"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Die Macht des Clans"
von Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005
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gelesen hat, mir ein Feedback gibt. Ich freue mich über Lob und konstruktive
Kritik gleichermaßen, denn ich bin bestrebt, mich immer weiter zu verbessern.
Also: Wenn Euch etwas gefällt, schreibt es mir und am Besten auch, warum es so
ist. Wenn Euch etwas nicht gefällt: dito.
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nur als Bild zum abtippen, sorry
Und jetzt viel Spaß mit dem dritten Teil.
Zeit
der Jagd
Thuvindal
und Shejrriim standen vor den schmiedeeisernen Toren des Anwesens des
Devronclans und erwarteten eine Reaktion auf ihr Klingeln. So wie hier alles
aussah, bestand kein Zweifel daran, dass die Adresse, die sie von Diane
erhalten hatten, die richtige war. Auf einem kleinen Hügel thronte eine
gewaltige Villa, die sich wie ein finsteres Ungeheuer gegen den strahlend
blauen Himmel zu beweisen suchte. Ihr Baustil wirkte zeitlos undefinierbar.
Hauptsächlich bestand sie aus massiven Wänden, in welche nur spärlich
Fenster eingelassen waren. Jedes einzelne davon war mit eisernen Fensterläden
versehen, von denen die meisten gerade geschlossen waren. Insgesamt erweckte
die Villa mehr den Eindruck einer Feste denn den eines Hauses. Ein Gefühl
dunkler Stärke ging von ihr aus.
„Es liegen
Schutzzauber auf diesem Ort.“, raunte Thuvindal. „Ich habe derartiges noch
nie gesehen, aber es sind eindeutig Abwehrzauber niederer Magie. Dunkler Magie.“
Shejrriim
brummte zustimmend. Alles hier schien darauf ausgelegt zu sein, unerwünschte
Besucher fern zu halten. „Wir müssen uns vorsehen, keine Frage.“
„Vorsicht ist
in der Tat angebracht, wenn man ungebeten an die Tore dieses Hauses kommt.“,
erklang eine angenehm tiefe Männerstimme. Ein bleicher Mann um die Dreißig
trat hinter einem der beiden massiven Torpfosten hervor. Weder Thuvindal noch
Shejrriim hatten ihn kommen sehen. „Dies ist Grund und Boden der Devrons und
der Herr empfängt selten Gäste, die er nicht eingeladen hat.“
Der Mann trug
einen knöchellangen, schwarzen Ledermantel, der soweit zurückgeschlagen war,
dass man den Griff einer Pistole und das Heft eines Schwertes erkennen konnte.
Eine schwarze, zweifellos teure Sonnenbrille und ein hartes Gesicht rundeten
das Bild eines Leibwächters perfekt ab.
„Wir sind
gewissermaßen eingeladen worden.“, entgegnete Shejrriim in geschäftsmäßigen
Tonfall und rückte seine Halbmondbrille zurecht. „Ein... Bediensteter von
Linus hatte uns in Kenntnis gesetzt, dass er der richtige Ansprechpartner für
uns sei.“
Diese Antwort
schien die Wache eher zu beleidigen. Unterkühlt sagte er: „Sie werden
verstehen, dass ich Sie ‚gewissermaßen’ unhöflich fortschicken muss,
wenn das alle Referenzen sind, die Sie vorzuweisen haben.“ Mit diesen Worten
wandte er sich ab und machte Anstalten zu gehen.
„Können Sie
Linus diese Karte überbringen?“, hakte Shejrriim nach, zückte eine
Visitenkarte, die ihn als Antiquar ausgab und schrieb ein einziges Wort auf
die Rückseite.
Nach kurzem Zögern
nahm der Mann sie entgegen, studierte sie eingehend und nickte schließlich.
Wortlos ließ er sie stehen.
Die
Welt war doch immer wieder für Überraschungen gut. Das war es, was Linus am
Leben hielt. Neues, Rätselhaftes, Unerwartetes. Er drehte die Visitenkarte
zwischen seinen Fingern und suchte nach neuen Details, die ihm Aufschluss über
ihren Besitzer geben mochte. Er fand nichts. In wenigen Momenten würde sich
die Frage sowieso nicht mehr stellen. Wer auch immer den Mut besaß, offenen
Auges in die Höhle des Löwen zu marschieren, würde gleich vor ihm stehen.
Er legte die
Karte auf den schweren Eichentisch und las nochmals das in einer edel
anmutenden Handschrift geschriebene Wort auf der Rückseite, „Landor“. Er
hatte diesen Namen zum ersten und einzigen Male in der wohl seltsamsten Nacht
der letzten tausend Jahre vernommen. Vor seinem Kampf mit diesem... Werpuma,
oder was für eine Kreatur das gewesen sein mochte.
Die Tür zum
Salon öffnete sich, doch es war nur Jarod, der eintrat. „Sie weigern sich,
nach Waffen durchsucht zu werden.“
Linus winkte ab.
„Wir können das auch hier drinnen klären. Unsere Gäste werden wohl kaum
in meinem Haus einen Krieg mit dem ganzen Clan anfangen wollen.“
Während er
wartete, schweifte Linus’ Blick durch den Raum. Matte Dunkelheit erfüllte
ihn, nur vom dämmrigen Licht indirekter Beleuchtung durchbrochen, während
draußen die Sonne mit aller Kraft schien. Wie gerne würde er die Fensterläden
aufreißen, um der Düsternis im Zimmer und in seinem Herzen ein Ende zu
bereiten! Doch selbst dafür war es jetzt zu spät.
Einige finstere
Gedanken später traten ein älterer Mann mit Halbmondbrille und eine
auffallend schöne, junge Frau in den Raum. Etwas war seltsam an ihr. Auf den
ersten Blick wirke sie jung, doch als jemand, der die Jahrhunderte
vorbeiziehen sah, erkannte er, dass sie eher zeitlos als jung war. Sechs
seiner Kinder umgaben die Gäste und ließen sie nicht aus den Augen.
„In vielen
Kulturen erachtet man es als unhöflich, mit Waffen das Haus seines Gastgebers
zu betreten.“, begrüßte er sie in einem betont kühlen Tonfall.
Der alte Mann,
der wohl einen Antiquar darstellen sollte, sich dafür aber viel zu dynamisch
und kraftvoll bewegte, erwiderte: „Es mag unhöflich sein, aber es wäre
sicherlich Selbstmord, das Haus eines Vampirs ohne Waffen zu betreten.“
Linus nickte
bedächtig und wies seine Kinder mit einer Geste an, sich unauffällig im
Hintergrund zu halten. „Da sie ja schon zu wissen scheinen, wer vor ihnen
steht, dürfte ich erfahren, wer sie beide sind? Wer sie wirklich sind?“
Der Antiquar
griff sich an die Brust und ließ etwas in seine Manteltasche gleiten. Plötzlich
war der Mann verschwunden und eine nur all zu bekannte, katzenartige Gestalt
nahm seinen Platz ein. Auch das Schwert an seiner Seite war vertraut. Jarod
sah ihn finster an.
Die Frau
hingegen machte keine Anstalten, ihren Zauber aufzuheben. Linus sah sie
fragend an. „Ich halte mein Aussehen nicht verborgen.“, behauptete sie.
„Sie riecht
nicht wie ein Mensch.“, widersprach Jarod entschieden.
Die Frau warf
ihm einen strafenden Blick zu, da er es gewagt hatte, sie der Lüge zu
bezichtigen. Sie strich mit der linken Hand ihr Haar nach hinten und
offenbarte anmutig spitz zulaufende Ohren.
„Mag man es für
möglich halten...“, raunte Linus. Konnte das wahr sein? Eine... Elfe? Oder
versuchte hier jemand einen Trick, um ihn zu täuschen... Ein Blick zu dem
Pumamenschen und der seltsame, nichtmenschliche Geruch widerlegte diesen
Verdacht. „Was sind das für seltsame Zeiten, in denen Werwölfe Morde in
den Straßen New Yorks begehen und Gestalten aus den Märchen treten und durch
unsere Welt wandeln?“, fragte er nachdenklich, mehr zu sich gewandt.
Der Pumamensch
antwortete finster: „Keine guten Zeiten, seien Sie sich dessen gewiss.“
Jarod schien das sofort als Drohung aufzufassen und so ergänzte das Wesen
rasch: „Für keinen von uns. Wären die Umstände besser, hätten wir uns
nie offenbart. Oder von eurer Existenz erfahren.“
Das versprach
interessant zu werden. Linus fühlte sich so wenig tot, wie lange nicht mehr.
Beinahe lebendig. Schon seit Jahrhunderten hatte er geglaubt, diese endlose
Existenz hätte ihm nichts Neues mehr zu bieten. Und jetzt stand er Auge in
Auge mit Fabelwesen.
Linus bot
seinen Gästen zwei Stühle an, doch wie er erwartet hatte, blieben sie lieber
stehen. Sie waren Krieger, ohne Zweifel. „Weshalb seid ihr hier?“
„Weshalb
haben Sie Spione zu uns geschickt?“, schoss die Elfe herausfordernd zurück.
Das Pumawesen berührte sie besänftigend am Arm.
„Mein Name
ist Shejrriim, wie Sie ja schon mehr oder weniger wissen. Meine Mitstreiterin
wird Thuvindal genannt. Wir stammen von einem Ort namens Landor...
Vergleichbar mit dem sagenumwobenen Eiland von Avalon.“
„Avalon.“,
hauchte Linus ehrfürchtig. Ich muss
mich hüten., dachte er. Das Leben als Vampir, als Sagengestalt, hatte
sich als derart nüchtern und irdisch erwiesen, dass er nach wahrer Magie
hungerte. Er durfte sich nicht beirren lassen.
„Meine Art
nennt sich Kri,“, fuhr Shejrriim fort. „ihr Volk ist das der Elfen. Jene
Wesen, die Jagd auf die Menschen New Yorks machen werden Yradin genannt, das
Wolfsvolk.“
Sofort erwachte
Linus’ Misstrauen. „Sie streiten also ab, für die Morde verantwortlich zu
sein?“ Irgend etwas stimmte nicht. Ein Hauch von Lüge lag in der Luft, aber
auch ein großer Anteil Wahrheit. Was war das Eine und was das Andere?
„In der Tat
sind wir das nicht.“, erwiderte der Kri ruhig. „Die Yradin an sich sind
seit Jahrhunderten zivilisiert, doch gibt es Kulte, welche Jagd auf
intelligente Beute machen. Seit sie einen Weg in die moderne Welt gefunden
haben, glauben sie, ungestraft Jagd auf Menschen machen zu können.“
„Gesetzt den
Fall ich glaube Ihnen... Was sollte das mich angehen?“, pokerte Linus. er
musste diesen Kri aus der Reserve locken, wenn er etwas erfahren wollte.
„Es scheint
euch nicht zu schmecken,“, sprang Thuvindal ein, „dass Wesen, die euch so
ähnlich sind, unerwünschte Aufmerksamkeit auf... unnatürliche Dinge lenken.“
Linus ließ ein
betont zynisches Lächeln aufblitzen. „Das von einer Elfe und einer Werkatze
zu hören, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, nicht wahr?“ Dann ließ er
jegliche Emotionen aus seinem Gesicht verschwinden und fragte erneut: „Weshalb
seid ihr hier?“
Shejrriim und
Thuvindal wechselten einen Blick und nickten schließlich. „Wie es aussieht
haben wir ein gemeinsames Problem.“
Linus zog mit
gespieltem Erstaunen die Augenbrauen hoch. „Ihr verkennt den Ernst der Lage.
Ihr und eure jagenden Freaks, mögt ihr nun unter einer Decke stecken oder
nicht, seid eine Bedrohung für meinen Clan. Es gibt viele unter uns, die euch
lieber tot als im Verborgenen sehen würden. So haben wir das seit jeher mit
Bedrohungen gehandhabt. Und bisher seid ihr uns den Beweis schuldig, dass ihr keine
Bedrohung seid.“
Shejrriim zog
finsteren Blickes die Stirn in Kraus und musterte Linus so eingehend, dass ihm
unwohl unter seinen Blicken wurde. Irgendetwas an diesem Kri war alt... Sehr
alt. Vielleicht älter als er selbst, und das war eigentlich unmöglich. „Der
Rat unseres Ordens sieht das ähnlich, Linus Devron. Wir vermögen nicht zu
sagen, welche Macht ihr Vampire darstellt. Und der Orden ist wiederum für
euch eine unbekannte Macht.
Ich bin nicht
hier, um Drohungen auszustoßen. Ich bin auch nicht an einem Krieg
interessiert, er könnte uns allen nur schaden. Ich bin hier, um eine Einigung
zu erzielen, die vielleicht beiden Seiten zum Vorteil gereichen kann.“
Der Ernst in
der Stimme des Kri überzeugte Linus mehr als alles andere. Er kannte diesen
Tonfall von sich selbst. Wie oft hatte er schon einen Frieden zwischen den
Clans beschworen? „Das sind die ersten fruchtbaren Worte bei diesem Treffen.
Ich bin gewillt zuzuhören. Ich bin der Fürst meines Clans und Prinzregent
dieser Stadt. Mein Wort zählt.“
„Doch wir können
nicht für den Rat sprechen.“, entgegnete Shejrriim. „Wir sind nur
Wegbereiter.“
„Wie meinen
Sie das?“ Das allzeit vorhandene Misstrauen nahm wieder zu.
„Wüsste der
Rat des Ordens, was ich weiß, würde er Ihren Clan angreifen.“, sagte
Shejrriim gerade heraus. „Die Aufgabe des Ordens ist es, jegliche Magie in
der modernen Welt zum Schutze Landors zu unterbinden. Ich und Thuvindal
hingegen sind uns sehr wohl bewusst, dass Vampire keine Wesen Landors sind und
unseren Gesetzen nicht unterliegen. Und ihr könnt euch meisterhaft selbst
verbergen. Euch anzugreifen würde nur die Aufmerksamkeit der Menschen
erwecken, die wir zu meiden suchen.“
Linus zog die
Augenbrauen zusammen und musterte sie finster. Sie sprachen Drohungen aus,
obwohl sie nicht drohten. „Wer seid ihr, dass ihr glaubt, unser Geheimnis
auf Dauer vor eurem Rat verbergen zu können? Nach dem Tod meiner beiden Späher
dürfte das kaum möglich sein.“
„Das können
wir nicht.“, sagte Thuvindal lächelnd. „Doch wenn wir schnell genug sind,
können wir den Rat davon überzeugen, dass Ihr uns helfen könnt, die Gefahr
zu beseitigen.“
„Wie?“,
fragte Linus nur. Obwohl er unsterblich war, schätzte er
zeitverschwenderisches Gerede nicht sonderlich.
Der Kri griff
in seinen Mantel und holte eine Pergamentrolle hervor, die er Linus auf den
Tisch legte. Der rollte sie auf und sah auf eine Karte New Yorks. An etlichen
Stellen waren schimmernde Kreise zu sehen, die definitiv nicht irgendwelche
Sightseeing-Punkte markierten. „Was sind das für Symbole?“, fragte Linus.
„Die Karte
enthält alle uns bekannten Orte, an denen die Wolfsmörder zuschlagen können.“,
erklärte Thuvindal. „Stellen, an denen die jagenden Yradin in die moderne
Welt zu treten vermögen.“
Linus witterte
eine Falle. „Warum gebt ihr mir das?“
Shejrriim
brachte die Sache auf den Punkt. „Der Orden hat nicht genug Leute, um jede
Stelle zu überwachen. Ihr vielleicht schon. Haltet Wache an jenen Orten und tötet
die Yradin, wenn sie erscheinen. Das wird dafür sorgen, dass die Wolfsmorde
enden. Im Gegenzug für diese Information erbitten wir lediglich, dass die
Leichen der Yradin und ihre Amulette an den Orden übergeben werden.“
„Und der
Rat...“, fragte Linus.
„... wird von
Eurer Unentbehrlichkeit bei der Beendigung der Wolfsmorde überzeugt sein,
sobald der erste tote Yradin vor seinen Füßen liegt.“, erwiderte Shejrriim
zuversichtlich. „Die Wahrheit ist, dass weder der Orden noch die Vampire die
Mordserie allein beenden können. Wir sind aufeinander angewiesen.“
„Da gibt es
nur noch ein kleines Problem...“, warf Linus beiläufig ein, als wäre es
eine Kleinigkeit. „Woher weiß ich, dass es keine Falle ist? Ich soll meinen
Clan in der Stadt hübsch verteilen, an Punkten, die Sie mir vorgeben und muss
darauf vertrauen, dass nicht an jeder Stelle ein kleiner Hinterhalt lauert?“
Shejrriim
nickte. „Ohne Vertrauen geht es nicht.“
Das erstaunte
Linus doch ein wenig. Dieser Vorschlag war... dreist. Aber darum auch wieder
glaubwürdig. Eine Falle würde doch mit Sicherheit ein wenig raffinierter
daherkommen. Dennoch galt es, seinen Clan zu schützen. „Das genügt nicht.
Ich und Jarod konnten Sie nicht besiegen, Shejrriim. Sie und ihre Fabelwesen
sind zu unberechenbar, als dass ich aus der Deckung gehen würde nur auf Basis
von... Vertrauen.“
Die Elfe nickte
und trat vor. „Ich bleibe als Unterpfand dieser Vereinbarung hier, bis es
mehr Grund zu Vertrauen gibt als bloße Worte.“
Interessiert
musterte Linus die Frau. Sie war außergewöhnlich und bestimmt einige Stunden
der Unterhaltung wert. Doch so nobel es schien, ihr Leben als Sicherheit
anzubieten, spürte er, dass noch andere Absichten dahinter steckten. Er war
lange genug in die Clansfehde verwickelt, um jegliche Form von Lüge und
Doppelspiel zu durchschauen. Wer lange genug lebte, um Clansfürst zu werden,
war selbst ein Meister der Lüge. „Und während Sie hier mein Gefangener
sind, werden sie ihrerseits ein wenig spionieren, nicht wahr?“, sagte er
schließlich provokativ, doch sie verzog keine Mine. Kalt lachte er darüber.
„Gut, von mir aus. Ich werde Sie im Auge behalten, allein schon ihrer
zweifellos anregenden Gesellschaft wegen.“ Er heftete seinen Blick auf
Shejrriim. „Der Deal steht.“
Dunkelheit. Das war das Einzige, was er sehen konnte. Die Welt bestand aus ihr.
Solange er sich erinnern konnte, hatte es für ihn nichts anderes gegeben. Er
wusste, dass es jenseits seiner Erinnerung auch einmal etwas anderes gegeben
haben musste, aber es war zu lange her, als dass es für ihn noch eine
Bedeutung haben konnte.
Linus stand in
Schatten gehüllt auf den Mauern von Castle Clinton und ließ seinen Blick über
den Battery Park und den Hudson River gleiten. Dunkelheit lag auf allem, die
tiefe, schwere Schwärze nach Mitternacht. Hinter ihm türmten sich die Hochhäuser
Manhattans gegen den Nachthimmel auf und wagten einen erbärmlichen Versuch,
mit ihren Lichtern der Nacht zu trotzen. Die Finsternis jedoch war um vieles
stärker. Das war immer so, eine der Wahrheiten in der Existenz von Linus
Devron.
Devron... Linus
hätte gelächelt, wenn er sich noch erinnern könnte, wie das ging. Dieser
Name war nicht der seine, auch wenn er ihn seit ewigen Zeiten mit sich trug.
Und Linus? Dieser Name war schon derart lange sein Begleiter, dass er ihn als
den seinen angenommen hatte. Den Namen, der ihm bei seiner Geburt verliehen
war, gab es nicht mehr. Die Dunkelheit hatte ihn verschlungen, zusammen mit
dem Wissen um das Lächeln und der Erinnerung an das Licht.
Sein jetziger
Vorname war einer anderen Taufe entsprungen, einer dunklen Taufe. Dieser Name
war von Gott verflucht. Als die Dunkelheit ihn damals gefangen nahm, hatte ihn
das auch vom Antlitz des Herren entfernt.
