"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Der Orden" von
Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005
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ist. Wenn Euch etwas nicht gefällt: dito.
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Und jetzt viel Spaß mit dem zweiten Teil.
Ausgesprochene
Wahrheiten und verschwiegene Gedanken
Verärgert klopfte
Thuvindal an Shejrriims Tür. Seit Tagen versuchte sie, mit dem Kri zu sprechen
– vergebens. Es schien beinahe so, als wolle
er nicht mit ihr reden. Nun gut, er war die rechte Hand des Rates und hatte viel
zu tun, doch dass es so weit kommen musste, dass eine Verabredung nötig wurde,
war beleidigend.
Warum
bittet er mich nicht herein?, dachte sie ungeduldig. Sie hatte erwartet,
dass es schwer würde, eine längere Zeit mit Sterblichen zu verbringen und dass
es eine harte Probe würde, sich ihnen unterzuordnen, jedoch hatte sie nicht
geahnt, wie schwer. Die ersten Tage
auf der Erde hatten sie sich bald nach den Wäldern ihrer Heimat sehnen lassen.
„Tritt ein!“,
drang Shejrriims Stimme durch die Tür.
Als Thuvindal den
Raum des Kri betrat, nahm sie zuerst zweierlei Dinge wahr. Der Raum war mit
einem angenehmen, wohlvertrauten Geruch erfüllt. Und das Zweite, das ihre
Aufmerksamkeit beanspruchte, war das kunstvolle Schwert, das auf den Knien des
Kri lag, der es auf einem Kissen sitzend sorgsam mit Öl abrieb. Nun, da sie es
bei Lichte sah, konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es eine Arbeit von
Elfenschmieden war. Ein leichter Zweihänder mit schlanker Klinge, vortrefflich
von einem wahren Meister ihres Volkes aus dem edelsten Stahl geformt.
Shejrriim schien
sie kaum zu bemerken, denn er hob selbst dann den Blick nicht von der Klinge,
als sie näher herantrat. Mit bedächtigen, gleichmäßigen Bewegungen führte
er seine Arbeit fort.
„Setz Dich.“,
sagte er dennoch. Und mit sanfter Stimme fügte er hinzu: „Wenn Du magst. Und
nimm Dir ruhig eine Schale.“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf eine irdene
Kanne, in der Thuvindal die Quelle des Dufts fand. Es war Thilisar, ein
elfisches Getränk.
Misstrauen
erwachte in ihr. Versuchte dieser Kri sich mit billigen Tricks bei ihr beliebt
zu machen? Dennoch war es erstaunlich, dass sich ein Sterblicher diese Mühe
machte. Geschmeidig nahm sie Platz, rührte den Tee aber demonstrativ nicht an.
Vielmehr regte sich wieder Zorn in ihr, da der Kri ihr kaum Beachtung schenkte.
Sie hatte lange genug gewartet! Doch sie nahm es als Prüfung, verstand den Kri
sogar. Sie war neu im Orden, einzige Elfe hin oder her, und konnte nicht
erwarten, mit übermäßig viel Respekt behandelt zu werden.
In aller
Seelenruhe beendete Shejrriim seine Arbeit und steckte das Schwert dann in die
vor ihm auf dem flachen Tisch liegende Scheide. Dabei blitzte kurz ein
eingravierter Drache im Schein der Feuerschalen auf und Thuvindal hob erstaunt
die Augenbrauen. Sie hatte vor langer Zeit – lang selbst für die
Unsterblichen – von den Weisen ihres Volkes von diesen Klingen gehört, aber
es klang bereits damals viel mehr nach einer Legende.
„Das ist eine
Drachenklinge.“, stellte sie in einem halb anklagendem Ton fest. Nur wenige
dieser Schwerter waren damals gefertigt worden. Sie seien ein Geschenk der Elfen
an die Drachen gewesen, die aus längst vergessenen Gründen darum gebeten
hatten. Sie waren nicht für Sterbliche gedacht. „Woher habt Ihr sie?“
Shejrriim hob
seinen Blick zu ihr und die Traurigkeit darin war beinahe schmerzhaft. Erneut
stellte sie fest, dass diese Augen so gar nicht zu einem Kri passten, der höchstens
ein Drittel seiner Lebensspanne erreicht hatte.
„Ich spreche
nicht darüber.“, erwiderte er nur kurz angebunden. Dennoch wusste sie, was
sie wissen musste. Er hatte es nicht gestohlen. Hätte er nur den geringsten
Zweifel daran gelassen, hätte sie die Klinge bei der nächsten Gelegenheit
fortgeschafft.
Der Kri nahm einen
Schluck Thilisar zu sich und widmete ihr nun seine ganze Aufmerksamkeit. „Nun,
Du wolltest mich sprechen?“
„Nein, ich
wollte mit dem Rat sprechen. Man verwies mich stattdessen an Euch.“,
korrigierte sie ihn und bedauerte die Schärfe ihrer Worte sofort. Aber es
kostete sie einiges an Mühe, ruhiger zu werden. Der Orden! Der Rat! Sie
sprachen vom Gleichgewicht und verstanden doch so wenig. Es gab einen guten
Grund, warum die Elfen den Orden stets gemieden hatten. Bis heute.
Shejrriim verzog
keine Mine. „Und nun, da Du hier bist und mit mir vorlieb nehmen musst, was
willst Du mir sagen?“ Es war keine Ironie in seinen Worten. Nur ruhige
Gelassenheit.
„Ich habe mich
dem Orden angeschlossen, weil die Elfen die Stunde kommen sehen, da alle Völker
dem Gleichgewicht dienen oder untergehen müssen. Doch seit ich auf die Erde kam,
diene ich nicht – ich warte. Bestenfalls werde ich als Häscher für einen närrisch
gewordenen Menschen gebraucht.“
Ein Lächeln
huschte über Shejrriims Gesicht. „Du bist zornig auf sie, weil sie Dich
verwundet hat.“
Thuvindal war überrascht
von diesen Worten. Sie hätte nicht gedacht, dass sie so leicht zu durchschauen
war – für einen Sterblichen. Stumm nickte sie.
Nach einem
weiteren Schluck Tee sagte der Kri: „Sieh es als Deine erste Lehre über die
Menschen an. Sie sind kurzlebig und die meisten von ihnen sind dumm, doch es
gibt auch solche, die selbst Dir gefährlich werden können. Die Sterblichen zu
unterschätzen ist gefährlich.“
Thuvindal nickte
erneut. Er hatte es nicht ausgesprochen, aber es war ein milder Tadel in seinen
Worten, einer, der gerechtfertigt war. „Wo ist dieser Mensch jetzt? Im Kerker?“
„Sie schläft
sich gerade aus.“ Er neigte seinen Kopf zur Seite und schien zu lauschen. „Oder
zumindest hoffe ich das. Ich habe ihr den Raum neben mir gegeben.“
„Sie wird
fliehen!“, rief sie aufgebracht. „Wie könnt Ihr so sorglos mit einer solch
wichtigen Angelegenheit umgehen?!“ Ungläubig und vorwurfsvoll blickte sie ihn
an. Die Sterblichen werden noch unser aller Untergang sein!
Erneut nahm er
einen Schluck zu sich, sah sie aber über den Rand seiner Schale unentwegt an.
Sein ruhiger Blick schien jede Regung ihres Gesichts lesen zu können und ihr
wurde zunehmend unbehaglicher. Hätte ein Berg sie mustern wollen, hätte er das
nicht geruhsamer tun können.
„Wie alt bist Du,
Thuvindal?“, fragte er dann unvermittelt.
Was bezweckte er
mit dieser Frage? „Ich habe mehr als sechshundert Sommer gesehen.“,
antwortete sie schließlich.
„Das will ich
glauben.“ Der Kri neigte sein Haupt wider leicht zur Seite und sein ruhiger
Blick schien in sie hinein zu sinken. „Und wie viel mehr?“
Was
hat er doch eben gesagt? Die Sterblichen zu unterschätzen sei gefährlich. Lass
Dir spätestens dies eine Lehre sein, stolze Thuvindal., dachte sie ungläubig.
„Ich habe sie nicht alle gezählt.“, flüsterte sie beschämt. „Ich habe
den Beginn des Neuen Zeitalters erlebt, als ich jung war.“
Ohne sichtbare Überraschung
nickt der Kri, goss aus dem Krug Thilisar in die zweite Schale und schob sie auf
dem Tisch zu ihr hin. „Es muss schwer für Dich sein, sich Wesen unterordnen
zu müssen, die erst eine solch kurze Zeit Deines Lebens unter Sonne und Mond
wandeln. Und es muss unerträglich für Dich sein, dem Orden zu dienen, wenn so
viel mehr für Dich auf dem Spiel steht, als selbst der Rat es erahnen kann.“
„Woher...“ Seid Ihr ein Telepath?
„... ich das
weiß?“ Shejrriim setze seine leere Schale ab und legte seine Hände auf das
Schwert auf seinen Knien. „Ich kenne Dein Volk, Thuvindal, auch wenn das Wort
‚kennen’ aus dem Munde eines Sterblichen in Deinen Ohren schwach klingen
muss. Doch ich weiß genug, um zu erraten, dass es etwas geben muss, das die
Elfen in Aufruhr versetzt hat. Etwas, das Dein Volk dazu brachte, sich wieder
mit den Sterblichen einzulassen und Dich herbrachte.“
Achtungsvoll
neigte Thuvindal ihr Haupt und verbarg dies durch einen Schluck des Elfentees.
Er schmeckte so unglaublich köstlich, dass es ihr ein Lächeln auf die Lippen
trieb. Das erste seit ihrer Ankunft. „Ein Kri der sich auf die Kunst versteht,
Thilisar zuzubereiten! Ich werde Euch nie wieder unterschätzen, Shejrriim.“
Mit diesen Worten meinte sie mehr, als nur den Tee und Shejrriim verstand.
„Nicht jeder,
der dem Orden angehört, dient ihm aus freien Stücken, Thuvindal.“, sagte er
sehr ernst. Ein Teil ihres Misstrauens kehrte zurück. Plante er, sie in eine
Falle zu locken? War das eine Prüfung ihrer Loyalität? „Ich bin hier, weil
mich ein Schwur, den ich einem Freund gab, an meinen Weg bindet.“ Dabei
huschte sein Blick zu seinem Schwert. Thuvindal trank schweigend ihren Tee.
Shejrriim nahm ihr
Schweigen ohne Regung hin und sagte schließlich: „Der Rat hat Dich zu mir
geschickt, damit ich Dir Arbeit gebe. Er erwartet vermutlich, dass ich Dich wie
jeden Neuen einem der Bereiche zuweise, in dem Du Deine Talente am Besten
einsetzen kannst.
Dich zu den Wachen
zu geben würde Verschwendung sein. Das Forschen nach verstaubtem Wissen in den
Bibliotheken würde Dich ermüden, da bin ich sicher...“ Er sah sie grübelnd
an, doch sie erkannte, dass er nur ein Spiel mit ihr spielte. Er versuchte ihre
Reaktionen auf seine Vorschläge zu ergründen. „Um Dich unter die Menschen
schicken zu können, brauchst Du erst Erfahrung. Der Rat gewährt dies erst
Adepten, die mehrere Jahre im Dienst des Ordens stehen und genug Wissen über
die Menschen gesammelt haben.“ Sie zuckte mit keiner Wimper, auch wenn es in
ihr kochte. Jahre! Diese Narren! „Runenmagie...
nichts für Elfen. Hüter des Portals nach Landor zu sein, wäre beleidigend.
Die Technik der Menschen zu studieren dürfte kaum nach Deinem Geschmack sein.“
Shejrriim musste
lachen, als er ihre versteinerte Mine bemerkte. „Ich glaube nicht, dass es im
Interesse des Rates oder des Ordens liegt, wenn eine zornige Elfe in unseren
Reihen dient.“
Thuvindal war
sprachlos vor Zorn. Sollte das heißen...
„Es gibt eine
Aufgabe, mit der ich Dich betrauen möchte. Sei mein Schatten.“
Ihr Zorn
verwandelte sich in Verblüffung, dann in Freude. Aus dem Munde eines Kri
bedeutete dies eine hohe Ehre, denn der Schatten eines Kri war ein treuer
Begleiter, ein Gleichberechtiger, ein Ebenbürtiger. „Warum tut Ihr das? Ihr
kennt mich nicht.“
„Es ist der
beste Weg, den Du im Orden finden kannst. Und ich werde niemand besseres finden
als Dich.“
Thuvindal neigte
dankbar ihr Haupt und sagte geehrt: „Ich werde Euch nicht enttäuschen,
Shejrriim. Ich werde Euer Leben schützen und Eure Tat unterstützen mit aller
Kraft.“
Als sie ihren
Blick wieder hob, erfüllte Hoffnung und Freude ihr Herz. Etwas war seltsam an
diesem Kri. Es würde eine interessante Zeit an seiner Seite werden.
„Wenn Du willst,
kannst Du nun gehen, Tochter des Waldvolks. Auch wenn es Dir widerstreben wird,
musst Du Dich in den Umgang mit Menschen und ihrer grundlegenden Technik
einweisen lassen. Sie haben seltsame, wirre und teils dumme Bräuche. Mehr als
Du ahnen kannst.“
Thuvindal leerte
ihre Schale in aller Ruhe, stand dann auf und verabschiedete sich. Als sich ihre
Hand auf den Griff der Türe legte, sprach Shejrriim noch einmal: „Eines musst
Du mir versprechen, auch wenn es eine Unsitte ist, ein Versprechen zu verlangen.“
Sie hielt in ihrer
Bewegung inne und fragte sich, was nun kommen würde.
„Versuche
niemals, mein Schwert zu führen. Nicht einmal, um mein Leben zu schützen, wenn
ich bezwungen am Boden liege.“
Thuvindal zögerte
mit der Antwort. Es war eine seltsame Bitte. Wenn einer das Recht hatte, ein
Elfenschwert zu führen, dann sie. Doch sie war sich sehr wohl bewusst, dass ihr
Shejrriim viel Vertrauen entgegenbrachte und nun war es an ihr, es ihm
gleichzutun. „Ich werde Shargul nicht anrühren.“, antwortete sie und ging.
Die Tür von Dianes Gemach öffnete sich einen Spaltbreit und grüne
Augen funkelten in der Dunkelheit. Als sie sich sicher zu sein schien, dass sie
unbeobachtet war, glitt Diane durch die Tür, spähte in beide Richtungen den
Gang hinab und lief dann nach rechts los, hielt sich im Schatten und machte für
einen Menschen erstaunlich wenig Lärm. Ihre schwarze Kampfkleidung hätte es für
Menschenaugen sicherlich schwer gemacht, sie in dem von Fackeln beleuchteten
Gang zu entdecken.
Doch Shejrriim war
kein Mensch. Seine Augen durchdrangen die Dunkelheit mühelos. So beobachtete er,
wie sie sich an der Ecke eines abzweigenden Ganges mit dem Rücken an die Wand
schmiegte und um die Kante lugte. Sie huschte um die Ecke und verschwand.
Shejrriim trat
schmunzelnd hinter einer Säule hervor und schlich ihr nach. Sie würde bald
feststellen, dass sie in die falsche Richtung geflohen war. Mühelos schlich er
ihr doppelt so schnell nach, wie sie sich bewegte, seine nackten Raubkatzenfüße
waren für die lautlose Jagd geboren.
Diane schlich von
Ecke zu Ecke, verbarg sich so gut sie konnte und schaffte es sogar, der
Aufmerksamkeit eines Yradins, eines Wolfsmenschen, zu entgehen, der keine zwei
Schritt entfernt an ihr vorüberging. Vermutlich
ist Grack mal wieder zu sehr in Gedanken, um den Geruch dieses Menschen zu
wittern., dachte Shejrriim amüsiert. Grack war das, was einem zerstreutem
Bibliothekar am nächsten kam: Immer am Grübeln über das, was er gelesen hatte.
Zwei Abzweige später
erkannte Shejrriim, dass Diane keineswegs auf der Flucht war. Zielstrebig folgte
sie dem Weg, den sie damals mit ihm gegangen war und würde unweigerlich zur Großen
Halle der Bücher gelangen.
Auf einigen
Umwegen, verstand sich. Shejrriim beschloss, diese Mühe nicht auf sich zu
nehmen. Er bog in die entsprechende Richtung ab und überließ Diane sich selbst.
Sie war überrascht, wie einfach es war. Die Ordenshalle war tief
in der Nacht so gut wie verlassen und niemand schien sich um die Überwachung
der Gänge zu kümmern. Kurz blitze ein Gedanke an Flucht in ihr auf, den sie
aber rasch unterdrückte. Im Moment war sie genau dort, wo sie sein wollte: Im
Innern des Ordens. Ihre Flucht würde sowieso eher gelingen, wenn sie weniger
spontan und mit mehr Wissen über die Halle und das Anwesen unternommen würde.
Derweil hatte sie
ein anderes Ziel. Der Grundriss, den sie in ihrem Kopf gespeichert hatte, kam
ihr nun zugute. Die Bibliothek musste hinter der nächsten Kreuzung liegen.
Eine Wache eilte
heran. Ihr blieb fast das Herz stehen. Doch die Graukutte wandte ihren Blick
nicht nach rechts oder links, sondern stürmte nur in Richtung des Tors, während
sie in einer fremden Sprache vor sich hin brubbelte. Na?
Dienstantritt verschlafen?, regte sich die freche Seite in ihr, bevor sie
allen Mut zusammennahm und auf den dunklen Türbogen der Bibliothek zu rannte.
Absolute
Dunkelheit und das Gefühl von Größe umfing sie. Ihre Ohren schienen taub zu
werden, als sich von tausend Büchern gedämpfte Stille um sie schmiegte. Der
Geruch von altem Papier und trockenem Leder stieg ihr in die Nase.
Zu
blöd, dass sie mir mein Nachtsichtgerät weggenommen haben. Sie ließ ihre
Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch es half nicht viel. Der schwache
Lichtschimmer der vom Korridor hereindrang, erhellte gerade einmal die ersten
Meter.
„Brauchst Du
Licht, Diane?“ Ihr Herz setzte ein Schlag aus, sie schnellte herum und stieß
beinahe mit Shejrriim zusammen.
„Ähm.“ Ihr
Gehirn fühlte sich an wie im Leerlauf. „Ja?“
Zielsicher
griff Shejrriim in ein unscheinbares Regal bei der Tür, brachte einen Kristall
zum Vorschein und ließ ihn mit ein wenig Magie erstrahlen. Warmes, goldenes
Licht überflutete Dianes staunendes Gesicht.
