaftlichen Gewalt,
die Diane nicht von ihm erwartet hatte. Irgendeine Veränderung war mit ihm
vorgegangen. Er schien jetzt größer und ehrwürdiger zu sein. Ein Gefühl von
würdevollem Alter ging von ihm aus.
Die Gescholtene
wollte mit blitzenden Augen zu einer Antwort ansetzen, schluckte es jedoch
herunter und senkte den Blick. „Verzeiht, Shejrriim, ich sprach unbesonnen.“
„Sie muss
sterben, Shejrriim.“, sagte der Löwenmensch, der zusammen mit dem
Wolfskrieger aus dem Schatten trat. „Jetzt haben diese verdammten Abtrünnigen
es geschafft. Die Menschen sind auf uns aufmerksam geworden. Wenn sie geht,
werden andere kommen, den Orden zu zerschlagen und das Gleichgewicht wird
kippen.“
Ein ohrenbetäubendes
Brüllen drang aus Shejrriims Maul. Eine Aura unglaublichen Zorns umgab ihn. Er
trat zwischen Diane und die Verfolger, zog sein Schwert und rief: „Shargul! Zu
mir!“ Die eingravierten Drachen auf seiner Klinge wurden lebendig. Grünschimmerndes
Licht ging von ihnen aus, als sie sich von dem Stahl lösten und wie zwei
weitere, lebendige Klingen aus dem Heft ragten. Ihre Augen funkelten die
Verfolger an und sie schnappten in ihre Richtung.
Dianes Gedanken überschlugen
sich. Warum tat er das? Was waren das für abgefahrene Zauberkunststücke, die
hier offenbar jeder beherrschte? Hoffnungsvolle Gedanken fegten zusammen mit
Furcht vor dem Tod durch ihren Kopf.
Shejrriims Gegner
indessen wichen erschrocken und kampfbereit zurück und sahen ihn fassungslos
an. „Was ist in Dich gefahren?“, fragte der Löwe schließlich.
„Ich stelle sie
unter meinen Schutz, das ist in mich gefahren!“, knurrte Shejrriim. Dianes
Herz machte einen Freudensprung. „Ein Angriff auf sie ist ab jetzt auch ein
Angriff auf mich.“
„Shejrriim!“
Die Stirn des Löwen legte sich in Zornesfalten. „Sie kann unermesslichen
Schaden mit ihrem Wissen anrichten. Denke an das Gleichgewicht!“
„Ich bin selbst
ein Wächter, hast Du das vergessen?“ Er sah den Löwen eindringlich an.
„Taresh, mein Gefühl sagt mir, dass ihr Tod eher ein Schaden für das
Gleichgewicht sein wird. Ich habe dem Orden seit Jahrzehnten treu gedient.
Vertraut meinem Urteil.“
Taresh sah
Shejrriim lange Zeit an, immer noch zum Kampf bereit. Dann richtete er seine
kraftvoll blickenden Augen, gelblichbraune Augen, auf Diane. „Menschenkind. Du
hast uns angegriffen. Du hast unser größtes Geheimnis enttarnt. Und doch ist
Dir großes Glück widerfahren. Shejrriim vergibt seinen Schutz nicht
leichtfertig, Du enttäuscht ihn besser nicht.“
Irgendwie brachte
sie ein Nicken zustande. Der Löwe ließ seine Klauen sinken und schaute wieder
Shejrriim in die Augen. Auch die anderen Verfolger gaben endlich ihre
Angriffshaltung auf und ließen die Hände sinken.
„Shejrriim, Du
hast dem Orden in der Tat Deine Treue bewiesen und Großes vollbracht. Ich
akzeptiere Deine Entscheidung, wenn auch schweren Herzens. Dein Schicksal ist
von nun an an das ihre geknüpft. Geht sie fehl, ist es verwirkt.“
Die Aura des Zorns
verschwand, die Drachen glitten in das Schwert zurück und erstarrten zur
Gravur. Shejrriim schob es in die Scheide und verneigte sich vor dem Löwen.
„So soll es sein, Ratsherr. Habt dank.“
Die Verfolger wandten sich ab und verschwanden in der Dunkelheit, ließen eine
ihnen ungläubig nachstarrende Diane mit Shejrriim allein. „Ihr... Dein Name
ist also Shejrriiim, hm?“, war das erstbeste, was ihr einfiel. Oh Mann. Was für ein dummer Satz!
Der Werpuma
sog tiefen Atem ein, ließ ihn mit einem Seufzer entweichen und blickte immer
noch dem Löwen hinterher. Zaghaft ging sie zu ihm, zwang sich ihn ruhig
anzublicken, wie er dort stand. Sandfarbenes Fell, außer auf der Brust und dem
Bauch, raubtierhafte Züge, mit aufgewühlt hin und herpeitschenden Schwanz.
Seit er sie in Schutz genommen hatte, wirkte er gar nicht mehr wie eine Bestie.
„Danke.“, traute sie sich endlich gegen sein fortwährendes Schweigen
anzutreten und zog endlich seine Aufmerksamkeit auf sich.
„Es hing an
einem seidenen Faden, Diane.“ Seine Stimme war rau und sanft. „Unser beider
Leben.“
„Ich... Ich weiß
gar nicht, wie ich Dir danken soll. Wieso hast Du das für mich getan?“
Ernst antwortete
er ihr: „Mein Gewissen hat es so verlangt. Mein Ich hat mir gesagt, dass Du
leben musst. Und was den Dank angeht: Enttäusche mich nicht.“
Ihr war seltsam
leicht ums Herz, eine unglaubliche, verrückte Freude am Leben zu sein kam in
ihr hoch und erfüllte jede Faser ihres Körpers. Vollkommen von sich selbst überrascht
tat sie einen Schritt nach vorn und umarmte Shejrriim kurz.
Der sah sie halb
verwundert und halb lächelnd an, wurde dann schlagartig wieder sehr ernst und
sagte: „Damit Du das nicht falsch verstehst. Du hast eben nicht, wie nennt ihr
Menschen das, ‚dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen’. Im Gegenteil,
Deine Schwierigkeiten haben gerade erst angefangen.“
„Wie... meinst
Du das?“
„Hast Du es
nicht begriffen?“ Shejrriim schüttelte resigniert den Kopf. „Du bist ein
Gefangener des Ordens.“