Der Wind trug
den Geruch des nahen Meeres zu ihm und Linus streckte ihm sein Gesicht
entgegen. Der Wind auf seiner Haut war das Einzige, das ihn noch spüren ließ,
dass er noch nicht ganz tot war.
Seufzend schob
er seine düsteren Gedanken beiseite, die ihn stets überkamen, wenn er zuviel
Zeit zum Nachdenken hatte. Und in der Existenz eines Vampirs gab es grausam
viel Zeit dazu.
Linus witterte
die Luft. Etwas veränderte sich, auch wenn er es noch nicht benennen konnte.
Vielleicht eine Vorahnung von Gefahr. Aufregung keimte in ihm auf. Nach so
vielen Jahrzehnten der Verborgenheit endlich wieder auf der Jagd. Allein schon
deswegen hatte es sich gelohnt, den Vorschlag Shejrriims anzunehmen.
Erwartungsvolle
Stille lag über dem Park, der selbst der Lärm der nahen Straßen nicht
wirklich etwas anhaben konnte. Seit die Wolfsmorde für Angst und Schrecken
sorgten, war die Stadt bei Nacht viel friedlicher. Die Menschen verkrochen
sich lieber in ihren vermeintlich sicheren Wohnungen, als ihr Leben bei einem
Nachtspaziergang aufs Leben zu setzen.
Linus’ Köder
durchstöberte unten inzwischen den wohl zwanzigsten Mülleimer nach Essbarem.
Mit all seinen Muskeln musste er doch eine gute Beute für einen Werwolf
abgeben. Linus hatte den Plan ein wenig ohne das Wissen des Kri verfeinert. Es
gab an keinem der Übergangspunkte noch echte Opfer, die nur lästige Zeugen
abgeben würden. Jeder einzelne Obdachlose, der nun an jenen Orten durch New
York schlich, war eines seiner Kinder. Er hatte die Kräftigsten von ihnen
ausgewählt, auch wenn deren Talente noch oft sehr schwach ausgeprägt waren.
Ihr Job war es, Lockmittel zu spielen, während mächtigere Vampire auf Lauer
lagen.
Das Gefühl
einer Bedrohung schwoll schlagartig an und Linus schärfte seinen Blick. Im
Schatten eines Baumes tat sich ein tieferer Schatten auf, nicht dunkel wie ein
Park der Stadt sondern finster wie ein Wald unter einem sternenlosen Himmel. Ich
sollte mal ein Buch über die tausend Arten der Dunkelheit schreiben.,
dachte er zynisch und beobachtete fasziniert, wie eine wolfsähnliche Kreatur
aus dieser Dunkelheit heraustrat. Das Portal schloss sich und es nahm
Witterung auf. Die Jagd hatte begonnen.
„Verschwinde,
ich übernehme jetzt.“, erklang eine kalte Stimme irgendwo aus Richtung der
Burg. Allein die Tatsache, dass Yarrk die Richtung der Stimme nicht genau
bestimmen konnte, war ein warnendes Zeichen. Eine
Falle!, schoss es ihm durch den Kopf.
Das Opfer, das
er auserkoren hatte, sprach seltsame Worte in einer fremden Sprache, eine Säule
wabernden Nebels erschien und es verschwand in ihr. Jetzt war es eindeutig,
dass dieser verdammte Orden hier war.
„Verdammt!“
Yarrk wollte zu seinem Amulett greifen, als ihn plötzlich das schrecklich drängende
Gefühl überkam, jemand würde direkt hinter ihm stehen. Mit einem kämpferischen
Knurren wirbelte er herum, lies seine Krallen niedersausen und durchschnitt
nur die dunkle Nachtluft. Der Eindruck, jemand würde dicht bei ihm im
Schatten des Baumes sein, wurde geradezu greifbar. Sein Herzschlag schien
schrecklich laut in der fiebrigen Anspannung.
„Yarrk?“,
flüsterte eine Stimme in sein linkes Ohr. Ohne hinzuschauen rammte er seine
Faust in den Gegner neben ihm und traf nur den Baumstamm, der dort war. Nichts
rührte sich.
Wie
hat der Orden gewusst, dass ich hier zuschlage?, ging es ihm nicht aus den
Kopf. Dieser Gedanke hatte sich stets wiederholt, seit er die Falle erkannt
hatte.
„Yarrk.“,
hauchte die Stimme in sein rechtes Ohr. Er wirbelte herum, doch sah wieder
nichts als die Dunkelheit, die über Gras und Büschen lag.
„Du hast es
mit Schlimmerem als den Orden zu tun.“, erklang die Stimme schräg über ihm,
diesmal laut und kraftvoll.“ Yarrk machte einen Sprung zurück und sah empor.
Ein in einen anthrazitfarbenen Mantel gehüllter Mann stand auf dem Ast eines
Baumes, als wäre das der selbstverständlichste Ort für einen... Menschen.
„Ich bin kein
Mensch.“, sagte die Gestalt und Furcht überkam Yarrk bei dem Klang dieser
grabeskalten Stimme. „Ich bin Jäger, so wie Du.“
Jäger hin oder
her, Yarrk entschloss sich ohne klaren Gedanken zur Flucht. Seine Hand glitt
erneut zum Amulett, doch ein Schatten fegte an ihm vorbei, er spürte einen
Ruck am Hals und das Medaillon war fort.
Die Gestalt auf
dem Ast betrachtete ihn neugierig. „Ich kann nicht verstehen, wie
euresgleichen eine solche Bedrohung für den Orden oder für uns werden konnte.“
„Was willst
Du?“, knurrt Yarrk mit einer Mischung aus Angst und Zorn. Er konnte es auf
den Tod nicht ausstehen, wenn man mit ihm Spielchen trieb. Kein Yradin konnte
das.
„Das Gleiche
wie Du.“, erwidert die bemantelte Gestalt mit beunruhigend tonloser Stimme.
„Kämpfen.“ Er sprang von dem Ast und landete leichtfüßig direkt vor
Yarrk. Sein Gesicht wirkte nun seltsam verzerrt, nur noch vage menschlich und
lange, scharfe Fangzähne blitzten auf. „Und meine Zahne in Dein Fleisch
graben.“
Ohne
nachzudenken schlug Yarrk zu, traf das Monster mit voller Wucht im Magen und
trieb es einen erschreckend kleinen Schritt zurück. Seine Hand schmerzte, als
hätte er gegen eine Wand geschlagen.
Das Monster sah
ihn kalt lächelnd an. „Du kannst mehr als das, oder?“
Yarrk nahm eine
Kampfstellung ein, suchte eine Schwachstelle in der Deckung seines Gegners und
griff an. Blitzschnell ließ er seine Krallen niedersausen, wurde mehrmals
abgewehrt und riss endlich einige tiefe Furchen in die Wange des Feindes. Sie
klafften befriedigend rot auf der bleichen Haut, doch etwas stimmte nicht. Sie
bluteten kein bisschen.
„Überrascht?“,
höhnte sein Gegner und sein Angriff brach über Yarrk herein. Schlag auf
Schlag vereitelte er jeden Hieb, doch der letzte streifte seine Schnauze und
Schmerz brandete über sie hinweg. Warmes Blut lief an ihr herab. Sein Blut.
Das bleiche
Monster sah auf seine Hand hinab und leckte das Blut von zu Klauen
verwandelten Fingern. Ein kranker Wahn glitzerte dabei in seinen Augen. „Dein
Blut ist kraftvoll.“, flüsterte er und sah Yarrk hungrig an. „Es wird mir
Macht verleihen.“
„Nicht, wenn
ich Dich vorher töte, Du Abscheulichkeit!“, knurrte Yarrk, zog blitzschnell
einen Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn dem Mann ins Herz.
Doch anstatt röchelnd
zu sterben, sah der nur verärgert an sich herab, schüttelte den Kopf und...
lachte. Lauthals drang das gruseligste Lachen, das er je gehört hatte an
Yarrks Ohren. „Du willst mich töten? Dann brauchst Du das richtige Werkzeug.“
Der Mantel des
bleichen Schreckens wirbelte, eine Klinge schimmerte im Dunkeln und beißender
Schmerz fuhr durch Yarrks linken Arm. Nur noch das Heft des Messers ragte aus
ihm heraus.
„Dafür wirst
Du bezahlen!“, brüllte er und riss das Messer aus seinem Fleisch.
Kampfesfieber kam über ihn und erfüllte ihn mit Kraft.
„Ist das der
Dank?“, spottete das bleiche Menschenmonster und wich zwei Stichen Yarrks
aus, bevor es seine Faust auf seine Wunde im Arm hämmerte. „Die Klinge ist
mit geweihtem Silber durchwirkt. Die einzige Waffe in einer Meile Umkreis, die
mich töten kann.“ Es riss Yarrks Klinge aus seiner Brust und warf sie verächtlich
beiseite. „Versuch es noch mal, Wolfsmann.“
Yarrks Verstand
versank im Nebel der Kampfeslust und schwemmte Zweifel und Angst beiseite,
machte ihn stark. Und er kämpfte. Ein Rausch aus Schmerzen und Angriffen zog
an ihm vorbei, währte eine halbe Ewigkeit.
Doch dann drang
wieder diese kalte Stimme in seine Ohren, so als wäre sie direkt neben ihm.
„Du stirbst, Yarrk.“ Dann wurde es Schwarz um ihn.
Die
Leiche des Yradin schlug mit einem dumpfen Laut auf den harten Steinboden.
Zufrieden stellte Linus fest, dass die Elfe einen gewissen Ausdruck der
Abscheu nicht unterdrücken konnte. „Hier ist einer Eurer Renegaten,
Thuvindal.“
Die Elfe sah zu
Linus auf und fragt nur: „Wo ist das Amulett?“
Schulterzuckend
zog es Linus aus der Tasche und warf es ihr zu. Nicht ohne Bewunderung
bemerkte er die Eleganz, mit der sie es auffing. „Es war gut, mal wieder auf
der Jagd zu sein.“, versuchte er sie zu schockieren, doch sie hatte viel größeres
Interesse an dem Amulett. „Allein die Jagd wird meinem Clan genug Belohung
sein, dem Orden bei seinem kleinen Problem zu helfen, auch wenn ich das jetzt
vermutlich nicht sagen sollte.“
Die Elfe sah
erneut zu ihm auf und musterte ihn mit ihren zeitlosen Augen. „Ihr sprechet
wie einer, der Abscheu und Freude zugleich bei dem empfindet, was er tut.“
Die letzten fünf
Tage hatte es regelmäßig kleinere Affronts wie diesen gegeben und warfen ihn
nun längst nicht mehr aus der Bahn. „Ich würde alles dafür geben, wieder
von Brot satt werden zu können.“, antwortete er unverblümt. „Und doch
bin ich kein Narr. Mein Schicksal ist unabänderlich und ich genieße die Vorzüge,
die es mir bietet.“
Sie neigte kurz
ihr Haupt, doch so vage, dass es sowohl ein verstehendes Nicken, als auch
einen weiteren Blick auf das Amulett bedeuten konnte.
„Was ist an
diesem Amulett so besonders, dass es Euch so in den Bann zieht?“, fragte er
so, als gäbe es an der Deutung ihres Nickens keinen Zweifel. Eine Regel der
Clansfehde war es, andere stets im Unklaren über das eigene Wissen zu lassen.
„Es schließt
sehr mächtige Magie ein.“, antwortete die Elfe gedankenverloren. „Kein
sterblicher Mystiker könnte solch ein Artefakt erschaffen. Ich bezweifle
sogar, dass einer der Großen der Elfen in der Lage dazu wäre. Es ist ein
bedrohliches Rätsel.“
„Dann hat der
Orden ja wohl mehr Sorgen, als nur ein paar räudige Wolfsmenschen.“
Ein strafender
Blick von ihr zeugte davon, dass sie seine abfällige Art über die Yradin zu
sprechen nicht billigte. „Die hat er in der Tat.“, sagte Thuvindal kühl.
Jetzt galt es
einen unerwarteten Zug zu tun. „Dann könnt Ihr gehen, Elfe Thuvindal. Ich
benötige nicht länger einen Unterpfand.“
Sie zögerte überrascht.
Nur sehr kurz, so dass es zu übersehen gewesen wäre, hätte er nicht darauf
gewartet. „Ich bin frei?“, fragte sie ungläubig.
Linus deutete
auf die Tür des Salons. „Das weiß ich nicht. Aber Ihr dürft gehen, wenn
ihr nicht lieber bleiben wollt.“
Sofort erhob
sie sich. Ertappt. „Warum sollte
ich bleiben wollen?“
„Weil Ihr
meine Gesellschaft so unwiderstehlich findet?“, fragte er ironisch. „Ihr
habt in den letzten Tagen so viel Wert auf meine Nähe gelegt, so an meinen
Lippen gehangen, wenn ich etwas von den vergangenen Zeiten unserer Art erzählt
habe...“
Thuvindal
straffte ihren Rücken. „Ihr habt es bemerkt.“
Er brauchte
nicht zu fragen, was sie meinte, war er es doch, der sie dahin gelenkt hatte.
Linus deutete eine Verbeugung an. „Ihr wisst wahrhaft wenig, wenn ihr glaubt
einen Vampirältesten täuschen zu können.“ Dann verbannte er jegliche
falsche Freundlichkeit aus seinem Gesicht und fragte gerade heraus: „Was ist
es, was Ihr sucht? Ein Schwachpunkt um uns zu erledigen?“
Die Elfe schüttelte
den Kopf und er sah so etwas wie ehrliches Bedauern in ihrem Blick, weil er
sie solch einer Absicht bezichtigte. „Ich will Euch oder Eurem Clan keinen
Schaden zufügen. Ich versuche die Art eurer Magie zu begreifen, doch ihr
verliert kein Wort darüber, noch sehe ich Artefakte, die ihr zu Euren Zwecken
gebraucht.“
Traurigkeit
schwemmte über Linus hinweg und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Magie...
„Es gibt keine Magie in meiner Existenz, Elfe Thuvindal.“, sagte er schließlich.
„Mein Dasein ist so unerträglich irdisch, so bitter entzaubert, dass kein
Platz bleibt für Magie oder gar nur Träume.“
Mitgefühl
regte sich in ihren Augen und schnitt in sein kaltes Herz wie ein vergiftetes
Messer. Anteilnahme an meinem Schicksal!
Wann hast Du das letzte Mal diesen Ausdruck in den Augen eines Wesens gesehen,
Linus? Er wusste keine Antwort darauf. „Gibt es keine Heilung?“,
fragte sie sanft.
„Nein!“,
grollte Linus. „Heilung kann nur von Gott kommen, doch Gott ist für mich
unerreichbar geworden. Wenn nicht durch das, was ich bin, dann durch das, was
ich tat. Es gibt keine Hoffnung.“
Thuvindal
schwieg eine Zeit betroffen und sah ihn dabei unverwandt in die Augen. Doch es
gab in dieser Situation nichts zu sagen, das Linderung schaffen könnte oder
das nicht hohl oder sinnlos geklungen hätte. Beide wussten das. Und dennoch
regte sich in ihm beim Anblick ihrer zeitlosen, um ihn trauernden Augen ein
Gefühl, das er nicht zu nennen wusste. Es war so unsagbar süß und wohlig,
dass er glaubte, es noch nie zuvor empfunden zu haben. Dann regte sich eine
ferne Erinnerung, aus den Tagen, als er noch ein Kind Gottes war und unter der
Sonne wandelte. Jenes unbeschreibliche Gefühl war Trost.
Doch
wie alle schönen und guten Dinge, verging dieser Moment irgendwann und die
Dunkelheit in ihm wurde wieder allmächtig. Thuvindal senkte traurig ihren
Blick zu der Leiche des Yradin und begann langsam, komplexe Gesten zu machen,
bis sich plötzlich ein schwaches Schimmern um den Toten legte und ihn
behutsam anhob.
„Das ist
wahre Magie...“, sagte Linus bewundernd.
Thuvindal
wandte ihm wieder ihren Blick zu. „Und was ist mit dem, was Eure Art vermag?
Was, wenn keine Magie? Auf Eurem Haus liegt ein Schutzzauber, das könnte ich
beschwören.“
Linus schüttelte
nur traurig den Kopf. „Wie der Glaube an Gott eine Waffe gegen uns sein kann,
so ist unser finsterer Wille in der Lage, andere zu beeinflussen. Auf der
Villa liegt kein Zauber, Thuvindal, es ist nur eine dunkle Drohung unseres
Geistes, der Feinde fernhält und lähmt. So ist es mit allem, was wir vermögen.
Willen und Weisheit der Jahrhunderte eröffnen uns Wege, die kurzlebigen
verwehrt bleiben.“
Ohne eine
andere Antwort als ihre traurigen Augen zu geben, wandte sie sich ab und
schritt durch den Raum. Der tote Körper folgte ihr.
„Ihr könnt
dennoch gerne wiederkommen.“, sagt Linus und wunderte sich über sich selbst.
Wann hatte er das letzte Mal einen Lebenden eingeladen? Vor Ewigkeiten. „Ihr
könntet gerne weiter nach der Magie suchen, die Ihr finden wollt.“
Thuvindal blieb
stehen, drehte sich aber nicht noch einmal um. „Das werde ich gerne. Ihr
seid der Einzige in tausend Meilen Umkreis, der so wie ich das Gewicht der
Zeit auf seinen Schultern spürt. Die Unterhaltungen mit Euch waren mir stets
eine Freude.“
Mit
diesem Worten ging sie und sah nicht zurück. Was war nur mit ihr los? Sie fühlte
sich auf eine seltsame Art und Weise zu ihm hingezogen. Nicht Liebe, nein! Mit
Sicherheit nicht Liebe. Aber etwas war an ihm, dass sie ihr Herz öffnen ließ.
Gegenüber einem Fremden.
Es war nichts
Äußeres, auch nicht seine traurigen Augen, obwohl sie als erstes zu ihr
durchgedrungen waren. Es war seine Traurigkeit, seine Hoffnungslosigkeit an
sich. Sie – eine Unsterbliche vom Volk des Lebens, wie sich die Elfen selbst
bezeichneten, traf hier auf einen Unsterblichen, der wie sie Jahrtausende
erblickt hatte und an ihnen verzweifelte. Die Elfen liebten das Leben in allen
Formen, doch Linus hungerte stärker danach, als sie es jemals könnte.
Sei
kein Narr!, wies sie sich zurecht. Er
jagt Menschen und trinkt ihr Blut, um sein untotes Dasein zu erhalten. Seine
Existenz und die seiner Sippe an sich sind ein Hohn des Lebens, eine dämonische
Entstellung dieser wunderbaren Kraft.
Doch im
gleichen Moment folgte ein anderer Gedanke, der sein Geschwister zum Schweigen
brachte. Er hat es sich nicht
ausgesucht. Er ist ein Opfer.
JSC
Micro Biotics
Die Berichte
der Polizeikollegen waren nicht unbedingt mangelhaft, doch ergab vieles von
dem, was in Spencers hingekritzelten Notizen stand ein anderes Gewicht, wenn
man davon ausging, dass Jonathan Saphrosis Dreck am Stecken hatte. Es gab da
auch eine Reihe von Fotos, die eher nichtssagend waren, solange man nicht
wusste, dass JSC Micro Biotics an Wölfen Genexperimente durchführte und der
Milliardär, dem die Firma gehörte vermutlich Patron der mordenden Yradin
war.
Sah man das
Material aber von eben jenem Standpunkt, dann erhielten kleine Details eine
erstaunliche Schärfe und Gewicht. Da war diese Kleinigkeit, dass der nun tote
Bankier Garmont eine Woche vor seiner Ermordung offenbar eine heftige
Auseinandersetzung im Gentlemanclub mit Saphrosis gehabt hatte. Genaues hatte
Spencer nicht herausgefunden, die noblen Kreise waren sehr diskret, doch
schien es um Geld zu gehen. Eine Menge Geld.