„Na, das ist mal
ne Taschenlampe.“, brachte sie schließlich hervor und nahm den Kristall
behutsam in die Hand, beinahe als fürchtete sie, sich zu verbrennen. Dann erst
wurde sie sich wieder Shejrriims bewusst, der sie mit einem offenen Grinsen
anblickte. „Äh, danke.“
Er trat beiseite
und lud sie mit einer allumfassenden Geste ein, weiter in die Halle der Bücher
zu treten. Zögerlich folgte sie dem Angebot und hob den Kristall hoch, um die
nahen Regale zu erleuchten, die sich aus uraltem Eichenholz gefertigt bis zur
Decke der Halle türmten, die weiterhin im Dunkeln verborgen blieb. Ein Laut der
Überraschung kam von ihren Lippen und er konnte sie gut verstehen. Dies war ein
Hort des Wissens, an dem Bücher und Pergamente zusammengetragen waren, die auf
der Welt seit Jahrhunderten als verschollen galten. Es waren allesamt Werke, die
von dem größten Mysterium handelten, welches den Orden beschäftigte: Die
Menschheit und ihr Schaffen im Wandel der Jahrtausende.
Doch offenbar
konnte sie ihre Aufmerksamkeit nicht so recht auf die Bücher lenken. Schließlich
blieb sie stehen und fragte, ohne sich umzudrehen: „Habe ich jetzt ein
Problem?“
Der Kri trat neben
sie und schüttelte gutmütig den Kopf. „Ich bin froh, dass ich Dir hierher
und nicht zum Tor der Halle gefolgt bin.“
„Gefolgt?“
Seufzend ließ sie ihren Kopf hängen, drehte sich zu ihm um und hob ihn mit
einem schiefen Lächeln wieder. „Ich sollte Dich nicht unterschätzen, oder?“
„Niemanden hier,
Diane.“, erwiderte er ernst. Er schaute in ihre grünen Augen und bemerkte zu
seiner großen Freude, dass das letzte Fünkchen Furcht aus ihnen verschwunden
war. Das ist gut. Die Furcht zu überwinden
ist der erste Schritt zum Ablegen von Vorurteilen. „Ich hab Dich ebenfalls
unterschätzt, und fürchte, dass darin der Grund liegt, warum es Dich gestern
Nacht zu uns verschlagen hat.“
„Wie meinst Du
das?“
Shejrriim schwieg
zunächst und führte sie zu einem Tisch, um den herum hölzerne Schemel standen,
und sie setzten sich. Er nahm ihr den Kristall ab und betrachtete ihn verträumt.
„Die hell Leuchtende.“
Diane musterte den
Kristall eingehend, als gelte es, ein Geheimnis zu ergründen. „Ich verstehe
nicht ganz.“
„Das bedeutet
Dein Name: Die hell Leuchtende. Ihr Menschen gebt euren Kindern Namen und wisst
manchmal gar nicht um ihre Bedeutung, geschweige denn dass ihr sie eure Kinder
lehrt.“ Er setzte den Kristall behutsam auf einen dafür vorgesehenen Sockel
aus Holz.
„Es war
unvermeidlich, dass Dich Deine Suche nach der Wahrheit hier her führen musste,
solange ich Dir die Wahrheit verweigerte.“, antwortete er schließlich auf
ihre Frage. „Ich sah es in Deinen Augen und dennoch war ich närrisch genug,
den vermeintlich bequemeren Weg zu versuchen. Das hätte uns beide beinahe das
Leben gekostet.“
„Und was ist das
für eine Wahrheit?“, fragte sie im Plauderton und lächelte dabei. „Tiermenschen
wohnen in einem Schloss und jagen ein paar durchgedrehte Zeitgenossen. So etwas
lese ich täglich in diesen Zeitungen mit den dicken Überschriften.“
Nachdenklich sah
er die Menschenfrau an. Sie nahm es mit Humor, tat so, als würde es ihr leicht
fallen, sich dem allen zu stellen. Er würde gerne wissen, wie es in ihrem
Herzen aussah. „Die Wahrheit ist ein wenig komplizierter.“, begann er
behutsam und verfiel dann wieder in nachdenkliches Schweigen. All die Jahre war
Verschwiegenheit ihr aller Überleben gewesen. Nun hing ihr Überleben davon ab,
dass ein Mensch alles erfuhr und dann eine richtige Entscheidung fällte.
Diane stütze ihre
Ellebogen auf den Tisch und sah ihn geduldig an. „Ich bin ein schlaues Mädchen,
versuch es einfach. Ich will alles wissen.“
Er konnte nicht
anders, als wegen ihrer tapferen Unbeschwertheit zu lachen. „So sei es. Doch
wir würden vermutlich noch in drei Tagen hier sitzen, wenn ich Dir alles
berichten würde. Du musst für heute mit einer kurzen Fassung vorlieb nehmen.
Es wird vermutlich so schon schwer genug für Dich, das zu glauben.“
Vertraue.,
flüsterte sein Verstand und er hatte Recht. Doch womit sollte er anfangen? Der
Spaltung der Welt? Das war geheimes Wissen, selbst der Rat ahnte mehr, als dass
er darüber wusste. Vielleicht war es genug, mit der Flucht der Yradin zu
beginnen. Oder besser noch damit, warum der Orden des Gleichgewichts überhaupt
existierte.
„Das, was Du
manchmal siehst, ist wahr. Ich meine nicht nur, dass Du unsere kleine Illusion
durchschaust, sondern auch Deine Blicke durch die Welt hindurch. Wenn Du Bäume
siehst, wo die Mauern eines Hauses stehen sollten, wird Dir ein Blick in unsere
Welt gewährt. Die Erde ist nicht allein, Diane, sie hat eine Schwester. Wir
nennen sie Landor und sie ist die Heimat aller magischen Rassen.“
Diane gab ihre
entspannte Haltung auf und sah ihn voller Zweifel an. „Wieso seit ihr dann
hier? Du sagtest, der Orden existiert schon sein Jahrhunderten.“
„Es gibt Magie
in Landor, deren Mächtigkeit grenzenlos scheint, doch bei euch ist diese Magie
nur noch ein verblasster Schatten. Auf der Erde herrschen die Welt
durchdringende Regeln, die Naturgesetze, die euch ein andere große Macht
offenbaren: Die Wissenschaft. Eure Naturgesetze haben bei uns hingegen kaum
Bedeutung.
Es herrscht ein
wundersames Gleichgewicht zwischen der Erde und Landor, ein Gleichgewicht das für
das Überleben beider Welten von Bedeutung ist. Zu viel Magie bringt Chaos in
Eure Welt und zu viel Ordnung bedeutet das Ende der alles erfüllenden Magie
Landors.“
„Und ihr wacht
über dieses Gleichgewicht?“ Grenzenloses Staunen zeichnete sich in ihrem
Gesicht, ihren leuchtenden Augen und ihrer Stimme ab. „Wie?“
Shejrriim
schmunzelte. Diane wirkte wie ein Kind, dass eine unglaubliche Geschichte zum
Zubettgehen zu hören bekam. „Die Mystiker erkannten rasch, dass jeder Übertritt,
jedes Einsickern der Magie in Eure Welt das Gleichgewicht in Unruhe versetzt.
Aus Angst vor einer zu großen Erschütterung wurde der Übergang unter
Todesstrafe gestellt. Es war eine weise Entscheidung.
Ihr Menschen
besitzt diese Weisheit nicht. Eure Neugier hat euch stets dazu gebracht, die
Vernunft zu ignorieren und viel wunderbares Wissen zu eurem Übel oder dem
Schaden Eurer Welt zu missbrauchen. Lange Zeit wachte der Orden über das
Gedeihen der Menschen und sah mit zunehmender Besorgnis, dass euer enormer
Fortschritt euch davoneilte. Ihr wisst so viel und versteht so wenig. Darum ist
es eine Aufgabe des Ordens, eure Forschung zu überwachen und zu verhindern,
dass ihr einen Weg durch den Schleier findet, der unsere Welten trennt.“
„Das mit dem
Gleichgewicht der Natur ist also nur Tarnung, hm?“, sagte Diane langsam, während
ihr eine Menge durch den Kopf zu gehen schien. Der staunende Ausdruck war nicht
von ihrem Gesicht gewichen. „Also ist es für euch Zaubermeister ein Leichtes,
den... Schleier zu durchdringen, während unsere Wissenschaftler gerade erst mal
anfangen über parallele Dimensionen rumzuspinnen.“
„Ganz so einfach
ist es nicht. Ich nannte es einen Schleier, denn unsere Welten sind sehr nahe,
doch die Kluft zwischen unseren Welten ist groß und sie wird mit jedem Tag größer.
Es erfordert eine mächtige Magie, zwischen den Welten zu wechseln und es ist
nur an Orten möglich, die sich ähnlich sind.“
„Ähnlich?“,
unterbrach sie ihn verwundert. „Wieso gibt es Orte, die sich ähnlich sind?
Die Wahrscheinlichkeit dafür ist doch astronomisch gering, oder nicht?“ Dann
grübelte sie kurz nach und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Es muss
viele dieser Ähnlichkeiten geben, wenn man die Wolfsmorde bedenkt.“
Sie
hat einen wachen Verstand!, erkannte er. Wenn Du nicht Deine Zunge hütest, wird sie Dich noch in der ersten
Nacht überrumpeln! Er beschloss sich an das Wissen des Ordens zu halten.
„Einige der größten Mystiker haben Jahrhunderte darüber nachgesonnen, warum
es Stätten gibt, an denen unsere Welten einander widerspiegeln. Das Anwesen des
Ordens zum Beispiel ist über
Jahrhunderte hinweg ein Zwilling gewesen, deshalb bauten wir auch die Burg auf
beiden Seiten. Die Magie hier ist stark und sie wird stärker mit jedem Sandkorn,
das am selben Platze liegt.
Auf der anderen
Seite gibt es Orte, die dem Auge sehr unähnlich scheinen, wie die Lagerhalle,
in der Du angegriffen wurdest. Viel wichtiger als das Äußere sind die Wurzeln
der Welt. Der Grund, auf dem alles steht ist es, worauf es ankommt. An jenen
Stellen ist ein Übergang möglich, wenn auch schwieriger.
Doch woher kommt
diese Gleichheit? Es gibt Mystiker, die sagen, dass es dünne Stellen im
Schleier gäbe an denen die eine Welt auf die andere ‚abfärbe’. Doch es
gibt auch Stimmen, welche immer lauter werden, die behaupten, Landor und Terra wären
einst Zwillinge gewesen, die sich im Alter immer mehr entfremdeten. Und so
scheint es zu sein, denn es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht ein Ort des Überganges
verloren geht. Sei es durch die Sprengung eines Berges, eine Naturkatastrophe
auf Terra oder eine magische Verformung auf Landor.“
„Zwillingswelten...“,
sinnierte Diane und spielte gedankenverloren mit einem Ohrläppchen. „Das
klingt mehr nach etwas, womit sich unsere Wissenschaftler anfreunden könnten.
Wenn es stimmt, was Du sagst und unsere Welten im Gleichgewicht sind, dann muss
doch die Erklärung dieses Rätsels in beiden Welten Geltung haben können...“
Shejrriim hob
fragend die Hände und sagte: „Ich bin weder Mystiker noch Wissenschaftler,
ebenso wenig wie Du. Zerbrechen wir uns nicht den Kopf darüber.“ In
Wirklichkeit behagte es ihm nicht, wie spielerisch leicht sie auf die richtige Fährte
gekommen war. Vielleicht hat das mit ihrem
seltsamen Gespür zu tun, dass sie durch den Schleier blicken lässt?
Zu seiner
Erleichterung gab sie es tatsächlich schulterzuckend auf und sprach dafür
andere Gedanken aus: „So richtig verstehe ich das mit der mächtigen Magie
noch nicht. Dies Wolfsbestien töten immer von Landor kommend und verschwinden
danach wieder, doch der Werwolf, der mich angriff, brauchte nur sein Amulett berühren
und schwand dann vor meinen Augen.“
„Das Amulett...“
Shejrriim seufzte schweren Herzens. Diane sprach gerade die größte Sorge des
Ordens aus. „Der Orden weiß nicht, woher diese Stücke stammen. Sie sind
weitaus mächtiger, als es die größten Mystiker aller Völker fertigen könnten.
Und keiner dieser Mystiker würde es wollen, sie wissen um die Gefahr. Der Orden
auf Landor sucht ebenso fieberhaft wie erfolglos nach der Quelle dieser Amulette.“
Diane saß jetzt
kerzengrade da und ein waches Leuchten erfüllte ihre Augen. Sie
ist auf ihrer Art der Jagd., erkannte Shejrriim. „Warum spürt der Orden
die Wolfsmenschen...“
„Die Yradin.“
„...diese Yradin
nicht auf Landor auf?“
Jetzt kam seine größte Sorge zur Sprache. „Sie greifen von Landor her an,
doch sie sind dort wie vom Erdboden verschluckt. Der Orden vermutet... Nein, ich
fürchte, dass sie ihr Versteck auf der Erde haben.“
„Und wo
verstecken sie sich? Es dürfte nicht leicht sein, selbst in den Kanälen auf
Dauer einen Unterschlupf zu finden. Wie viele sind es überhaupt und warum
morden sie?“
Shejrriim hob besänftigend
die Hände. „Nicht so eilig, Diane. Sie sind Yradin, die Jagd ist ihr Wesen.
Doch die Yradin haben sich schon vor vielen Jahrhunderten von ihrem wilden Erbe
losgesagt und gaben die Jagd auf intelligente Wesen auf. Aber es gab schon immer
seltsame Kulte, die sich dem nicht beugen wollten. Die Yradin verfolgten sie
gnadenlos und bestraften sie hart. Seit fünfhundert Jahren galten die Jägerkulte
als ausgestorben, doch nun schlagen sie wieder zu – auf der Erde.
Wie groß die Zahl
ihrer Anhänger ist, wissen wir nicht, doch wir fürchten dass sie wachsen wird,
beim Ausbleiben der Strafe. Wir töteten drei, die vom Mord zurückkehrten und
fanden jenen, den Du erschossen hast. Jedoch wird das kaum reichen, um die
Blutgier der Yradin-Barbaren zu dämpfen. Es gibt eine Macht, die ihnen auf
Landor hilft, die Schöpfer der Amulette. Indessen scheint es auch auf Terra
Freunde des Kultes zu geben, die ihnen Unterschlupf gewähren. Der Orden
begreift nur nicht, warum.“
„Auftragsmorde.“,
kam Dianes Antwort schnell wie ein Blitz. „Garmont, Dwenmoore und Spencer müssen
eine schlechte Beute abgegeben haben. Ihr Tod fällt aus der Reihe.“
Ein zorniges
Knurren drang aus seiner Kehle und Diane schreckte verstört zurück. „Assassinen!“,
grollte Shejrriim. Dieser ehrlose,
verfluchte Abschaum! Es reicht nicht, dass sie dem Großen Feind in die Hände
spielen, sie müssen sich sogar für derart abscheuliches hergeben!
„Jetzt
ergibt einiges einen Sinn.“, stellte Diane fest, die sich langsam wieder
entspannte. Offenbar hatte sie verstanden, dass er sie nicht aus Zorn beißen würde.
„Sie können in New York ihre Jagd ausleben und erhalten Unterschlupf bei
einem Menschen in Gegenzug für ein, zwei perfekte Morde, welche die Polizei
niemals aufklären wird.“ Sie musterte Shejrriim nachdenklich. „Nun verstehe
ich langsam, warum allerlei seltsame Figuren ihren Auftritt hatten. Dieser Linus
hat mich bestimmt nur auf eure Fährte gelockt, damit ihr mich aus dem Weg räumt.“
Shejrriims Krallen
bohrten sich in das Holz des Tisches. „Linus?!“ Er knurrte erneut und hielt
seinen Zorn mühsam zurück.
„Du kennst ihn?“,
fragte Diane vollkommen überrascht. „So ein schlanker, blasser Typ mit teuren
Sachen am Leib?“
Wenn ich ihn das nächste mal sehe, bekommt er Shargul zu kosten!
„Ein seltsamer Kauz. Er ist älter, als er den Anschein gibt – seine Augen
verraten ihn. Und er weiß viel über vergangene Zeiten, ich habe mich viel mit
ihm unterhalten, im Antiquariat des Lords. Es kam mir immer so vor, als würde
er mich aushorchen – nun verstehe ich auch, warum.“
„Er hat das Buch
gelesen.“
„Das Wesen der
Bestie?“, fragte Shejrriim entsetzt und wusste die Antwort bereits.
„Ganz genau. Wo
ist das Buch eigentlich?“
Shejriim
ignorierte ihre Frage und dachte vielmehr darüber nach, wie Linus in das
Gesamtbild passte. Es bestand zumindest kein Zweifel daran, dass er ein gefährlicher
Gegenspieler war. Sein Instinkt hatte ihn stets vor Linus gewarnt.
„Etwas passt
nicht.“, warf Diane nachdenklich ein. „Wenn er der Patron der Renegaten ist,
warum setzt er mich erst auf Eure Fährte und versucht dann mich töten zu
lassen?“
„Vielleicht
hatte er es eilig. Hier zu sterben setzte voraus, dass Du die Initiative
ergreifst.“, schob der Kri ihren Einwand beiseite. Dieser Linus war eine
Gefahr für den Orden. Und vielleicht der Schlüssel zu einigen Rätseln.
Endlich, seit dem Beginn der Morde, gab es eine Spur.
„Ich
muss Dich jetzt allein lassen.“, sagte Shejrriim, nachdem er aus einer langen
Starre des Nachdenkens erwacht war. „Ich muss mich darum kümmern, dass wir
Linus ausfindig machen.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging.
Als sie ihm
hinterher sah, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, wie abgefahren all das
hier war. Sie hatte eben eine lange Zeit einem Pumamenschen zugehört, gesehen,
wie Worte aus seiner Schnauze kamen und seine rubinroten Augen sie intelligent
musterten. Und dieser... Kri... erzählte ihr von einer anderen Welt, offenbarte
ihr Dinge, die sie sonst nur in ihren Träumen sah...
Meine
Träume!, schoss es ihr durch den Kopf. Der
Satz aus der Gasse! „Eines muss ich Dich noch fragen!“, sagte sie
aufgeregt und Shejrriim blieb im Türbogen der Bibliothek stehen.
„Was ist das
Erwachen der Götter?“
Erschrocken fuhr
der Kri herum und sah sie scharf an. Eine Veränderung war über ihn gekommen.
Shejrriim sah auf einmal schrecklich alt aus, obwohl sein Äußeres gleich
geblieben war. Wie nach meiner
Gefangennahme, nur deutlicher. Eine seltsame, bedrohliche Macht sprach durch
seine Augen. „Wo hast Du das her?“, fragte er und seine Stimme klang dabei
wie kaltes Eis, durch das ein leichtes Vibrieren der Angst lief.
„Ein Yradin hat
nach einem Mord einen Satz an die Wand geschrieben: ‚Fürchtet, Sterbliche und
Unsterbliche zugleich, fürchtet das Erwachen der Götter, denn es wird die
Welten erschüttern.“
In raschen
Schritten war er bei ihr und ergriff ihre Schultern. Sie spürte ein unterdrücktes
Zittern in seinem festen Griff und es schien ihr, als würde sich etwas gewaltig
Großes über sie beugen. Angst vertrieb in diesem Moment jegliches Vertrauen,
das sie zu Shejrriim gefasst hatte.
„Du sprichst
nicht die ganze Wahrheit.“, stellte er fest. Dann erkannte er den Schrecken in
ihren Augen und er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Das Gefühl der
Macht und der Größe verflog und zurück blieb der Shejrriim, den sie kannte.
„Es tut mir Leid.“, murmelte er schwach und ließ sich erschöpft auf einen
Hocker fallen. „Ich war in jener Gasse, in der Nacht darauf und habe den Satz
gelesen. Dort stand nichts von der Erschütterung der Welten. Woher hast Du den
letzten Teil?“
Große Sorge
plagte ihn und in diesem Augenblick tat er ihr Leid. „Ich habe es geträumt.
Als ich den Satz las, erinnerte ich mich auch an den Rest. Was hat es damit auf
sich, dass es Dich in solchen Schrecken versetzt?“, fragte sie behutsam.
„Dieses Wissen
ist seit langem verloren, Diane. Sprich es niemals wieder aus, nicht in meiner
Gegenwart und erst recht nicht im Beisein eines Wächters des Gleichgewichts. Es
ist verloren und muss für den Orden, den Rat, auch verloren bleiben. Vertrau’
mir in dieser Sache – Du schuldest es mir.“
Ohne eine Antwort
abzuwarten stand er auf und verließ sie.
Entgeistert sah
sie ihn im Gang verschwinden. Was sollte
das eben? Er hat nicht einmal so besorgt gewirkt, als unser Leben auf dem Spiel
stand! Kopfschüttelnd wandte sie ihren Blick ab und er fiel auf den magisch
leuchtenden Kristall.
Trotz all der
unglaublichen Dinge, die sie aus seinem Munde gehört hatte, war ihr etwas
aufgefallen: Shejrriim hatte seine Rede verschleiert. Er sprach von dem, was die
Mystiker glaubten, der Sorge des Ordens, dem Wissen des Rates. Doch er hatte nur
selten das Wort ‚ich’ verwandt, hatte nicht gesagt, was er glaubte, was er
wusste. Schon vor ihrer Frage über das Erwachen der Götter war ihr bewusst
geworden, dass Shejrriim etwas verbarg. Hier im Orden war mehr als nur ein Spiel
am Laufen.
Aber in einem
Punkt hatte Shejrriim vollkommen Recht: Sie schuldete ihm Vertrauen, denn er
hatte mit ihrer Rettung sein Leben in ihre Hände gelegt. Das war mehr Vertrauen,
als sie verstehen konnte.
Von schweren Sorgen getrieben eilte Shejrriim durch die Gänge. Die
Dinge gerieten in Bewegung. Erst war es ihm erschienen, als hätten die
barbarischen Yradin nur einzelne Steine losgetreten, doch nun wuchs alles zu
einer Lawine aus. Diane war ein Zeichen, auf das er so lange gewartet und das er
so lange gefürchtet hatte. Sie war ein Vorbote des Schicksals – oder mehr als
das.
Ein wenig unsanft
hämmerte er gegen die Tür der Elfe und machte sich erst danach Gedanken, ob
sie schlief. Die Tür öffnete sich jedoch bald und der ärgerliche Blick
Thuvindals wurde ein wenig sanfter, als sie ihn erkannte.
„Wir müssen uns
beraten. Es gibt eher Arbeit für Dich zu tun als erwartet.“
Diane saß immer noch in der Bibliothek und blätterte
gedankenverloren in einem Buch über die Hexenverfolgung, als Thuvindal
hereineilte. Wie schon bei ihren letzten Begegnungen waren ihre Blicke
unfreundlich und durchbohrend, als sie auf Diane fielen.
„Was tust Du
hier?“, fragte sie barsch, dann wurde sie sich des Kristalls bewusst. „Gut,
Du bist mit Erlaubnis hier.“, war alles, was sie noch sagte, bemühte sich
erst gar nicht, selbst einen Kristall zu nehmen und ließ eine schimmernde
Lichtsphäre in ihrer linken Hand erscheinen. Dann schritt sie die Rücken der
Regale ab, fand, was sie suchte, und verschwand zwischen den Bücherreihen.
Warum
kann ich nicht durch ihre Maske schauen?, fragte sich Diane erneut. Es gab
noch so vieles, was sie wissen wollte. In diesen Büchern jedoch würde sie es
wohl kaum finden. Ich muss das Buch von
Lord Daleington finden., entschloss sie, als Thuvindal mit drei schweren Bänden
in den Händen wieder auftauchte, die Lichtsphäre schwebte hinter ihr her.
Sie eilte an Diane
vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
„Entschuldigung?
Wo finde ich...“, begann Diane, verstummte aber, als sich Thuvindal zu ihr
umdrehte.
„Ich trage Ihnen
die Wunde nicht nach, die Sie mir beigefügt haben.“, sagte sie unfreundlich.
„Aber ich denke, dass Shejrriim zu mild ist und Sie unterschätzt. Etwas ist
seltsam an Ihnen, Miss O’Donnell, unirdisch, und ich werde Sie im Auge
behalten. Ich werde Sie nicht unterschätzen.“
Damit drehte sie
sich wieder um und ging mit ihren Büchern davon. Unirdisch?,
grübelte Diane, zuckte mit den Schultern und folgte der Frau. Hier in der
Bibliothek gab es für sie nichts mehr zu tun.
Die Gefangene
Die folgenden Tage
waren eine sehr geschäftige Zeit für Shejrriim und den Orden. Viele Wächter
machten sich auf die Suche nach Linus, jeder auf seine Weise. Shejrriim ließ
seine Kontakte spielen, doch außer dem Namen wusste man nur wenig von ihm zu
sagen. Es gab Gerüchte, die besagten, Linus sei der Kopf einer mächtigen
Untergrundorganisation, doch das war es dann auch schon. Tiefe Verschwiegenheit
schien sich um seine Person zu ranken.
Viele Wächter
durchstreiften die Stadt, hörten sich in noblen Clubs und Etablissements um,
hielten die Augen offen nach Linus, fanden aber nichts. Die unendlich scheinende
Größe der Stadt hatte ihn verschluckt.
Selbst die
Gedankensucher des Ordens, telepathisch begabte Magier, welche aus der Ferne die
Geister der Menschen befragten, jeden Block, jedes Viertel absuchten, fanden den
Namen Linus nur in wenigen Fällen. Und über dem wichtigen Wissen, wo er zu
finden sei, breitete sich ein dunkler Schleier, den sie nicht durchdringen
konnten. Das beunruhigte Shejrriim. Ein solcher Schleier bedeutete entweder große
Selbstkontrolle der Wissenden oder Magie. Und diese zweite Möglichkeit war
erschreckend.
Diane sah sich in
der Zeit neugierig in der Ordenshalle um, durchstreifte in langen Spaziergängen
den Wald um die Burg herum, stöberte in den wenigen Büchern über Landor, die
es gab. Und jeden Tag begegnete sie Shejrriim freundlicher, offener und mit mehr
Vertrauen. Je weniger der Orden vor ihr verbarg, umso sicherer war sie offenbar,
dass der Orden tatsächlich nicht hinter en Morden steckte und die wilden Yradin
verfolgte.
Doch eine Woche
verging und dann noch eine und das Scheitern der Suche nach Linus wurde immer
offensichtlicher. Zwei weitere Morde geschahen und die Polizei suchte nach der
verschollenen FBI Agentin. Diane wurde verschlossener, gereizter, unzufriedener,
bis sie eines Tages in einem Gang mit Shejrriim zusammenstieß und sich wortlos
an ihm vorbeischieben wollte.
Er packte sie am
Arm und fing besorgt ihren Blick ein. „Was bedrückt Dein Gemüt, Diane?“
„Was los ist?“
Ihre Augen schienen Funken zu sprühen. „Ich fühle mich wie ein Tier im Käfig,
das ist los. Ich verstehe, dass ihr mich weiterhin gefangen haltet - Du hast
mein Leben damit gerettet - aber es macht mich noch verrückt! Ich kann nichts
Sinnvolles tun! Ich möchte auf irgendetwas einschlagen, so wie ich mich fühlte!“
Damit riss sie sich los und wollte davon stürmen.
„Willst Du kämpfen?“,
fragte mit einem Ernst in der Stimme, der sie zum stehen bleiben bewegte. „Es
würde mich freuen, gegen Dich anzutreten. Du bist gewiss eine würdige Gegnerin.“
Diane drehte sich
langsam zu ihm um und sah ihn zweifelnd an. „Das löst meine Probleme nicht.“
„Aber Du willst
kämpfen. Ich sehe es in Deinen Augen.“
Sie straffte ihren
Rücken. „Vollkontakt?“
Er lächelte. Ihr
Stolz war ungebrochen - sie schleuderte ihn ihm mit festem Blick entgegen „Etwas
Anderes kennen wir nicht. Ein Kampf ohne den Wunsch den Gegner zu verletzen ist
kein Kampf.“, antwortete er aus fester Überzeugung.
„Dann kämpfen
wir.“, entschloss sie kurz angebunden. „Wo?“
„Folge mir,
Opfer.“, neckte er sie und zu seiner großen Freude entlockte er ihr damit ein
Lächeln. Diane war seltsam... sympathisch für einem Menschen und erst Recht für
eine Frau, die für die Regierung arbeitete.
Sie gingen raschen
Schrittes in Richtung eines Übungsraums, in dem die Wächter Kampfübungen
waffenlos, mit Schwertern oder Magie absolvierten. „Es gibt keinen Grund, Rücksicht
zu nehmen.“, erklärte er ihr auf dem Weg. „Unsere Heiler können selbst
gebrochene Knochen und den Tod heilen, auch wenn ich das Sterben gerne meide.“
„Bist Du schon
mal gestorben?“, fragte sie ungläubig.
Er dachte an
Shargul und erschauerte. „Nein...“, erwiderte er schwach. „Nein, ich nicht.“
Zu seiner
Erleichterung übersah sie seine Schwäche und fragte stattdessen: „Warum habt
ihr meine Wunde von dem Armbrustbolzen nicht magisch geheilt?“
Shejrriim
antwortete nüchtern: „Die Wunde sollte Dich daran erinnern, dass Du Dich mit
dem Orden angelegt hast. Es hat den Stolz einiger Ratsmitglieder verletzt, dass
Du uns so lange ausgetrickst hast, bevor wir Dich fingen.“
„Jetzt will ich
noch lieber kämpfen als vorher.“, knurrte sie so inbrünstig, dass sie
beinahe klang wie eine Kri.
„Dann lass uns
beginnen. Wir sind da.“
Diane sah sich in
der kleinen Halle um, die sie betreten hatten. Bastmatten lagen auf dem Boden
aus, die an einigen Stellen arg versengt aussahen, doch ansonst bestand die
Halle nur aus harten Mauern und harten Säulen. Waffen hingen an den Wänden:
Schwerter, Speere und Armbrüste. Ein Zentaur verteidigte sich gerade mit Hufen
und Speer gegen zwei angreifende Yradin, doch alle sahen überrascht zu
Shejrriim und beendeten ihren Kampf wie auf ein Zeichen mit einer Verbeugung
voreinander.
„Meister
Shejrriim.“, sagte ein Yradin ehrerbietend.
Meister?
Da hast Du Dich ja auf was eingelassen, Diane. Sie musterte den Kri von oben
bis unten und fand, dass die Yradin viel bedrohlicher wirkten. „Sind... Kri
bessere Kämpfer als Yradin?“, fragte sie dennoch behutsam.
Shejrriim schenkte
ihr eines seiner freundlichen, warmen Lächeln. „Wenn Du wissen willst, ob Du
den barbarischen Yradin gewachsen bist, wenn Du gegen mich bestehst, dann will
ich das doch sehr hoffen.“
Die Erinnerung an
den sie anspringenden Wolfsmenschen kam in ihr hoch. Sie hatte sich damals wie
ein geblendetes Reh benommen. Das würde nie, nie wieder geschehen. Sie sah den
Kri herausfordernd an. „Dann lass uns keine Zeit verschwenden.“
Überraschend
schnell griff sie an und ihre Faust traf ihn am Kinn, schickte einen weißen
Blitz durch seine Sicht und lies ihn einen Schritt zurücktaumeln. Sie hat Dich wie einen Anfänger kalt erwischt!, dachte er, zornig
auf sich selbst. Er wich ihrem Tritt aus, blockte eine ihm unbekannte
Schlagkombination und trieb sie mit einem Tritt zurück, verschaffte sich Luft
und sprang einen Satz nach hinten. Du hast
in ihr keine Bedrohung gesehen, Shejrriim. Du wirst alt, wenn Du so leichtfertig
Freundschaft schließt.
Sie
umkreiste Shejrriim und überlegte noch, was sie am besten anstellte, um in
Angriffsweite zu kommen, als er sprang. Unglaublich leicht und schnell überwand
er drei Meter zwischen ihnen, trat im Sprung mit voller Wucht gegen ihre Brust
schleuderte sie zurück. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, war er über ihr,
ausgefahrene Krallen zum Schlag gegen ihre Kehle erhoben. Verdammter Mist., dachte sie ärgerlich.
„Sie sind tot,
Miss Diane.“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln, stieg von ihr hinunter
und half ihr auf die Beine. Schmerz brandete durch ihre Lungen. Irgendetwas
ist kaputt gegangen.
Ein angenehmes
Kribbeln sickerte durch ihren Körper und wusch den Schmerz fort. Das Leuchen,
das um Shejrriim erschienen war, verschwand wieder und er fragte fürsorglich:
„Besser?“
Diane nickte nur,
trotzig. Er war nicht unbedingt besser als sie. Sie hatte sich nur überrumpeln
lassen.
„Wenn Du gegen
einen Yradin kämpfst, muss Du auch mit so etwas rechnen. Sie sind nicht weniger
gewandt als ich.“ Ohne ein sichtbares Anzeichen sprang Diane ihn an und er
wich einen Schritt zurück, doch sie nutze den Schwung des Sprungs für einen
geduckten Angriff gegen seine Beine und riss ihn so von den Füßen. Sie wollte
zutreten, doch er fing ihren Fuß mit seinem Schwanz ein, setzte mit seinen
Beinen zu einer Schere an und warf sie damit ebenfalls zu Boden. Shejrriim
sprang zeitgleich mit ihr auf, griff an, wurde geblockt und steckte einen
Treffer im Magen ein, wirbelte herum, sah ihre Abwehr kommen und traf gezielt
den ungeschützten Knochen ihres Unterarms. Sofort schlug er durch den Nebel
ihres Schmerzes zu, traf, vereitelte ihren ersten Konter und wurde dann von
einer Reihe schmerzvoller Treffer zurückgetrieben. Er sah ihren Tritt nicht
einmal kommen, der ihm zwei Rippen brach und zu Boden schickte. Am Rande
bemerkte er das anerkennende Raunen der Wächter.
„Du
bist tot, Miezekatze.“, grinste Diane voller Genugtuung. Dieser Kampf war das
Aufregendste, was sie je erlebt hatte. Gegen einen solchen unkalkulierbaren
Gegner anzutreten, der sogar einen Schwanz im Kampf einsetzen konnte stellte sie
vor neue Herausforderungen.
Der Kri hüllte
sich in das Leuchten der Heilung und knurrte: „Das war gut, Diane.“ Mit
schmerzverzogener Grimasse kämpfte er sich auf die Beine. Er
will nicht einmal warten, bis seine Knochen geheilt sind! „Aber es gibt
einen Fehler, den Du niemals machen solltest.“ Seine Augen waren glühende
Kohlen, Zorn stieg von ihm auf wie eine Wolke. „Mach’ Deinen Gegner nicht wütend,
wenn er ein Fell hat!“ Ein bedrohliches Knurren drang aus seiner Kehle. „Miezekatze?!“,
fragte er gepresst. Das Leuchten verschwand, seine Wut war erschreckend. Sie sah
seine entblößten Fangzähne, seine ausgefahrenen, scharfen Krallen an Händen
und Füßen, seinen hin und her peitschenden Schwanz und erzitterte.
Mit einem ohrenbetäubenden
Wutbrüllen, das ihr das Blut in den Adern erstarren ließ, rannte er mit
federnden Schritten auf sie zu, schlug mit seinen Krallen zu und sie konnte ihn
gerade noch abwehren. Er war außer sich, die Furcht lähmte sie und er drängte
sie auf sie einstürmend immer mehr zurück, bis ihr Rücken gegen die Wand stieß.
Er schlug ein letztes mal zu...
...und
stoppte seine Krallen eine Haarbreit vor ihrer Kehle. Sie
kämpft tapfer!, dachte er anerkennend. Er wich lächelnd einen Schritt zurück
und ließ die Maske der Wut fallen. „Angst lähmt Dich. Lass nicht zu, dass
sie Dich beherrscht.“ Dann verneigte er sich andeutungsweise vor ihr.
Diane
starrte ihn entgeistert an. Das war nur
gespielt? Meine Güte, ich will ihm nie im echten Zorn begegnen! Aber er
hatte Recht. Wenn sie den Yradin gegenübertreten wollte, welche die Stadt
heimsuchten, musste sie ihre Angst beherrschen. Sie hatte da so ein Gefühl,
dass sie dem Rat des Ordens beweisen musste, dass sie ihm von Nutzen bei der
Jagd nach den Mördern sein konnte, wenn sie jemals die Freiheit wieder sehen
wollte. „Es wird nicht wieder vorkommen.“, erwiderte sie endlich.
„Ach wirklich?“
Zweifel ohne Spott lagen in der Stimme des Kri, der sie nachdenklich musterte.
„Turack, Gwarf, holt sie euch!“
Die Yradin
erwachten aus ihrer Untätigkeit und rannten auf Diane zu. Dass
Du auch nie die Klappe halten kannst!, verfluchte sie sich, versuchte ihre
aufkeimende Angst beiseite zu schieben und machte sich breit. Jetzt
beweise auch, dass Du Recht hast! Kalte Ruhe kam über sie.