Und Spencer
hatte Geschäftsunterlagen ausgegraben, die er nur minder erfolgreich
zerschreddert in einem Papierkontainer gefunden hatte. Was da nun mit
Klebeband zusammengepuzzelt vor Diane lag, erwies sich als Deal zwischen
Saphrosis’ Firma und Dwenmoore persönlich. Nur war dieser Handel nicht in
den elektronischen Unterlagen verzeichnet, die sie von beiden Firmen erhalten
hatte. Ein Schattengeschäft über technische Anlagen, die man grob als
Zuchttanks zum Clonen von großen Säugetieren bezeichnen konnte. Groß genug
für Menschen jedenfalls, und das war so ganz und gar illegal. Ganz abgesehen
von dem Aufbäumen der Moralwächter der Nation, das gewaltigen Schaden an
beiden Firmen anrichten konnte.
Somit ergaben
auch einige Fotos Sinn, die Spencer scheinbar willkürlich von Angestellten
geschossen hatte, die das Gelände von JSC Micro Biotics zu allen Tages- und
Nachtzeiten betraten. Diane zählte insgesamt achtzehn Wissenschaftler weniger,
als auf der Lohnliste der Genfirma standen, die Spencer ebenfalls irgendwie in
die Finger bekommen hatte.
Eine kleine
Recherche im Archiv der Agency später hatte Diane herausgefunden, dass die
meisten jener Wissenschaftler weltweit als Größen auf dem Gebiet der
Genforschung galten. Warum war dann keiner von ihnen während der Wochen der
Observation zur Arbeit erschienen?
Die Vermutung
lag nahe, dass sie sich um jene mysteriösen Zuchttanks scharten und unsägliche
Experimente betreuten. Es musste noch einen Eingang geben. Es gab auch einige
Photos, die nackte Fabrikmauern und Schachteingänge zeigten. Doch das war
Diane zu schräg, als dass sie an verrückte Forscher glauben konnte, die in
Nacht und Nebel in die Kanalanlagen hinabstiegen, um ihren Arbeitsplatz zu
erreichen.
Doch sie
mussten irgend wo sein. Das versprach interessant zu werden.
Diane platzte in das Büro des Captains und er zuckte zusammen. „Mein Gott,
Diane, Sie könnten wenigstens anklopfen.“, brummte er nicht all zu böse
und zündete sich eine Zigarette an. Diane holte ihr Versäumnis lächelnd am
Türrahmen nach und schloss die Tür.
„Ich brauche
ihre Kontakte, Captain.“, sagte sie gerade heraus. „Kennen Sie nicht zufällig
einen Richter, der mir noch in dieser Stunde einen Durchsuchungsbefehl für
JSC Micro Biotics ausstellen könnte?“
„Sie wollen
was?!“, fragte Bofield geradezu erschrocken. Sein Glimmstängel fiel ihm aus
dem Mund und landete zischend in Bofields Kaffeebecher.
„JSC Micro
Biotics durchsuchen.“, erwidert Diane mit ungebremsten Enthusiasmus. „Im
großen Stil mit allen Männer, die sie entbehren können.“
Bofield sah
finster in seinen Kaffee, schüttelte dann den Kopf. „Sind Sie verrückt
geworden? Saphrosis stutzt mich einen Kopf kürzer, wenn Sie das tun!“
Diane setzte
sich gelassen dem Captain gegenüber. „Die Firma ist der Angelpunkt, um den
sich der Fall dreht, Captain. Garmont wollte JSC Micro Biotics große Kredite
streichen und starb eine Woche später. Dwenmoore hat Saphrosis unter der Hand
höchst bedenkliches Genforschungsequipment verkauft und wurde kurz darauf getötet.
Spencer war dem allen auf der Spur und musste auch mit dem Leben dafür
bezahlen.“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl nach vorn und sah ihm mit
Feuereifer in die Augen. „Ich bin mir ganz sicher, dass Saphrosis’ hinter
den gezielten Angriffen der Wolfsmorde steckt. Wir dürfen ihn nicht
davonkommen lassen.“
Captain Bofield
seufzte und sah seinen Fingern dabei zu, wie sie eine neue Zigarette aus der
Schachtel fischten. Er blickte zu ihr auf, seufzte erneut und viel schwerer
und schob die Zigarette samt Schachtel beiseite. „Ja, ich kenne da einen
Richter.“, sagte er schließlich und klang dabei zehn Jahre älter. „Kein
Freund von mir aber ein Feind von Saphrosis und das ist in Ihrer Situation
mehr wert.“
Diane fiel ein
Stein vom Herzen. „Danke, Captain.“
Doch Bofield
schüttelte nur den Kopf. „Danken Sie mir erst, wenn Sie den Sturm überstanden
haben. Saphrosis ist eine Naturgewalt und sein Arm reicht weit, sonst hätte
er es nicht soweit gebracht. Ziehen Sie sich warm an, egal für wen Sie nun
wirklich arbeiten mögen.“
„Das werde
ich, Captain.“, sagte sie ernst. Sie wusste genau, dass mit Männern wie
Saphrosis nicht zu spaßen war. Doch den Orden des Gleichgewichts im Rücken fühlte
sie sich dem durchaus gewachsen.
„Nun schauen
Sie nicht so mürrisch, Miss O’Donnell.“, begrüßte der Milliardär sie
mit seiner charmanten Art. „Ich bürge schließlich mit meinem Namen für
dieses Unternehmen, da wäre es sträflich meinen Aktionären gegenüber,
dieses kleine Affentheater einem anderen zu überlassen.“ Ein amüsierter
Blick zu den vierzig Uniformierten hinter ihr machte deutlich, warum er das
Wort ‚Affentheater‘ passend fand. Dann lehnte er sich gelassen gegen das
große Firmenschild und wischte imaginären Staub von den Buchstaben ‚JSC‘.
Diane schob
ihre schlechte Laune beiseite, um die Worte des Mannes Lüge zu strafen. „Ich
habe doch nichts gegen die Begleitung eines Gentlemans, während ich diese
Firma auf den Kopf stelle.“, gab sie so fröhlich wie nur möglich zurück.
„Es ist sogar sehr entgegenkommend von Ihnen, hier zu sein.“ Sie bemerkte
seinen fragenden Blick, und eine Priese Verunsicherung hinter der Geschäftsmaske
ließ sie innerlich zufrieden lächeln. „Ich kann Ihnen jetzt jede Menge
Fragen stellen, für die ich sonst erst in einer Woche einen Termin bekommen würde.“
Saphrosis
wusste natürlich, dass das Nonsens war. Er war Profi genug, keine einzige
ihrer gefährlichen Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Charmant wie immer
deutete er eine Verbeugung an. „Zu Ihren Diensten.“
„Dann können
wir?“, fragte Diane und wollte sich an dem Milliardär vorbeidrängeln, doch
sofort schoben sich zwei seiner Bodyguards vor den Eingang und blockierten
ihren Weg.
„Nicht so
schnell, Miss O’Donnell.“, sagte Saphrosis in Schöne-Wetter-Manier. „Ich
weiß zwar, dass Sie einen Durchsuchungsbefehl haben, aber ich würde doch all
zu gerne sehen, welchem Richter ich ihn zu verdanken habe.“
Diane setzte
ein falsches Lächeln auf und reichte ihm das Papier. „Ich will Ihnen doch
nicht Ihre verfassungsmäßigen Rechte vorenthalten.“
Der Milliardär
warf einen Blick auf die Unterschrift, zog die Augenbrauen hoch und nickte
andeutungsweise. „Gut, gut. Dann kommen Sie, Miss O‘Donnell.“ Saphrosis
trat beiseite und machte eine joviale einladende Geste, so als würde es sich
um ein Dinner zu zweit ohne vierzig Polizisten im Schlepptau handeln. Die
Bodyguards wichen ebenfalls zur Seite.
Diane sah sie
mit hochgezogenen Augenbrauen an, als sie an ihnen vorüberging. „Gut
abgerichtet, die Kleinen.“, spottete sie und erntete
Gewitterwolkenaugenbrauen der Leibwächter.
Saphrosis
jedoch lachte amüsiert, als wäre dies ein Scherz nach seinem Geschmack. „Sie
sind nützlich, glauben Sie mir.“
Diane warf ihm
einen zuckersüßen Blick zu. „Das
kann ich mir vorstellen. Es gibt genug Feinde, nehme ich an.“
Jonathan
Saphrosis zog ein bekümmertes Gesicht. „Offenbar werden es auch jeden Tag
mehr. Wie kommt es, dass Sie inzwischen halb New York umgegraben haben und
jetzt auch noch bei mir anfangen Unruhe zu stiften?“
„Das muss
daran liegen, dass der Wolfsmörder auch halb New York umgegraben hat.“,
erwiderte Diane. „Und wenn Sie es genau wissen wollen, gibt es da einen
jungen Journalisten, der Interessantes über Sie herausgefunden hatte.“
„Wollen Sie
mir auf die Sprünge helfen, welchen Journalisten sie meinen?“, fragte
Saphrosis ungerührt. „Ich habe einen ganzen Stab, der alle wichtigen
Zeitungen für mich analysiert. Mir ist kein beunruhigender Artikel über mich
bekannt.“
Sie kamen zu
dem vollverglasten Gebäudewürfel, der schon von sich aus eine Aura der
Moderne und des Fortschritts verbreitete. Der Milliardär wandte sich zu den
Polizisten um. „Jeder von Ihnen wird einen Wissenschaftler zur Seite
bekommen, der Sie in allen Fragen beraten wird und aufpasst, dass Sie nichts
beschädigen. Sie erhalten Zugang zu allen Bereichen, ich habe nichts zu
verbergen. JSC Micro Biotics ist ein tadelloses Zentrum der Wissenschaft.“
Bofields
finstere Mine verriet all zu deutlich, was er von dem Wort ‚tadellos‘ aus
dem Munde Saphrosis‘ hielt. Wächter zogen Chipkarten durch Lesegeräte und
ließen ihr Auge abtasten, damit sich die Türen zu dem Gebäude öffneten.
Saphrosis ließ es sich nicht nehmen, noch eine Bemerkung nachzuschieben: „Meine
Anwälte werden begierig sein, jeglichen wirtschaftlichen und physischen
Schaden, den Sie verursachen, vor Gericht aufzuführen.“
Dann machte er
wieder diese vorkommende Geste, um Diane hereinzubitten. „Kommen Sie,
Diane... Ich darf Sie doch Diane nennen?“
„Nein, dürfen
Sie nicht.“, erwiderte Sie knochentrocken und trat ein.
„Selbstverständlich,
wie unhöflich.“ Doch Saphrosis‘ Tonfall ließ offen, ob es ihr oder sein
Verhalten war, dass er unhöflich fand. „Aber wo waren wir stehen geblieben?
Sie sagten etwas von einem Journalisten?“
„Robert
Spencer.“ Keine Reaktion. „Der Journalist, der ihrem Klonzauber hier auf
die Schliche gekommen ist.“ Immer noch keine Regung. „Und den Sie dann aus
dem Weg geräumt haben.“
„Miss
O’Donnell.“ Ein kühler Blick Saphrosis’ machte deutlich, dass sie eben
einen Schritt zu weit gegangen war. „Anstatt mich blindlings zu beschuldigen,
sollten Sie lieber Ihren Job machen und die Wolfsmorde beenden.“
„Ich bin
gerade dabei.“, sagte sie ungerührt und mit gefährlichem Unterton. „Vielleicht
ist Ihnen ja schon aufgefallen, dass es in letzter Zeit keine Wolfsmorde mehr
gegeben hat.“
„Ich glaube
kaum, dass das Ihr Verdienst war, Miss O’Donnell.“ Offene Feindschaft lag
zwischen ihnen in der Luft, während sie durch die Gänge des
Forschungszentrums gingen. Diana wies mit knappen Gesten die einzelnen Teams
an, in welche Richtungen sie sich aufteilen sollten.
„Mehr, als
Ihnen lieb sein dürfte, Mr. Saphrosis. Sie haben Mächte gegen sich
aufgebracht, mit denen Sie nicht gerechnet haben dürften.“
„Mächte?“
Saphrosis lachte erheitert und die Anspannung zwischen ihnen verpuffte.
„Miss O’Donnell. Ich weiß mehr über den Orden und Linus‘ kleine
Machenschaften, als Sie ahnen.
Diese sind es, die sich mit den Mächten anlegen. Und denken Sie, dass es mich
beeindruckt, dass Sie die NSA im Rücken haben?“ Diane versteifte sich. „Im
Gegenteil, Diane. Was denken Sie, wer Director McKinzey gebeten hat,
ausgerechnet Sie mit diesem Fall zu beauftragen, den ich erst angestoßen habe?“
Diane musterte
ihn eingehend, doch irgendein untrügliches Gefühl verriet ihr, dass
Saphrosis die Wahrheit sagte. Was hatte das zu bedeuten? Wieso war Jonathan
Saphrosis daran interessiert, die NSA auf den Fall anzusetzen? Sie zweifelte
nicht im Geringsten daran, dass er der Patron der wilden Yradin war. Er war
der Einzige der großen Verdächtigen, der noch in Frage kam. Und
was, wenn der Orden oder Linus doch hinter den Morden stecken?, meldete
sich eine Stimme in ihrem Kopf. Du hast
nie einen wirklichen Beweis dafür gesehen, dass dem nicht so ist. Shejrriim
ist vertrauenswürdig, das steht fest, aber was, wenn er auch nur getäuscht
wurde?
Entschieden
schob sie diese Zweifel beiseite. Saphrosis hätte sie eben beinahe um den
Finger gewickelt, doch das war das letzte Mal. Wachsamkeit würde ihr Schild
gegen ihn sein. „Lassen wir diese Spielchen, kommen wir zum Geschäft.“,
unterbrach sie das sinnlose Geplänkel.
Der Milliardär
ließ sein Gewinnerlächeln aufblitzen und sagte dann fröhlich: „Das ist
dann schon eher nach meinem Geschmack. Was wollen Sie sehen?“
„Den
Serverraum für den Anfang. Und ich meine jetzt auch ihre Zentralrechner, die
keine Verbindung nach draußen haben und vermutlich in einem abgesonderten
Raum stehen.“
„Ich habe
nichts Anderes von Ihnen erwartet.“, sagte er gelassen. „Was sollte ein
Agent der NSA auch anderes wollen, als nach geheimen Daten Ausschau zu halten?
Wir sind bereits auf dem Weg zum Offlineserver.“
Diane hörte
ihm nur noch mit einem halben Ohr zu. Ihr Agency-Standardprogramm, wie sie es
nannte, war längst angesprungen. Grundriss einprägen, nach Kameras und
anderen Beobachtungsmitteln Ausschau halten, Sicherheitsbarrieren entdecken
und analysieren. JSC Micro Biotics war in dieser Hinsicht hervorragend
ausgestattet. Lückenlose Kameraüberwachung, Chipkartenzugang kombiniert mit
Retinascan, Wärmesensoren in jeder Ecke. Kleine, kaum ausfindig zu machende
Paneele an den Wänden deuteten zudem auf ein aktives Abwehrsystem hin –
vermutlich irgendein Nervengas.
„Was ist
eigentlich aus ihrem Stab aus Klon-Experten geworden?“, fragte sie beiläufig.
„Jene zur Weltspitze gehörenden Eliteforscher, die sie für JSC Micro
Biotics angeworben haben?“
„Wen meinen
Sie?“, fragte er nur gelassen und verschaffte sich so mehr Zeit. Diane zählte
ein paar Namen auf. Sie sah dem ernsten Gesicht Saphrosis’ an, dass das ein
Quentchen mehr an Information war, als ihm lieb war. Dennoch erwiderte er
letzten Endes nur gelassen: „Kasachstan.“
„Bitte?“
„Sie arbeiten
zurzeit in Kasachstan. Diese Firma hat überall auf der Welt Filialen.“
Diane zuckte
ratlos mit den Schultern. Was hast Du
auch erwartet, Mädchen? Dass er weinend zusammenbricht und alles gesteht?
Vorerst tröstete sie sich damit, dass sie den Serverraum erreicht hatten. Die
Sicherheitsvorkehrungen hier erinnerten sie an ein Fort Knox in
Miniaturausgabe: Ein Dutzend gut bewaffneter Wachen hatte hinter einer
Panzerglasscheibe Stellung bezogen, eine zweifellos schwer gepanzerte Tür war
nur durch eine Reihe Sicherheitschecks zu öffnen. Was in diesem Raum
aufbewahrt wurde, rechtfertigte zweifellos diesen enormen Aufwand. Ein
Einbruch in die zentrale Forschungsdatenbank konnte der Konkurrenz Jahre der
Forschung ersparen.
Saphrosis war
es persönlich, der die Sicherheitsbarrieren absolvierte und die Tür öffnete.
„Ich bin der Einzige, der diesen Raum allein betreten kann.“, sagte er, um
seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Sie gingen in den steril anmutenden Raum.
Es war das erste Mal, dass die Leibwächter nicht an ihren Fersen hefteten
sondern artig vor der Tür warteten.
Die Luft fühlte
sich unangenehm warm an und sie war von Flüstern hunderter Kühllüfter erfüllt.
Dianes Augen leuchteten heller, als sie die hier angehäufte Technik erblickte.
Einiges war sogar so modern, dass sie es nicht kannte – vermutlich geheime
Eigenentwicklungen der Jonathan Saphrosis Company.
„Dieses
Wunderwerk der Technik erhält den gesamten Komplex am Leben, Miss
O’Donnell.“, sagte Saphrosis nicht ohne Stolz. „Sicherheit,
Forschungsstationen, Regulierung der Umweltbedingungen, Logistik...“
Diane setzte
sich gezielt an einen Arbeitsplatz, der nach Masterkonsole aussah, doch
Saphrosis trat neben sie und sagte: „Der Durchsuchungsbefehl erstreckt sich
zwar auch auf jegliche Datenbestände, doch haben meine Anwälte mich darauf
hingewiesen, dass Sie keine Daten außerhalb dieses Raumes bringen dürfen,
solange Sie nicht die gleiche Sicherheit gewährleisten können, wie Micro
Biotics. Ist das Gesetz nicht etwas Wundervolles?“
Das war ein
Ding der Unmöglichkeit und beide wussten das. Die Zentralrechner der Polizei
oder des FBIs waren Kinderspielzeug gegen das hier. Doch Diane hatte gar nicht
erwartet, so einfach an die Daten des Unternehmens zu gelangen. Sie hatte mehr
Asse im Ärmel, als Mister Smart-und-clever ahnen konnte. Daher sagte sie
wahrhaft gelassen: „Dennoch darf ich hier Einblick nehmen, soviel ich kann.
Würden Sie mir freundlicherweise die Passwörter des Tages verraten?“
Dem Milliardär
blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen und er nannte ihr die Passwörter,
die ihr zusammen mit einem Scan seines Auges das Lesen aller Daten erlaubte.
Er wusste aber genau, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, entscheidende
Daten aus diesem gigantischen Irrgarten aus Bits und Bytes herauszusuchen. Die
Schiere Masse und Unverständlichkeit des Fachmaterials waren Schutz genug.
„Sie werden
feststellen, dass ihre kleinen Hacker-Kniffe hier nicht fruchten werden.“,
sagte er selbstsicher. „Es steht Ihnen natürlich frei, sich zu versuchen.“
Damit begann
Diane mit ihrer Arbeit. Sie sichtete jede Menge unnütze Dateien und ließ
Saphrosis seine sichtbar gute Laune, solange er noch Grund dazu hatte. Sie
arbeitete sich gerade durch einen Stapel Berichte über die Energieversorgung,
als ihre Falle zuschnappte. Ein Wissenschaftler mit einem nervös zuckenden
Augenlid wuselte in den Raum und zu Saphrosis.
„Sir, dieser
penetrante Polizeicaptain besteht darauf, einen sterilen Arbeitsbereich zu
betreten.“ Sein nervös zuckendes Auge huschte zu Diane. „Er pocht auf
seinen Durchsuchungsbefehl und wird damit das Genesis-Projekt um mindestens
drei Monate zurückwerfen. Alle Proben, die wir angesetzt haben, könnten
kontaminiert werden.“
Saphrosis
seufzte ärgerlich und warf Diane einen durchdringenden Blick zu, als versuche
er ihre Mitschuld an diesem Theater zu ergründen. „Bitte machen Sie für
die Kameras ein freundliches Gesicht, bis ich wieder da bin.“, sagte er
charmant wie immer und folgte dem nervösen Forscher.