Shejrriim
trat einige Schritte zurück und beschränkte sich aufs Zusehen. Einen kurzen
Moment schienen die Yradin ihre Sache gut zu machen, doch Diane stellte sich
unglaublich schnell auf ihren aggressiven Kampfstil ein, trieb sie zurück,
verschaffte sich so genug Luft und brach Gwarf bei seinem nächsten Angriff
einen Ellebogen. Turack wurde daraufhin vorsichtiger, rechnete aber nicht mit
der Entschlossenheit, mit der sie angriff. Einen kurzen Schlagabtausch später
fand sich der Yradin auf dem Boden liegend wieder und gab auf.
Shejrriim wies den
Zentaur Torgal an, die beiden Yradin zu einem geschultem Heiler zu bringen und
widmete seine Aufmerksamkeit dann wieder der Kriegerin Diane. „Ich gestehe,
ich habe heute wieder etwas über die Menschen gelernt. Wollen wir noch ein
wenig kämpfen?“
Diane
nickte und machte sich kampfbereit. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie fühlte
sich so lebendig, so gut wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Sie kam sich während
des Kampfes mit diesen Tiermenschen in ihre Träume versetzt vor. Auf eine
absurde Weise fühlte sie sich dadurch ein wenig heimisch. „Kämpfen und reden.“,
antworte sie und griff an.
Nach einem kurzen
Handgemenge und einem Sieg Shejrriims fragte er sie: „Was willst Du wissen?“
Schwer atmend
sagte sie frei heraus, was sie am meisten beschäftigte: „Was macht die Suche
nach Linus?“
„Er bleibt
verborgen, wir können ihn nicht finden.“ Damit griff er an, durchschaute eine
Finte von ihr nicht und verlor dadurch. „Uns gehen langsam die Ideen aus.“
„Und die Yradin?“
Sie schlug zu, schnell und hart, doch bevor ihr Schlag das Ziel erreichte, traf
sie eine Faust mit voller Wucht im Magen und nahm ihr den Atem.
„Zwei Morde. Sie
entziehen sich nun ganz und gar unserem Einfluss, wie es scheint.“
„Klingt danach,
als könntet ihr Verstärkung gebrauchen.“, warf Diane beiläufig ein, während
sie sich von dem Treffer erholte.
Er
musterte sie lange und gründlich. Keine Falschheit lag in ihrer Stimme und eine
seltsame Ahnung zusammen mit einem unvernünftigen Gefühl von Zuneigung zu
diesem Menschen überzeugten ihn von ihrer Ehrlichkeit. „Wie kannst Du uns
helfen?“
Wie zur Antwort
griff sie an, verwickelte ihn in einen harten und langen Kampf, an dessen Ende
sie ihn zu Boden schickte. Er versuchte zu lächeln, doch ein stechender Schmerz
im Kiefer verhinderte das. „Ich zweifle nicht an Deinen Fähigkeiten als
Krieger, Diane.“
Lächelnd
half sie ihm auf. „Über diese Frage habe ich lange nachgedacht.“, sagte sie.
„Was die jagenden Yradin angeht, so könnte ich weiterhin versuchen, ihren
Patron aufzuspüren. Bei der Polizei gibt es Quellen, die euch verwehrt bleiben.
Und was Linus betrifft...“
Sein Angriff brach
über ihr herein und riss sie aus ihrem eifrigen Nachdenken. Sie bezahlte die
Unaufmerksamkeit mit einer Niederlage. Es gab noch einiges, was sie von dem Kri
lernen konnte. „Einen Menschen, der es sich zu Aufgabe gemacht hat,
unauffindbar zu sein, fängt man am besten in einer Falle.“, nahm sie das
Thema wieder auf.
„Darüber haben
wir auch schon nachgedacht. Es mangelt uns an einem Köder.“
Diane setzte ihr
gewinnendstes Lächeln auf und deutete mit beiden Händen auf sich selbst.
Das
ergab Sinn, erkannt Shejrriim. Sie war Linus bereits einmal begegnet, und er
hatte sie zur Gilde geschickt. Wenn sie nun wieder auftauchte, würde das ohne
Zweifel seine Aufmerksamkeit und Neugier wecken. Doch das bedeutete... „Du
willst, dass der Orden alles riskiert, selbst die gefürchtete Entdeckung
Landors durch die Menschen, indem er Dich freigibt?“
„Riskiert der
Orden nicht viel mehr, wenn er Linus nicht aufzuspüren vermag? Riskiert er
nicht, dass eines Tages die Polizei hier nach mir suchen wird? Ist es nicht viel
riskanter, noch mehr Morde geschehen zu lassen und niemanden in den Reihen der
Polizei zu haben, der für euch arbeiten kann? Wie wollt ihr verhindern, dass
durch irgendeinen Zufall doch ein Beweis für die Existenz der Yradin gefunden
wird?“
Gebannt
beobachtete sie seinen inneren Kampf. Sie wusste nicht warum, aber der Kri
schien sie zu mögen. Seit ihrer Gefangennahme hatte er sich für sie eingesetzt.
Jedes einzelne Leben sei wertvoll, hatte er gesagt, und müsse geschützt werden.
Doch es steckte noch mehr dahinter.
„Diese
Entscheidung kann ich nicht allein treffen.“, sagte er schließlich bedächtig
und sah zu ihr auf. „Ich fürchte, der Rat wird es ablehnen, doch Du musst
Dich ihm in dieser Frage verantworten. Ich würde Dich gehen lassen, doch bin
ich nur ein Einzelner und kann irren. Welche Sicherheit könntest Du dem Rat
geben?“
„Ich würde ihm
schwören, wenn das etwas zählt.“, sagte sie entschlossen.
„Schwören?“, fragte Taresh mehr als skeptisch. „Du hast
bereits einem Anderen einen Treueschwur geleistet. Deinem Staat und der NSA.“
Diane wirkte klein
und verloren, und dennoch tapfer, wie sie in dem großen Saal vor dem Rat stand.
Sie sah sich unfreundlichen und feindlichen Blicken der Ratsmitglieder
ausgesetzt: ein Zentaur, ein ehrwürdig ergrauter Zwerg, Taresh vom Löwenvolk,
die Priesterin Rrulisha von den Kri und die Wolfsdruidin Yra’shuck.
„Ich habe einen
Schwur geleistet, das ist wahr!“, sagte sie laut und stolz. „Ich habe
geschworen, diesem Staat und seinen Bürgern zu dienen. Doch nun bin ich
gefangen in den Grenzen des Ordens und muss untätig mit ansehen, wie dort draußen
Menschen sterben! Sie sterben weil ich meinem Job nicht machen kann und Ihr ihn
alleine nicht bewältigt!“
Ein Raunen ging
durch den Rat. Solch stolze Worte hatte seit langen niemand mehr an ihn
gerichtet. Shejrriim, zum Schweigen verdammt, stand im Schatten und lächelte.
Es wurde auch Zeit, dass der Rat anderes zu hören bekam als Ehrfurcht.
„Das sind kühne
Worte für einen jungen Menschen.“, brummte der Zwerg Fingol. „Bist Du auch
so unbeherrscht, wenn es darum geht, ein Geheimnis zu wahren?“
„Manchmal
sprechen Menschen im Schlaf.“, warf Yra’shuck verächtlich ein. Sie war ein
unverhohlener Feind der Menschen, das wusste Shejrriim. Ihre Stimme würde Diane
nie erhalten.
Diane indessen ließ
sich von ihr nicht beeindrucken. Standhaft erwiderte sie: „Ich bin beherrscht,
wenn ich muss, aber ich halte nicht die Klappe, wenn es darum geht, die Wahrheit
zu sagen.“
„Und das sagt
jemand von der NSA.“, spöttelte Yra’shuck leise.
„Hier geht es
nicht um Stolz oder Kühnheit.“, warf Taresh ein. „Und so Leid es mir tut
das sagen zu müssen, es geht auch nicht um ein paar tote Menschen. Das Überleben
beider Welten steht auf dem Spiel, wenn das Gleichgewicht kippt.“
„Doch der Mensch
spricht richtig, Ratsfreunde.“, sagte Handor der Zentaur bedächtig. „Wir
haben bisher versagt, und die Bedrohung ist größer geworden, wenn man dem jüngsten
Bericht unserer Jäger glaubt.“
Ein
neuer Bericht, was ist geschehen? Shejrriim wollte vortreten und fragen, als
Handor das Rätsel selber löste. „Ich habe vor diesem Zusammentreffen mit dem
Jäger Ramesh gesprochen, der mir Beunruhigendes berichtete. Er entging letzte
Nacht nur knapp dem Tode, als er in der Kanalisation nach den Yradin suchte.
Ramesh wurde von Menschen angegriffen, die eine seltsame Form der Magie
verwandten.“
„Magie?“,
zischte Rrulisha. „Das ist unmöglich!“
Handor fügte noch
etwas mit ernster Stimme hinzu. „Der Name Linus fiel vor diesem Kampf.“
„Nun?“, fragte
Diane mit erhobenem Haupt. „Was haltet ihr nun von meinem Vorschlag? Die Welt
der Menschen und erst recht ihre Geheimnisse sind mir vertrauter, als
irgendeinem von euch.“
„Einem Menschen
zu vertrauen wird unseren Untergang bedeuten.“, sagte Yra’shuck kühl. „Ich
verweigere mich, unserem Verderben zuzustimmen.“
Der Zwerg Fingol
stand in aller Ruhe auf, ging um den Tisch des Rates herum zu Diane, baute sich
vor ihr auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt, und sah zu ihr empor. Diane
musste ihren Blick ein ganzes Stückchen senken, um ihm in die Augen zu schauen
und tat es voller Ernst.
„Hör zu Mensch.“,
sagte Fingol in einem griesgrämigen Ton. „Ich habe kein Vertrauen in die
Menschheit. Ich sehe, wie unglaublich dumm ihr mit eurer Welt umgeht und weiß
daher, was sie euch wert ist. Aber mir und meinem Volk liegt viel an unserer Heimat. Von den Kristallpalästen und Marmorhallen unter den
Bergen bis hin zu den einfachsten Stollen. Wenn Du uns verrätst und so das
zerstörst, was uns teuer ist, dann werden sehr viele Zwerge sehr zornig werden.
Und Zwerge sind nachtragend, verzeihen selten und vergessen nie.“ Er zog seine
buschigen weißen Augenbrauen zusammen und funkelte sie herausfordernd mit
seinen Augen an. Polternd fragt er: „Ist das klar?“
Den
Mächten sei Dank, sie bleibt ernst., schoss es Shejrriim durch den Kopf.
Der Anblick des belehrenden, schimpfenden Zwerges, der Diane gerade einmal bis
zur Brust reichte, hatte selbst Shejrriim ein Schmunzeln auf das Gesicht
getrieben.
Diane nickte nur
ernst und antwortete: „Ich werde mir eure Worte gut merken, Herr Zwerg.“
Das genügte dem
alten Fingol offenbar. „Meine Stimme hat sie.“, sagte er, während er zu
seinem Platz zurückging. Ein Schnaufen Yra’shucks war die Antwort.
Dann erhob der
Zentaur seine Stimme. „Ich habe Diane O’Donnell in den beiden Wochen
beobachtet, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst war. Sie fühlt
sich vorrangig der Wahrheit verpflichtet. Und sie weiß nun sehr genau, dass der
Orden nicht hinter den Morden steckt. Auch weiß sie, dass sie die
Yradin-Barbaren ohne unseren Beistand niemals zur Strecke bringen wird. Sie wird
uns helfen, nicht schaden.
Diane O’Donnell,
ich stimme für Deine Freiheit und Deine Pflicht.“
„Ich werde dies
nicht tun.“, sprach daraufhin Rrulisha. „Wir Kri hören auf unseren Instinkt,
und meiner sagt mir, dass etwas Seltsames an Dir ist, dass ich nicht
durchschauen kann. Daher beruht mein Entschluss auf Vorsicht.“
Aller Augen
richteten sich auf Taresh, auf dessen Stimme es nun ankam. „Diane, Ihr seid
dem Tod entronnen, der Euch nach meinem Willen als Strafe für Euer Eindringen
ereilt hätte.“ Shejrriims Mut sank. „Ihr
habt Euer Leben Shejrriim zu verdanken, der aus einem tieferen Grunde mit seinem
Leben für euch bürgt. Diese Bürgschaft endet nicht, wenn ihr die Grenzen
unseres Landes überschreitet. Seid Euch Eurer Verantwortung für sein Leben
stets bewusst, wenn ihr uns verlassen habt.“
„Taresh!“,
fauchte Yra’shuck aufgebracht. „Warum tut Ihr das?“
„Ich tue dies,
weil ich Shejrriim vertraue.“ Bei den Mächten...
„Sein Eifer, ihr Leben und das Gleichgewicht zu schützen, haben mich daran
erinnert, dass nicht nur Vernunft das Maß unserer Entscheidungen sein darf. Der
Verstand kann irren, das Herz auch. Ich will nicht durch falsches Zögern
unseren Untergang herbeiführen.“ Er wandte sich wieder Diane zu und sagte zu
ihr: „Doch eine Frage bedrückt mich, die jenseits von Vertrauen steht. Könnt
Ihr Euch gegen den Feind behaupten? Unsere Geheimnisse werden nach Eurer
Gefangennahme durch den Feind nicht mehr sicher sein. Unter der gekonnten Folter
der wilden Yradin würdet Ihr zerbrechen.“
Shejrriim
verneigte sich angemessen und sprach für Diane: „Wenn Ihr an Diane in dieser
Frage zweifelt, müsst Ihr auch an mir zweifeln, Hoher Rat Taresh. Ich stellte
ihr Geschick im Kampf auf die Probe und sie erwies sich als mir ebenbürtig im
Zweikampf.“
Einige
Ratsmitglieder nickten anerkennend, unter ihnen Taresh. “Dann seid Ihr frei,
Diane. Doch die Freiheit ist kein Geschenk, wie Handor richtig bemerkte. Sie ist
auch eine Pflicht für Euch, der Ihr euch verschreiben müsst. Shejrriim!“
Er trat aus dem
Schatten und brachte Diane einen vielkantigen, mit Runen übersäten, schwarzen
Stein. „Lege Deine Hand auf diesen Stein und sprich einen Schwur, der Dir und
dem Rat genügen wird. Wisse, dass bei ihm geschworen jeder Eidbruch auf ihm
klar zu lesen sein wird.“
Diane verneigte
sich tief vor den Ratsmitgliedern, auch vor jenen, die gegen sie gestimmt hatten,
legte ihre Hand auf den Stein und sagte feierlich. „Ich schwöre zum Wohle
beider Welten, dass ich die Pflicht auf mich nehme, sie zu schützen und ihnen
weder durch Tat noch durch Untätigkeit Schaden zufügen werde. Ich werde
Schweigen bewahren über die Geheimnisse des Ordens und Landors. Ich will euch
beistehen, so gut ich kann.“ Mit einem frohen Lächeln blickte sie kurz zu
Shejrriim. „Auch über das Ende der Morde hinaus.“
Shejrriim trat zurück,
verneigte sich vor ihr und sagte: „So hast Du geschworen und diese Worte
sollen Dich binden, bis ans Ende der Zeit.
Bedeutsames
Schweigen erfüllte den Raum, bis der Zwerg den Mund auf machte. „Tz. Wer hätte
das gedacht?“, sagte Fingol kopfschüttelnd. „Ein Mensch in unseren Diensten.“
„Das wird sich
erst zeigen müssen.“, knurrte Yra’shuck und verließ den Rat in zorniger
Eile ohne Diane noch einmal anzusehen.
Der Himmel war dunkel von schweren Wolken, die von Gewitter kündeten,
als sie das Tor in der Hecke erreichten. Die Freiheit lag vor ihr und das war
ein unglaublich gutes Gefühl. Sie fragte sich, wie es erst Häftlingen gehen
musste, die Jahrzehnte Strafe in Gefangenschaft verbracht hatten.
Shejrriim, der am
Tage wieder die Maske seiner menschlichen Gestalt trug, reichte ihr die Hand und
sie ergriff sie. Als sie sich darauf konzentrierte, konnte sie sein weiches Fell
spüren und lächelte. Befreundet mit
einem Werpuma. Wer kann das schon von sich behaupten?
„Mach’s
gut, Shejrriim. Ich werde mich so bald nicht wieder bei euch blicken lassen können.“
„Pass auf Dich
auf, Diane.“ Unerwartet plötzlich nahm er sie in die Arme, drückte sie kurz
und flüsterte ihr dabei ins Ohr: „Du wirst ab jetzt immer einen Schatten
haben. Tu’ so, als ob Du ihn nicht bemerkst. Eine kleine Vorsichtsmaßnahme
des Rates, fürchte ich.“ Dann löste er sich von ihr.
„Was ist das mit
Dir und dem Rat?“, fragte sie neugierig. „Du scheinst ihn nicht sonderlich
zu mögen.“
Shejrriim lachte
kurz auf, bevor er antwortete. „Er weiß, dass ich ihm oft widerspreche und
manchmal auch zuwiderhandle. Doch sie verstehen, dass ich nur einem Herren
dienen kann, und der ist das Gleichgewicht. Ihm habe ich mich verschrieben,
nicht dem Rat.“
Sie hatte zwar das
Gefühl, dass das nicht die ganze Wahrheit war, aber sie beließ es dabei.
Vorerst. Eine geistige Notiz später schüttelte sie ihm ein letztes Mal die
Hand. „Danke, Shejrriim. Für mein Leben, den Kampf und all Deine Hilfe.“
Er neigte dankend
den Kopf und sie wandte sich zum Gehen.
„Ach, und
Diane?“
„Ja?“
„Nenn’ mich
nie wieder Miezekatze.“
Lachend trennten
sie sich.
Linus tritt auf
Diane stieg aus
dem Taxi, schlug die Tür hinter sich zu und sah dem gelben Auto hinterher, das
sich mühsam und unter Flüchen der Fahrerin in den zähen Verkehr der Straße
einordnete. Jemand hatte das Auto gestohlen, mit dem sie zu ihrer Aktion gegen
den Orden gefahren war, aber es war ihr auch lieber so. Nach den unglaublich
friedlichen zwei Wochen auf dem wunderschönen Anwesen und dem vollkommen Fehlen
von Technik, kam ihr die Stadt wie ein fiebriges, gewaltiges Monster vor. Überall
Hupen, Flüche, klingelnde Handys, Leuchtreklame...
Sie wandte ihren
Blick zum alten Backsteingebäude des Polizeireviers und seufzte. Die Welt kam
ihr jetzt irgendwie grauer vor, nüchterner. Vollkommen entzaubert, obwohl unter
der Oberfläche magische Wunder und Schrecken lauerten.
Ihr kamen die
Schritte die breite Treppe empor zunächst befremdlich vor, doch mit jeder Stufe
fiel ein wenig Unwohlsein von ihr ab. Endlich konnte sie wieder etwas tun. Sie
drängte sich mit den hereinströmenden Menschen durch die Tür.
Im Vorraum
entdeckte sie Captain Bofield, der gerade auf einen Zigarettenautomaten einhämmerte.
„Verdammtes Mistding!“ Schulterzuckend gab er es dann auf.
„Vielleicht
sollten Sie mit dem Rauchen aufhören, Captain.“, sagte Diane grinsend. „Das
würde Ihre Nerven schonen.“
Bofield drehte
sich zu ihr um und riss erstaunt die Augen auf. „Da brat mir einer 'nen Storch!“,
sagte er verdutzt, bevor sich ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht breit
machte. „Miss O’Donnell! Wenn ich nicht so unsagbar erleichtert wäre, Sie
in einem Stück vor mir zu sehen, würde ich Ihnen jetzt gewaltig den Kopf
waschen!“
Rasch ergriff er
ihre Hand und schüttelte sie stürmisch. „Wo zum Teufel sind Sie gewesen?“
„Undercover
Ermittlungen anstellen.“, antwortete sie wahrheitsgemäß und hätte den alten
Mann, der sich so unsäglich freute, am liebsten umarmt.
Bofield ließ ihre
Hand nach geraumer Zeit endlich los und geleite sie zu den Büros seiner
Abteilung. „Undercover, wie? Sie hätten uns ne Menge Arbeit erspart, hätten
wir das vorher gewusst!“
„Das ging nicht.“,
widersprach sie ihm ernst, auch wenn es ihr wirklich Leid tat. „Denken Sie an
die Möglichkeit, dass es in ihrer Abteilung ein Leck geben könnte.“
Bofield schüttelte
bei diesem Gedanken verärgert den Kopf. „Das ist sogar wahrscheinlicher, als
sie denken. Die Nachricht, die sie in die Falle locken sollte, wurde mit der
Schreibmaschine auf Dunbys Schreibtisch geschrieben. Nur er kann es nicht
gewesen sein, denn seine Fingerabdrücke sind nicht auf dem Papier und er ist
kein Idiot.“
Diane warf ihm
einen zweifelnden Blick zu, worauf Bofield abmildernd die Hände hob. „Zumindest
nicht solch ein Idiot. Er weiß, dass
Schreibmaschinen eine Art Fingerabdruck hinterlassen, erst recht seine. Sein E
wackelt.“
„Aber jemand
muss in aller Ruhe seine Maschine genutzt haben können, um den Brief zu
schreiben.“, folgerte Diane.
Bofield wiegte
nachdenklich seinen Kopf und hielt ihr die Tür zum Großraumbüro seiner
Abteilung auf. „Nicht unbedingt. Jemand der halbwegs Tippen kann, schafft das
in 'ner halben Minute, würde ich sagen. Aber es macht die Sache mit dem Leck zu
wahrscheinlich, als dass ich diese Möglichkeit weiterhin ignorieren könnte.“
Neugierige und überraschte
Blicke wurden ihr zugeworfen, als sie mit dem Captain zwischen den
Schreibtischen entlang ging, als wäre sie nie weg gewesen. Diane schoss eine
Idee durch den Kopf. Mit Speck fängt man
Mäuse. „Was halte Sie davon, wenn ich in meinem Büro eine winzige Kamera
installiere.“, sagte sie so leise, dass nur Bofield sie verstehen konnte.
„Für den Fall,
dass Sie eine neue Botschaft erhalten?“, grübelte der Captain und ignorierte
die Blicke seiner Leute. „Meinetwegen. Ein Versuch soll nicht schaden.“ Er
öffnete die Tür zu ihrem Büro. Pappkisten und Koffer standen auf dem Boden,
Akten stapelten sich auf dem Tisch. „Ich habe Ihr Büro so gelassen, wie es
war, Miss O’Donnell. Ich wusste, dass sie ein großes Mädchen sind und auf
sich aufpassen können.“ Sie gingen hinein und schlossen die Tür. „Auch
wenn ich seit drei Tagen so langsam meine Zweifel hatte.“
„Was suchen
meine Koffer hier?“, fragte Diane erstaunt, als sie diese wieder erkannte.
„Das Hotel hat
ihr Zimmer geräumt. Tut mir Leid.“, antwortete er entschuldigend, als ob er
das Schlamassel zu verantworten hätte. „Sie hatten nur für eine Woche im
Voraus bezahlt. Na ja, wenigstens haben sie mich angerufen, damit ich ihre
Sachen abholen konnte.“
„Danke
Captain.“ Mit einem kritischen Blick auf die Menge Papierkram setze sie sich
auf ihren Stuhl und ließ die Hände über die Kante ihres Tisches gleiten.
„Was ist das alles?“, fragte sie mit einem Nicken in Richtung der
Aktenstapel.
„Die Berichte
von meinen Leuten.“, erwiderte Bofield. „Alles Originalpapiere, entwickelte
Fotos und Auswertungen wegen dem, was Robert Spencer angeht.“
Der
tote Journalist! Den hab’ ich ganz vergessen. „Und?“
Bofield brummte
verärgert. „Es sieht ganz so aus, als ob an dem was dran wäre, was seine
Mutter gesagt hat. JSC Micro Biotics ist 'ne zwielichtige Angelegenheit, auch
wenn aus den Unterlagen von Mr. Spencer nicht genug rauszulesen ist, was genau
da vor sich geht.“
„Genug, um
jemandem Angst zu machen?“, fragte Diane und rieb sich nachdenklich das Ohrläppchen.
„Wer weiß?“
Bofield klopfte auf einen Stapel. „Machen Sie sich selbst ein Bild. Aber wenn
wirklich mehr dahinter steckt, dann hatten Mister Saphrosis und seine
Angestellten einen guten Grund, den Journalisten umzubringen. Es geht hier um
verbotene Genforschung. Klonversuche an Menschen oder etwas in der Richtung,
wenn Spencer Recht hatte.“
Dann
hat Linus damit vielleicht gar nichts zu tun?, dachte sie. Natürlich war
Linus der Hauptverdächtige, daran bestand kein Zweifel. Aber sie vergaß über
den Ereignissen der letzten beiden Wochen nicht, dass auch Jonathan Saphrosis
ihr eine Lüge aufgetischt hatte, um sie zum Orden zu locken. Der Orden des
Gleichgewichts würde niemals wegen Umweltanliegen einen Geschäftsmann bedrohen.
„Ich werde es
mir ansehen.“, seufzte sie in Hinblick auf die Berge leicht entmutigt. „Wenn
ich dann in ein, zwei Wochen durch bin, kann ich Ihnen ja meine dazu Meinung
sagen.“ Dann bemerkte sie den durchdringenden Blick Bofields. „Sie wollen
wissen, wo ich gesteckt habe, oder?“
Der Captain nickte
kurz.
„Ich habe mich
bei dieser Sekte umgesehen. Ein wenig verkleidet den Ökospinner gespielt,
rumgeschnüffelt, die Wolfsbändigerin ausgefragt und solche Dinge. Eins steht
fest: Sie sind es nicht, die hinter den Morden stecken. Die wenigsten von ihnen
können Auto fahren und ohne ist es unmöglich, die Mordschauplätze von ihrem
Anwesen aus ungesehen zu erreichen. Die mit Führerschein haben alle ein Alibi
zu beiden Tatzeiten, da es wirklich selten ist, dass einer von ihnen ihren Hain
verlässt.
Bei beiden Morden,
die geschahen, herrschte große Aufregung in der Sekte. Sie verurteilen die
Morde als Perversion der Natur.“ Diane überlegte, ob das nicht alles wie
absoluter Unsinn klang und fügte sicherheitshalber noch hinzu: „Wenn sie
wirklich hinter den Morden stecken würden, dann wäre mir das nicht entgangen.
Da bin ich hundertprozentig sicher.“
Ungehalten brummte
Bofield etwas Unverständliches und dann etwas lauter: „Eine schöne
Bescherung. Dann war also alles umsonst?“
„Nein, Captain.
Der Name Linus steht jetzt ganz oben auf meiner Liste der Verdächtigen.
Informanten von mir sind wiederholt auf ihn aufmerksam geworden und einmal in
der Kanalisation von seinen Männern angegriffen worden.“
„Dieser Kerl,
der sie auf der Straße angesprochen hat?“ Captain Bofield zog eine Akte aus
einem Stapel, blätterte darin herum und hielt ihr eine Passage eines
Auswertungsberichts unter die Nase, auf die er seinen Finger legte.
Im Zusammenhang mit der Observation Mr. Saphrosis wird in drei
verschiedenen Zusammenhängen der Name Linus erwähnt. Es scheint, dass Mr.
Saphrosis über diesen Mann Kontakte zur Unterwelt unterhält, denn der Name
Linus ist laut Mr. Spencer „das bestgehütetste Geheimnis der Stadt“. Es
wurden bei Nachfragen bezüglich des Namens mehrfach Drohungen gegen Mr. Spencer
ausgesprochen, wie sie in Unterweltkreisen üblich sind.
Sie machte
eine geistige Notiz, dass Linus mit Saphrosis irgendwie in Verbindung stand.
Doch allein diese wenigen Zeilen machten ihr Linus noch verdächtiger. Es waren
Morddrohungen gegen den Journalisten ausgesprochen worden. Vielleicht war er
Linus zu nahe gekommen...
„Haben Sie
inzwischen etwas über Linus herausgefunden?“, fragte sie den Captain. „Wenigstens
einen Nachnamen oder so was?“
„Nicht das
Geringste. Wir vermuten, dass der Mann den Namen Linus nur als Alias benutzt,
eine Art Markenzeichen unter Kriminellen. Dieser griechische Name bedeutet
soviel wie ‚der Klagende’, klingt nach zu viel Dramatik, wenn Sie mich
fragen.“
„Das habe ich befürchtet...“, sagte sie und dacht bereits
über eine Lösung ihres Problems nach. Wer heutzutage erfolgreich Geschäfte
machte, kam um Computer nicht herum, und die konnte man hacken. „Ich werde
zusehen, was ich tun kann. Der Mann, der sich auf Dauer vor mir verstecken kann,
muss noch geboren werden.“
„Na dann werde
ich Sie mal wieder Ihrer Arbeit überlassen.“, sagte Bofield und wandte sich
zum gehen. An der Tür blieb er noch einmal stehen. „Gut sie wieder an Bord zu
haben, Miss O’Donnell“
Sie schenkte ihm
ein ehrliches Lächeln. „Gut, wieder hier zu sein.“
Kaum schloss sich
die Tür hinter ihm, holte sie ihr abhörsicheres Handy heraus. Es galt einige
Hackerprofis aufzutreiben und ein wenig technisches Spielzeug zu besorgen. Die
Jagd auf Linus konnte beginnen.
Diane war gerade einmal zwei Tage fort, als des Nachts die magische
Schriftrolle, welche er stets bei sich trug, warm zu werden begann. Shejrriim
zog sie aus der Innentasche seiner Kutte und rollte sie auf dem Tisch seines
Gemaches auf. Klar und deutlich stand dort in Dianes präziser, enger
Handschrift geschrieben:
Erhielt
eben Anruf über neues Opfer. Paperstreet Ecke Hudsonroad. Verlassenes Industriegebiet nahe dem
Hudson River. Werde es erst in einer halben Stunde dem Captain melden, damit Du
Dir die Leiche mal ansehen kannst.
Shejrriim
ergriff einen ebenfalls verzauberten Federkiel und schrieb auf die Rolle: Danke,
das wird reichen.
Dann sprang er
auf, streifte die Kutte ab und gürtete sich mit Sharguls Gehänge. Endlich! Die
Gilde hatte so lange Zeit auf diese Gelegenheit gewartet. Die Polizei mochte
Spuren übersehen, die für Wesen Landors deutlich zu erkennen waren.
Sich einen langen
Mantel überstreifend verließ er sein Quartier und hielt auf das von Thuvindal
zu. Das war vielleicht eine gute Gelegenheit, ihr die Welt dort draußen
vorzustellen. Und es war immer gut, bei solchen Vorhaben Rückendeckung zu
haben.
An ihrer Tür
wollte er gerade anklopfen, als seine empfindlichen Ohren Thuvindals Stimme
durch das dicke Holz hindurch vernahmen. „Nein, ich habe noch keine
Fortschritte bei meiner Suche gemacht. Auf dem Boden des Ordens ist es nicht zu
finden, soweit ich das zu sagen vermag und man lässt mich das Anwesen noch
nicht verlassen.“
Shejrriim senkte
seine Hand und lauschte angespannt. Ganz leise konnte er eine andere Stimme
reden hören, doch sie klang seltsam fern und gedämpft, als würde sie über
Meilen hinweg durch dichten Nebel kommen. Sie
spricht durch eine Sphäre., erkannte er.
„Ich glaube
nicht, dass ich so lange warten muss.“, antwortete die Elfe auf eine Frage
hin. „Dieser Kri Shejrriim ist erstaunlich verständnisvoll für einen
Sterblichen und wird mir helfen, schneller nach Außen zu gelangen.“ Danke
der Ehre. „Aber ich traue ihm nicht. Etwas an ihm ist seltsam. Er trägt
eine verborgene Macht in sich, führt eine Drachenklinge und verschweigt
Geheimnisse vor mir und dem Rat.“ Sei
wachsam, Shejrriim! Du hast Dir eine Schlange ins Nest geholt! „Ich weiß
nicht, ob ich ihm trauen kann. Er scheint dem Gleichgewicht gegenüber loyal,
doch ist sein Handeln seltsam. Ich werde ein Auge auf ihn haben.“
Was glaubte sie
denn, warum er sie in seine Nähe geholt hatte? Sie war ihm auf eine bestimmte
Weise zu ähnlich, als dass er sie außer Sicht handeln lassen konnte. Und nun
waren sie zwei zweifelnde Narren, die sich gegenseitig überwachten.
Die Stimme sprach
wieder für kurze Zeit.
„Der Rat kümmert
sich nicht um mich. Sie sind zu sehr besorgt über die Morde, als dass sie ihre
Aufmerksamkeit auf einen neuen Anhänger des Ordens richten würden. Sie werden
meinem Vorhaben nicht im Wege stehen, solange sie glauben, ich würde dem Orden
voller Eifer dienen.“
Die Stimme sprach
ein letztes mal, verstummte dann und Thuvindal schwieg auch. Die geheime
Unterredung war beendet. So leise es seine Pfoten vermochten, schlich sich
Shejrriim davon. Es war nicht von Vorteil, wenn sie von seinem Lauschen erfuhr.
Sollte sie sich in Sicherheit wiegen.
Shejrriim schlug die Tür seines Ford hinter sich zu, wobei er tunlichst Acht
gab, nicht seinen Schwanz einzuklemmen. Autos – er würde sich nie an diese
Dinger gewöhnen. Vorsichtshalber prüfte er noch einmal, ob das magische
Medaillon seinen Dienst tat. Er erwartet nicht, dass ihn irgendeine
Menschenseele um diese Urzeit sehen würde, aber der Orden hatte nur durch äußerste
Vorsicht überlebt.
Während er mit zügigen
Schritten in Richtung der Ecke ging, an der sich der Mord ereignet hatte,
behielt er alles um ihn herum im Auge, lauschte angespannt und ließ seinen
Instinkt einem Wachhund gleich auf der Lauer liegen. Diese verlassene Ecke New
Yorks mochte nicht so verlassen sein, wie es schien.
Ihm ging dabei
aber auch das durch den Kopf, was er belauscht hatte. In seiner ersten Eile
hatte er Thuvindal böse Absichten unterstellt, aber ihre Worte mochten bei
nochmaligem Nachdenken vielerlei Bedeutung haben. Er konnte ihr wohl kaum übel
nehmen, dass sie ihm nicht traute. Er war
kein Freund des Rates, er verbarg mehr
als nur ein Geheimnis vor ihr, und was die verborgene Macht anging... Es war
sinnlos, einer Jahrtausende alten Elfe etwas vorzumachen.
Doch dass sie eine
Sphäre gebrauchte, um einer verborgenen Quelle Bericht zu erstatten... So fern,
wie die Stimme geklungen hatte, musste
sie auf Landor sein. Durch den Schleier hindurch Magie zu verwenden war gefährlich
und verboten. Und einem Außenstehenden Wissen über den Orden zukommen zu
lassen, war ein schlimme Übertretung.
Seine scharfen
Raubkatzenaugen machten am Ende der Paperstreet, wo sie auf die Hudsonroad traf,
zwei dunkel gekleidete Gestalten aus, die sich über einen am Boden liegenden Körper
kauerten. Das war gar nicht gut. Waren es Polizisten in Zivil? Wenn dem so war,
hatte er keine Gelegenheit mehr, die Leiche zu untersuchen.
Mit weiten,
federnden Schritten rannte er auf die beiden zu, wobei seine pfotenartigen Füße
keinerlei Geräusche machten. Er hielt sich vom Schein der Laternen fern und
nutzte die Schatten, um unentdeckt zu bleiben.
Dennoch wurde er
bemerkt, als er auf wenige Meter heran war. Der kräftigere der beiden Männer
hob auf einmal den Kopf und witterte
die Luft. Sein Kopf schnellte herum blickte Shejrriim unverwandt an.
So beiläufig wie
möglich zog er seinen gefälschten Polizeiausweis und trat ins Licht der
Laterne. Diese Männer waren für Polizisten viel zu teuer angezogen.
Breitkrempige Hüte verbargen ihre Gesichter im Schatten. „Roland Peterson,
NYPD. Sie sind beide vorläufig...“
„Shej Riim!“,
unterbrach ihn der Mann erstaunt. „Na das ist aber ein Zufall.“ Ich
kenne diese Stimme! Beide Männer hoben sich langsam und wirkten dabei sehr
gelassen. Licht fiel auf ihre fahlen Gesichter.
„Linus!“,
knurrte Shejrriim. Diesmal ist er zu weit
gegangen.
„Sagen Sie,
Shej Riim. Wieso verkleidet sich ein Diener des Aequilibriumsordens als Polizist
und taucht – was für ein Zufall – am Ort des jüngsten Mordes auf?“,
fragte der Mann mit einer traurig anmutenden, ruhigen Stimme. „Ich kann Sie
nicht gehen lassen, Shej Riim.“ Dann machte er eine seltsame Handbewegung und
raunte gebieterisch: „Schlaf!“
Ein seltsames Gefühl
überkam Shejrriim, als der Schlafzauber auf ihn prallte. Das Medaillon um
seinen Hals wehrte diese niedrige Magie mühelos ab. Ein
Zauber! Das ist unmöglich! Es sei denn... Es sei denn, dies waren zwei
Kinder Landors.