Diane
durchforstete ohne die Kameras eines Blickes zu würdigen weiter die Daten,
stand auf und ging zu einer anderen Konsole. Ein kleiner Transponder,
sozusagen ein Funkmodem für Hacker glitt aus ihrem Ärmel und sie heftete es
unauffällig an den Zentralrechner.
Leider war das
ganze nicht so einfacht. Das kleine
Gerät hatte nur eine begrenzte Reichweite und war nicht leistungsfähig genug,
große Datenmengen zu verarbeiten. Doch keine fünf Minuten später klingelte
ihr Handy und ein anonymer, jedoch sehr nützlicher Kollege gab ihr eine
Hintertür für den Zentralrechner durch. Direkt an der Quelle war der Schutz
immer am Schwächsten.
Diane kehrte
zur Masterkonsole zurück, umging die Sicherheitsbarrieren spielend leicht und
hackte sich in die Kamerasysteme. Weitere fünf Minuten später liefen alle
Kameras des Serverraumes in einer Endlosschleife.
Diane warf
einen prüfenden Blick auf die angezapften Kameras vor dem Raum. Die Luft war
rein, lediglich die Gorillas des Milliardärs warteten mit regungsloser Mine.
Diane zückte die Agency-Variante eines Mehrzweckwerkzeuges, öffnete mit geübten
Handgriffen die Rückseite des Zentralcomputers und platzierte einen
leistungsstarken Transponder.
Gerade, als sie
dabei war, die letzen Schrauben wieder festzuziehen, sah sie auf den Kameras,
das Saphrosis zurückkehrte. Trainierte Ruhe ermöglichte es ihr, ihre Arbeit
zu vollenden. In letzter Sekunde fegte sie die verräterischen Kamerabilder
vom Bildschirm und war wieder die Ruhe selbst, als der Milliardär einen Blick
über ihre Schulter warf.
„Ihr Captain
ist offenbar ein wenig übereifrig, Miss O’Donnell.“, sagte er in einem
Tonfall gemütlicher Zufriedenheit. „Aber ein verständnisvoller Mann.“
Mit gespieltem Interesse warf er einen Blick auf eine Liste der
Forschungsprojekte von JSC Micro Biotics. „Machen Sie Fortschritte?“
„Ich weiß
nicht, wie Sie das bewerkstelligen, aber hier ist nichts zu sehen, was auf die
Verwendung der Tanks hindeutet, die Sie von Mr. Dwenmoore gekauft haben.“
Ein
winzigkleiner Moment des überraschten Zögerns war Hinweis genug, dass ihr Köder
geschluckt worden war. „Sie können gerne in Kasachstan nach ihnen suchen,
wenn Sie das wünschen.“, erwiderte der Milliardär äußerlich gelassen.
„Ich muss Ihnen meinen Respekt aussprechen, Miss O’Donnell.“, fuhr er
fort. „Ich habe Sie unterschätzt.“
Diane schenkte
ihm ein freudiges Lächeln. Sie wissen
gar nicht, wie sehr sie damit recht haben., dachte sie fröhlich. Natürlich
würde der Transponder in nicht all zu ferner Zeit entdeckt werden, doch das
sollte lange genug sein, zu bekommen, was sie wollte.
Allein, um ihm
seine kostbare Zeit zu stehlen und nicht verdächtig zu wirken, grub sie noch
stundenlang in den nutzlosen Forschungsberichten des Unternehmens, während
draußen eine völlig nutzlose Durchsuchung ihren Lauf nahm. Doch am Ende des
Ganzen stand ein dicker Brocken, der Saphrosis das Genick brechen würde.
Jarod war auf der Jagd. Der einzigen Art von Jagd,
die ihrem noblen Clan in diesen Zeiten noch geblieben war. Die Beute waren
Informationen. Das Wissen um Dinge, die anderen verborgen blieben, seien es
alte Mythen oder neuste Geheimnisse, waren stets die Macht des Clan Devron
gewesen. Die Stärke des Clans beruhte auf seinen unzähligen Augen und Ohren
und es erfüllte Jarod mit Stolz, Linus’ vertrauenswürdigster Späher zu
sein.
Heute galt es
einen besonders wertvollen Fang zu machen: Den Meister der Schlange, die sich
bei den Wachhunden der Stadt eingenistet hatte. Seit dieser Dunby von Special
Agent O’Donnell erfahren hatte, dass ein Spitzel des Wolfsmörders hinter
dem Anschlag auf sie stecken musste, war der Clan auf der Jagd.
Doch erst heute
Nacht hatte diese extrem vorsichtige Schlange einen Fehler gemacht und sich
offenbart. Wanzen an dem Telefonverteiler des Reviers hatten kurz vor dem Ausrücken
der Durchsuchungstruppe einen kurzen Anruf abgefangen: „Micro Biotics soll
durchsucht werden.“ Nun hatte die Schlange eine Stimme und mit ihr auch ein
Gesicht.
Jarod hatte nun
schon drei Stunden auf dem Dach gegenüber des Polizeireviers gewartet, als
der Lakai endlich auf die Straße trat. Der Vampir hüllte sich in den Mantel
der Schatten und glitt behände kopfüber die Fassade hinab, ohne den Blick
von Jack Miller zu nehmen.
Als Jarod den
Boden erreichte herrschte hektisches Gewimmel: die abendliche Hatz nach dem
Ende der Arbeit hatte gerade eingesetzt und trieb die Sterblichen in ihrer lächerlichen
Eile durch die Straßen. Die Menschen teilten sich, wo Jarod ging und
schlossen sich wieder hinter ihm, so als könnten sie die Gefahr eines
hungrigen Raubtiers spüren, während ihre Augen blind für den verhüllten
Vampir blieben.
Miller indes
reihte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den drängelnden
Strom ein und bot Jarod so eine einfache Möglichkeit, auf gleiche Höhe mit
ihm zu kommen. An der Ampel der nächsten Kreuzung stand Jarod schließlich
direkt hinter ihm, so dass er seinen Schweiß und sein Blut riechen konnte. Verräterblut.,
dachte er angewidert.
Und weiter ging
die ungleiche Jagd. Der Devron in ihm wusste, dass die Spur heiß war, denn
der Mensch roch nach Nervosität. Etwas würde geschehen. Bald. Doch zunächst
hieß es strömen, auf Grün warten, strömen. Miller blieb vor einem
Schaufenster stehen, kaufte sich eine Zeitung und ging weiter.
Zwei Blocks
weiter geschah es dann urplötzlich und war in einer Sekunde schon wieder
vorbei. Ein muskulöser Mann stieß frontal mit Miller zusammen, pöbelte ihn
ungehalten an und tauchte wieder in die träge Masse der Menschen ein, doch
nun folgte ihm ein unsichtbarer Schatten. Miller war uninteressant geworden,
denn er hatte seine Ware weitergegeben.
Fünf Minuten
später betrat der Mann eine Tiefgarage. Gerade, als er sein Auto aufschließen
wollte, sprach ihn Jarod an. „Entschuldigen Sie?“ Der Angesprochne hob
seinen Blick und machte damit einen entscheidenden Fehler. Glühende Augen
bohrten sich in seinen Verstand und ließen ihn in wenigen Sekunden zu einer
willenlosen Marionette in Jarods Händen werden.
„Gib mir die
Nachricht, Mensch.“
Der Sterbliche
griff ohne Zögern in die Tasche seiner Jeans und gab Jarod einen einfachen,
zusammengefalteten Zettel. Darauf standen nur drei Sätze: „Etwas ist
schiefgegangen. Durchsuchen Sie den Serverraum. Ich fürchte, O’Donnel hat
gezielt nach Daten über die Wolfsmorde gesucht.“
Jarod brauchte
eigentlich nicht mehr zu fragen. „Saphrosis?“
Die Marionette
nickte dumpf.
Argwohn und Vertrauen
Das einzige,
das Linus etwas bedeutete, war das Gefühl kalten Zorns, das ihn in seinem
Innern vorwärts trieb. Dieser Mensch hatte es gewagt, Geschäfte mit dem Clan
zu machen und diese zum Schaden der Devron zu wenden! Doch mehr als Saphrosis
galt der Zorn sich selbst. Wie hatte er nur zulassen können, dass ein
Sterblicher solch eine Macht gegen ihn aufbrachte, ohne dass er, Linus, das
bemerkt hatte? Wie hatte er das nicht
bemerken können?
Als die Türen
des viel zu langsamen und viel zu dekadenten Fahrstuhls sich endlich vor ihm
öffneten, gaben sie den Blick auf den geräumigen Empfangsraum und vier Männer
in schwarzem Anzug frei. Jeder von ihnen hatte eine Hand ins Jackett geschoben,
bereit eine Waffe zu ziehen.
Schwerter
stünden euch besser, ihr Narren., dachte Linus und sagte ruhig: „Ich möchte
so Jonathan Saphrosis. Jetzt.“
Einer der
Bodyguards nickte kurz. „Mr. Saphrosis hat von ihrem Eintreffen erfahren,
Linus. Er erwartet sie.“ Dann deutete er auf die schwere Doppeltür von
Saphrosis’ Büro. „Nach Ihnen.“
Wenig
beeindruckt von ihrer unausgesprochenen Drohung tat Linus, wie ihm geheißen.
Als er durch die Tür trat, bemerkte er weitere Leibwächter zu beiden Seiten.
Saphrosis saß gelassen in seinem Ledersessel, die Hände zu einem Dreieck
geformt auf dem Schreibtisch liegend. Helles Licht umgab ihn, während der
Rest des absurd großen Büros im Halbschatten lag. Dies verfehlte allerdings
die beabsichtigte Wirkung auf Linus: Anstatt beeindruckt zu sein, fühlte er
sich in der düsteren Atmosphäre geradezu heimisch.
„Ah, Linus!“,
begrüßte ihn Saphrosis mit seinem gewohnt smarten Tonfall. „Was führt sie
zu so später Stunde hier her? Ich fürchte, sie müssen den ungewöhnlichen
Empfang entschuldigen.“ Dann lächelte er gewinnend. „Ich erhalte zum
ersten Mal Besuch von der örtlichen Mafia und weiß nicht so recht, wie ich
Sie sonst willkommen heißen soll.“
Linus erwiderte
sein Lächeln mit einem kalten Blick, während er auf Saphrosis zuhielt, die
Leibwächter im Nacken. „Sparen Sie sich die Freundlichkeiten für jemanden,
der sie schlucken möchte.“, erwiderte er trocken. „Ich bin weder als Gast
noch als Geschäftsmann hier. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich sie als
Feind verlasse, ermüden Sie meine Ohren nicht mit Doppelzüngigkeit oder Gewäsch.“
Der Milliardär
ließ sein Lächeln geradezu melodramatisch ausklingen, bevor er ernst wurde.
Und eine Spur gefährlich. „Das klingt mir sehr nach einer Drohung, Linus.
So etwas nehme ich persönlich, erst recht auf eigenem Territorium.“
Linus setzte
sich unaufgefordert und schlug die Beine übereinander. „Es war auch eine
Drohung, Jonathan. Kommen wir zur Sache: die Wolfsmorde. Sie stecken dahinter.
Mir passt das nicht.“
„Ich...“,
setzte Saphrosis an, doch Linus unterbrach ihn sofort wieder:
„Ich will von
Ihnen weder ein Geständnis noch eine Leugnung hören. Die Morde ziehen
Aufmerksamkeit auf meine Kreise. Das muss aufhören. Sofort.“
Nun lächelte
Saphrosis wieder und schüttelte dabei wie erheitert den Kopf. „Sie kommen
einfach allein in mein Büro, drohen mir und stellen Forderungen wie ein Fürst
einem Bauern?“
„Glauben Sie
denn, dass ich allein bin?“, fragte Linus gelassen.
Das Lächeln
Saphrosis’ wurde unsicher. „Gehen Sie, Linus. Ihre Show gefällt mir nicht.“
Auf ein Kopfnicken hin zogen alle Männer gleichzeitig ihre Pistolen und
zielten auf Linus. „Es sind geweihte Kugeln in den Waffen.“
Linus verzog
nicht eine Mine und rührte sich keinen Deut. Er
weiß, dass ich ein Vampir bin. Das Spiel um die Wolfsmorde ist verworrener,
als es den Anschein hat. „Warum glauben Sie, dass geweihte Kugeln ihre
Rettung wären?“, fragte Linus und griff in die Luft vor sich, schloss seine
Hand halb zur Faust, den Zeigefinger gekrümmt abgestreckt. Und sandte seinen
Willen aus. „Was nützen Ihnen Kugeln, wenn Ihnen die Waffen nicht mehr
gehorchen?“ Langsam führte er die imaginäre Pistole in seiner Hand zu
seinem Kopf. Jeder einzelne Bodyguard im Raum tat es ihm gleich.
Eine eisige Kälte
legte sich auf Saphrosis Gesicht und seine Augen funkelten hart. „Sie haben
meine Männer gekauft?“
Linus lächelte
freudlos. Dass die Menschen immer wieder die gleiche Frage stellen mussten.
Seine Hand hatte ihre Reise zu seinem Kopf beendet und mit ihr lagen nun alle
Mündungen an den Schläfen der Männer. „Welcher Narr würde sich zum
Sterben kaufen lassen?“ Linus Zeigefinger krümmte sich und ein Schuss
donnerte. Mit einem seiner Bodyguards starb auch für einen Augenblick
Saphrosis’ Selbstsicherheit.
Als jedoch der
Körper des Toten nach Sekunden erschreckender Stille dumpf auf den Boden
schlug, war schon bereits wieder etwas Abschätzendes in den Blick des
Milliardärs geschlichen. „Gut, reden wir.“, sagte er, immer noch ein
wenig unruhig, doch er fing sich rasch. Zu rasch für Linus’ Dafürhalten.
„Nein, Sie
reden.“
Der Milliardär
nickte. „Es ist bedauerlich, dass sie Lance vollkommen umsonst getötet
haben. Wie ich bereits ihrer Freundin von der NSA erklärt habe: Ich stecke
nicht hinter den Wolfsmorden und ich werde es Ihnen gerne beweisen.“
Linus’
Zeigefinger deutete erneut eine Krümmung an und Saphrosis fuhr rasch fort:
„Der Orden des Gleichgewichts macht Ihnen allen etwas vor. Zwar mag es auf
seinem Grund und Boden keine blutrünstigen Wolfsmenschen geben, doch habe ich
inzwischen herausgefunden, dass sie noch einen zweiten Stützpunkt unterhalten.“
„Was für
eine praktische Behauptung für Sie.“, raunte Linus kühl. „Wo sind die
Beweise?“
„Inzwischen dürfte
Miss O’Donnell nachgefragt haben, dass ich es war, der die Untersuchungen
der NSA angestoßen hat. Warum sollte ich das tun, wenn ich hinter den
Wolfsmorden stecke? Es ist vielmehr so, dass die Wolfsmorde mir allmählich zu
nahe kommen. Es hat schon zwei meiner Geschäftspartner erwischt und ich will
nicht der Nächste sein.“
Linus würde
das überprüfen. „Mehr. Der Stützpunkt...“
„... ist eine
zur Festung ausgebauter alter Militärbunker unter Manhattan. Es war kein
Leichtes, ihn zu Finden, muss ich sagen.“
„Als ob Sie
sich die Hände selbst schmutzig gemacht hätten...“, erwiderte Linus abfällig.
„Sie sind mir immer noch einen Beweis schuldig.“
„Den werden
Sie vor Ort finden. Ich gebe Ihnen als erstes Zeichen meiner Aufrichtigkeit
den Lageplan, wo die verborgenen Eingänge zu finden sind. Alle Bestien dürften
bei Tage vor Ort sein, schätze ich.“
Linus kniff
berechnend die Augen zu zusammen. Saphrosis gab vor, das Versteck der Yradin
zu kennen, ja sogar preiszugeben. Ober er nun der Patron war oder nicht, etwas
stimmte nicht. „Warum haben Sie die Bestien nicht selbst ausgelöscht?“,
hakte er nach.
„Ich muss zu
meiner Schande eingestehen, dass ich nicht über die Mittel verfüge, sie
anzugreifen.“ Plötzlich war da wieder dieses geschäftsmäßige Lächeln in
seinem Gesicht. „Und ich hatte gehofft, einen Weg zu finden sie lebend zu
fangen. Die Bestien müssten höchst interessante Gene haben.“
„Und jetzt
geben Sie ihre Beute einfach so auf?“ Linus versuchte Trug hinter Saphrosis
Worten zu ergründen, fand ihn aber nicht. Saphrosis sagte die Wahrheit. Oder
er war ein verdammt fähiger Lügner.
Saphrosis
wiegte den Kopf. „Nun, ich hatte gehofft, wir könnten uns auf ein Geschäft
einigen. Sie heben die Festung aus und ich schicke ein Genetikerteam hinterher.
Sie sind ihren Ärger los und ich...“
Linus hob
fragend die Augenbrauen. „Ich glaube kaum. Vielleicht werde ich die Proben
selber nehmen. Und Ihnen dann verkaufen. Vielleicht.“ Dann machte er eine
fahrige Bewegung mit der linken Hand. Das Thema war für ihn beendet. „Geben
Sie mir die Pläne.“
Saphrosis
nickte hastig, zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und warf Linus
einen Stapel Blaupausen auf den Tisch. Grundrisse von U-Bahn- und Abwässerschächten
waren darauf zu sehen. „Für fünfhunderttausend Dollar gehören Sie Ihnen.“
Linus zog die Brauen zusammen. „Ein kleiner Scherz.“, schob Saphrosis
hastig mit einem besorgten Seitenblick zu dem Toten nach.
In aller Ruhe
nahm sich Linus die Blaupausen, erhob sich und ging um die sich selbst
bedrohenden Leibwächter herum zur Tür. „Sind Ihre Informationen eine Falle
oder einfach nur falsch, komme ich wieder.“, sagte er und schloss die Tür
hinter sich. Erst dann ließ er den Willen der Leibwächter frei und trat in
den Fahrstuhl.
Nun galt es,
seine Kinder zusammenzurufen. Und er musste Pläne schmieden, welche den Clan
nicht blindlings in eine Falle schicken mochten aber dennoch schlagkräftig
waren. All das würde Tage brauchen, um dumme Fehler zu vermeiden. Aber Hast
mochte tödlich sein, selbst für seinen mächtigen Clan, denn Linus würde
Saphrosis erst glauben, wenn er die toten Yradin vor sich liegen hatte.
Ansonsten würde bald ein toter Milliardär vor seinen Füßen liegen.
Diane
ließ erschöpft die große Tür des Polizeireviers hinter sich zufallen und
drückte sich die Knöchel ihrer Fäuste in den Rücken. Warum
spendiert die Agency eigentlich nie Massagen für Überstunden?, dachte
sie und musste lächeln. Du arbeitest für
die falschen Leute, Mädchen.
Der Tag war
mit der Durchsuchung bei weitem noch nicht zu Ende gewesen. Eine zermürbende
Nachbesprechung, eine hitzige Debatte mit Saphrosis Anwälten und daraus
resultierend unausweichlicher Papierkram hatten sie bis nach Mitternacht auf
Trab gehalten. Zeit für ein weiches
Bett und das Abtauchen in die freakigen Träume.
„Miss
O’Donnell?“, sprach sie ein Säufer an, der in einem Mülleimer vor dem
Revier kramte. Einen Wimpernschlag später hatte Diane das Trugbild beiseite
geschoben und erkannte einen Löwenmenschen des Ordens.
„Heute mal
nicht darum besorgt, dass ich Sie entdecke?“, fragte Diane und gähnte
ungeniert.
„Der Rat lässt
Ihnen mitteilen, dass es Hinweise auf einen bevorstehenden Übergriff der
wilden Yradin im Central Park gibt.“, erwiderte ihr Aufpasser und ignorierte
ihren Spott. „Shejrriim ist ebenfalls unterrichtet und wird uns dort treffen.“
„Uns?“,
fragte Diane ein wenig überrascht. Das
mit dem Bett streich mal wieder.
Der Löwe
nickte. „Ich diene Ihrem Schutz und dieser Dienst endet nicht vor der
Morgendämmerung. Ich begleite Sie.“
Diane atmete
tief durch, sah sehnsüchtig in Richtung ihres Hotels und erwiderte schließlich:
„Also dann... Ich fahre.“
Der Park lag in einer drückenden Dunkelheit, wie sie in New York nirgends
anders zu finden war. Die Bäume waren nur als schwarze Silhouetten gegen die
den Park umrahmenden Gebäude zu erkennen, während unter ihnen für das Auge
nicht viel zu erkennen war. Beinahe schien es Diane, als wären die Schatten
heute dunkler als sonst. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Vorsichtshalber
zog sie ihre Waffe. Ihre Wache schien die Gefahr ebenfalls zu spüren und
lockerte ihr Schwert in der Scheide.
In diesem
Augenblick huschte auch schon etwas von einem der Bäume. Diane riss ihre
Pistole hoch und zielte blind. Ein schauriges Lachen erklang und dann trat ein
bleicher Mann in das Zwielicht der weiter entfernt stehenden Laternen.
„Wer wird
denn auf seine Verbündeten schießen, Miss Special Agent.“, sagte der
Vampir mit leicht zynischem Tonfall. „Wir sind doch alle Freunde. Was treibt
sie her zu später Stunde?“
Diane runzelte
die Stirn. „Haben Sie keine Warnung erhalten? Ich hätte gedacht, dass Linus
auch Bescheid weiß.“ Fragend sah sie den Löwenmenschen an, doch der zuckte
nur mit den Schultern.
„Wovon soll
der Clansfürst Bescheid wissen?“, fragte der Vampir misstrauisch.
Die Antwort kam
nicht von Dianes Lippen. Die Dunkelheit verformte sich, so wie bereits damals
in der Fabrikhalle. Doch diesmal war es anders. Die Verformung kam von
mehreren Stellen, ja sie umringte Diane geradezu. Yradin traten ins hier.
Viele Yradin.
Diane zögerte
keine Sekunde. Sie klappte das Nachtsichtgerät vor ihre Augen, zielte auf
einen der Yradin und jagte ihm eine Kugel in den Kopf. Der Vampir zischte
schlangengleich und der Löwe zog sein Schwert. Die Pistole schwenkte ein Stück,
donnerte, schwenkte, donnerte. Nun lagen drei Wolfsmenschen tot am Boden, doch
der Rest von ihnen stürmte auf sie zu. Zwei weitere starben im Rennen.
Noch lagen gut
fünfzehn Meter zwischen den Angreifern und ihnen, als Diane auf einmal einen
Windhauch spürte, der Vampir neben ihr verschwand und schlug mit voller Wucht
in eine Dreiergruppe Yradin ein. Knochen brachen, Schmerzensjaulen vermischte
sich mit weiteren Pistolenschüssen und dem Knistern magischer Blitze.
Näher. So
ruhig wie möglich feuerte Diane ihr Magazin leer. Jeder Schuss tötete oder
verstümmelte. Dann zog sie ihr Kampfmesser hinter dem Rücken hervor und der
Nahkampf begann.
Das Schwert des
Löwen sauste nieder und tötete einen Yradin, den sie gar nicht kommen
gesehen hatte. Ihr Messer schoss vor, zog sich zurück, schlitzte, tötete. Es
sind zu viele!, schoss ihr durch den Kopf, als sie knapp messerscharfen
Krallen auswich, zutrat und Rippen brach. Yradin drängten sich zwischen den Löwenmenschen
und sie. Eine Faust traf Diane im Rücken, andere Krallen am Bein und sie stürzte.
Noch im Fallen schnitt sie einer Wolfsfrau die Kniesehnen durch, bevor ihr das
Messer aus der Hand getreten wurde.
Ein Yradin
streckte seine Hände nach Diane aus und dann geschahen mehrere Dinge.
Irgendwie schien der Boden unter Diane nachzugeben, als sie versuchte
fortzukrabbeln. Die Hände griffen ins Leere und wie aus weiter Ferne hörte
sie Shejrriims Stimme: „Erwache, Shargul!“.
Dann wirkte
alles wie durch einen dunklen Schleier. Sie sah die Yradin vor Wut über ihr
Entkommen aufschreien und sich den neuen Angreifern zuwenden. Shejrriims
Drachen waren wieder zum Leben erweckt und spähten nun wachsam über seine
Schultern. Thuvindal schleuderte eine magisch schimmernde Kugel, die gleich
drei Yradin hintereinander durchschlug und tötete.
Der Vampir kämpfte
im Blutrausch, kam aber gegen seine sieben Angreifer eher schlecht als Recht
an. Dem Löwenmenschen ging es nicht anders und zu ihrem Entsetzen musste
Diane mit ansehen, wie er von drei Yradin niedergeworfen wurde. Sein gedämpftes
Brüllen drang zu Diane herüber, dann erstarb es in einem Gurgeln, als ein
Yradin ihm die Kehle durchbiss.
Diane wich
entsetzt zurück, blieb mit der Hand an einer Wurzel hängen und fiel auf den
Rücken. Und dann bemerkte sie erst, dass der Central Park verschwunden war.
Dichter, schattengetränkter Wald ragte über ihr empor.
Sie richtete
sich ruckartig auf und blickte zum Kampf. Auch er war fort. Stille umgab sie
und undurchdringliche Dunkelheit. Eine Eule schrie irgendwo. Wo
bist Du nur hineingeraten, Mädchen?, fragte sie sich, obwohl sie die
Antwort zu wissen glaubte.
Sie strengte
ihren Willen an und versuchte ihrem Gespür freien Lauf zu lassen – und tatsächlich
wurde der Wald ein wenig durchsichtig und sie sah wieder kämpfende Yradin.
Mitten in sie hinein war Shejrriim geraten und wütete mit tödlicher Präzision.
Er achtete überhaupt nicht auf seine Verteidigung, sonder führte seine
Klinge nur Streich auf Streich und die Yradin fielen. Jeder Angriff, der ihn
getroffen hätte, wurde von den über seine Schulter schauenden Geisterdrachen
schnappend abgefangen.
„Endlich!“,
hauchte eine Stimme hinter Diane und sie schnellte herum. Drei in Roben gehüllte
Gestalten kamen lautlos auf sie zu. Von ihnen ging solch ein bedrohendes Gefühl
aus, dass Diane keine Sekunde an ihren Absichten zweifelte. Mit einem wütenden
Aufschrei machte sie sich kampfbereit, wich einen Schritt zurück...
...und
stolperte über die Leiche eines Yradin. Dort, wo eben noch die Kuttenträger
gestanden hatten, war nur noch gepflegter Rasen zu sehen. Und ihr Messer.
Einen Hechtsprung und eine Rolle später hatte sie es wieder in der Hand,
erstach den letzten Yradin, der noch gegen den Vampir kämpfte von hinten und
eilte dann Shejrriim zur Hilfe.
Oder wollte es
zumindest. Um den Kri herum gab es nur noch Tote oder verwundet am Boden
Liegende. Einige wirkten leicht verkohlt, was ohne Frage Thuvindals Werk war.
Die grün schimmernden Drachen glitten von Shejrriims Schultern zurück in die
Klinge Sharguls und erstarrten zur Gravur.
Der Kampf war
zu Ende. Doch Der Kri sah nicht etwa erleichtert aus oder froh, dass so viele
Wolfsmörder zur Strecke gebracht waren. Er sah Diane nur aus unendlich alt
wirkenden Augen an und sagte altersmüde: „Das ist der letzte Beweis, den
ich gesucht habe.“
Thuvindal, die
Dianes Verschwinden und Wiederauftauchen offenbar nicht bemerkt hatte, sah
Shejrriim fragend an. „Beweis? Mir ist schleierhaft, was hier überhaupt
vorgefallen ist. So haben die Yradin noch nie gejagt!“
Diane trat
zaghaft auf Shejrriim zu. Misstraut er
mir jetzt? Was hat er gemeint? „Da hinten waren Männer in Kapuzenroben.
Sie haben mich ebenfalls angegriffen.“
Shejrriims
Blick verfinsterte sich schlagartig. „Thuvindal! Schaff Diane und Treshem
fort von hier. Schnell!“
Die Elfe zögerte
kurz, rang sich aber schließlich durch und ergriff Dianes Arm, zerrte sie
fort. „Wir gehen zur Ordenshalle. Dort bist Du sicher.“ Im Gehen wob sie
einen Schwebezauber um den toten Löwenmenschen und nahm ihn mit.
Während Diane
von der erstaunlich kräftige Elfe fortgezogen wurde, rief sie Shejrriim zu:
„Was hat das zu Bedeuten?“
„Das wüsste ich auch gerne.“, knurrte der schwer verwundete Vampir.
Diane verschwand hinter einer Gruppe Büsche und Shejrriim wandte ihm seine
volle Aufmerksamkeit zu.
„Die Yradin
haben den Orden in eine Falle gelockt, wie es scheint.“, sagte Shejrriim.
Der Vampir zog
seine Augenbrauen hoch und sagt nur gelassen: „Ach wirklich? Nun, wenn ihr
meint... Ich werde es Linus überlassen, ob eure Worte als wahr oder falsch
gewertet werden. Er will Euch sprechen.“
Noch vollkommen in Gedanken an sein kurzes und von Misstrauen vergiftetes
Treffen mit Linus versunken, trat Shejrriim in sein Quartier, wo er Thuvindal
Tee zubereitend vorfand. Kaum stieg ihm der belebende Duft von Thilisar in die
Nase, schien ein Teil seiner Last von ihm zu fallen.
Die Zeichen
standen dennoch nicht besser. Linus war sehr zugeknöpft gewesen und hatte
behauptet, Saphrosis hätte Beweise vorgelegt, die den Orden mit den
Wolfsmorden in Verbindung brachten. Sehr überzeugende Beweise.
Seit dem
Angriff im Central Park hatte die Frage nach Verrat Shejrriims Gehirn
zermartert und Linus’ Worte streuten noch mehr Salz in diese Wunde.
„Wo ist
Diane?“, fragte Shejrriim beiläufig und setzte sich auf eines der weichen
Kissen. „Ruht sie sich aus?“
Thuvindal schüttelte
ruhig den Kopf und schenkte ihm Tee ein. „Sie ist noch recht aufgewühlt
wegen des Kampfes und hat mich wegen der Übergänge nach Landor ausgefragt.“
Nun schenkte die Elfe sich selbst eine Schale ein. „Die Rätin Yra’shuck
hat mir die Antworten abgenommen und ist mit ihr wohl zum Portalraum gegangen.“
Eisiger Schreck
durchfuhr Shejrriim und er sprang wie vom Skorpion gestochen auf. „Diane ist
mit Yra’shuck allein?“ Ohne eine Antwort abzuwarten rannte er zur Tür und
stürmte in den Korridor.
Er stieß im
Rennen mit einer Wache zusammen und entschuldigte sich nicht einmal. Er
brachte die Treppen zu den Gewölben mit großen Sprüngen hinter sich, ohne
auf die verwunderten Gesichter seiner Kameraden zu achten. Wenn der Rat doch
hinter den Wolfsmorden steckte, oder sie aus irgendeinem Grund deckte, dann
war Diane eine Gefahr für sie. Shejrriim hatte nicht vergessen, dass
Yra’shuck damals gegen Diane gestimmt hatte.
Mit keuchendem
Atem hastete er durch die Kellergewölbe und schon aus großer Entfernung sah
er: die Wächter des Portals waren fort. Das
Portal ist nie unbewacht!, blitzte ein Gedanke auf. Im letzten Augenblick
senkte er sein Tempo und schritt seine Hast verbergend durch die angelehnte Tür.
Der kleine Saal
war restlos von einem hellblau waberndem Licht erfüllt, das von dem magischen
Portal nach Landor ausging. Direkt vor dem nebligen, irrlichternden Schleier
magischer Energie standen Diane und Yra’shuck. Ich
kann nicht glauben, dass sie Diane das Portal aus reiner Freundlichkeit
gezeigt hat., dachte er misstrauisch. Sie
hasst Diane.
„Ah!
Diane!“, rief Shejrriim mit falscher Fröhlichkeit und die Yradin drehte
sich mit schwachem Erstaunen im Gesicht zu ihm um. „Ich habe Dich schon überall
gesucht.“
Diane konnte
sich offenbar nur schwer von dem fantastischen Lichtspiel lösen und brauchte
ein paar Sekunden, bis sie sich zu ihm umdrehte. „Ist das nicht absolut
traumhaft?“, fragte sie lächelnd. „Ich kann hören, wie es mich ruft.“
„Das Portal
ist das größte Wunder, das der Orden auf Terra zu bieten hat.“, erwiderte
er mit einiger Erleichterung in der Stimme.
„Was führt
Dich her, Shejrriim?“, fragte Yra’shuck gewohnt kühl.
Der Kri lächelte
falsch und nickte zu Diane. „Ich hatte ihr versprochen diesen elfischen Tee
zuzubereiten.“, log er. „Er ist jetzt fertig und sollte getrunken werden,
bevor er seinen Geschmack verliert.“
Diane erkannte
sofort, dass etwas nicht stimmte und spielte mit. „Ich hoffe, Ihr seid mir
nicht böse, ehrwürdige Rätin.“, sagte sie ebenfalls lächelnd. „Ich
versichere Euch, dass es mir viel bedeutet hat, was ihr mir gezeigt habt. Seid
Euch meines Dankes gewiss.“
Yra’shuck
neigte ein wenig säuerlich den Kopf und schritt aus dem Raum. „Menschen und
ihre Hast.“, knurrte sie leise. „Sie können nicht einmal nur eine
Sache tun.“ Damit verschwand sie.
Kaum war sie
weg fragte Diane: „Was ist los? Warum hast Du eine vom Rat angelogen?“
Shejrriim lächelte.
„Ich habe nicht gelogen, der Tee ist wirklich fertig. Thuvindal hat ihn
zubereitet.“
Diane lächelte
schief und stupste ihm ihren Zeigefinger auf die Brust. „Raus mit der
Sprache, oder muss ich erst grob werden?“
Shejrriim wurde
ernst. „Hier ist kein guter Ort zum reden, komm mit.“ Und in leisem Flüsterton
sagte er eindringlich: „Traue niemandem im Orden außer mir.“
Als Diane und Shejrriim endlich sein Quartier
erreichten, hatte Thuvindal bereits eine dritte Schale auf den Tisch geräumt
und sagte in aller Ruhe: „Thilisar wartet ungern. Setzt euch und trinkt.“
„Hey, da ist
ja wirklich Tee.“, staunte Diane und nahm neben Shejrriim auf der gegenüberliegenden
Seite des Tisches platz. „Riecht gut.“, fügte sie hinzu und lächelte
Thuvindal an.
„Warte, bis
Du gekostet hast.“, erwiderte Thuvindal.
Diane tat wie
ihr geheißen und verzog das Gesicht zu einem derart seeligen Ausdruck, dass
es Thuvindal ein schmales Lächeln entlockte. Sie
hat einen guten Geschmack für einen Sterblichen.
Dennoch ließ
die Elfe den Kri nicht aus den Augen. Er verbarg etwas, sogar eine ganze Menge,
und musterte sie nachdenklich. Als sie seinen Blick offen erwiderte, fragte
Shejrriim:
„Wem gilt
Deine Loyalität, Thuvindal? Dem Orden oder mir?“
Ein wenig verärgert
über diese misstrauische Frage antwortete sie mit Nachdruck: „Meine Loyalität
gilt meinem Volk und sonst niemandem.“
Unerwartet
freundlich nickte der Kri und antwortete: „Das ist die einzige Antwort, die
ich von Dir erwartet habe. Wenn Du Deinem Volk dienst, kann ich Dir vertrauen.“
Dann seufzte er wie ein alter Mann und Thuvindal fiel auf, dass seine Hand
wieder den Griff seines gegürteten Schwertes berührte.
„Ich mag euer
Schatten sein,“, sagte Thuvindal, „doch ich erfahre nichts von Euch. Was
ist heute vorgefallen, Shejrriim?“
„Einige Dinge
zu viel, die mir Sorge bereiten“, sagte er und blickte zu Diane. „Doch um
das Bild zu vervollständigen, möchte ich zu erst von Diane erfahren, was ihr
heute widerfahren ist.“
Und der Mensch
berichtete von der Order des Rates, sprach von dem Hinterhalt der Yradin, dem
entfesseltem Kampf und von ihrem Zurückweichen vom Hier. Sie beschrieb die
Roben ihrer Angreifer und von der Rückkehr nach Terra.
„War es...
was ich denke?“, fragte Diane abschließend. „Landor?“
Shejrriim
nickte einmal und Thuvindal schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist unmöglich!
Man kann nicht einfach durch den Schleier treten. Niemand kann das.“
„Mich überrascht
es nicht wirklich.“, widersprach ihr der Kri mit seltsamer Gelassenheit.
„Was mir vielmehr Sorge bereitet ist der Zeitpunkt, an dem Diane zum Central
Park gerufen wurde. Thuvindal und ich haben erst Minuten vor unserem
Eintreffen davon erfahren. Wären wir nicht zufällig in der Nähe gewesen, wären
wir zu spät gekommen.“
Seine
rubinroten Augen richteten sich auf Thuvindal. „Was ist mit Treshem?“
„Die Heiler
konnten ihn nicht wieder ins Leben rufen.“, sagte Thuvindal leise.
Knurrend schlug
Shejrriim eine Faust auf den Tisch. „Es war eine Falle! Die Yradin haben in
New York noch nie als Rudel gejagt und es war nicht vorgesehen, dass wir
rechtzeitig eintreffen!“ Mühsam entspannte er seine Hand wieder. „Und
hinter dem Schleier hat man auf Diane gewartet. Das war kein Zufall sondern
geplant.“
„Wie sollten
die Yradin dem Orden eine Falle stellen?“, fragte Diane verwundert, doch
Thuvindal hatte seine Worte anders verstanden.
„Ihr
behauptet, der Orden steckt dahinter?“, fragte sie ungläubig.
„Linus
behauptet Beweise gesehen zu haben, die den Orden belasten.“, erwiderte er
knapp. „Und ich hatte vorhin das seltsame Gefühl, dass Yra’shuck Diane
ins Portal locken wollte. Und der Angriff im Park galt eindeutig Diane, das
steht für mich außer Frage. Es war Absicht, dass sie dort war.“
So ruhig wie möglich
ordnete Thuvindal ihre Gedanken. Wenn es stimmte, was der Kri sagte, wäre das
ein schwerer Schlag für das Gleichgewicht und für ihren Auftrag. „Aber
warum Diane?“, fragte sie. „Sie hat bisher keine Spur gefunden, die auf
den Orden deutet.“
Shejrriim
seufzte schwer und senkte seinen Blick. „Aus dem selben Grund, aus dem Du
hier bist, Thuvindal. Sie ist, was Du suchst und was mich nach Terra brachte.“
Er hob seinen Blick und seine Rubinaugen waren tiefe Brunnen. „Sie ist das
Vereinigende Element.“
Diese Worte
trafen Thuvindal mit der vollen Wucht eines Schmiedehammers. Sie konnte nicht
glauben, was sie da hörte. Das vereinigende Element ein Lebewesen? Ein Mensch?
Aber die Elfenweisen sprachen von einem Artefakt! Dann dämmerte ihr eine
Erkenntnis: Die Elfen waren eitel geworden, wenn sie glaubten das Wissen aus
uralten Zeiten unverfälscht überliefern zu können. Es waren selbstverständlich
nur Interpretationen, die gelehrt wurden.
Ihr Blick fiel
auf Diane, die mit großen Augen abwechselnd die Elfe und Shejrriim anblickte.
„Was soll ich sein?“, fragte sie leise.
Shejrriim zog
sein Schwert aus der Scheide und legte es vor sich auf den Tisch. Ein
eingravierter Drache glitzerte im Schein der Feuerschalen. „Was ich Euch nun
offenbare darf diesen Raum nie verlassen.“ Nach einer nachdenklichen Pause
sah er Thuvindal an und fuhr fort: „Obwohl Dir einiges geläufig sein dürfte,
so habe ich auch Neuigkeiten für Dich, selbst wenn es uraltes Wissen ist.“
Er strich mit
einem Finger über den Kopf des Drachen und schien kurz in sich
hineinzulauschen. Dann nickte er und begann: „Jene in Roben gehüllte
Gestalten, die Diane auf Landor aufgelauert haben sind Anhänger eines Kultes,
der sich seit einigen Jahrzehnten im Verborgenen auszubreiten beginnt. Sie
nenn sich Drachenkult, denn ihre wahren Meister sind die Drachen von einst.“
Thuvindal sog
scharf den Atem ein. Das hatte Shejrriim gemeint, als er sagte, die Drachen wären
aus dem Exil zurückgekehrt!