Shejrriim griff an
seine Rechte Seite unter den Mantel und zog Shargul. Die eingravierten Drachen
auf der Klinge glitzerten bedrohlich im Schein der Straßenlaterne. Beide Männer
traten vorsichtig einen Schritt zurück. Ob es an dem Schwert oder an dem
Versagen seines Zaubers lag, dass sie unruhig wurden, vermochte Shejrriim nicht
zu sagen.
„Ein verdammter
Jäger.“, knurrte der schmächtigere Mann angewidert. „Glaubst Du wirklich,
dass Du allein gegen uns bestehen kannst, Sterblicher?“
Und Linus fügte
schwermütig und wieder ruhig hinzu: „Ich will Dein Blut nicht, Mensch. Nur
Antworten.“
Unbeeindruckt von
diesen Worten sagte Shejrriim nur: „Ich gebe euch fünf Sekunden, euch zu
beugen und freiwillig mit mir nach Landor zurückzukehren. Oder ihr werdet für
eure Verbrechen sterben.“
Irgendetwas
stimmte ganz und gar nicht mit diesem Linus. Shargul in seinen Händen gab ein
raubvogelartiges Kreischen von sich und seine Gedanken drangen in Shejrriims
Verstand. Wappne Dich! Dein Tod naht!
Der Kri zögerte
keinen Augenblick und ließ Shargul gewähren. Die Drachen erwachten zum Leben.
Geisterhaft schimmernd lösten sie sich aus dem Stahl, wandten sich Shejrriim zu
und stürzten sich gleichzeitig auf ihn. Mit einem nur all zu vertrautem Gefühl
von eisigem Schmerz glitten sie in seine Arme.
Sharguls Seele erfüllte
ihn.
Der Tritt Linus’
traf ihn dennoch mit ungeheurer Wucht und schleuderte ihn gegen einen nahe
stehenden Baum. Ohne Sharguls Stärke hätte sich Shejrriim bestimmt etliche
Rippen gebrochen. Er stieß ein kämpferisches Brüllen aus und sprang zur
Seite, als der andere Mensch unglaublich schnell nachsetzte.
Shejrriim wandelte
seine Bewegung in eine Drehung um und ließ Shargul niedersausen. Es gab ein hässliches
Geräusch, als die Klinge durch die ungeschützte Seite des Mannes fetzte. Der
Unbekannte riss erstaunt die Augen auf und ging zu Boden.
Brennender Schmerz
brandete über Shejrriim herein, als auf einmal klauenartige Hände wie aus dem
Nichts auftauchten und vier blutige Spuren hinterließen. Erneut war es Sharguls
Stärke, die ihm das Leben rettete.
Er wandte sich
Linus zu und fletschte die Zähne. Dieser Mann war ein würdiger Gegner. Er war
unglaublich schnell und stark.
Doch sein Feind
hielt plötzlich inne und starrte ihn entgeistert an. „Was zum Teufel bist
Du?“
Dann erhob sich
der Unbekannte stöhnend vom Boden! Wie
kann er noch leben? Ich habe ihm den halben Rumpf durchtrennt! „Du
Bastard, das wirst Du...“ Schweigen. Starren. „Verdammt! Sieh Dir seine Zähne
an, Linus!“
Shejrriim sah an
sich hinab und entdeckte, dass sein Medaillon fort war. Und mit ihm seine
Tarnung, die ihn als Mensch erscheinen ließ.
Diese Männer
waren keine Wesen Landors. Und ganz bestimmt waren sie keine Menschen. Kein
Mensch konnte so kämpfen, kein
Sterblicher konnte eine derartige Wunde überleben!
Reifen quietschten
in der Ferne und beendeten den Moment der Starre. Lichtkegel und Blaulicht von
zwei Wagen nährte sich mit hoher Geschwindigkeit.
„Jarod, wir
gehen.“, sagte Linus. „Sofort.“ Mit einem unmenschlich schnellen Sprung
verschwand Jarod über die mannshohe Mauer hinter ihnen. Linus bückte sich
flink, hob etwas glitzerndes vom Boden auf... Das
Amulett! ...und folgte dem Anderen.
An eine Verfolgung
war jetzt nicht zu denken. Unter großen Schmerzen verbarg er Shargul unter dem
Mantel und stolperte so schnell er nur konnte zu Straßenecke und verschwand
hinter ihr.
Als Diane am nächsten Morgen ihr Büro betrat, fiel ihr sofort der
fremde Gegenstand auf ihrem Schreibtisch auf. Eine burgunderrote Visitenkarte
lag fein säuberlich platziert auf einem neuen Stapel Akten.
Misstrauisch warf
sie einen Blick zurück in das Großraumbüro, doch niemand schien ihr Beachtung
zu schenken. Nuuun... Dunby wirkt ein
wenig zu abwesend., dachte sie,
zuckte mit den Schultern und schloss die Tür.
Die Visitenkarte
erweckte einen sehr teuren Eindruck, geschmackvoll gewählte Schrift und feines
Papier machten das wahrscheinlich. „Nightfall“ stand darauf und eine Adresse
am Südzipfel Manhattans. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte man von dort aus
einen guten Blick auf den Park. Mit einer exzentrisch geschwungenen Handschrift
war unter die Adresse das Wort „Mitternacht“ geschrieben worden. Kein Zweifel. Die ist mit Sicherheit von Linus.
Sie kramte aus
ihrer Tasche das Pergament des Ordens hervor und stellte erschrocken fest, dass
es ganz warm war. Sie rollte es auf und las: Sei
vorsichtig wegen Linus. Er ist kein Mensch und verfügt über magische Kräfte,
obwohl er kein Wesen Landors zu sein scheint. Ich habe den Kampf mit ihm nur
knapp überlebt. Achte bitte darauf, dass Dein Verfolger des Ordens nie zu weit
weg ist.
Ein Kampf?
Kein Mensch? Diane schüttelte ungläubig den Kopf. Linus hatte auf sie sehr
wohl wie ein Mensch gewirkt und sie hatte bei ihm nicht ein einziges Mal einen
Fall von „Sehen“ gehabt. Doch wenn Shejrriim gegen ihn gekämpft hatte...
Sie drückte die
Mine ihres präparierten Kugelschreibers heraus und schrieb. Habe heute Mitternacht ein Treffen, vermutlich mit Linus, in einem
Nobelrestaurant namens „Nightfall“. Werde vorsichtig sein. Und nach
einem kurzen Zögern fügte sie noch hinzu: Ich
hoffe, Du kommst wieder auf die Beine.
In dem Moment,
als sie das Pergament wieder wegstecken wollte, erschien wie von Geisterhand
geschrieben Shejrriims Antwort. Auch ne
Art zu chatten., dachte sie schmunzelnd.
Sieh
Dich vor, er hat mein Amulett und könnte meine menschliche Maske tragen. Linus
wird vielleicht Geisteszauber verwenden, um Dich auszuhorchen. Mit dieser
Warnung und ausreichend Konzentration kannst Du ihnen widerstehen, das ist die
Natur solcher Magie. Ebenfalls ein kurzes Zögern später erschienen noch
die Worte: Es geht mir wieder gut, danke
Diane. Die Heiler hatten einiges zu tun, um mich wiederherzustellen, aber ihre
Magie ist mächtig.
Sie verstaute
das Pergament wieder vorsichtig in ihrer Tasche, zog die Jalousien ihres Büros
zu und öffnete einen Wandschrank. Hinter ein paar Büchern war das kleine
elektronische Wunderwerk versteckt, das die ins Stromnetz eingespeisten Signale
der Kamera aufzeichnete. Die Kamera selbst war ein kleines, unscheinbares Ding
in der Steckdose bei der Tür und wirkte wie ein Handynetzteil.
Na
dann wollen wir doch mal sehn. Über die Bluetooth-Schnittstelle überspielte
sie die Daten auf ihren Laptop und startete den Player. Es war nicht viel
Filmmaterial, da die Kamera erst bei Bewegungen im Raum aufnahm. Beine waren zu
sehen, typische Polizeihose. Die Frau, deren Gesicht sie zwar schon öfters
gesehen hatte, ihren Namen aber nicht wusste, legte einen Bericht auf Dianes
Tisch und ging wieder. Schnitt, dann die nächste Szene. Ein Polizist kam
herein, sah sich neugierig aber unverdächtig um und legte drei Mappen auf ihren
Tisch. Dann warf er einen Blick über die Schulter und sie erkannte Dunby. Er
zog die Visitenkarte aus der Hosentasche und legte sie auf die Akten. Vollkommen
unbeteiligt wirkend ging er wieder hinaus. Die letzte Aufnahme war sie selbst.
Also doch Mister Sheriff., dachte Diane zornig. Dann war der doch so idiotisch mit seiner Schreibmaschine. Na das wird
er mir büßen. Aber noch nicht gleich. Erst musste sie wissen, für wen
Dunby wirklich arbeitete. Eine falsche Behauptung mochte das ganze Verhör
ruinieren.
Das Restaurant war in schummriges, mildes Licht getaucht und die herzenstraurige
Musik der klassischen Kapelle dämpfte die Stimmung noch zusätzlich, während
draußen der New Yorker Regen seine Tränen weinte. Wenn
die ihre Gäste damit in den Selbstmord treiben wollen, geht denen irgendwann
die Kundschaft aus. Tatsächlich war „Nightfall“ zu dieser Zeit nicht
sehr gut besucht, was auch an den finsteren Bodyguards liegen mochte, die sie
von Kopf bis Fuß gemustert und dann ihren Namen nennend hereingebeten hatten.
Ein Pärchen, das schüchtern hinter ihr hereinzukommen versuchte, wurde mit den
Worten „geschlossene Gesellschaft heute Abend“ rausgeschmissen.
In einer Nische
nahe der Kapelle entdeckte sie Shej Riim, oder zumindest denjenigen, der sich für
ihn ausgab. Weitere Leibwächter in dunklen Maßanzügen flankierten die Nische,
und saßen auffällig unauffällig an verschiedenen Tischen. So wie es schien,
war Diane der einzige Gast heute Nacht.
Ein vornehmer
Kellner eilte herbei, nahm ihr galant den Mantel ab und sagte: „Was wünschen
Sie zu trinken, Miss? Auf Kosten des Hauses, versteht sich.“
Diane hob die
Augenbrauen, blickte flüchtig zu dem falschen Shej Riim hinüber und sagte dann
lächelnd: „Den besten Scotch Whiskey den Sie zu bieten haben.“ Der Kellner
neigte zustimmend den Kopf und verließ sie.
Sie schlenderte
gelassen zum Tisch, an dem Shejrriims Spiegelbild saß, grüßte ihn und setze
sich ihm gegenüber. Sie ließ ihrer Gabe freien Lauf und durchdrang die Maske mühelos.
Doch der Mann war nicht Linus, auch wenn er eine undefinierbare Ähnlichkeit mit
ihm besaß.
„Sollte ich Sie
kennen?“, fragte sie mit geschäftsmäßiger Neugier. „Hatte Linus keine
Zeit zu kommen?“
„Aber, aber
Diane.“, ihr Gegenüber lächelte, doch es war gar nichts Freundliches oder
Warmes dabei. „Erkennen Sie einen alten Freund nicht wieder?“
Diane erhob sich.
„Der Orden des Gleichgewichts konnte mich mit diesem Zaubertrick nicht täuschen,
warum sollten Sie es können?“, sagte sie in einem betont gelangweiltem Ton.
“Schicken Sie mir ne neue Karte, wenn Linus persönlich Zeit für mich hat.“
Ihr Gegenüber
neigte anerkennend den Kopf und der Bodyguard zu ihrer Linken sagte mit Linus’
Stimme: „Wie kommt es, dass Sie ihn durchschauen, mich aber nicht?“
Diane sah ihn an,
konzentrierte sich bis das Gesicht des Mannes verschwamm und nach und nach zu
dem von Linus wurde. „Nur eine Frage der Konzentration, denke ich.“
Linus gab dem Mann
am Tisch einen Wink aufzustehen und nahm seinen Platz ein. „Setzen Sie sich
doch bitte wieder, Miss O’Donnell.“
„Fein.“ Sie
machte es sich so gemütlich, wie es ihre Wachsamkeit zuließ und musterte ihr
Gegenüber. Von dem Charme und dem seltsamen sorglosen Gefühl war diesmal
nichts zu spüren. Etwas unterschwellig Bedrohliches ging von ihm aus. Ihr gegenüber
saß ein kräftig gebauter Mann, vielleicht dreißig Jahre alt mit einem
kantigen, fahlen Gesicht, das einen deutlichen Kontrast zu seinen schwarzen,
langen Haaren bildete. Traurige, dunkle Augen blickten sie an und einen kurzen
Moment musste sie an Shejrriim denken, als er so seltsam alt gewirkte hatte. Bei
Linus’ Augen überkam sie ein ähnliches Gefühl von Alter, doch es war
irdischer, fassbarer.
„Es freut mich,
dass sie wohlauf sind.“, sagte Linus und schien es sogar so zu meinen.
„So? Dann nehmen
Sie es mir also nicht übel, dass ich den kleinen Vorfall in der Lagerhalle überlebt
habe?“
Seine Augenbrauen
zogen sich kurz zusammen. „Ich konnte darüber nur Gerüche in Erfahrung
bringen. Es hieß, sie hatten ein Zusammentreffen mit dem Wolfsmörder.“
Er
streitet es ab! Selbstverständlich. „Und es war ja auch sehr reizend von
Ihnen, mich dem Orden auf den Hals zu hetzen. Ich nehme an, sie hatten nicht
damit gerechnet, dass ich das auch
noch überlebe.“
Der Kellner
brachte den Whiskey, doch weder Linus noch Diane bemerkten ihn großartig. Ihre
Blicke fochten einen Kampf aus. „Ich habe Sie zum Orden geschickt, weil ich
hoffte, Sie würden einige seiner Geheimnisse lüften.“, sagte Linus schließlich
schwermütig, als würde ihr Misstrauen eine zu große Last für ihn sein.
„Und ich habe mich nicht getäuscht. Sie wissen nun, dass sie keine Menschen
sind.“
Behutsam nippte
sie an dem Whiskey. Sie hatte noch nie zuvor einen besseren getrunken. „Oh,
der ist gut.“, sagte sie anerkennend, prostete Mister Mafia zu und nahm einen
Schluck. „Ich weiß nun auch, dass der Orden nicht hinter den Morden
steckt.“
Linus sah ihr prüfend
in die Augen. Zweifel nagten an ihm. „Ich habe diesen Shej Riim bei der letzen
Leiche angetroffen. Und ich habe ihm das hier abgenommen.“ Der falsche Shej
Riim griff sich an die Brust und legte ein silbernes, fünfeckiges Medaillon auf
den Tisch. Die Illusion um ihn verschwand. „Er ist eine Bestie!“
Diane musterte das
Amulett und die Runen darauf. Es bestand kein Zweifel daran, dass es eine Arbeit
des Ordens war. Gelassen blickte sie zu Linus auf. „Was soll’s? Sie sind
auch kein Mensch.“
Das brachte ihr
Gegenüber kurz aus der Fassung und er sah sie offen feindselig an. Am Rande
bemerkte sie, dass die Wächter ihre Hände unter ihre Mäntel schoben und sie
versteifte sich. „Was wissen Sie?“, fragte Linus derart forsch, dass er
keinen Zweifel an der Unausweichlichkeit einer Antwort ließ.
„Ich weiß, dass
der Orden mächtig sauer auf Sie ist. Er schätz es nicht, wenn Freaks durch die
Nacht laufen und mit Magie herumspielen.“
Sie hörte das nur
zu deutlich in ihrer Erinnerung haftende Geräusch eines Schwertes, das ein Stück
aus der Scheide gezogen wurde, doch Linus sprang auf und hielt die nervöse Hand
des Mannes zurück. „Jarod. Du gehst besser nach Draußen und denkst über das
Wort ‚Beherrschtheit’ nach.“
Der verneigte sich
beschämt und ging wütend davon.
„Entschuldigen
Sie diesen kleinen Patzer, Miss O’Donnell. Uns ist sehr daran gelegen, dass
Sie am Leben bleiben.“ Er bemerkte ihren skeptischen Blick. „Glauben Sie
mir, wenn ich sie tot sehen wollte, läge das in meiner Macht.“
Mister Mafia
lehnte sich zurück und nippte an seinem Rotwein. „Der Orden ist nicht gut auf
mich zu sprechen... Warum?“ Seine Augen schienen sich in ihr Gehirn graben zu
wollen und eine unnatürliche Müdigkeit kam über sie. Entschlossen schrie sie
in ihrem Geiste NEIN! und der Bann brach, Linus zuckte leicht erschrocken
zusammen.
„Der Orden ist
genau wie ich hinter den Wolfsmördern her und Sie sind momentan Kandidat Nummer
Eins.“
Traurig schüttelte
Linus seinen Kopf. „Ich hatte wirklich Hoffnungen in Sie gesetzt, Miss
O’Donnell. Doch der Orden scheint Ihnen den Kopf verdreht zu haben. Ich kann
nicht zulassen, dass diese Bestien zu viel Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die
seit Jahrtausenden im Verborgenen sind.“
Das war seltsam.
Linus klang nicht wie ein Wesen, das Wissen über Landor besaß und auch nicht
wie einer, der hinter den Wolfsmorden steckte. Das
kann eine einfache, altmodische Lüge sein, und das weißt Du. Doch ihr
Instinkt sagte ihr, dass dem nicht so war. Vielleicht konnte sie ein wenig mehr
Offenheit riskieren. „Der Orden denkt das Gleiche über die Wolfsmorde, Linus.
Und er hält Sie für denjenigen, der den Yradin Unterschlupf gewährt.“
Linus lachte kalt.
„Ich bin schon zu lange auf dieser Gottverfluchten Erde, als dass ich solche
Worte nicht durchschauen würde. Sie wurden getäuscht, Miss O’Donnell und ich
verschwende meine Zeit mit Ihnen. Der Orden setzt Sie auf eine falsche Spur und
sie führen sich auf, als hätten Sie nie ihre wahren Gesichter gesehen!“
Kalter Zorn war in
seiner Stimme, seiner Haltung. „Gehen Sie, Miss O’Donnell.“
Diane rieb sich
das Ohrläppchen, löste aber in Wirklichkeit ein kleines, schwarzes Plättchen.
„Wenn Sie darauf bestehen...“ Sie trank ihr Glas leer und erhob sich. „Sie
machen einen Fehler, wenn Sie sich mit dem Orden anlegen, Linus. Er ist nicht
der Feind.“
Sie drehte sich um
und stieß beinahe mit einem Bodyguard zusammen, der sich ihr in den Weg
stellte. „Lass sie gehen.“, befahl ihm Linus und der Leibwächter trat
widerwillig beiseite.