„Sie
verfolgen viele Pläne, doch ihre größte Anstrengung gilt dem Finden des
Vereinigenden Elements, denn das ist es, was ihre Meister am sehnlichsten
wollen. Seit ich den Verdacht hegte, Diane könnte dieses Element sein, fürchtete
ich, der Drachenkult könnte dieses Wissen ebenfalls erlangen.“
Diane fragte
beinahe schüchtern: „Aber was... Aber wieso suchen sie das Vereinigende
Element... mich... Was vermag es?“
Thuvindal
sprach, bevor Shejrriim es tun konnte. „Das Vereinigende Element trägt Kräfte
Terras und Landors in sich. Und somit birgt es die Macht, den Untergang beider
Welten herbeizuführen.“ Dann senkte sie ein wenig beschämt den Kopf. „Mein
Auftrag war es, das Element zu finden und zu vernichten. Ich kann es nicht
mehr tun, denn ich diene dem Leben.“
„Es ist gut,
dass Du Dich so entschieden hast.“, sagte Shejrriim ruhig. „Denn das
Vereinigende Element kann nicht vernichtet werden. Töte Diane und es wird
wiedergeboren.“
Diane warf ihm
einen dankbaren Blick zu und musterte die Elfe distanziert. „Aber wer ist so
blöde und will beide Welten vernichten? Was haben die Drachen davon?“
„Die Drachen...“
Erneut seufzte Shejrriim und klang alt wie ein Berg dabei. „Sie sind die
Einzigen, die noch das wahre Wissen in sich tragen und sie wollen Terra und
Landor nicht vernichten... Sie wollen sie vereinen.“
„Was...“,
hub Thuvindal zum Sprechen an, doch Shejrriim kam ihrer Frage zuvor.
„Dieses
Wissen ist verboten und es wurde als blasphemisch verfolgt, seit es das zweite,
längst vergangene Zeitalter gab.“ Die Stimme, die aus seinem Mund kam war
nun kaum noch als die seine zu erkennen. Rau und alt und gewaltig klang sie,
auch wenn sie keinen Deut lauter war als zuvor.
„Wisset, dass
einst die Mächte herrschten, Wesen, den alten Göttern gleich. Und sie
herrschten über eine namenlose Welt, die noch eins war. Eine Welt, in der die
Magie in Harmonie mit der Ordnung der Naturgesetze existierte. Eine Welt, in
der Mensch und Elf unter der selben Sonne wandelten.
Doch die Mächte
verfielen in Zwist und entfesselten einen Krieg, der an seinem bitteren Ende
die Welt entzweite und Landor und Terra gebar.“
Thuvindal
wollte etwas entgegnen, dem Irrsinn dieser Blasphemie ein Ende setzten, doch
die Augen Shejrriims hielten sie zurück. Jeglicher Vernunft zum Trotz spürte
sie, dass ein älteres Wesen, als sie es war, zu ihnen sprach.
„Den Schaden,
den sie angerichtet hatten, konnten sie trotz ihrer Allmacht nicht ungeschehen
machen. Jene Mächte, die ihren eigenen Krieg überlebt hatten, grämten sich
ihrer Taten, der unzähligen Toten und der Spaltung der Welt. Sie zogen sich
von den Sterblichen zurück und schworen sich, nie wieder Einfluss auf ihr
Schicksal zu nehmen.“
Diane war es,
die das eintretende Schweigen nach einiger Zeit beendete: „Aber was hat das
mit den Drachen und mir zu tun?“
Shejrriim
lachte ein freudloses Lachen. „Wohin ziehen sich göttergleiche Wesen zurück,
wenn ihre Macht sich über alles erstreckt? Wie vermeiden solche Wesen, allein
mit ihren Gedanken Geschicke von Nationen zu lenken?
Sie geben ihre
Allmacht auf und entsagen der Unsterblichkeit, soweit sich ihr grenzenloser
Verstand das vorstellen kann. Sie werden Drachen.“
„Dann halten
sich die Drachen ja prima an den alten Schwur.“, warf Diane zynisch ein.
Shejrriim
nickte traurig. „Nicht alle Drachen, Diane. Es gibt solche, die sich den
Eidbrechern entgegenstellen oder sich im Verborgenen weigern, sich ihrer Sache
anzuschließen.
Denn nach Äonen
des Exils und des unentwegten Nachdenkens fanden die Drachen einen Weg, die
Welten wieder zu vereinen. Doch als sie zu Drachen schwanden, wurden sie
reinmagische Wesen – zu Geschöpfen Landors. Ihr Plan lag außerhalb ihrer
Macht. Beinahe.“
„Da komme ich
ins Spiel, oder?“, fragte Diane mit sichtlichem Unbehagen.
Diesmal war es
Thuvindal, welche die Antwort gab: „Es ist nicht überliefert, wie das
Vereinigende Element das Ende herbeiführen kann, doch es scheint
unverzichtbarer Teil eines Rituals zu sein.“
Der Kri nickte
und das Alter schien allmählich von ihm abzufallen.
„Eins
verstehe ich noch nicht.“, sagte Diane mit bemerkenswerter Ruhe. „Thuvindal
spricht von Untergang und Ende, Shejrriim von Vereinigung. Das klingt ziemlich
widersprüchlich.“
Shejrriim, der
inzwischen fast wieder er selbst war, raunte: „Millionen fanden den Tod bei
der Teilung. Was meinst Du wird geschehen, wenn beide Welten verschmelzen? Was
geschieht, wenn ein Atomkraftwerk und eine Trollfeste versuchen den gleichen
Platz einzunehmen? Was widerfährt der Magie Landors, wenn Naturgesetze ihrem
Wirken auf einmal Einhalt gebieten?“
Plötzlich
spitzte der Kri seine Katzenohren und lauschte. Mit Shargul in der Hand sprang
er auf, war mit zwei lautlosen, geschmeidigen Sprüngen bei der Tür und riss
sie auf. Nachdem er in den Gang gespäht hatte, schloss er sie wieder.
„Wir haben
schon zu viel riskiert.“, sagte er hastig. „Nur eines noch: Die Anhänger
des Kultes sind verblendet und träumen mit ihren Meistern von einer perfekten
Welt. Sie suchen das Vereinigende Element fieberhaft und ich weiß nicht, wie
weit ihr Arm reicht. Diane ist hier nicht mehr sicher.“
„Dann gehe
ich am Besten sofort.“, sagte Diane und erhob sich.
Die
alte Schwäche der Sterblichen., dachte Thuvindal. Ungeduld.
„Dir würde immer noch ein Wächter des Ordens folgen, Diane. Sobald wie
nicht mehr in Deiner Nähe sind, hätte der Orden leichtes Spiel, Dir erneut
eine Falle zu stellen. Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarten und uns überlegen,
wo wir Dich in Sicherheit bringen können, bis die Verschwörung des Ordens
aufgedeckt ist. Bis dahin wird einer von uns beiden stets in Deiner Nähe sein
und wir verhalten uns, als ahnten wir nichts.“
Der
Clan, entfesselt
Saphrosis hatte
die Wahrheit gesagt. Es gab einen verborgenen Bereich im Untergrund
Manhattans, in dem Wolfsbestien ein und aus gingen. Dass sie überhaupt
gingen, anstatt sich ihrer Amulette zu bedienen, legte die Vermutung nahe,
dass diese hier unten nicht funktionierten. Die Falle war perfekt.
An allen Eingängen
der Wolfshöhle warteten Linus’ Kinder in der erdigen Dunkelheit auf den
Befehl, loszuschlagen. Es galt nur noch, die Büchse der Pandora zu öffnen.
Denn die scheinbar nahtlos mit der Wand verschmelzenden Türen waren gepanzert
und selbst mit den Kräften eines Vampirclans nicht zu öffnen.
„Ich werde
jetzt reingehen, Jarod.“ Sein getreuer Stellvertreter nickte nur stumm. Im
Geiste sandte Linus einen Befehl an jene aus, die das seltene Talent teilten,
welches die Türen öffnen würde.
Mit geübter
Konzentration ließ er die Moleküle seines Körpers in Bewegung geraten, ließ
sie aufwallen und auseinander wirbeln, bis ihn jenes unglaubliche Gefühl der
Leichtigkeit erfüllte. Die Nebelform annehmen zu können war eine der wenigen
Freuden, die Linus seinem untoten Dasein abgewinnen konnte. Linus strömte in
einen der Versorgungsschächte, die kaum genug Platz für eine Maus boten und
machte sich auf den Weg, dem Feind das Verderben zu bringen.
In seinem
jetzigen Zustand verlor er das Gefühl für Raum und Zeit, während seine
Gestalt um Kabel und Rohre herumwallte. Es gab nur die Dunkelheit, den Fluss
des Seins und seinen Willen, der ihm sagte, dass er weiterziehen musste.
Weiter, bis Licht seinen Frieden stören würde.
Grrashi
kroch ein ungutes Gefühl über den Rücken und ihr Fell sträubte sich. Schon
die letzten Tage lag eine Anspannung über dem Versteck des Jägerkultes, was
jedoch jeder auf das Scheitern der letzten Jagden geschoben hatte. Die Yradin
selbst waren zur Beute geworden, doch das bedeutete nur, dass es endlich einen
würdigen Gegner gab, den es zu jagen galt.
Die Anspannung,
die sie nun spürte, war anders. Sie streckte ihre Schnauze in die Luft und
witterte sie. Nichts!, dachte sie
ungläubig. Nichts, was man riechen
kann, zumindest. Grrashi lachte kehlig über ihre eigene Dummheit. Wieso
war ihr dieser seltsame Gedanke gekommen?
Das einzige,
das sie riechen konnte waren Dutzende eingepferchte Yradin, Beton, Bunkerluft
und Nebel. Nebel? Verwundert sah
sie nach unten und stellte fest, dass sich ein dunstiger Schleier über den
Boden ausbreitete, der träge um ihre Füße floss.
„Verdammte
menschliche Technik.“, knurrte sie. Doch irgendwie beschlich sie das Gefühl,
dass dieser Nebel alles andere als irdisch war. Eine seltsame Drohung ging von
ihm aus, die ihr langsam ins Mark sickerte. Nur mühsam widerstand sie der
Versuchung, auf die Kiste in der Ecke zu springen, nur damit der Nebel nicht
mehr ihr Fell berührte.
Dann fiel ihr
ein, dass Menschen seltsame Dämpfe erdacht hatten, welche lautlos töten
konnten. Giftgas., schoss es ihr
durch den Kopf und das löste ihre träge Starre endlich. „Wir werden
angegriffen.“, knurrte die Yradin und wollte eben das noch einmal laut
rufen, als eine grabeskalte Stimme in ihrem Kopf flüsterte:
Es
ist zu spät, Grrashi. Du bist verloren. Dann begann der Nebel seltsam zu
schimmern und etwas begann an der Yradin zu zerren. Doch war es nicht ihr
Fell, das sich gezogen fühlte, sonder vielmehr ihr Innerstes. Bevor ihre
Sinne schwanden, sah sie noch einen roten Schatten aus ihrem Körper treten,
der die Gestalt eines Yradin hatte und dann zu roter Gischt zerstob.
Der
blutige Schleier erreichte nie den Boden, sondern vermischte sich mit dem
Nebel seiner Gestalt und Linus sog das Blut in sich hinein. Die ausgezehrt
wirkende Gestalt der Wolfsfrau sackte leblos zusammen. Heute
gibt es ein Festmahl für meine Kinder., dachte Linus und zog sich zu
seiner menschlichen Form zusammen. Wenige Sekunden später stand er über die
Leiche gebeugt und lächelte kalt. Endlich konnte er wieder jagen, ohne sich für
seinen Durst zu verdammen.
Linus nahm eine
kleine Magnetkarte an sich, die um den Hals der Yradin hing und besah sie sich
interessiert. Es wunderte ihn ein wenig, dass der Orden über einen solch
hohen technischen Standard verfügte und überhaupt nutzte, anstatt sich auf
Magie zu verlassen.
Schulterzuckend
zog er die Karte durch das Lesegerät an der Wand, Hydraulikpumpen sprangen
irgendwo an und die Panzertür schwang schwerfällig nach außen auf. Eine
Schar seiner Kinder wartete schon auf ihn.
„Die Tafel
ist gedeckt.“, sagte Linus.
Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Die Vampire stürmten durch die
verschiedenen Eingänge in das Versteck der Yradin und fegten jeglichen
Widerstand in den äußeren Gängen brutal beiseite. Linus sah durch die Augen
der von ihm getauften Kinder. Mit Genugtuung sah er jene sterben, die ihm und
seinem Clan so lange ein Dorn im Auge gewesen waren. Linus folgte dem Kampfeslärm
mit Bedacht und hielt die Augen offen. Er mochte nicht so recht glauben, dass
es so einfach sein sollte.
Keine zwei
Kreuzgänge später sollte sich sein Misstrauen bewahrheiten. Ein sengender
Feuerball schoss fauchend durch den Korridor, zerschellte krachend an der Wand
und riss drei Vampire in ein feuriges Grab.
Sie
verwenden Magie!, dachte er überrascht und nannte sich im selben
Augenblick einen Narren. Natürlich verwendeten die Yradin Magie, sie waren
Diener des Ordens und nicht nur jagende Bestien!
Der kalte Zorn
der Jagd, gemischt mit der feurigen Gier nach Blut, trieb ihn in die Kreuzung.
Ein weiterer Feuerball, geschleudert von einem verwundetem Yradin, raste auf
Linus zu, doch der wich mit seiner vampirischen Schnelligkeit mühelos aus.
Der Korridor flirrte kurz, dann war Linus bereits bei seinem Gegner angelangt,
legte ihm eine Hand auf die Brust und sah ihm in die Entsetzensgeweiteten
Augen. Dann zerfiel der Yradin zu Asche.
Und weiter ging
die Jagd. Der Widerstand wurde erbitterter, je weiter sie in das Innere der
Anlage vordrangen und einige Vampire mehr ließen ihr Leben. Doch die Opfer
unter den Yradin waren ungleich höher. Sie hatten den mannigfaltigen
unheiligen Talenten der Untoten nichts ernsthaft entgegenzusetzen.
Wolfskrallen
trafen auf giftige Klauen. Magische Eisstürme standen gegen Wolken, die bei
Kontakt das Fleisch verrotten ließen. Magische Lähmung verblasste im
Vergleich zu Flüchen des Irrsinns, welche die Yradin gegen ihre eigenen Brüder
hetzen. Tödliche Wunden kosteten Leben, wo klaffende Risse sich nach wenigen
Augeblicken wieder schlossen.
Doch Kräfte
des Clans dünnten allmählich aus, da sich viele Vampire an den Wolfsmenschen
satt tranken. So kam es, dass nur gut zwei Dutzend von Linus Kinder in jenen
großen Saal vordrangen, der im Herzen des Yradinverstecks lag.
Linus wollte
gerade den anderen in jenen Saal folgen, als gleißendes Licht durch die Tür
in den Gang fiel und beißend in seine Augen drang. Von Drinnen drangen grässliche
Schreie und Linus spürte seine Kinder zu Asche verbrennen.
Sonnenlicht!
Hier!, dachte er entsetzt. Er sandte eine Warnung an alle anderen,
wappnete sich für einen harten Kampf und rannte durch die Tür.
Schwelende Häufchen
unweit des Eingangs verrieten, wo die Vampire gestorben waren. Ein Rudel von fünfzehn
Wolfsmenschen umringte eine Yradin, die auf einem leicht erhöhten Potest
stand.
„Linus
Devron.“, knurrte die Yradin und Hass blitzte in ihren Augen. „Ich wusste
vom ersten Augenblick an, als dieser Narr Shejrriim einen Pakt mit Dir
vorschlug, dass Du eines Tages Ärger machen würdest.“
Linus trat
vorsichtig vor, während die Yradin angriffsbereit ausschwärmten. „Wer bist
Du, dass Du meinen Namen kennst?“, fragte er ruhig.
„Du willst
wissen, welchen Namen Dein Verderben trägt?“ Die Yradin lachte und formte
seltsame Gesten mit ihren Händen. Mächtige Energie ging von ihr aus und sie
begann zu schimmern. „Ich bin Yra’shuck.“
Die
Rätin des Ordens!, ging es Linus durch den Kopf. Dann
ist jedes Wort wahr, das Saphrosis sprach!
Yra’shuck
stieß einige fremdländische Worte aus und das Leuchten ihres Körpers
schwoll zu einem Gleißen an. Die Macht der Sonne durchflutete den Saal mit
ihrem verseuchten Schein und prallte mit brutaler Wucht auf Linus’ untoten Körper.
Er spürte das Sengen, spürte, wie sein Fleisch sich auflösen und entzünden
wollte, spürte den grausamen Schmerz...
... und lachte.
Er lachte noch lauter, als er zunächst die Verwunderung und dann das dämmernde
Entsetzen in Yra’shucks Mine erblickte. Die Lichtflut brach schlagartig
zusammen und ließ Linus dampfend, aber lebendig, wieder in angenehmes Dämmern
eintauchen.
„Ich habe
Jahrtausende einen Weg gesucht, der Sonne widerstehen zu lernen, nur weil ich
noch einmal ihr Licht erblicken wollte.“, sagte Linus mit bedrohlichem
Unterton. „Stell Dir meine Überraschung vor, als es mir gelang und ich
feststellen musste, dass die Sonne nur noch ein grausames Monster für mich
ist!“ Er ließ seine rechte Hand zur Klaue werden. „Doch heute Abend hat
es sich ausgezahlt.“
Ein Yradin, der
wohl gedacht hatte, er könne sich unbemerkt von hinten anschleichen, sprang
vor. Noch bevor er seinen Schlag führen konnte, war Linus herumgewirbelt und
schlug ihm mit der zu Klauen verzerrten Hand eine klaffende Wunde in den
Bauch.
Jetzt kam
Bewegung in die Meute. Die armen Irren,
dachte Linus und sandte mit seinem Geist ein Wort der Macht aus. Sie
denken, sie können mich töten. Das Wort schlug in den Gehirnen der
Schwachen ein wie eine Splitterbombe und hinterließ bei manchen das reine
Chaos. Durcheinander entstand und entsetzte Schreie wurden laut, als auf
einmal Yradin gegen Yradin zu kämpfen begannen und wie wahnsinnig um sich
schlugen.
Yra’shuck
hingegen stand unbeeindruckt auf ihrem Podest. Sie war ohne Frage stark im
Geist und ein würdiger Gegner. Linus entdeckte eine Schneise in der kämpfenden
Horde und schoss mit widernatürlicher Geschwindigkeit auf Yra’shuck zu, die
Klaue zum tödlichen Schlag erhoben.
Doch einen
Meter vor ihr schien er in zähes Gelee einzutauchen und jede seiner
Bewegungen kostete das Zehnfache an Kraft und Zeit. Die Yradin lächelte überlegen,
ließ kleine Blitze um ihre ausgefahrenen Krallen tanzen und schlug zu.
Sein Versuch,
sie abzuwehren, kam viel zu spät und plötzliches Feuer aus Schmerzen raste
durch seine Nervenbahnen. Der Schrei, der aus seinem Mund drang, klang seltsam
verzerrt, während er in Zeitlupe nach hinten geschleudert wurde. Yra’shuck
schlug noch zwei Mal zu, während er fiel, und raubte ihm vor Schmerz fast die
Sinne.
Mit
ungebremster Wucht schlug er auf dem Boden und überschlug sich, bevor er zu
liegen kam. Diese Verlangsamung umgibt
sie wie eine Aura., erkannte er und rappelte sich auf. Außerhalb ihres
Wirkungsbereiches konnte er sich normal bewegen.
Zeit
für einen Test!, dachte er, zog entschlossen seinen silbernen Dolch und
warf ihn nach der Yradin. Ungebremst schlug er in die Schulter Yra’shucks
und ließ sie schmerzvoll aufstöhnen. Linus ließ ein wölfisches Lächeln
aufblitzen, griff zu den verborgenen Halftern an seinem Rücken und zog drei
Wurfdolche mit einem Griff.
Einen davon
bekam ein heranstürmender Yradin zu kosten, die anderen beiden sandte er
Yra’shuck. Doch zu seinem Erstaunen schlugen die Dolche gegen eine
unsichtbare Barriere und fielen klirrend zu Boden. Die Yradin nutzte die Zeit
und heilte ihre Wunde. Neugierig betrachtete sie den Dolch. "Eine
magische Waffe. Auf Terra." Mit hochgezogenen Augenbraun sah sie Linus
an. "Der Orden wird dafür sorgen, dass ihr Vampire von Angesicht der
Erde getilgt werdet!"
Verdammte
Magie!, dachte er und musste über sich selber lachen. Noch
vor einem Jahr hättest Du alles gegeben, um wahre Magie zu sehen. Er tötete
einen anstürmenden Yradin und hüllte sich in den Mantel der Schatten.
Unsichtbar für
sterbliche Augen sprang er an die Decke des Saals und wich so zwei eilig
geworfenen Feuerbällen aus. Er fühlte Yra’shucks Magie an sich zerren, als
sie versuchte, ihn aufzuspüren. Doch er hatte Jahrtausende an diesem Talent
gefeilt. Sein Wille war Adamant und widerstand.
Für den
Augenblick war er in Sicherheit. Unten tobte der Kampf zwischen den Yradin und
selbst Yra’shuck konnte sich ihm nicht mehr entziehen. Eiskalt tötete sie
jeden, der in ihre Nähe kam.
Linus witterte
ihr Blut, hörte ihren Pulsschlag, das Rauschen in den Adern... Er war der
Herr des Blutes, ergriff es und zwängte es in andere Bahnen. Yra’shuck
geriet ins Stocken. Panik erfüllte ihren Blick, als sie sich taumelnd
zusammenkrümmte, da ihr Blut mit einem Mal in die falsche Richtung floss, aus
den Blutgefäßen drängte und sich zwischen die Zellen ergoss.
Linus schritt
an der Decke über Yra’shuck. Nun galt es entschlossen zu handeln. Bereits
jetzt wob sie einen Gegenzauber. Doch sie war geschwächt. Er übergab sich
der Schwerkraft, fiel, stürzte auf Yra’shuck zu. Wieder spürte er jene
seltsame Verlangsamung , doch diesmal war sie sein Freund. In Zeitlupe schlug
er einen halben Salto, landete geduckt auf ihrem schmerzgekrümmten Rücken.
Schraubstöcken
gleich schloss er seine Finger um ihre Schultern, als sie ihren Feind bemerkte
und abschütteln wollte. Doch es war zu spät. Unaufhaltsam drangen seine
Fangzähne in ihren Hals und zertrümmerten ihre Gegenwehr.
Das Trägheitsfeld
brach zusammen und Yra’shuck war endgültig verloren. Während er ihr
kraftvolles Blut trank, berührte er ihren sich vernebelnden Geist: Das
ist das Ende eures Kultes, Yra’shuck. Noch diese Woche wird der Orden
folgen.
Yra’shucks
Stimme erklang leise, aber dennoch ungebrochen in seinem Geist: Du
warst ein würdiger Gegner, doch nur ein Narr kann glauben, dass dies das Ende
ist.
Ihr
Bewusstsein wollte schwinden, doch Linus packte es erbarmungslos und hielt es
fest. Was meinst Du, Wolfsbestie?
Einen
Krieg mit dem Orden kannst Du nicht gewinnen, Du Narr! Ein wildes Zucken
durchlief ihren Körper und sie starb.
Linus ließ
ihren leblosen Leib fallen und sah auf. Um ihn herum herrschte immer noch
Chaos. Wenn Yra’shucks Worte wahr waren, würde es noch mehr Chaos geben.
Doch es war unvermeidlich. Das Ende würde kommen, auch wenn es erst der
Anfang war.
Ein
an diesem Ort vollkommen fremd anmutendes Geräusch riss Diane aus ihren
Gedanken: Ihr Handy klingelte. Thuvindal, die neben der Tür wachend
meditierte, warf ihr einen verärgerten Blick zu. Sie verabscheute die Technik
der Menschen, die auf solch unmagische Art und Weise die Magie nachäfften.
Diane ergriff
das Telefon. „O’Donnell?“
„Die
Dechiffrierung ist abgeschlossen.“, sagte eine anonyme Stimme. „Sie haben
zehn Minuten Zeit, einen Upload zu ermöglichen.“ Dann legte ihr Gegenüber
auf.
Rasch, aber
ohne Hast klappte Diane ihr Notebook auf. Zum Glück hatte sich Shejrriim
schnell darum gekümmert, es für sie zu beschaffen. Na
dann, Mädchen, Zeit für die Wahrheit. Sie tippte den Zugangscode ein, öffnete
eine Verbindung zum Hauptquartier und öffnete ihren Rechner für den Upload.
Keine zehn
Sekunden später strömte eine unglaubliche Datenmenge auf ihren Computer. Zu
ihrem Glück hatten die Kollegen die Daten von Micro Biotics nicht nur entschlüsselt,
sondern auch in Kategorien sortiert. Und eine sprang Diane sofort ins Auge:
„unidentifiziertes Genprojekt“.
Noch während
die ersten Megabyte dazu eintrafen, begann sie fiebrig zu lesen. Genprofile
gefunden. Nicht humane Genprofile,
sogar eine ganze Menge davon. Dutzende... Die Proben waren klonfähig!
So langsam dämmerte
Diane, was da in den Laboren von Saphrosis’ Unternehmen vor sich ging.
Ungeduldig trommelte sie auf den Rahmen ihres Notebooks und verfluchte die
Langsamkeit der Verbindung. Wenn die Gene, die Saphrosis gesammelt hatte, von
Yradin stammten, dann mussten diese für ihn arbeiten. Klonbares Material
konnte man nicht einfach so aus Haarresten oder Blutspritzern gewinnen.
In diesem
Augenblick flog die Tür auf, Shejrriim stürmte herein und warf die Tür
hinter sich zu. „Linus ist vor den Toren des Ordens erschienen. Er hat den Wächtern
Yra’shucks Leiche vor die Füße geworfen!“
„Was?!“,
riefen Diane und Thuvindal zugleich.
„Er
behauptet, den Jägerkult ausgelöscht zu haben und wirft dem Orden vor, er wäre
der Patron der wilden Yradin.“
„Aber das ist
absurd.“, warf die Elfe ein.
„Nein, leider
nicht.“, sagte Shejrriim sofort mit überzeugter Stimme. „Woher wollen wir
wissen, was im Rat vor sich geht? Yra’shucks Schuld ist unbestreitbar und
wenn ein Ratsmitglied...“
„Ich habe
etwas gefunden, was Dich interessieren dürfte.“, unterbrach ihn Diane. Das
Jagdfieber hatte sie gepackt. Sie winkte ihn zu ihrem Notebook. „Ich habe in
den Daten von JSC Micro Biotics Genprofile gefunden. Wenn ich jetzt das Profil
des Yradins nehme, der mich in der Lagerhalle angegriffen hat...“ Sie
startete den Datenvergleich und jagte das Profil über die von Micro Biotics.
Die Antwort
erfuhr sie nie. Erneut flogt die Tür auf und donnerte krachend gegen die
Wand. Thuvindal und Shejrriim zogen ihre Waffen und sahen sich Taresh und
einem halben Dutzend Wachen des Ordens gegenüber.
„Diane
O’Donnell!“, grollte Taresh und die Wachen strömten an ihm vorbei. „Der
Schwurstein, bei dem Du geschworen hast, hat Dich des Verrats überführt! Wir
nehmen Dich in Haft und werden über Dich richten.“
Shejrriim sah
zu Diane, die kaum sichtbar mit dem Kopf schüttelte. Jemand
hat den Stein manipuliert, dachte sie erzürnt. Rasch stellte er sich
zwischen sie und die Wachen. „Zuerst verlange ich, den Schwurstein zu
sehen!“
Auf ein Nicken
Tareshs hin packte ihn zwei Wachen und schoben ihn gegen die Wand. „Du hast
kein Recht mehr, zu fordern! Du hast Dich für sie verbürgt und bist aller
Privilegien enthoben.“
„Das
ist Verrat!“, fauchte Shejrriim und sah hilfesuchend zu Thuvindal. Doch die
hatte bereits das Schwert weggesteckt und blickte kopfschüttelnd zurück.
„Ich habe
Euch gesagt, dass Eure blinde Faszination für diesen Menschen Euch das Genick
brechen wird.“
Taresh nickte
wohlwollend. „Bis eine Nachfolge gefunden ist, wird Thuvindal Shejrriims
Pflichten übernehmen. Wachen, führt die Verräterin ab!“
Diane stemmte
sich gegen ihre Festnahme und riss sich los, so dass sie gegen den Kri
stolperte. „Das Notebook!“, flüsterte sie leise, bevor sie fortgerissen
wurde.
Taresh bedachte
Shejrriim mit einem letzten zornigen Blick und folgte der Gefangenen.
„Was im Namen des Schöpfers ist in Dich gefahren?“, fragte
Shejrriim aufgebracht und sah die Elfe eindringlich an. „Ist das der...“
Doch Thuvindal
hob nur beschwichtigend die Hände. „Im Gegensatz zu Euch habe ich einen kühlen
Kopf bewahrt und genieße noch immer das Vertrauen des Rates.“ Sie
schmunzelte ein wenig über sein verdutztes Gesicht. „Glaubt Ihr, sie werden
sich mit ihrer Gefangennahme zufrieden geben? Ich glaube kaum. Der Tod würde
sie in ihrer Zelle finden, wenn niemand Wache hält, der dem Rat gegenüber
Misstrauen hegt. Ich werde das übernehmen und für die restliche Zeit
vertrauenswürdige Wachen finden.“
Bedächtig
nickte der Kri. „Und was ist mit Deinen neuen Pflichten?“
„Das wird
sich zeigen. Einiges könnt Ihr für mich erledigen.“ Sie musterte ihn mit
gespielter Überheblichkeit. „Ich nehme an, dass Ihr geeignet dafür
seid.“
Shejrriim
verneigte sich demütigst. „Ich werde Dich nicht enttäuschen, Thuvindal,
Rechte Hand des Rates. Zunächst will ich ergründen, was uns Dianes Fund
verraten kann.“
Er ging zu dem
Notebook, überflog was auf dem Bildschirm stand und nickte. „Das ist der
Beweis! Der Yradin, der Diane angegriffen hat ist auch in den Laboren von
Saphrosis gewesen. Er...“ Überrascht riss er die Augen auf. „Er betreibt
ein Experiment, die wilden Yradin zu klonen!“
„klonen?“
Thuvindal trat neben ihn und war dem Computer einen finsteren Blick zu.
Shejrriim schlug sich gegen die Stirn. „Jetzt begreife ich! Linus rief am
Tor, das Saphrosis unsere Lüge enttarnt hätte. Dabei hat er die Yradin nur
fallen gelassen, als sie entbehrlich wurden. Er züchtet sich nun neue Killer
heran, die er vom ersten Atemzug seinem Willen unterwerfen kann, anstatt
unberechenbare Bestien in seinen Diensten zu haben.“
Shejrriim
wunderte sich dennoch. In welcher Verbindung stand dann der Orden zu den
Yradin oder gar zu Saphrosis? Yra’shuck hatte ihre Hände im Spiel gehabt
und so wie es aussah, hatte ein weiteres Ratsmitglied den Schwurstein verhext.
„Das ist der
Beweis, dass Saphrosis der Pate der Yradin war?“, fragte Thuvindal. „Wir müssen
das zu Linus schaffen, um einen Krieg zu verhindern!“
Linus
sah die Elfe nur kalt an und würdigte den „Beweis“ keines Blickes. Er
hatte das Spiel aus Täuschung und Verrat schon zu lange gespielt, um diesen
beleidigend stümperhaften Versuch persönlich zu nehmen.
„In der
selben Nacht, da ich den Verrat des Ordens mit der Leiche Eurer Rätin
unwiderlegbar belege, kommt Ihr mit neuen Beweisen für eurer Unschuld?“ Er
bohrte seinen Blick in ihre Augen und fegte plötzlich das Notebook vom Tisch,
dass es gegen die Wand krachte und zerschellte. „Wir wissen doch beide, dass
Dianes feine NSA die Meister der digitalen Beweisfälschung sind.
Ich hätte
gerne mehr über Euch erfahren, Elfe Thuvindal. Über Euch und die Magie eures
Ordens...“
„Es ist noch
nicht zu spät...“, wollte die Elfe einwenden, doch Linus schnitt ihr das
Wort ab.
„Selbst wenn
der Orden nicht die Wolfsmorde verantworten würde, ist er doch zu
unberechenbar und gefährlich. Es ist ein altes Gesetz unserer Art: Es kann
nur eine Macht in der Stadt geben.“
„Ein Krieg
kann...“
„Der Krieg
hat längst begonnen.“ Die Sache begann ihn zu langweilen. „Geht jetzt,
Elfe. Allein dem, was uns einst zu verbinden schien, habt Ihr Euer Leben zu
verdanken.“
Thuvindals
Blick wandelte sich von Betroffenheit zu Fröhlichkeit, ein Anblick, der in
dieser düsteren Villa so befremdlich wirkte, dass es Linus berührte.
„Glaubt Ihr, mich aufhalten oder gar töten zu können?“
Sie
schmunzelt!, dachte er ungläubig. Mit diesen Worten wandte sie sich ab
und schritt leichtfüßig aus dem Raum und Linus ließ sie ziehen.
„Jarod?“
Der
Angesprochene trat aus dem Schatten einer Ecke. „Ruf meine Kinder aus allen
Staaten zusammen, die in sieben Tagen hier sein können.“
„Alle?“,
fragte Jarod ungläubig. „Das ist eine kleine Armee!“
Linus seufzte
schwer. „Wir werden eine Armee brauchen, um diesen Krieg zu gewinnen.“
„Dann wird es
geschehen, mein Fürst.“
Linus versank
in tiefes Nachdenken über die wohl schwerste Prüfung, der sich sein Clan je
stellen musste. War es ein Fehler? Wie groß würden die Lücken werden, die
der Kampf in die Reihen seiner Kinder schlagen würde?
Jarod wollte
sich gerade zurückziehen und Linus seinen Gedanken überlassen, als dieser plötzlich
sagte: „Ich möchte nicht, dass Du an dem Sturm auf den Orden teilnimmst,
Jarod.“
Der erstarrte,
als hätte man ihm ins Gesicht geschlagen. „Ich weiß, dass Ihr nicht an
meinen Fähigkeiten zweifelt, Linus. Was ist es dann?“
Linus sah ihn
unverwandt an. „Du bist der Einzige, dem ich es zutraue, den Clan Devron
zusammenzuhalten, wenn ich fallen sollte.“
Jarod sah Linus
lange und eingehend an, ohne eine Wort zu sagen. Immer wieder schien er zu
einem Widerspruch anzusetzen, doch letztendlich nickte er langsam. „So soll
es sein, wenn es das Schicksal verlangt. Doch Ihr werdet bestehen. Ihr habt
immer bestanden.“
Linus lächelte
ein schmales Lächeln und es fühlte sich beinahe echt an. „Ein paar
Jahrtausende sind keine Garantie für auch nur einen weiteren Tag.“
„Ja, mein Fürst.
Das werde ich mir merken.“, sagte Jarod, wandte sich ab und eilte aus dem
Zimmer. Die Weichen des Schicksals waren gestellt.
Die
kalte, klare Nachtluft strömte in Shejrriims Lungen und er ließ sie nur
langsam wieder entweichen. Wehmütig blickte er hoch zu den Sternen, die in
der perfekten Schwärze des Alls stumm und schön funkelten. Doch erfreuen
konnte er sich nicht an ihrem Anblick oder fand Ruhe in ihrer Beständigkeit.
Es waren nicht
die Sterne seiner Heimat, sondern die Sterne Terras. Er stand Wache bei den
Toren und wartete auf den Angriff der Vampire, der jeden Augenblick kommen könnte.
Oder morgen. Oder nächste Woche.
Bei
den Sternen wirst Du keinen Trost finden, sagte er zu sich selbst. Selbst
wenn sie sich für Dein Schicksal interessieren und Dich beobachten würden,
so wärst Du auf Terra nur eine Jahrhunderte oder Jahrmillionen alte
Vergangenheit für sie.
Eine Löwenfrau
neben ihm bemerkte seinen Blick und folgte ihm. „Selbst die Sterne sind hier
anders.“, sagte sie und lächelte nervös. „Sie wirken so seltsam...
leblos.“
Shejrriim
nickte ihr aufmunternd zu. „Wie ist Dein Name? Du scheinst nicht nur neu auf
Terra sondern auch noch nicht lange beim Orden zu sein.“ In den letzten
Tagen waren hunderte Ordensbrüder und –schwestern aus dem Portal getreten,
um diesen terranischen Außenposten zu verstärken.
„Oshera.“,
antwortete sie und ihr Lächeln wurde ein wenig sicherer. „Und Du bist
Shejrriim, man hört hier nur das Beste von Dir.“
„Ist das
so?“
Sie nickte
eifrig. „Es heißt, Du bist ein Meister des Kampfes und führst eine
magische Klinge. Stimmt das?“
Shejrriim
neigte bescheiden sein Haupt.
„Auch sagt
man, Du hättest bereits gegen den König dieser Dämonen gekämpft, die uns
angreifen werden?“
Erneut neigte
Shejrriim seinen Kopf.
„Das ist gut.
Was die Elfe über diese Vampire gesagt hat war nicht unbedingt ermutigend.“
Thuvindal, die
zu einer Expertin der Vampirkunde geworden war, hatte alle Kämpfern und
Magiern unterwiesen, wie Vampire getötet werden konnten, wo ihre Stärken und
Schwächen lagen und was Schutz gegen sie gewährte.
„Bleib in
meiner Nähe und ich schütze Dich, so gut ich kann.“, sagte er und fühlte
sich nun selbst ein wenig besser. Doch dann stieg ihm ein beunruhigender
Geruch in die Nase und Shargul kreischte. „Es geht los!“, schrie Shejrriim
und riss das Schwert aus der Scheide. Die Drachen lösten sich von der Klinge
und bäumten sich zu Schutz über seinen Schultern auf.
Kaum einer
hatte nicht auf den Warnruf des Kri gehört. Nun standen sie kampfbereit und
starrten in die Dunkelheit. Ein Zwerg in der Nähe knurrte ungeduldig: „Nun
kommt schon!“
Und sie kamen.
Einer Flut von großen, dunklen Spinnen gleich brandeten die Vampire gegen die
Tore und krochen über den Wall der Finsterhecke. Eine Wache blies in das Horn
und gleiche Signale drangen von überall her. Sie
greifen am ganzen Wall an!, konnte er noch denken, bevor sein Schwert den
Tanz begann.
Jeder Streich
streckte einen Vampir nieder, doch war bei weitem nicht jeder Schlag tödlich.
Doch nur die wenigsten standen wieder auf. Kampfmagier steckten die Geschwächten
in Brand und bald erstickte der Gestank von brennendem Fleisch den Atem.
Wie ein Sturm
durch Weizen pflügte Shejrriim durch die Reihen der Vampire, Shargul hob und
senkte sich anmutig und brachte Verderben über die untote Brut. Oshera hielt
ihm den Rücken frei und entging so dem Schicksal vieler Anderer des Ordens.
Die feuerhelle
Nacht war erfüllt vom Schreien und Röcheln der Lebenden und Sterbenden, dem
Übelkeit erregenden Geräusch von Klingen, die in Knochen und Fleisch
schlugen und den grausamen Stimmen der Vampire.
Nach einer
Ewigkeit, wie es schien, ebbte der Ansturm auf das Tor ab. Gerade, als der
Sieg so greifbar nahe war, fetzte ein aufrüttelnder Hornruf durch den Wald
des Anwesens: Das Signal zum Rückzug!