„Guter Mann.“,
spöttelte Diane. Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Lächle doch mal,
Kleiner!“ Er verzog keine Mine. Schulterzuckend gab sie es auf und ging. Mit
ein wenig Glück blieb der Peilsender an seiner Schulter lang genug unbemerkt,
damit er ihr ein paar interessante Orte verriet.
Ich glaube nicht,
dass Linus hinter den Wolfsmorden steckt. Er scheint die Aufmerksamkeit, die sie
erregen genauso wenig wie ihr gebrauchen zu können. Ich fürchte, er glaubt mir
nicht und will sich mit dem Orden anlegen., hatte
Diane geschrieben.
Das waren keine
guten Nachrichten. Aber zumindest hat sie
das Treffen mit ihm überlebt. Was ist Linus überhaupt? Er soll nicht der
Schutzherr der wilden Yradin sein? Wer ist es dann? All dies ging ihm durch
den Kopf, während er überlegte was zu tun sei. Den Rat warnen, die Wachen
verstärken, und endlich herausfinden, wer Linus war.
Ja, die Dinge
waren in Bewegung, und es gefiel ihm gar nicht, in welche Richtung.
Die neue Bedrohung
Am nächsten
Abend, als Dunby seine Schicht antrat, bat Diane ihn um ein Gespräch unter vier
Augen. Verwundert willigte er ein, folgte ihr noch verwunderter in eines der
Verhörzimmer und setzte sich.
„Sie haben ein
Problem, Mr. Dunby.“, sagte Diane nüchtern und setze sich so nah auf den
Tisch des Verhörzimmers, dass Mister korrupter-Sheriff weit zu ihr aufblicken
musste.
Entweder dieser
Mann war zu dumm oder zu gerissen, um nervös zu sein. „Was soll der Quatsch?
Sie überschreiten die Kompetenzen eines FBI Agenten, wenn Sie mich ohne Anwalt
verhören.“ Damit stand er auf und wollte gehen, doch Diane schubste ihn zurück
auf den Stuhl.
„Warten Sie nur,
bis Captain Bofield davon erfährt!“, drohte ihr Dunby zornig. „Der lässt
solch einen Scheiß nicht einfach durchgehen.“ Er stand erneut auf, guckte ein
wenig erstaunt, als sie ihn nicht anrührte und ging dann umso ermutigter und
zorniger zur Tür.
Mister
Meine-Probleme-sind-größer-als-ich-nur-ahnen-kann legte gerade seine Hand auf
den Knauf, als Diane beiläufig ihre Fingernägel betrachtend sagte: „Sie können
gehen, Mister Dunby.“ Er drehte den Knauf. „Oder Sie setzen sich wieder und
geben dem Captain auf der anderen Seite des Spiegels dort einen guten Grund,
nicht sofort an die Dienstaufsicht zu schreiben.“
Der Knauf
schnappte zurück, als die Kraft in Dunbys Hand versagte. Zweifelnd sah er sie
an. „Gut, ich hab’ ein paar Packen Kopierpapier mitgehen lassen, aber das
ist doch...“
„Es geht nicht
um das Kopierpapier oder darum, dass Sie Kollegen in den Kaffee spucken...“
„Das habe ich
nie...“, hob er zu einem Protest an, doch Diane fuhr gelassen fort.
„... es geht
hier um ihren Arsch. Also setzen Sie ihn, wenn Sie ihn retten wollen.“
So langsam begriff
Mister Clever, dass er wirklich ein Problem hatte. „Was wird mir
vorgeworfen?“
Diane neigte ihren
Kopf in Richtung des Stuhls und Dunby kam der Aufforderung nach einer langen
Bedenkzeit nach. „Was sagt Ihnen der Name Linus?“
Schlagartig wurde
Mister Sheriff-mit-kalten-Füßen kreidebleich und wurde Linus damit mächtig ähnlich.
„Er... ist ein Freund von mir.“, stammelte er dann mühsam.
Diane brachte ihr
Gesicht seinem so nahe, wie sie es nur ertragen konnte. „Das. Glaube. Ich.
Kaum.“ Dann ließ sie ihn ein wenig zappeln und lief in aller Ruhe um den
Tisch herum und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber. „Ich hatte das Vergnügen,
ihn gestern Abend zu treffen. Weder scheinen Sie in die Kreise von Linus zu
passen, noch erweckt Linus den Eindruck, irgendwelche Freunde zu haben.“
„Es geht Sie gar
nichts an, mit wem ich in meiner Freizeit zu tun habe und warum.“, verteidigte
er sich trotzig, verriet aber mit seinen Augen, dass er nicht erwartete, damit
durchzukommen.
„Vollkommen
richtig.“, stimmte ihm Diane trocken zu. „Sie können von mir aus mit der
Mafia ins Bett gehen, wenn Sie das wollen.“ Sie lehnte sich vor und wurde
bitterböse. „Aber es geht mich verdammt noch mal sehr viel an, wenn Sie Dinge
auf meinem Tisch hinterlegen, während Sie im Dienst sind!“ Sie hatte bewusst
das Wort ‚Visitenkarte’ nicht verwendet. Sie hoffte, das Dunby sich
verplapperte.
„Was für
Dinge?“, fragte er unsicher, die Falle witternd.
Diane griff in
ihre Brustasche und schnippte ihm die rote Visitenkarte entgegen. „Fangen wir
mit dem jüngsten Fall von Verrat an.“
„Nightfall? Ich
kenne den Schuppen nicht mal.“, erwiderte er ein wenig selbstbewusster. Er war
selbst lange genug Polizist, um zu wissen, dass Beweise gerne durch Bluffs und
Angelhaken ersetzt wurden, wenn es um Verhöre ging.
„Das glaube ich
Ihnen sogar, Sie kämen nicht an den Türstehern vorbei.“ Sarkasmus troff in
ihrer Stimme. „Aber es geht ja auch nicht um das Restaurant, sondern um die
Karte. Sie haben sie vorletzte Nacht kurz vor dem Ende ihres Dienstes auf meinen
Schreibtisch gelegt.“
„Habe ich
ni...“
„Haben Sie
doch.“ Sie klappte ihr Notebook auf, betrachtete dramatisch lange den Monitor
und schüttelte dann den Kopf. „Dunby, Dunby. Sie verschenken gerade wertvolle
Kooperationspluspunkte beim Captain.“
Mister Sheriff war
sich nun sicher, dass sie bluffte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
„Was soll das? Halten Sie mich für einen Anfänger?“
Sie bluffte ja
auch, doch nicht so, wie er glaubte. Ihre Falle würde später zuschnappen.
„Halten Sie mich denn für einen?
Ich bin die große, böse Special Agent, schon vergessen?“, spöttelte sie,
drehte ihm den Laptop hin und präsentierte ein gestochen scharfes Standbild von
seiner Tat. Mit unglaublicher Befriedigung sah sie seine selbstgefällige Visage
zerbröseln.
„Meine Güte, es
ist nur ne Visitenkarte...“, brachte er schwach heraus. „Er hat sie mir in
die Hand gedrückt und gemeint, er wolle nur ein Date mit Ihnen...“
Mit hochgezogenen
Augenbrauen drückte sie einige Tasten und fragte übertrieben gelangweilt:
„Benehmen Sie sich immer so verdächtig, wenn es um solche Kleinigkeiten
geht?“ Die ganze Szene seines Besuchs lief durch. „Es ist doch nur eine
Banalität, Mr. Dunby.“
Daraufhin wusste
er nichts mehr zu sagen. Er wusste, dass er mächtig in der Patsche saß.
Sie drehte den
Laptop wieder zu sich hin, drückte ein wenig auf den Tasten rum und erzeugte
damit eine blöde Fehlermeldung, doch sie schnalzte mit der Zunge, als ginge es
jetzt richtig ans Eingemachte. „Und was haben wir denn hier?“ Sie klickte
die Fehlermeldung weg. „Und hier?“ Kopfschüttelnd sah sie Dunby an. „Noch
mehr Besuche, wenn ich weiter zurückgehe. Ich würde glatt sagen, Sie haben mir
nachspioniert.“ Dann tippte sie sich ans Kinn. „An sich kein Verbrechen, nur
dass Sie Ihre Erkenntnisse mit Linus geteilt und von ihm monatlich vierhundert
Dollar bekommen haben ist schon eins. Korruption.“ Sie hatte ihre
Hackerfreunde von der Agency ein wenig in seinen Konten rumschnüffeln lassen
und dieses nützliche Detail monatlicher Beträge ausgegraben.
Dunby schwitze.
Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass er in diesem Zimmer selbst mal auf
dem Verhörstuhl sitzen würde. „Was wollen Sie?“
„Einen Namen.“
Wie ein gejagtes
Tier sah er zum Spiegel, hinter dem Bofield stand. „Ich...“ Er starrte sie
an, dann ein hastiger Blick zu Tür, auf seine Hände, wieder zu ihr. „Ich
habe keinen Namen. Jeder nennt ihn nur Linus.“
„Mister.“
Pause. „Dunby.“ Pause. „Denken Sie noch mal scharf nach. Gibt es da nicht
doch etwas, an dass Sie sich erinnern können?“
Die Konzentration
in seinem Gesicht sah schmerzhaft aus. Gehetzt nagte er an seiner Oberlippe, drückte
sich die Ballen gegen die Schläfen und spuckte dann schließlich ein Wort
heraus: „Devron!“
„Bitte?“
„Ich weiß
nicht, ob das etwas zu bedeuten hat, aber ich hörte einen seiner Leibwächter
einmal sagen, dass dies ein guter Tag für den Devron-Clan sei. Linus hatte wohl
gerade einen Konkurrenten aufs Kreuz gelegt und das hat für Gesprächsstoff
gesorgt.“, sprudelte es aus ihm heraus.
Diane neigte
dankbar den Kopf. „Na also. Ging doch.“ Sie hackte den Namen in ihr
Korrelationsprogramm und erhielt einige Treffer. Es gab da eine kleine
Exportfirma, die unter diesem Namen lief. Klein und dennoch hatte sie mit dem
Giganten Jonathan Saphrosis Corporation regen Geschäftskontakt. Sieh
an. Es geht um Genforschungsmaterial!
Sie verbarg
ihre Freude hinter einem Pokerface. Sie wollte nicht, dass Dunby seine Antwort für
zu wichtig hielt. „Das war doch ein guter Anfang. Und jetzt würde ich gerne
von Ihnen wissen, nur so aus persönlicher Neugier, ob Ihnen vierhundert Dollar
im Monat nicht ein bisschen mager erschienen, um mich ans Messer zu liefern.“
„Ich verstehe
nicht...“
„Der Brief, Mr.
Dunby. Der, der mich beinahe des Leben gekostet hat, weil es eine Falle war.“
Sie warf ihn ihm auf den Tisch. „Der Captain hat ihn analysieren lassen. Er
wurde auf Ihrer Schreibmaschine geschrieben, Mr. Dunby.“
Es kam Farbe in
das Gesicht des Mannes. „Das war ich nicht!“, widersprach er zornig. „Ich
bin doch kein Idiot, mit einer Maschine, auf der das E wackelt, so was zu
schreiben!“
„Das hat der
Captain auch gesagt.“ Sie lächelte falschfreundlich. „Ich hatte da so meine
Zweifel...“
„Ich war das
nicht, verdammt! Ich habe keinen Auftrag von Linus, Sie in den Tod zu locken!“
Jetzt wurde es
Diane zu blöd. Sie nahm ihn richtig in die Mangel, quetschte, drohte, lockte,
doch es half nichts. Er wurde immer verzweifelter und sagte nichts Neues. Er
schien es tatsächlich nicht gewesen zu sein. Sie drehte sich zu dem Spiegel um,
zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich glaube ihm, Captain. So wie’s
aussieht, haben wir noch einen Spitzel in Ihrer Abteilung.“
Mit einem lauten Poltern flog die Tür zu Shejrriims Quartier auf
und Torgal der Zentaur, stürmte herein. „Wir haben einen Eindringling
aufgegriffen!“
Shejrriim war
sofort auf den Beinen, ergriff im Hinausgehen sein Schwert und folgte Torgal,
der weiter berichtete: „Die Wachen waren sofort alarmiert, als die magische
Barriere durchdrungen wurde, dennoch hat er es viel zu weit geschafft. Wir haben
sechs Wächter, zwei von ihnen Kampfmagier gebraucht, um ihn und seinen
Begleiter aufzuhalten.“
Shejrriim hämmerte
im Vorbeigehen an Thuvindals Tür und warf dem Zentauren einen finsteren Blick
zu. „Sein Begleiter?“ Sie schritten zügig durch die von Fackeln erhellten Gänge
der Burg, in der eine ungewöhnliche Aufruhr herrschte. Der letzte Angriff durch
Diane war allen noch zu gut als Warnung im Gedächtnis.
„Er ist tot. Ein
Feuerball hat ihn vollkommen verbrannt. Der, der überlebt hat, stemmt sich mit
aller Macht gegen diejenigen, die ihn am Boden festhalten. Wir wagen es nicht,
ihn hereinzubringen, aus Angst, er könnte entfliehen.“
Shejrriim sah sie
überrascht an. „Sechs unserer
Wachen schaffen es nicht, einen Einzelnen unter Kontrolle zu bringen?“ Er und
Torgal passierten gerade die Eingangshalle. „Was ist er, ein Dämon?“
Daraufhin sagte
Torgal erst einmal nichts. Sie traten hinaus ins Freie und eilten nun im
Laufschritt über den Platz auf den Wald im Osten zu. Für Torgal bedeutete das
natürlich nur lockeres Traben. Nach einer langen Pause antwortete er schließlich
doch. „Ein Dämon ist er nicht, aber... einem Dämon so nahe, wie er nur sein
kann. Sein Begleiter hat Gwarf mit einer Berührung irgendwie vollkommen ausgedörrt;
das ist finstere Magie.“
Obwohl das Anwesen
riesig war, dauerte es nicht sehr lange, bis sie den Gefangenen erreicht hatten.
Nie zuvor war ein Eindringling derart weit gekommen. Er hatte wohl gut zwei
Drittel des Weges zur Ordenshalle überwunden.
Die Wächter
hatten den Späher bei der Ruine eines alten Stalls gestellt, zu der Torgal und
Shejrriim gerade kamen, als eine Kri mit großer Wucht fortgeschleudert wurde.
Sie hatte den Arm des am Boden liegenden festgehalten.
Shejrriim zog
Shargul, holte übertrieben weit aus und schlug zu. Die Klinge stoppte keinen
Fingerbreit vor der Kehle des Gefangenen, der mit einem Schlag jegliche
Gegenwehr aufgab und den Kri mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Ich habe schon
gegen Deinesgleichen gekämpft.“, knurrte Shejrriim herausfordernd. „Egal
welche Wunden ihr verkraftet, ohne euren Kopf werdet ihr wohl schwerlich
auskommen. Willst Du ihn behalten?“
Der Gefangene
nickte andeutungsweise. Es gab keinen Zweifel. Was dort am Boden lag war von der
Art der Wesen, gegen die er vorletzte Nacht gekämpft hatte. Blasse,
menschengleiche Kreaturen.
„Was, im Namen
der Mächte, bist Du?“, fragte er schließlich.
„Das fragst Du
Freak mich?!?“, fauchte der Mann und
starrte die ihn unringenden Wachen an. In seinen Augen lag so etwas wie kalte
Angst. Am längsten blieb sein Blick auf Torgal haften.
„Erkennst Du die
Rassen Deiner Heimat nicht?“, fragt der Zentaur verwundert.
„Es ist kein
Wesen Landors.“, hauchte Thuvindal tonlos. Ohne einen Laut zu verursachen, war
sie plötzlich hinter Shejrriim aufgetaucht. Sie
gibt einen guten Schatten ab., dachte er zufrieden.
„Er benutzt
Magie und vermag sich gegen unsere Bannzauber zu wehren.“, widersprach ein
Yradinmagier, der es nicht wagte, seinen Blick von der Kreatur zu wenden und so
seinen Zauber zu brechen.
„Er ist kein
Kind Landors!“, behauptete Thuvindal mit hörbarem Zorn in ihrer Stimme
erneut.
Es brach ein
Streit los. Jeder argumentierte gegen die Elfe und sie wehrte sich mit
unverhohlener Feindschaft. Shejrriim hielt sich zunächst heraus und versuchte,
ein eigenes Bild zu gewinnen. Alles sprach gegen Thuvindals Theorie: Magie, übermenschliche
Stärke, unirdische Widerstandsfähigkeit.
Aber ein Wesen
Landors, das weder Kri noch Zentauren kannte? Ein Wesen, das einem Menschen ähnlicher
sah, als selbst ein Elf? Sein Instinkt hatte ihn auch schon bei Linus zweifeln
lassen, ob er von Landor stammte.
Als der Disput
immer heftiger wurde, beschloss er, dazwischen zu gehen. Er übertrug es einem
dazugeeilten Wächter, den Hals des Spähers zu bedrohen und nahm Thuvindal
beiseite. „Warum glaubst Du, dass er nicht von Landor stammt?“
Thuvindal blitze
ihn gefährlich an. „Wenn meine Meinung und Erfahrung nichts zählen, dann
braucht Ihr es nur zu sagen! Wer hört hier schon auf eine Elfe?!“
Shejrriim seufzte
kopfschüttelnd und entgegnete ruhig: „Ich wollte nicht von Dir hören, dass
Du im Unrecht bist, Thuvindal. Ich will wissen, warum Du Dir so sicher bist.“
Die Elfe stutze,
blickte kurz beschämt zu Boden und starrte dann den Gefangenen umso finsterer
an. „Er ist kein Dämon, aber ich habe außerhalb der Dämonenbrut niemals
zuvor eine solche Finsternis gefunden. Dämonen sind Lebewesen, Geschöpfe
unserer Welt, aber das da...“, sie zog eine verächtliche Mine, „Das da lebt
nicht einmal richtig.“
Eingehend musterte
er Thuvindal. Irgendetwas hielt sie zurück. „Was noch?“, fragte er sanft.
Sie sah ihm
wachsam in die Augen, suchte nach einem Anzeichen von Hinterlist. Offenbar fand
sie es nicht. „Es fühlt sich nicht an wie ein Kind Landors.“
„Fühlt sich
an?“
„Es... ist wie
eine Art Aura, die ich wahrnehme. Jedes Lebewesen hat seine eigene und sie
ist...“ Zornig schüttelte sie den Kopf. „Ihr Sterblichen glaubt sowieso
nicht daran.“
Shejrriim bemühte
sein gewinnendstes Lächeln. „Versuch’ es.“
„Die Aura der
Erdwesen fühlt sich einfach anders an, als die der Wesen Landors. Das dort ist
ein Kind Terras.“
Bedächtig nickend
betrachtete er den Gefangenen. Weder in dieser noch in seiner Heimatwelt kannte
man etwas derartiges. Er hatte auch schon unterschwellig das Gefühl gehabt, was
Thuvindal benannt hatte. Der Gefangene war irgendwie nicht richtig am Leben.