„Oshera!“,
rief der Kri und hieb einem Angreifer den Kopf von den Schultern. „Die Burg
wird angegriffen! Folge mir!“
Als sie den Platz vor der Ordenshalle erreichten, tobte die Schlacht mit
voller Wucht. Strahlen sengender Helligkeit brannten durch die Reihen der
Untoten und hinterließen Asche. Dennoch schienen die Vampire auf dem
Vormarsch zu sein! Ein dunkler Schatten, finsterer als die Nacht des Waldes,
trieb sie an.
Die Verstärkung,
die nun aus allen Richtungen herbeieilte, verwandelte die Belagerung in einen
Hinterhalt. Doch anstatt in ungeordnete Scharmützel zu zerfallen, ballte sich
die Horde der Vampire in der Nähe des Tores und drängten immer stärker in
dessen Richtung. Der dunkle Schatten war ihr Marionettespieler.
Dann jedoch
trat eine leuchtende Gestalt ins Freie und der Ansturm stockte. Das Leuchten
war weniger mit dem Auge, als mit dem Herzen zu sehen. Die unverhüllte
Thuvindal, ein Quell unsterblichen Lebens ließ die untoten Kreaturen
verblassen.
Da löste sich
der Schatten auf und Shejrriim erkannte Linus, der Thuvindal entgegentrat.
Alles in ihm drängte danach, ihr zu Hilfe zu eilen, doch sein Verstand zeigte
einen anderen Weg. „In die Burg, ihr Hüter des Gleichgewichts!“, donnerte
seine mit Shargul verschmolzene Stimme. Thuvindal erkaufte ihnen allen die
Zeit, die sie brauchten.
Das Letzte, was
er von der Elfe sah, war ein gleißendes Schwert mit schlanker Klinge in ihrer
Hand, das sie zum Streich auf Linus niedersausen ließ. Sie
weiß, was sie tut., dachte er und schob Oshera über das schützende
Siegel in die Burg.
Kampfeslärm
drang schwach in Dianes Zelle und sie verfluchte einmal mehr den Umstand, dass
ihre Gefangenschaft sie davon abhielt, etwas Sinnvolles zu tun. Sie konnte
kämpfen!
Unheilvoller
Neben sickerte durch den schrägen Lichtkanal ihrer Zelle. Du
hättest Die keinen Kampf wünschen sollen, Mädchen!, dachte sie, denn
ihr schwante Übles. „Wache! Ein Eindringling!“, rief sie ohne viel
Hoffnung.
„Für wie
dumm hältst Du mich, Mensch?“, fauchte der Yradin vor der Tür.
Der Nebel
formte sich zu einer menschlichen Gestalt und Diane schlug sofort zu, so fest
sie nur konnte, und traf das Kinn mit voller Wucht. Anstatt bewusstlos
umzufallen, verzog der Vampir nur verächtlich seinen Mund, als er seinen Kopf
zurücklenkte. Weiter Schläge und Tritte trommelten auf ihn ein, Knochen
brachen und endlich sackte ihr Gegner zu Boden.
„Jetzt wäre
ein guter Zeitpunkt, mich hier raus zu holen!“, rief Diane verärgert.
In diesem
Augenblick hallte eine Stimme durch die Ordenshalle: „Die Vampire dringen in
die Burg ein! Verbrennt den Nebel!“
Der Vampir vor
Diane begann sich aufzurichten. Seine gebrochen Gliedmaßen nahmen wieder
gesunde Formen an. „Ganz! Genau!“, schrie Diane wütend und trat erneut
auf den Vampir ein, brach ihm diesmal das Genick. „Achtet auf den Nebel!“
„Halts Maul,
Mensch. Wenn da ein Vampir drin wäre, würde ich ihm bestimmt nicht die Tür
aufmachen!“
Ein
Königreich für ein Schwert!, dachte sie seufzend und sah sich hastig in
der Zelle um. Viel gab es nicht, das als Waffe gegen einen Vampir von Nutzen
war.
Das widerliche
Knirschen im Hals des Vampirs bedeutete wohl, dass sich seine Wirbel neu
richteten. Entschieden trat sie zu und zerlegte den Holzschemel in der Ecke in
seine Einzelteile. Sie griff sich ein gesplittertes Bein, wirbelte herum und
rammte es den sich erhebenden Vampir in die Brust.
Sein erstaunter
Gesichtsausdruck währte nicht lange, denn sein Gesicht zerfiel wie der Rest
seines Körpers vor Dianes Augen zu Staub.
„Wow.“, war
das Einzige, das sie mit geweiteten Augen herausbekam. Erst nach einer Weile
bemerkte sie, dass auch draußen der Kampf ein Ende gefunden haben musste: Der
Lärm aus Waffen und Kreischen war verstummt.
„Was stehst
Du hier so nutzlos herum?“, drang eine vertraute Stimme durch die Tür.
„Ich habe
Order...“, hob die Wache an.
„Die Burg mag
im Augenblick versiegelt sein, doch die Vampire werden das Siegel brechen!“,
unterbrach ihn Shejrriim unwirsch. „Los, zum Saal!“
„Ich weiß
nicht...“
Ein dumpfer
Schlag beendete die Zweifel des Wächters auf unsanfte Weis und keine zehn
Sekunden später schwang Dianes Zellentür auf. Shejrriim steckte den Kopf
herein. „Los, folge mir, bevor es zu spät ist!“
Das ließ sich
Diane nicht zweimal sagen und heftete sich an die Fersen des Kri. „Was ist
passiert? Was machst Du hier?“
Während sie
durch die Kellergänge der Burg hastete, berichtete ihr Shejrriim von dem
Angriff der Vampire. „Die Ordenshalle ist jetzt versiegelt, doch ich bin mir
nicht sicher, ob diese Festung noch lange in der Hand des Ordens bleiben wird.
Der Angriff ist unglaublich heftig.“ Sie stürmten eine Treppe nach oben.“
„Darum hole
ich Dich hier raus, Diane. Du bist wichtiger für das Gleichgewicht als dieser
Außenposten. Wenigstens Du musst überleben.“
Zum ersten Mal
hatte der Gedanke, das Vereinigende Element zu sein, etwas Gutes für Diane.
„Und ich dachte, Du holst mich raus, weil Du mich magst.“, keuchte sie,
als sie beinahe mit Thuvindal zusammenstießen, die in Richtung Kerker
unterwegs war.
Die Elfe nickte
kurz. „Du hast sie bereits befreit. Gut.“
„Was ist mit
Linus?“, fragte Shejrriim.
Ein Beben
durchlief die Mauern der Burg gefolgt von ohrenbetäubenden Donnern.
„Er lebt. Auf
Terra kann ich mich ihm zwar entgegenstellen, aber meine Macht ist zu geschwächt,
um ihn zu töten.“
„Was hatte
dieser Lärm eben zu bedeuten?“, fragte Diane irritiert.
Shejrriim
packte sie am Arm und zog sie mit sich, als er wieder zu rennen begann. „Es
bedeutet, dass der Sturm auf die Burg begonnen hat. Sie habe wohl ein Loch in
den Außenwall gesprengt.“
Thuvindal zog
eine schlanke Klinge und rief: „Wohin willst Du, Kri?“ Das Tor...“
Ohne
innezuhalten huschte Shejrriim Stufen nach unten hinab. „Es gibt nur noch
einen Weg aus der Halle des Ordens! Wir müssen Diane in Sicherheit
bringen!“
Doch als sie am
Fuße der Treppe angelangt waren, mussten sie feststellen, dass der Kellergang
eingestürzt war. „Zurück!“, rief der Kri. „Es gibt nur noch einen Weg
zum Portal und der führt viel zu nahe an der Halle vorbei!“
Auf dem Weg
dorthin trafen sie auf die ersten Feinde, doch die niedereren Untoten hatten
der Macht der Elfe und dem Schwert Shejrriims nicht viel entgegenzusetzen.
Dennoch hielt es sie jedes Mal auf. Nach einer viel zu langen Zeit gelangten
sie endlich in jenen Gang, an dessen Ende der Portalraum lag. Die Wachen waren
fort, vermutlich zur Verteidigung der Feste geeilt.
Ein
plötzlicher Windhauch war die einzige Warnung, die Shejrriim blieb, um
rechtzeitig herumzuwirbeln und seine Klinge in den Bauch Linus’ zu rammen,
der wie aus dem Nichts erschien. Sharguls Drachen glitten aus der Klinge und
bissen sich im Körper des Vampirs fest.
„Thuvindal,
Diane.“, sagte Shejrriim ruhig. „Öffnet das Portal.“
„Zusammen können
wir...“, setzte die Elfe an, doch Shejrriim, der sein Schwert aus Linus
riss, unterbrach sie:
„Ja, könnten
wir vielleicht. Doch einer muss das Portal beschwören. Geht!“
Er holte zu
einem Schlag aus, doch selbst geschwächt gelang es dem Vampir auszuweichen
und dann ebenfalls anzugreifen. Der Kri wehrte den Hieb der Klauen ab und
sprang zurück. Bereits jetzt begann sich Linus’ Wunde wieder zu schließen.
Shejrriim ließ
Shargul in sich gleiten und wurde von seiner Stärke erfüllt. Dann brachen
auch schon Linus’ Angriffe über ihm herein. Eine Reihe unglaublich starker
Schläge und Tritte trieben ihn durch die Tür in den Portalsaal und warfen
ihn zu Boden. Unmenschlich schnell war der Vampir über ihm und legte ihm eine
Hand auf die Brust.
Shejrriim spürte
mit Entsetzen, wie etwas an ihm zog und alles Leben aus ihm saugen wollte. Plötzlich
war Diane über ihm, schwang Thuvindals Schwert zum Hals des Vampirs und Linus
wich fauchend zurück. Der Sog brach ab.
Sein eiskalter
Blick fiel auf Diane, die tapfer zu einem neuen Hieb ansetzte. Mit einem
Flirren war Linus plötzlich hinter ihr, trat sie mit voller Wucht durch die Tür
in den Gang und entsetzt sah Shejrriim, wie er einen tödlichen Schlag führte...
...der auf
kalten Stahl prallte. „Ich fürchte, das kann ich nicht zulassen.“,
erklang eine gelassen heitere Männerstimme und Linus wurde durch die Tür
quer durch den Saal geschleudert, gefolgt von einer entsetzt zurückweichenden
Diane.
Shejrriim
sprang auf, heilte nebenbei notdürftig ein paar Wunden mit Sharguls Hilfe und
trat dem neuen Feind entgegen.
„Saphrosis.“,
hauchte Diane und war sich dabei gar nicht so sicher, wie viel von dem
Milliardär übrig war, den sie kannte. Denn er wirkte gewaltiger, Ehrfurcht
gebietend und unleugbar bedrohlich.
In einen weißen
Mantel gehüllt, der entgegen der Naturgesetze um ihn wehte, schritt er auf
sie zu. „Sie hätten meine Einladung, mit mir Essen zu gehen, annehmen
sollen, Diane.“, sagte er mit der Karikatur eines charmanten Lächelns auf
den Lippen. „Das hätte mir eine Menge Ärger erspart.“
„Gib das her,
Mädchen.“, sagte Thuvindal und nahm Diane das Schwert aus der Hand.
„Dass Sie
hier sind...“ Linus musterte den Milliardär kalt. „... kann nur eines
bedeuten.“ Seine letzten Wunden schlossen sich. „Verrat.“ Mit diesem
Wort auf den Lippen griff er an. Er flirrte durch den Saal, stieß seinen
Silberdolch in die Brust des Mannes und wurde erneut mit enormer Wucht zurückgeschleudert.
Sein eigener Dolch, gespiegelt durch Hexerei, steckte in seiner Brust, knapp
neben dem Herzen. In Saphrosis’ Mantel war nur ein kleines Loch, durch das
es dunkelgrün schimmerte.
„Niedergestreckt
durch seine eigene geweihte Waffe.“, spöttelte Saphrosis. „Deine Rolle
ist ausgespielt, Linus. Es war der Wunsch der Drachen, dass der Orden auf
Terra zerschlagen wird. Was für mich unmöglich war, hast Du möglich
gemacht. Ich brauchte Dich nur auf die falsche Fährte zu locken.“
„Aber...“
Linus röchelte mehr, als das er sprach, während er sich gequält den Dolch
aus dem Leib zog. „Yra’shuck... die wilden Yradin.“
Saphrosis fegte
Shejrriim mit einem Wedeln seiner Hand beiseite, das ihn nicht einmal berührte.
„Sie war perfekt, nicht wahr? Eine vom Jägerkult im Rat des Ordens. Und die
Yradin zu opfern war ein geringer Preis für das, was ich von ihnen erhielt.
Ein paar
unaufklärbare Morde an meinen Rivalen, ein Köder für Diane O’Donnell,
Gene für den perfekten Söldner... Da war es auch egal, dass sie immer wieder
versagten, Diane zu entführen. Zumal sie zu opfern, um die Vampire gegen den
Orden zu hetzen, ein Machtvakuum in der Unterwelt mit sich brachte.“ Er
genoss es sichtlich, Linus leiden zu sehen. „Oder dachtest Du, Linus, dass
der klägliche Rest Deines Clans noch Einfluss haben wird?“
Wie aus dem
Nichts tauchte Thuvindal hinter Saphrosis auf und ihr Schwert tanzte. Ihre
Elfenklinge zerteilte den Mantel in kleine Fetzen. Darunter kam ein dunkelgrüner
Harnisch zum Vorschein, der alles andere als irdisch aussah und über und über
mit Runen bedeckt war.
Obwohl sie den
Panzer nicht einmal berührt hatte, zogen sich Risse durch die eigentlich
unzerbrechliche Elfenklinge. Entsetzt sprang Thuvindal zurück.
„Ein
Drachenpanzer!“, knurrte Shejrriim mit gewaltigem Zorn. Er war nun wieder in
jene Aura des Alters und der Macht gehüllt, die Diane kennen und fürchten
gelernt hatte. Und plötzlich erkannte sie, dass sich der Kri und der Mensch
in diesem Augenblick befremdlich ähnlich waren.
„Ein Geschenk
der Drachen an ihren ergebenen Statthalter, bis die Welt wieder Eins wird.“,
brüstete sich Saphrosis. „Nicht nur ein billiges Elfenschwert, wie Du es trägst,
Shejrriim.“
Dann wandte er
sich Diane zu und streckte ihr seine Hand entgegen. „Es wird Zeit, dass wir
gehen. Alles Andere war Beiwerk. Doch Du – das vereinigende Element – bist
das Kronjuwel.“
Diane verschränkte
nur zornig die Arme. „Vergiss es, Du Lurch.“
Saphrosis Lächeln
wurde breiter. „Komm, und Deine Freunde werden leben. Komm nicht und sie
werden sterben, bevor ich Dich mitnehme.“
Diane warf
Shejrriim einen hilfesuchenden Blick zu und erschrak. Der Zorn war aus seinen
Augen gewichen. In ihnen spiegelte sich nur noch grenzenlose Traurigkeit.
„Es war mir eine Freude, Dich gekannt zu haben.“, sagte er bedrückt.
„Leb wohl.“
„Was?!?,“,
hauchte Diane, doch Shejrriim schrie:
„FLIEHT!“
Wirke,
Shargul., dachte
der Kri und verlor alle Hoffnung dabei. Seine Seele war verloren. Ich
ergebe mich Dir.
Thuvindal
schien besser als Diane zu verstehen, was geschehen würde, packte Diane am
Arm und zog sie mit sich zu jenen in Wand und Boden gefassten Kristalle,
welche wohl das Portal kontrollierten. Die Elfe machte sich an die Beschwörung,
doch Dianes Blick heftete sich auf Shejrriim.
Shejrriim
schien größer zu werden, obwohl sein Körper unverändert blieb. Es war
vielmehr so, dass er einfach mehr Raum einnahm und ein gewaltiger Schatten lag
über ihm. Die Stimme, mit der er nun sprach war alt und mächtig.
„Du Wurm
wagst es Dich mit einem Geschenk der Drachen zu brüsten!“, donnerte der
Kri, der keiner mehr war. „Du wähnst Dich allmächtig...“
In diesem
Augenblick schlug Saphrosis zu, doch Shejrriim fegte seinen Angriff beiseite.
Die Luft verzerrte sich, wo ihre Fäuste aufeinander trafen.
„... doch ist
Dein Panzer nur ein Spielzeug für die Meinen.“
„Oh, ich habe
noch gar nicht richtig angefangen, Kuschelkatze.“, lachte Saphrosis. Energie
ballte sich um ihn, brummte, dass es den Zähnen weh tat, und preschte vor. Er
schlug zu und schleuderte Shejrriim gegen die Wand. Stein barst und fiel zu
Boden, Shejrriim jedoch berührte den Boden kaum noch. Violettes Licht waberte
um seinen Körper, strömte zu seinen Fäusten und entlud sich in Richtung des
Milliardärs, der mit einem überraschten Schrei zurückgeworfen wurde.
„Die Drachen
des Kults sind nicht allmächtig, Saphrosis.“, grollte der Stimme aus
Shejrriims Mund. „Und nicht allwissend.“
„Red’
nur.“, rief Saphrosis, während sich die Energie immer mehr um ihn herum
ballte und nun nicht nur die Luft, sondern auch Boden und Decke des Saals
verzerrte. Stein knirschte und bekam Risse.
Doch Shejrriim
war nicht beeindruckt. Seine Augen brannten in weißblauem Feuer. „Siehe,
ich bin Shargul!“, donnerte er. „Shargul, der Drache der Wüste!“
Mit einem
Wimpernschlag hüllte sich Shargul nun ebenfalls in alles verschlingende
Energie. Rotes Feuer umgab ihn, durchdrang ihn, formte ihn.
Zwei Gewalten
prallten aufeinander und ein erbitterter Kampf entbrannte, dem Diane mit dem
Auge nicht mehr folgen konnte. Farben und Energien wirbelten, rissen an dem
Fels der Halle und kreischten in seltsamen Stimmen.
„Ich weiß,
wer Du bist!“, hörte sie Saphrosis Stimme. „Du
bist tot! Getötet
vom Drachenkult!“
Er wurde mit
solcher Wucht zurückgeschleudert, dass er durch die Mauer zum Gang brach.
„Wesen wie Du
werden nie verstehen,“, grollte Shargul in erschreckender Pracht, „dass
die Seele eines Drachen wahrhaft unsterblich ist!“
Etwas riss an
Diane und erst nach einer Weile begriff sie, dass es Thuvindal war, die sie zu
dem blauen, wabernden Schleier zerrte. Das
Portal! Es ist offen!
„Aber
Shejrriim!“, wandte sie ein und wollte sich losreißen.
„Er ist fort,
Du närrischer Mensch!“, schrie die Elfe gegen den Kampfeslärm, der wieder
entbrannt war. Und zu Linus rief sie: „Hinter diesem Tor wartet alle Magie
auf Dich, die Du erträumen kannst! Komm mit uns, wenn Du leben willst!“
Der
schwerverwundete Vampir sah sie feindseelig an, schleppte sich aber dennoch in
Richtung Portal.
Diane starrt
wie gebannt in Richtung der Kämpfenden. „Shejrriim!“, flüsterte sie.
Jetzt verstand sie, warum er Lebewohl gesagt hatte. Aber sie wollte nicht...
konnte nicht...
Sie dachte an
alles, was geschehen war, seit sie in New York erwacht war und an all die
schrecklichen und wunderbaren Dinge. Immer wieder tauchte Shejrriims Gesicht
auf. Ihre eigenen Fehler... Sie hatte sich täuschen lassen und nun sollte sie
Shejrriim im Stich lassen?
Im Sog des
Kampfes begannen Wände und Decke einzustürzen, als sich Thuvindal in Dianes
Sichtfeld schob. „Diane O’Donnell. Willst Du, dass er sich umsonst
geopfert hat?“
Das brach den
Bann endlich. Nein. Nein, das will ich
nicht. Diane hauchte ein „Leb wohl, mein Freund.“, wandte sich ab und
trat durch den Schleier.
[Ende des ersten Buchs.]