Aber auch nicht tot. Untot.
Das Gefühl hatte
er schon bei Linus im Kampf vorletzte Nacht gehabt. Der Angriff! Er war
vermutlich der Grund, warum sich ihre Schergen mit einem Mal auf dem Anwesen des
Ordens herumtrieben.
„Hat Dich Linus
gesandt?“, fragte er den Gefangenen. Der kniff die Augen zu engen Schlitzen
zusammen und sagte kein Wort.
Shejrriim kniete
neben dem Späher nieder und setzte sein gefährlichstes Raubtierlächeln auf.
„Ich weiß, dass Dich Linus geschickt hat. Es hat ihm nicht gefallen, dass ich
ihm entkommen bin, nicht wahr? Und jetzt möchte er herausfinden, wer die neue
Bedrohung für Deinesgleichen ist.“
Der am Boden
liegende versuchte nun offensichtlich zu erraten, wie viel Shejrriim wusste.
Dabei war es ganz einfach. Wenn die
nichts vom Orden wussten, musste es umgekehrt genauso sein.
„Ich sterbe
lieber, als dass ich Linus in irgendeiner Weise verrate.“ Und mit einigem
Stolz in der Stimme fügte er hinzu: „Ich habe meinem Clan Treue über den Tod
hinaus geschworen.“
„Das kannst Du
gerne haben.“, knurrte Shejrriim kehlig. „Doch ich wage zu bezweifeln, dass
es soweit kommt.“ Er stand auf und steckte Shargul weg. „Dieser Mann ist
wertvoll für uns. Holt noch Verstärkung und dann schaffen wir ihn rein.“
Wenn er erst
einmal in einer magisch versiegelten Zelle untergebracht war, hatten sie alle
Zeit der Welt, alles Wissen, das wichtig war, von ihm zu ergattern.
In diesem Punkt sollte Shejrriim sich irren.
Große, schnelle Schritte trugen Shejrriim die Treppe zu den Verliesen der Burg
hinunter. Er war in Eile. Unten angekommen brauchte er erst gar nicht zu fragen,
wo der Gefangene untergebracht war, er musste nur den wütenden Schreien folgen.
„Holt mich hier
raus!“, war einer davon. „Lasst mich hier raus, ihr Bastarde, ich will nicht
sterben! LASST MICH RAUS!“
Man hatte
Shejrriim gerufen, weil der Gefangene mit dem fortschreitenden Morgen immer
unruhiger geworden war. Das charakteristische energetische Knistern einer
magischen Barriere erfüllte die Luft. Nach der Lautstärke zu urteilen, war der
Gefangene mit voller Wucht in sie hineingerannt. So wie es schien, war
‚unruhig geworden’ arg untertrieben.
„Lasst mich
nicht verrecken, ihr Dreckskerle!“ Die Verzweiflung in dieser Stimme jagte
Shejrriim einen Schauer über den Rücken. Eine erneute Entladung gefolgt von
einem dumpfen Stöhnen war zu hören.
Shejrriim stürmte
durch eine massive, schwer bewachte Eichenholztüre, hinter der sich einer der
Zellenbereiche befand und blieb überrascht stehen. Mit diesem Anblick hatte er
nicht gerechnet. Der Gefangene drückte sich in panischer Angst mit dem Rücken
an eine Wand seiner Zelle und starrte furchtsam auf ein Fleckchen Sonnenlicht,
welches in einem schrägen Strahl durch einen Schacht der Außenmauer herein
floss. Und der Mann schien zu dampfen.
Im vollkommenen
Kontrast dazu saß Thuvindal mit überkreuzten Beinen auf dem Boden, hatte ein
altes Buch aufgeschlagen auf ihren Knien liegen und las in aller Ruhe darin. Ein
Yradinmagier und ein Zauberer des Löwenvolks hielten in Konzentration versunken
die Barriere aufrecht.
Der Kopf des
Gefangenen schnellte hoch, als er Shejrriim bemerkte. „DU! Du bist wichtig
hier, nicht wahr?! Du entscheidest! Lass mich hier raus!“ Der Kri machte sich
nicht die Mühe, darauf zu antworten. „Ich will nicht fliehen, ich schwöre
es! Ich muss nur aus dieser Zelle raus! Sperrt mich dort drüben ein!“ Mit
zitternder Hand deutete er auf einen Teil des Kerkers, der im Dunkeln lag.
„Das Licht tötetet mich!“
„Nein.“,
erwiderte Shejrriim hart. „Hältst Du uns für dumm?“
„Du BASTARD!“,
heulte der Gefangene und stürzte sich auf die Gitterstäbe der Zelle. Die
magische Versiegelung schleuderte ihn heftig zurück, er krachte gegen die Außenwand
und fiel vornüber auf den Boden. Unter Schmerzgeheul riss er seine Hand zurück,
die im Sonnenlicht gelandet war. Wimmernd zog er sich in die Ecke zurück, die
noch am weitesten vom Licht entfernt war.
Shejrriim kniete
neben Thuvindal nieder und schaute auf die Seiten des Buchs. Zu seiner Überraschung
war es ein irdisches Werk, die Sprache schien Latein zu sein. „Was ist das für
ein Buch?“, fragte er neugierig.
Thuvindal löste
sich widerwillig von dem Folianten und machte durch einen bösen Blick deutlich,
dass sie sich gestört fühlte. Als sie bemerkte, dass es Shejrriim war, wurde
ihre Mine ein wenig freundlicher. „Ich habe einen Verdacht, was das dort für
ein Wesen sein könnte. Gebt mir mehr Zeit.“ Mit diesen Worten wandte sie sich
wieder den Seiten zu.
„Ich habe
wertvolles Wissen!“, sprudelte es plötzlich aus dem Gefangenen heraus.
„Wissen, das ihr haben wollt. Ich darf den Clan nicht verraten, aber ich kann
euch dennoch helfen. Linus ist ein besonnener Clansfürst, ein Mann, der mit
sich reden lässt. Er kann euch weiterhelfen!“
„Linus?“,
fragte Shejrriim nach. „Wieso sollte er uns helfen? Er ist einer von euch.“
Der Mann stieß
einen halb unterdrückten Schmerzensschrei aus. „Wir sind der Clan des
Wissens, unser Wort zählt! Linus ist anders als die anderen Fürsten, er sieht
das große Ganze! LASST MICH RAUS!“
Nachdenklich
betrachtete Shejrriim den seltsamen Gefangenen. Es schien immer mehr Dampf von
ihm aufzusteigen, oder war es Rauch? Das Licht! Die sich draußen über die
Baumwipfel erhebende Sonne erfüllte den Raum mehr und mehr mit ihrem wärmenden
Schein. Auch wenn der Gefangene nicht im direkten Sonnelicht stand, so war es in
der Zelle doch beinahe taghell.
Entschlossen zog
Shejrriim Shargul und befahl den Wachen: „Holt ihn da raus. Sofort.“ Doch
gerade, als die Magier die Barriere senkten, stieß der Gefangene einen
gellenden Schrei aus und brach in Flammen aus. Viel schneller, als es natürlich
sein konnte, war nur noch ein Haufen schwelender Asche übrig.
Thuvindal
betrachtete die Szene interessiert aber emotionslos, nickte, murmelte etwas wie
„Ja, das passt.“ und las weiter.
Thuvindal schritt gedankenverloren durch die Gänge der Ordenshalle
und hielt dabei doch stetig auf Shejrriims Quartier zu. Viel ging ihr durch den
Kopf, seit der Gefangene im Sonnelicht verbrannt war und sie die Studie dieses
Buches abgeschlossen hatte.
Vampire... War
ihre Magie die Antwort auf ihre Fragen, das Ziel ihrer Suche? Das
Vereinigende Element..., dachte sie und nickte bedächtig. Es konnte nicht
anders sein, die Vampire mussten es haben. Wer, wenn nicht sie konnte ein
Artefakt besitzen, welches auf der Erde erschaffen und mit magischen Mächten
ausgestattet Teile Terras und Landors in sich vereinte? Zumindest vermuteten die
Weisen der Elfen, dass es ein Artefakt sein musste. Wenn man die Worte der
Prophezeiung genau nahm, konnte es alles Mögliche sein. Etwas, das Teile
Landors und Terras in sich trug.
Diese Narren des
Ordens versuchten das Gleichgewicht zu schützen, indem sie die wilden Yradin
jagten und Landor vor den Menschen verbargen, doch sie erkannten nicht die
unglaubliche Gefahr, die dem Gleichgewicht durch das Vereinigende Element
drohte. Es musste gefunden und vernichtet werden. Unter allen Umständen und mit
allen Mitteln. Vom Rat und dem ihm hörigen Orden konnte sie keine Hilfe
erwarten.
Shejrriim war
anders, auch wenn sie ihn nicht so recht traute. Sie würde nicht den Fehler
machen, mangelnden Respekt vor dem Rat mit mangelnder Loyalität gleichzusetzen.
Er mochte ihrem Ziel urplötzlich im Wege stehen, wenn er es für falsch hielt,
das Vereinigende Element zu zerstören. Sollte er lieber wie der Rat im Unwissen
weilen, das würde ihre Aufgabe erheblich erleichtern. Er ließ ihr sowieso
viele Freiheiten, weil er selbst verborgene Ziele verfolgte und in ihr so etwas
wie einen Verbündeten sah.
Selbstsicher
klopfte sie an die Tür des Kri.
„Tritt ein.“
Shejrriims Stimme klang dunkel und rau wie immer und brachte ein behagliches Gefühl
zum Vorschein. Sieh Dich vor, Thuvindal.
Freundschaft mit einem Sterblichen mag Deinen Weg gefährden.
Sie schob die
Tür auf und trat in den Raum. Das erste, was sie wahrnahm war der vertraute
Geruch von Thilisar und sie konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
Warum war immer Elfentee bereitet, wenn sie kam? Er konnte nicht wissen, dass
sie zu ihm wollte.
„Oh, Thuvindal.
Was führt Dich zu mir?“ Einladend deutete er auf ein Sitzkissen vor dem
flachen Tisch, an dem er saß.
„Ich habe etwas
über diesen Gefangenen herausgefunden.“, begann sie, während sie Platz nahm.
„Ich fand heraus, dass sich um solche Wesen auf der Erde ein uralter Mythos
rankt, auch wenn er mit dem Fortschritt der Wissenschaft zu Ammenmärchen
schwand.“ Sie legte das schwere Buch vor ihn auf den Tisch, öffnete es und
wies Shejrriim den richtigen Absatz.
Der Kri las mit
zunehmender Beunruhigung. „Es ist, wie Du vermutetet hattest. Wer hätte das
gedacht? Ich habe Vampire bisher für eine irdische Gruselgestalt alter
Aberglauben gehalten. Wie kann das Gleichgewicht bestehen, wenn sie hier
existieren?“
Überrascht
stellte sie fest, dass Shejrriim ihr ungefragt Tee eingoss und dabei
gedankenverloren in die sich füllende Schale starrte. „Ich habe einst eine
sehr schöne Zeit bei Deinem Volk verbracht, Thuvindal.“, murmelte er verträumt
und lächelte auf eine Weise, wie sie es bei diesem raubtierhaften Gesicht nicht
für möglich gehalten hätte. „Und ich fürchte, dass ich einiges von eurer
Lebensweise nicht mehr loslassen kann. Es ist ziemlich schwer, auf der Erde eine
gute Thilisar-Mischung zu bekommen.“
Zaghaft nippte sie
an der Schale und musste sich zwingen, nicht genüsslich zu seufzen. Sie wollte
sich nicht eingestehen, wie sehr sie ihre Heimat vermisste. Es gab gute Gründe
für sie, hier zu sein, aber die Freuden der Elfenwälder fehlten ihr darum
nicht weniger. Und dieser Tee war köstlich zubereitet. „Der Rat...“, sagte
sie nachdenklich. „Warum ist er so sehr besorgt wegen der Wolfsmorde? Wie
sollen ein paar wilde Yradin das Gleichgewicht gefährden?“
„Offenbar ist
das nicht so, nicht wahr?“ Und rätselhaft fügte er hinzu: „Das hatte er
also gemeint...“ Shejrriim Mine verfinsterte sich immer mehr und das Gefühl,
er wäre Jahrhunderte alt, bemächtigte sich wieder Thuvindals. Am Rande
bemerkte sie, wie seine Fingerspitzen den Griff seines Schwertes berührten.
„Es gibt Dinge, von denen selbst der Rat nichts weiß. Sie denken, das
Gleichgewicht wahren hieße, die eine Welt vor der anderen verborgen zu halten.
Sie denken, die Magie von der Erde und die Wissenschaft von Landor fernzuhalten,
würde beide Welten im Gleichgewicht halten.“
Er klang so alt, als er das sagte! Ein Schauer lief Thuvindal den Rücken hinab.
Sie hatte genau das Gleiche gedacht, verbarg sich aber hinter der Maske des
Ordenswissens. „Dem ist nicht so?“ Und um ihn ein wenig aus der Deckung zu
locken fügte sie überlegend hinzu: „Die Vampire... Sie müssen schon
Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende auf der Erde wandeln, ohne das
Gleichgewicht zu stören.“
Zustimmend nickte
Shejrriim und nahm seinerseits einen Schluck Thilisar. „Das Gleichgewicht ist
weitaus stabiler, als es die Gelehrten glauben mögen. Und dennoch droht ihm
jetzt eine Gefahr, die mit den Vorkommnissen um die Wolfsmorde herum irgendwie
in Zusammenhang steht.“
Beinahe schien es
ihr, dass er von ihrem Wissen Kenntnis hatte. Seine Gedanken waren ihren viel zu
ähnlich. „Woher wisst Ihr das?“, fragte sie grade heraus. „Warum habt Ihr
dem Rat nichts davon gesagt?“
Shejrriims Hand
schloss sich fest um sein Schwert und es schien ihn einige Mühe zu kosten,
wieder ein wenig locker zu lassen. Thuvindal bemerkte, dass er sie wachen
Blickes musterte, einschätze und abwog. „Dem Rat ist nicht unbedingt immer zu
trauen. Sie haben solch eine Angst vor dem Kippen des Gleichgewichts, dass sie
manchmal blind sind für Neues. Deswegen gibt er nichts auf das Wissen der
Drachen.“, sagte er schließlich in einem bedauernden Tonfall.
Schlagartig
erwachte Thuvindals Misstrauen. Versuchte der Kri sie hinter das Licht zu führen?
„Drachen.“, erwiderte sie mit distanziert belehrender Stimme. „Sie
sprechen seit Urzeiten nicht mehr mit den Sterblichen und selbst mein Volk hat
seit langer, langer Zeit keinen Kontakt mehr mit auch nur einem von ihnen. Sie
interessieren sich nicht für Kriege, Katastrophen oder das Gleichgewicht.“
Scheinbar ohne es
selbst zu bemerken, zog Shejrriim die Klinge soweit aus der Scheide, dass der
eingravierte Drache der Oberseite zu sehen war und berührte seine feinen
Linien. „In dem letzten Punkt irrst Du gewaltig, Thuvindal.“, raunte er. Rau
wie der Nordwind, uralt wie die Berge und traurig wie der See der Verzweiflung.
„Sie kennen keine größere Sorge in diesen Tagen.“
Thuvindal
schluckte. Diese Klinge, die Art wie er von den Drachen sprach, was er über sie
wusste... „Hat... hat ein Drache Euch das offenbart?“
Der Schmerz, der
daraufhin durch seine Augen huschte, schnitt ihr kalt ins Mark. „Es gehen
schlimme Dinge vor sich, Thuvindal. Die Drachen verlassen ihr selbstauferlegtes
Exil und suchen wieder die Nähe ihrer Verbündeten von einst.“
Plötzlich wurde
sein Blick wieder klar und er schien sich jetzt erst bewusst zu werden, was er
eben gesagt hatte. Mit Bestimmtheit schob er das Schwert in die Scheide und
studierte Thuvindal so eingehend, dass ihr mulmig wurde. Dann ergriff er hastig
seine Schale Thilisar und trank sie leer. Selbst nachdem er sie wieder abgesetzt
hatte, sah er Thuvindal nicht wieder an.
„Ich muss
schwach werden, wenn ich das einfach so ausplaudere...“ Er schüttelte seinen
Kopf um ihn zu klären. Thuvindal musste allem zum Trotz schmunzeln. Er sah auf
einmal ziemlich verloren und reumütig aus.
„Wie Ihr wisst,
bin ich kein Freund des Ordens.“, sprach sie ihre Gedanken aus, bevor ihr
allgegenwärtiges Misstrauen die Oberhand gewann. „Meine Lippen sind
versiegelt.“
Endlich hob er
seinen Blick wieder und lächelte dankbar. „Es tut gut, nach so langer Zeit
endlich einen Mitverschworenen gefunden zu haben.“
Sofort wollte sie
ihm widersprechen. „Ich...“
„...habe meine
eigenen Ziele.“, beendete er ihren Satz. „Ich weiß. Aber der Weg, den wir
zu gehen haben, dürfte eine Weile lang der gleiche sein.“
Sie ignorierte
ihren Drang zu lächeln – das wäre zuviel des Guten für einen Tag gewesen.
Dieser Kri sollte sich nichts einbilden, auch wenn er ihr langsam sympathisch
wurde. Und das an sich war schon seltsam genug. „Einverstanden.“
„Sehr gut... Weiß
sonst noch jemand von Deinen Erkenntnissen über den Gefangenen?“, fragte er.
„Niemand außer
Euch. Doch sollten wir den Orden nicht unterrichten?“
Nachdenklich ließ
Shejrriim seine Krallen auf den Tisch pochen. „Wir dürften so ziemlich allein
stehen mit unserer Meinung. Der Rat wird nur sehen, dass sie Magie verwenden und
somit eine Bedrohung darstellen. Und wenn wir einen Schritt weiter denken, führt
das vielleicht sogar zu einem blindwütigen Angriff auf Linus und seinen
Clan.“
Thuvindals Blick
huschte zu dem Buch. Das Wissen in ihm war Jahrhunderte alt, verfälscht mit
jeder Abschrift, mit jedem dazu gekommenen Aberglauben. Aber wenn auch nur die Hälfte
davon wahr war, dann konnte man vielleicht direkt zur Quelle des Wissens
gehen...
Überzeugt von der
Richtigkeit ihrer Gedanken hob sie ihren Blick und sagte: „Ich habe eine
Idee.“ Und Shejrriim lauschte.